Reisetagebuch Lateinamerika

Von September 2004 bis März 2005 habe ich eine Reise durch Lateinamerika gemacht und dabei ein Blog geschrieben. Das Blog existiert natürlich schon lange nicht mehr. Deshalb habe ich hier mein Reisetagebuch wiedergegeben, also das, was ich von meinen Eindrücken, Erlebnissen, Reflexionen und Betrachtungen aufgeschrieben habe, es gibt aber noch so viele Erinnerungen und Gedanken, die ich nicht zu Papier gebracht habe, und ich habe auch nicht die Zeit, dies alles besser aufzubereiten. Eigentlich müsste man auch viel mehr über den sozialen und politischen Kontext reintun…. Trotzdem viel Spaß beim Lesen!

Hola Latinoamerica

5. August 2004. Am 2. September wird das bisher größte Abenteuer meines Lebens beginnen: Eine siebenmonatige Tour durch Lateinamerika. Diese Reise werde ich in Mexiko beginnen und in Brasilien beenden, und meine Stationen dazwischen werden Peru, Bolivien, Chile, Argentinien und Brasilien sein.
Bis Ende August muss ich noch arbeiten, dann werde ich zum letzten Mal meinen Computer ausschalten und nach fast sieben Jahren zum letzten Mal den oft verspäteten Pendlerzug von East Worthing nach Hove besteigen. Dann kann ich zumindest für einige Monate so frei sein wie ein Vogel, muß niemandem Rechenschaft ablegen, kann jeden Tag entscheiden wohin ich gehen will, einfach so.
Ich freue mich unendlich auf all die neuen Erfahrungen, die mir bevorstehen werden, die Menschen, die meinen Lebensweg kreuzen werden, die Landschaften, durch die ich ziehen werde, ohne zu wissen, was mich wirklich erwartet. Das Leben wartet nicht, sondern will gelebt werden.
Und wie Herman Hesse sagt:

In jedem Anfang liegt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Dieser Weblog wird mein Reisetagebuch, in dem meine Eindrücke und Erlebnisse festgehalten werden. Viel Spaß!

Meine ersten Tage in Mexico-Stadt

6. September 2004. Jetzt bin ich den vierten Tag in Mexico-Stadt und habe in dieser relativ kurzen Zeit schon viel erlebt und eine Menge Leute kennengelernt. Dies habe ich meinen Freunden Pepe und Laura zu verdanken. Pepe hatte ich während meines ersten Mexiko-Urlaubs 2001 kennengelernt, und Laura ist seine Schwester, die ich während eines langen Wochenendes im November 2002 in Berlin kennenlernte als ich Pepe besuchte. Gleich nach meiner Ankunft am Donnerstagabend sagte er zu mir, wir gehen heute noch auf die Eröffnungsparty einer neuen Bar, das Black Horse in La Condesa, einem netten Viertel mit vielen Bars und Restaurants. Gesagt, getan. Um ein Uhr nachts fiel ich schließlich total erschöpft, aber zufrieden ins Bett. Nach meiner inneren Uhr war es dann ca. sieben Uhr. Da Pepe am Freitag arbeiten musste, hat er einen seiner Freunde – Manolo – damit beauftragt, mich in das Stadtzentrum zu begleiten, und so fuhren beiden wir mit der Metro zum Zocalo, bewunderten die Wandgemälde von Diego Rivera im Palacio Nacional und aßen eine Kleinigkeit im Casa de Azulejos. Dann wollte ich unbedingt noch meine Schwester Gabi anrufen, denn der 3. September war ihr Geburtstag. In der Zona Rosa gibt es Internet Cafes, in denen man ziemlich billig telefonieren kann, für drei Pesos die Minute nach Europa.

Am Samstag wagte ich mich alleine in die Stadt; Laura empfiehl mir einen Markt, El Chopo. Dort bekam man eher die Vertreter des alternativen Spektrums in Mexico-Stadt zu sehen: Skater, Punks, Ska und Hardrock-Anhänger; eine ziemlich bunte Mischung. Es waren dort sonst nicht viele Touristen zu sehen.

Samstagabend sind wir dann nochmal ins Black Horse, zu Pepes Abschiedsparty; er fährt am Mittwoch nämlich für etwa drei Monate nach Europa. Irgendwann in der Früh sind wir noch in eine Taco-Bar und dann endlich nach Hause. Ich war total erschlagen von der Zeit- und Klimaumstellung und wollte nur noch ins Bett. Am Sonntag habe ich dann auch wirklich gar nichts gemacht.

Das Schöne und das Seltsame

13. September 2004. Langsam aber sicher gewöhne ich mich an das Klima in Mexico-Stadt. Diese Stadt mit ihren mehr als zwanzig Millionen Bewohnern ist einfach riesig und wenn ich etwas unternehme, dauert es fast immer eine Stunde bis ich erst mal am Zielort bin. Nun, die Chilangos (so nennt man die Bewohner Mexico-Stadts) sind wohl daran gewöhnt.

Am Donnerstag war ich im anthropologischen Museum, dessen ausgezeichnete Ausstellungsräume die Geschichte der mesoamerikanischen Zivilisation erzählen. Es gibt dort faszinierende Austellungsstücke der Mayas und Atzeken zu sehen, unter anderem eine exakte Nachbildung des Grabmales von Pakal, einem Mayakaiser, der in Palenque begraben ist. Er wurde mit einer prächtigen Jademaske zu Grabe gelegt. Ich besuchte die alte Maya-Stadt Palenque schon bei meinem ersten Mexiko-Urlaub, es ist ein märchenhafter Ort im lakandonischen Regenwald von Chiapas und unbedingt einen Besuch wert.

Donnerstagnacht bot sich mir nochmal eine Gelegenheit, das Nachtleben von Mexiko-Stadt zu genießen. Laura und ich gingen in einen ihrer Lieblings-Clubs, El Colmillo im Bezirk La Roma. Im Erdgeschoss gab es eine Tanzfläche mit House-Musik und im ersten Stock war eine ziemlich coole VIP-Lounge. Das Publikum in der Lounge war jung und trendig; es war auch eine bekannte mexikanische Rockband anwesend, aber ich kenne natürlich kaum irgendwelche berühmten Leute in diesem Land. Jedenfalls hatten wir an diesem Abend viel Spaß. Nach nur zwei Flaschen Negro Modelo fühlte ich mich schon beschwipst. Der Alkohol bei einer Höhenlage von über 2000 Metern eine wesentlich stärkere Wirkung. Da kann man sich viel billiger betrinken.

Am Freitag ging ich auf einen überdachten Markt: Mercado Sonora, ein faszinierender Ort; seine engen Durchgangswege sind vollgestopft mit Verkaufsartikeln aller Art, darunter findet man auch viele seltsame Pülverchen und wunderliche Objekte des Hexenzaubers. Man kann magische Amulette kaufen, um einen begehrten Mann anzulocken oder einen Fluch abzuwehren. Oder man kann sämtliche Lebensprobleme von dem berühmten Zauberer Profesor Cordoba lösen lassen. Nicht schlecht, oder? In einer anderen Ecke findet man reihenweise Käfige, die mit exotischen Vögeln, Welpen, Geflügel und sonstigem Getier zum Verkauf vollgestopft sind, diese armen Kreaturen machen einen Höllenlärm. Ein Einkaufserlebnis der etwas anderen Art!

Che Guevara und das Hakenkreuz

13. September 2004. Kürzlich ging ich an einigen Marktständen an der Metrostation Insurgentes vorbei und da stieß mir etwas ins Auge: eine Abbildung von einem Hakenkreuz gleich neben einem Abbild von Che Guevara. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Wieder zuhause in der Küche berichtete ich von meiner Beobachtung und wie mich das schockiert hat. Doch dann erfuhr ich, dass das eine nach links gewinkelte Swastika ein uraltes Symbol ist. Das Wort Swastika stammt aus der alten indischen Sprache Sankskrit und bedeutet Glücksbringer. Die Nazis machten dann ein nach rechts gewinkeltes Hakenkreuz zu ihrem Abzeichen, als Symbol einer angeblichen arischen Rasse.

Kreuz und quer durch die Stadt

15. September 2004. Am Samstag war ich in San Angel, einem wunderschönen und eleganten Stadtteil im Südwesten der Stadt mit vielen Häusern aus dem 19. Jahrhundert und Kopfsteinpflaster. Dort findet jeden Samstag ein Kunstgewerbemarkt auf dem San Jacinto-Platz statt. Ganz in der Nähe ist das Haus, in dem Diego Rivera und Frida Kahlo zusammen gewohnt hatten und das jetzt ein Museum ist, in dem vor allem Erinnerungsstücke zu sehen sind. Die Atmosphäre in diesem Stadtteil ist ganz anders als in Gustavo A. Madero, wo ich gerade wohne. Die Bewohner in San Angel scheinen sehr wohlhabend zu sein und sehen eher europäisch aus, während Gustavo A. Madero ein typisch mexikanisches Mittelklasseviertel ist, dessen Bevölkerung hauptsächlich Mestizen sind.

Samstagnacht holte mich Lauras Bekannter Alan ab und wir trafen Laura im Black Horse, denn sie arbeitet dort ab und zu als Kellnerin, um ihr Studentenauskommen ein bisschen aufzubessern. Ich habe mich mit Alan, Aletia und Antonio ein bisschen über mexikanische Politik (die Zapatista-Bewegung und den Präsidenten Vicente Fox) unterhalten, und zwar nicht alles verstanden, aber ich denke, zumindest das Wesentliche. Es war wirklich sehr interessant, von normalen Mexikanern zu hören, was sie denken. Da bekommt man eine andere Sicht der Dinge mitgeteilt. Wir gingen dann noch auf eine Geburtstagsparty eines Engländers, Simon, der für drei Monate nach Mexiko kam – das war vor neun Jahren. Jetzt arbeitet er als Übersetzer. Wir haben uns dort prächtig amüsiert. Auf dem Nachhauseweg kamen wir am Plaza Garibaldi vorbei, dort gab es um halb sechs Uhr in der Frühe einen Riesenauflauf an Taxis und Mariachis; anscheinend spielen diese die ganze Nacht durch Serenaden.

Gestern besuchte ich das Museo de las Bellas Artes (Palast der schönen Künste), ein wunderschönes Jugendstilgebäude, mit einem wirklich sehenswerten Innenraum. Es gab dort eine Ausstellung über Frida Kahlo sowie einige beeindruckende Wandgemälde von Diego Rivera, Jose Clemente Orozco und David Alfaro Siqueiros zu sehen – die grossen drei Muralisten der mexikanischen Kunstgeschichte. Alle drei waren ziemlich politisiert und gehörten der kommunistischen Partei an; ihre Wandgemälde drehen sich um Themen wie die mexikanische Geschichte, den Kapitalismus, die Industrialisierung und die Ausbeutung der Arbeiter.

Unterdessen fanden gestern auf dem Zocalo die letzten Vorbereitungen zum Dia de la Independencia statt, dem Tag der mexikanischen Unabhängigkeit.

¡Viva Mexico!

17. September 2004. Am 16. September findet in Mexico eine der grössten Feiern des Jahres statt: Dia de la Independencia – Tag der Unabhängigkeit. Der Kampf für die Unabhängigkeit von Spanien begann im Jahr 1810, angeführt von Miguel Hidalgo. Am Vorabend des Dia de la Independencia erscheint der mexikanische Präsident um 23.00 Uhr auf dem Balkon des Nationalpalastes vor einer riesigen Menschenmenge auf dem Zocalo zu dem berühmten Grito de Dolores, der mit dem dreifachen Ruf ¡Viva Mexico! endet, worauf die Menge jedesmal mit ¡Viva! antwortet. Nach dem Grito (Ruf) erklingt eine elektronische Glocke und vor der erleuchteten Kathedrale findet ein Feuerwerk statt. Alle den Zocalo umgebenden Gebäude wurden mit riesigen elektrisch beleuchteten Flaggen in den Nationalfarben dekoriert, und dazwischen waren die beleuchteten Häupter von Hidalgo und Morelos angebracht. Manches davon wirkte schon ziemlich kitschig. Aus irgendeinem oder auch keinen Grund waren Hunderte von Menschen mit Schaumspraydosen bewaffnet und die hatten grossen Spass daran, jeden, den sie erwischten, mit Schaum vollzusprühen. Wir versuchten, so gut wie möglich auszuweichen, haben aber trotzdem etwas davon abbekommen. Am Ende lagen auf dem Platz und den angrenzenden Straßen Tausende leerer Spraydosen; was für eine sinnlose Verschwendung! The Atmosphäre war ziemlich ruhig und das überall anwesende Sicherheitspersonal stellte sicher, dass niemand irgendwelche Getränkeflaschen mit auf den Zocalo brachte, das Ganze war also eine eher nüchterne Angelegenheit. Eine Gruppe junger Leute neben uns, die von Kopf bis Fuss in den Nationalfarben eingekleidet war, rief culero (Arschloch) und meinten damit den Präsidenten Vicente Fox. Nach dem Feuerwerk verteilte sich die Menge in der Stadt, um in den Keipen oder zu Hause noch weiter zu feiern. Wir gingen noch zu einem Bekannten von Laura und stießen dort mit ein paar Glas Bier auf die mexikanische Unabhängigkeit an.

Morgen fahre ich nach Puebla. Langsam habe ich genug von dem Lärm, den vielen Menschen, dem fürchterlichen Verkehr und der ungeheuren Luftverschmutzung dieser Metropole. Diese Stadt ist zwar faszinierend und hat kulturell ungeheuer viel zu bieten, sie ist aber auch extrem anstrenged.

Puebla de los Angeles

22. September 2004. Seit Samstag bin ich in Puebla, einer der ältesten und berühmtesten Städte Mexikos und Sitz eines VW-Werks. Ihr historischer Stadtkern ist gesegnet mit wunderschönen und guterhaltenen Gebäuden aus der Kolonialzeit, viele davon sind mit den für Puebla typischen Talavera-Kacheln dekoriert. Das Zentrum wird von einer Kathedrale dominiert, und an fast jeder Straßenecke gibt es eine Kirche. Ich genieße die entspannte Atmosphäre, schlendere gemütlich durch die Straßen, und mein Herz ist leicht.

Zufälligerweise fuhr Laura dieses Wochenende auch nach Puebla, um ihre Freundin Yuriria zu besuchen, die sie aus ihrer Berliner Zeit kennt, und ich wurde eingeladen, übers Wochenende im Haus der Freundin zu wohnen. Am Sonntag schlenderten wir im recht belebten Stadtzentrum zwischen den vielen Markt- und Essensständen herum, auch einen Flohmarkt gab es. Wir ließen uns dann in einem Straßencafe unter schattenspendenden Bäumen nieder und tranken ein kleines Bier zu Molletes, ein mit Käse überbackenes Bohnensandwich, zwei Musiker bezauberten das Publikum mit ruhigen akustischen Klängen. In dem Moment gaben wir uns ganz der Leichtigkeit des Seins hin. Später kauften wir uns ein fertig gebratenes Hühnchen und mit der von Yuriria zuvor schon besorgten Mole-Paste bereiteten wir Pollo con Mole zu, ein klassisches Gericht aus Puebla. Die Mole Poblano, eine aromatische Sauce mit Kakao, Gewürzen und Chilli wurde hier erfunden. Der Tag wurde abgerundet durch den Besuch eines kostenlosen Konzertes des Symphonieorchesters Puebla. Dazwischen gab es gute Gespräche auf Spanisch und Deutsch und einige Flaschen Bier.

Am Montag zog ich dann um in ein Hotel in der Nähe des Zocalo. Gleich gegenüber vom Hotel war das alte und traditionelle Restaurant Fonda Santa Clara, das mir von meinen Bekannten Susie und Bern empfohlen worden war, und ich beschloss, mir ein schönes Mittagessen zu genehmigen, mit Chalupas als Vorspeise, Chiles en Nogada als Haupgericht und Natillas als Nachspeise. Das Essen war einfach köstlich und obwohl es für mexikanische Verhältnisse etwas teurer war, hat mich das Menü immer noch weniger als 10 englische Pfund gekostet. Da saß ich also allein in dem Restaurant und zog ungewollt viel männliche Aufmerksamkeit auf mich. Am Nebentisch saß eine Gruppe von Geschäftsleuten, und als ich mich setzte, machte ich ganz kurz Augenkontakt mit einigen Männern und dachte mir nichts dabei. Als sie dann gingen, kam einer auf mich zu, reichte mir seine Visitenkarte, und meinte dabei, wenn ich ihn mal anrufen wolle… Ich dachte mir, so ein Schleimbeutel, was denkt der sich. Kurze Zeit später steckte mir der Kellner einen Zettel zu, ob ich mich mit ihm später auf ein Bier treffen wolle… Ich dachte mir, na ja, warum eigentlich nicht, er scheint ganz ok zu sein. Gesagt, getan. Der Abend war zwar ganz ok, doch machte er mir dann doch einige Avancen, aber ich habe ihm klar signalisiert, daß ich kein romantisches Interesse an ihm habe. Warum habe ich die eine Einladung abgelehnt und die andere angenommen? Die Art und Weise, wie der Geschäftsmann mich ansprach fand ich schmierig, während ich es ganz nett fand, wie der Kellner mich einlud.

Als alleinreisende blonde Europäerin in Lateinamerika muß man leider damit rechnen, mehr männliche Aufmerksamkeit zu bekommen, aber meistens bewegt sich das im Rahmen von Piropos, d.h. Komplimente, und wenn man Augenkontakt vermeidet und die Kommentare ignoriert, dann wird man in Ruhe gelassen, zumindest bisher in meiner Erfahrung.

Heute habe ich einen kleinen Tagesausflug nach Cholula gemacht, dort gibt es auf einem Hügel eine zauberhafte Kirche, die direkt auf einer alten Pyramide erbaut wurde. Von der Kirche hat man einen schönen Ausblick auf die Gegend und man sieht die beiden Vulkane, Popocatepetl und Iztaccihuatl, doch heute waren die Gipfel in eine dicke Wolkenschicht gehüllt.

Morgen mache ich mich auf den Weg nach Veracruz, und bis Montag werde ich dann in Playa del Carmen sein.

Tanzen in Veracruz

29. September 2004. Nach einer etwa vierstündigen Busfahrt kam ich in Veracruz am Golf von Mexico an, und als ich aus dem Bus ausstieg, schlug mir erst mal tropisch-feuchte Hitze entgegen. Es war ein starker Gegensatz zu Mexico-Stadt und Puebla, die beide auf Grund ihrer Lage im Hochland ein eher gemäßigt-trockenes Klima haben. Nach der Ankunft stieg ich erst mal in einem Hotel ganz in der Nähe ses Malecon ab. In der Abenddämmerung spazierte ich ein bißchen den Malecon entlang und genoss die sanfte Brise des Meeres auf meiner Haut.. Die Hafenpromenade ist eine beliebte Flaniermeile, man trifft auf ein ziemlich buntes Publikum: verliebte Paare, Familien, fliegende Händler und Matrosen in ihren schneidigen weißen Uniformen.

Veracruz ist die erste Stadt in Mexiko, die von den Spaniern gegründet wurde. Im Jahr 1519 landete Hernan Cortes in der Nähe des heutigen Veracruz, um von dort aus seinen brutalen Eroberungszug anzutreten. Seit langem ist Veracruz der wichtigste Importhafen am Golf von Mexico. Die Stadt hat eher karibisches Flair, an den vielen kleinen Plätzen des alten Zentrums erklingen jeden Abend die Rhythmen des Danzon und des Marimba, und man kann den herzlichen und offenen Veracruzanern beim Flanieren oder Tanzen zusehen und die schöne Atmoshpäre geniessen. Jedes Jahr im Februar findet auch ein großer Karnival statt, der sich durchaus mit den Feiern in Brasilien und Trinidad messen kann.

Letztes Wochenende fand ein Festival des Son statt. Am Freitagabend spielten auf dem recht belebten kleinen Platz gleich um die Ecke von meinem Hotel mehrere Livebands den von Kuba inspirierten Son; ich stellte mich mit meinem Bier dazu und kaum hatte ich einen Schluck genommen, wurde ich schon von einem jungen Mann aus Veracruz zum Tanzen aufgefordert. Es hat richtig Spaß gemacht, mal wieder Salsa zu tanzen, vor allem in dieser sinnlich-tropischen Atmosphäre, und mein Tanzpartner war sehr nett und höflich. Er konnte recht gut Englisch, hieß Hansel, war ein aufstrebender Maler und hat momentan eine Ausstellung in einer Galerie in Veracruz laufen; er erzählte mir, dass er nächstes Jahr in Barcelona Kunst studieren wird. Kurz nachdem die letzten Takte der vorletzten Band verklungen waren, ging ein heftiger Regenguß nieder und die Menge verlief sich in kürzester Zeit, jeder suchte Zuflucht im Trockenen. Nach dem vielen Tanzen in dieser Hitze war ich in Schweiß gebadet und die mit dem Regen aufkommende Brise bot willkommene Abkühlung. Auch wir suchten Schutz unter einem Mauervorsprung, der warme Regen durchnässte dennoch meine Hose, aber wir lachten nur und unterhielten uns weiter. Schließlich verabschiedeten wir uns doch und verabredeten uns für eine kleine Besichtigungstour am nächsten Tag.

Auf dem Plan stand eine Erkundung der Festung San Juan de Ulua aus dem 16. Jahrhundert, die später ein politisches Gefängnis war und in dem die Gefangenen unter abscheulichen Bedingungen gehalten wurden. Hansel sagte, dass es hier nachts spuken soll, was mich nicht wundert, wenn man hört, auf welch grausame Art manche Gefangene hier starben und deren Seelen daher wohl nie zur Ruhe kommen werden. Wir sahen uns dann noch Hansels Ausstellung an sowie eine Ausstellung von Lorenzo Quinn (der Sohn des verstorbenen Schauspielers Anthony Quinn), beide Ausstellungen waren sehr beeindruckend auf ihre Art und Weise.

Am Abend gingen wir dann nochmal auf eine Livemusikveranstaltung mit Tanz, die auch Teil des Festival de Son war. Das Ereignis fand in einem Kulturzentrum statt, dessen Leiter Hector ein Bekannter von Hansel ist. Er sagte mir, das Leben in Veracruz sei ein ewiger Karnival und die Menschen hier stürben mit einem Lächeln auf ihren Lippen.

Sonntagnachmittag war es dann an der Zeit, mich auf den Weg nach Playa del Carmen zu machen. Dies bedeutete eine ungefähr zwanzigstündige Busfahrt über Nacht. Na ja, war nicht so schlimm, wie es sich anhört und der weisse Sand, das türkisfarbene Meer und der strahlendblaue Himmel machten dies mehr als wett. Am frühen Nachmittag kam ich schließlich hier an, und stieg in dem entzückenden Hotel La Rana Cansada ab, wo ich im Laufe des Tages Bekannte aus Brighton traf. Der Anlass war die Hochzeit von Claire und ihrem mexikanischen Verlobten Yair, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Claire ist meine ehemalige Mitbewohnerin der WG in Hove, aus der ich Anfang September ausgezogen bin.

Von Playa del Carmen nach Isla Mujeres

7. Oktober 2004. In der letzten Woche habe ich einen richtig schönen Strandurlaub genossen, mit viel Sonne, aber auch einigem Regen, die Regenzeit in Mexiko geht ihrem Ende zu, und damit auch die Hurrikansaison, erst vor kurzer Zeit trieb Ivan hier sein Unwesen.

Und es fand auch eine Hochzeit statt. Claire und Yair haben sich am 29. September im Standesamt von Playa das Jawort gegeben, oder besser gesagt ein Si, denn die Zeremonie fand natürlich in Spanisch statt. Claire sah wirklich wunderhübsch aus in ihrem schlichten weisses Kleid, das Haar hochgesteckt. Sie war schrecklich nervös während der Trauung, die wohl die kürzeste war, der ich bisher beigewohnt habe. Zurück im Hotel gab es erstmal Schampus, Pizza und ein paar emotionale Reden, dann runter an den Strand und rein in die türkisblauen Wellen. Abends machten wir dann eine vor Freude und Cocktails trunkene Bootstour bei Sonnenuntergang, dann gab es noch Abendessen am Strand mit Hummer, Wein und schön kitschiger Unterhaltungsmusik.

Playa del Carmen war angeblich mal ein charmantes Fischerdorf und ist nun ein eher wenig charmantes Touristenresort, allerdings nicht so eine gigantische Hotelburg wie Cancun, sondern in kleinerem Maßstab mit niedrigeren Gebäuden, das macht es etwas entspannter und erträglicher. Unser Hotel La Rana Cansada war eine nette kleine Oase in diesem Getümmel. Die Touristenaktivitäten konzentrieren sich auf die Avenida 5, die einen Block hinter dem Strand liegt, dort gibt es haufenweise Bars, Restaurants und Läden, die im wesentlichen alle dieselben Sachen verkaufen: Silberschmuck aus Taxco, mexikanische Souvenirs wie gestickte Blusen, Sombreros, Teppiche und Tequila. Hier ist alles teurer, wohl aufgrund des Tourismus.

Am Freitag fuhren alle außer dem frischverheirateten Ehepaar noch für einige Tage auf die Isla Mujeres, eine winzig kleine Insel direkt vor Cancun gelegen, die Überfahrt mit der schnellen Fähre dauert nur eine Viertelstunde. Isla Mujeres hat ein Gesetz, demzufolge jedes Gebäude nicht mehr als drei Stockwerke haben darf, außerdem dürfen McDonalds und Walmart hier keine Filialen aufmachen. Gut! Die Atmosphäre ist recht gelassen und stressfrei.

Ich habe mich gleich in dem Hostel Poc Na einquartiert. Es gibt dort auch ein günstiges Restaurant, einen schönen Aufenthaltsbereich und eine Strandbar, die ziemlich lange geöffnet ist und mit 12 Pesos pro Flasche das billigste Bier auf der Insel verkauft. Dort lernt man auch leicht Leute kennen. So bin ich da mit dem Deutschen Steffen und dem Holländer Frederik ins Gespräch gekommen. Beide leben auf einem Boot und liegen gerade im Hafen von Isla Mujeres vor Anker. Steffen wohnt momentan im australischen Brisbane und segelt schon seit vier Jahren um die Weltmeere. Frederik ist von Holland über Schottland, Farör, Island, Neufundland, USA und Havana nach Isla Mujeres gesegelt. Leider hat ihn der Hurrikan Ivan noch erwischt, eine riesige Welle kurz vor der Insel hat das Boot umgekippt und dabei ist der Mast gebrochen, glücklicherweise ist er unverletzt und mit einem ansonsten noch intakten Boot davongekommen. Jetzt muss er es erst reparieren und einen neuen Mast einsetzen, bevor er wieder nach Hause reisen kann. Die beiden haben mich jedenfalls mit ihren fesselnden Seefahrergeschichten gut unterhalten.

Ich habe auf Isla Mujeres einige sehr schöne Tage verbracht. Einmal gingen wir zum Schnorcheln; man bekam da einen Einblick in die faszinierende Unterwasserwelt. Dann besuchte ich Steffen und Frederik auf ihren Booten zu einem Schwatz. Am letzten Tag mietete ich mir ein Fahrrad, und bin einmal um die Insel geradelt, bei einer Länge von 8 km und einer Breite von knapp 800 m dauerte das nicht lange.

Ich habe Frederik auch davon erzählt, das ich nach Chichén Itzá wollte, und da er sich daran interessiert zeigte, sagte ich ihm, er solle doch mitfahren, und das machte er dann auch. So verließ ich am Dienstag die Insel der Frauen wieder, sonnengebräunt und bereit für etwas Neues.

Ein paar Tage in Valladolid

12. Oktober 2004. Valladolid ist die ideale Basis, um verschiedene Mayastätten, vor allem Chichén Itzá, Cenotes und andere Touristenattraktionen zu erkunden. Die Stadt liegt etwa auf halbem Weg zwischen Mérida und Cancun und ist bisher vom Tourismus wenig berührt worden, doch laut meinem Reiseführer Footprint Central America & Mexico 2004 soll sich das in den nächsten Jahren ändern, denn es werden gerade zwei Luxushotels in der Nähe der Pyramiden sowie ein Flughafen gebaut. Ob sich dadurch der entspannte Charme von Valladolid ändern wird? Ich wohnte für drei Nächte in einem wunderbar gemütlichen Hostel Albergue La Candelaria. Auf der Hinterseite ist ein schmaler aber langer und üppig begrünter Garten mit Freiluftküche und Hängemattenzone. Es wohnt dort auch ein Oppossum, eine Beutelratte, die jede Nacht über die Mauer huschend sich kurz den Hostelbewohnern zeigte.

Am ersten Tag stand eine Besichtigungstour von Chichén Itzá auf dem Plan, die Stätte ist nur eine dreiviertel Stunde Busfahrt von Valladolid entfernt, und wir fuhren gleich mit dem ersten Bus los, damit wir um acht Uhr dort waren und die Touristenhorden aus Cancun vermieden. In angenehmer Stille und noch relativer Kühle kletterten wir auf die grosse Pyramide, das Castillo, und wurden belohnt mit einer fantastischen Aussicht auf ein scheinbar endloses grünes Meer von Baumwipfeln. Als wir um die Mittagszeit mit der Besichtigung der beeindruckenden Anlage fertig waren, standen dann auch etwa zwanzig Tourbusse auf dem Parkplatz, der noch leer war, als wir ankamen. Zur Haupsaison wird Chichen Itza täglich im Schnitt von 4000 Menschen besucht. Es gibt allerdings noch viele andere kleinere bzw. weniger besuchte Stätten, die über den ganzen Yucatan verteilt sind.

In dem Hostel lernte ich auch Iris aus Österreich und Isabelle aus der französischen Schweiz kennen, zwei sehr nette Mädchen, die jeweils für vier Wochen allein unterwegs waren. Iris und ich mieteten am nächsten Tag ein Fahrrad vom Hostel und radelten zu einer kleinen Cenote in der Nähe von Valladolid, die Samula heisst. Wir bezahlten 20 Pesos Eintritt und standen an einem unscheinbaren Erdloch vor einer steilen Steintreppe, die in ein ungewisses Dunkel zu führen schien. Am unteren Ende der Treppe betraten wir dann eine Plattform und rissen erstaunt unsere Augen auf: Vor uns tat sich eine grosse unterirdische Stalaktitenhöhle auf, mit einem Pool mit klarem Wasser, in dem sich unzählige kleine schwarze Fische tummelten. Im hinteren Drittel war ein Loch an der Erddecke, über dem ein Baum wuchs, dessen Wurzeln sich in langen Tentakeln bis zum Wasser vorgetastet hatten. Dieser Lichtschacht war die einzige Lichtquelle und erzeugte zusammen mit der vollkommenen Stille eine märchenhaft-verwunschene Atmosphäre. Nachdem wir diese unglaublich schöne Szene eine Weile in uns aufnahmen, gingen wir die Treppen runter und tauchten in das kühle Nass ein. Außer zwei Aufpassern, die von oben runterkamen und einer Familie, die eine Weile reinschaute, waren wir ganz allein.

Wieder im Hostel entschied ich mich, mit Iris zusammen über Merida nach Palenque zu fahren, während Frederik wieder nach Isla Mujeres zurückkehrte. Am Samstag morgen, als es noch dunkel war, kamen wir dann in Palenque an und trafen uns dort auch wieder mit Isabelle, die von Tulum kam. Am Busbahnhof mussten wir noch eine Stunde auf den ersten Minibus nach El Panchan warten, dann hieß es Welcome to the Jungle, darüber mehr im nächsten Kapitel…

El Panchan & Palenque

19. Oktober 2004. Am Samstag, den 9. Oktober 2004 kam ich mit meinen beiden Mitreisenden in aller Frühe in El Panchan im Dschungel von Palenque an, es war noch dunkel und wir warteten beim ersten Gebäude auf den Sonnenaufgang. Die Geräusche der Nacht vereinigten sich zu einer lebhaften Klangkulisse. Hier leben auch Brüllaffen, die man insbesondere vor Tagesanbruch hören kann.

El Panchan bedeutet ‚Himmel auf Erden‘ in der Sprache der Maya, es wurde 1980 von Don Moises, einem Archäologen und einem der ersten Fremdenführer der Mayaruinen, gegründet. Inzwischen ist es aufgeteilt in mehrere Unternehmungen, die Cabañas und Hängemattenunterkünfte vermieten. Es befinden sich dort mehrere Restaurants, eine Wäscherei und ein Internetcafe.

Als es dann endlich hell war, machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft und landeten schliesslich bei Rakshita’s, wo wir uns eine Cabaña mieteten; das ist eine Hütte mit zwei oder drei Betten, relativ einfach ausgestattet und mit einem nach hinten angrenzenden Freiluftbad. Der Preis schloss auch ein simples, aber sehr leckeres Frühstück ein, bestehend aus hausgebackenen Vollkornbrötchen, hausgemachter Mango-Guavenmarmelade und frischem Kaffee. Das Restaurant dort bietet köstliche vegetarische Gerichte an, darunter auch viele verschiedene Fruchtsmoothies.

Rakshita ist eine Deutsche, die schon seit 14 Jahren in Mexiko lebt und in dieser Zeit hier in El Panchan ihr sehr esoterisch angehauchtes Projekt aufgebaut hat; es gibt hier auch einen offenen, runden Tempel für Meditation und Yoga. Während ich dort war, fand eine Einkehr mit dem Titel „The joy of being who you are“ mit Karl Renzstatt, so eine Art Guru. Darin ging es um Themen wie den Verlust des Egos, Wahrheit und Selbstfindung. Ich hatte mich mit einem der Teilnehmer dieser Einkehr, einem Mexikaner namens Gianmarco (seine Mutter ist Engländerin und sein Vater Italiener) angefreundet und er lud mich zu einem Satsang ein, so nennt man eine Frage und Antwortrunde. Einiges davon war ganz interessant, aber das meiste habe ich irgendwie nicht verstanden, und er sagt im Grunde genommen auch immer wieder diesselben Sätze. Jedenfalls habe ich keine großartige neue Erkenntnis davongetragen. Vielleicht liegt das Geheimnis eines erfüllteren Lebens darin, mehr auf seine Instinkte und Intuition zu vertrauen und auch danach zu handeln. Ich denke, in unserer westlichen Kultur wird einem dies oft aberzogen oder es geht sonst irgendwie verloren. Es ist auch nicht einfach, sich von externen Einflüssen und materiellen Verlockungen freizumachen und mehr von innen heraus zu agieren.

Ich habe während meinem Aufenthalt in El Panchan einige interessante Menschen kennengelernt und tiefgründige Diskussionen geführt. In diesem Dschungeldickicht, das kaum Sonnenstrahlen durchlässt, kommt man sich vom normalen Leben ziemlich abgeschnitten vor, man fühlt die Elemente der Natur viel direkter: die Intensität der Gewitter und das Prasseln des Regens, überall um einen das üppige Grün von Pflanzen, die man in Europa sonst nur als Zimmerpflanzen kennt, die extreme Luftfeuchtigkeit, die nach kurzer Zeit alle Sachen feucht werden lässt. Und während der Regenzeit gab es leider auch Unmengen von Moskitos.

Nach den ersten zwei Nächten zog ich die kleine Mehrbett-Cabaña, denn Iris und Isabelle fuhren wieder ab und die private Cabaña war mir allein zu teuer. Dort waren einige eher ungewöhnliche Mitbewohner vorzufinden: eine Riesenspinne, wahrscheinlich eine Tarantula, ein Riesengrashüpfer (im Spanischen chapulin, die werden in Oaxaca als Delikatesse gegessen) und sogar eine Krabbe verirrten sich zeitweilig darin. Da spaziert das Essen gleich freiwillig zur Tür rein! Ich weiss nicht, was mich mehr beunruhigt hat, eine Riesenspinne, die in der Ecke saß, oder eine Riesenspinne, die dann nicht mehr da war.

Diese Umgebung zog mich für eine Tage wirklich in ihren Bann, ich genoss es, einfach nur dazusitzen und den Dschungel anzuschauen, einfach zu sein. Nichts hat hier Eile. Abends jeweils war ich im Restaurant Don Mucho mit den unterschiedlichen Menschen, die ich in El Panchan kennengelernt habe. Das Essen dort ist italienisch-mexikanisch und superlecker, fast jeden Abend gibt es Livemusik und eine Feuershow.

Natürlich habe ich auch die Mayaruinen besucht, zum zweiten Mal in meinem Leben, und liess mich wieder davon faszinieren. Die Atmosphäre dort ist einfach zauberhaft, wenn der Morgendunst aus dem Dschungel im blassen Sonnenlicht aufsteigt und der Wind die heiseren Schreie der Brüllaffen herüberträgt. Für mich ist Palenque die schönste Mayastätte, es soll dort eine besondere Energie geben.

Am Donnerstag packte ich schließlich wieder meine Sachen und machte mich zusammen mit Gianmarco und Christel auf den Weg nach San Cristobal de las Casas. Christel ist auch Deutsche und wohnt schon seit Jahren dort, und Gianmarcos Mutter wohnt in einem Haus mit wunderschönem Garten am Stadtrand. San Cristobal ist eine der schönsten und ältesten Städte Mexikos, ich war bei meinem ersten Mexiko-Urlaub einige Tage dort und da es mir dort so gut gefiel, werde ich etwas länger verweilen und ein bisschen Spanisch lernen.

Eine Woche in San Cristobal de las Casas

29. Oktober 2004. Jetzt bin ich schon über eine Woche in San Cristobal de las Casas, wo ich mich in dem gemütlichen Hostel Qhia niedergelassen habe. Die Übernachtung dort kostet 40 Pesos einschließlich einfachem Frühstück, das ist wirklich billig. Das Hostel hat auch eine Dachterasse mit einem großen Aufenthaltszimmer, von dort hat man eine fantastische Sicht auf die San Cristobel umgebenden bewaldeten Berghänge. Die Regenzeit scheint dem Kalender entsprechend zu Ende zu gehen, denn während der letzten Woche hatten wir tagsüber fast immer strahlend blauen Himmel bei warmen Temperaturen und mit nur wenigen Wolken. Nachmittags ziehen dann oft mehr Wolken auf und gegen Abend kühlt es dann stark ab. Nachts ist es auf Grund der Höhenlage dann ziemlich kühl.

Das erste Wochenende hier verbrachte ich hauptsächlich in Suzannes Haus, Gianmarcos Mutter. Sie ist Engländerin und lebt schon seit über 40 Jahren in Mexiko. Ihr kleines Haus liegt etwas außerhalb von San Cristobal, sie hat dort ein kleines Restaurant, El Rincon de los Angeles, die Engelsecke, und es sind tatsächlich auch einige Engelsstatuen in dem wunderschönen Garten vorzufinden. Gianmarco lud mich dorthin zu seiner Abschiedsparty ein, denn er fuhr vorletzten Sonntag wieder nach Mexico-Stadt und von dort wird er dann in einigen Wochen nach Indien reisen, wo er eine Zeitlang bleiben will. Es kamen ungefähr ein Dutzend Leute, die verschiedenes mexikanisches Essen mitbrachten, einige alte Schulfreunde von Gianmarco und auch einige Ausländer, die eine zeitlang in San Cristobal verweilen, darunter Daniel aus Argentinien, ein Kumpel von Gianmarco der gerade bei Suzanne als Untermieter wohnt, und mit dem ich mich angefreundet habe. Sein Spanisch unterscheidet sich ziemlich stark von dem Spanisch, das in Mexiko gesprochen wird und ist deshalb für mich viel schwieriger zu verstehen, vor allem, wenn er schnell spricht, was er meistens tut. Das Essen war sehr lecker und die Gesellschaft sehr unterhaltsam. Am Sonntag war ich nochmal dort, um mich von Gian zu verabschieden und bei Suzanne ein köstliches Stir-Fry zu essen.

Am Montag meldete ich mich dann zu einem Spanischkurs im Instituto Jovel an, um meine Kenntnisse etwas aufzubessern, und seit Dienstag letzter Woche bin ich also dort jeden Tag von Montag bis Freitag um neun Uhr morgens zu meinem 90-minütigen Einzeluntericht mit Patricia hingegangen. Es macht sehr viel Spaß und ich mache mit meinen Spanischkenntnissen erhebliche Fortschritte, weil ich auch sonst viel spreche. Die Schule gehört einer Deutschen, Helga, die schon seit vielen Jahren hier lebt. Sie kennt auch Rakshita und Rodolfo, der Inhaber des Hostel Qhia und einige andere Leute, die ich bei Suzanne kennengelernt habe. San Cristobal hat circa 100.000 Einwohner und ist damit relativ klein; die Deutschen, die hier wohnen, kennen sich alle, obwohl es laut Helga einige geben soll, die noch niemand gesehen hat. Ab und zu treffe ich mich mit Daniel, der seit etwa einem Jahr in San Cristobal lebt und die halbe Stadt zu kennen scheint. Mehrere Male saßen wir auf den Stufen vor der Kathdrale an dem kleinen Platz, sahen den Menschen beim Flanieren zu, bewunderten einen erstaunlichen, farbenfrohen Abendhimmel, tranken Ananaspunch mit Posh, einem hier gebrannten Schnaps. Ich habe auch Leute auf der Strasse gesehen, die ich in Palenque kennengelernt hatte.

San Cristobal ist im Schachbrettformat angelegt, viele Gebäude stammen aus der Kolonialzeit und sind in unterschiedlichen Farben angemalt, sogar die Kirchen. Es ist ein wunderschöner Ort mit etwas alternativem Flair, sehr beliebt bei Rucksacktouristen. Es gibt mehrere ökologisch orientierte Restaurants und Läden, viel günstiges und gutes Essen und eine gute Auswahl an Bars. Letzten Samstagabend waren wir bei Madre Tierra, das ist ein Restaurant mit schönem Innenhof, wo es auch ein Miniprogrammkino gibt, und oben ist eine coole Bar mit Livemusik. Wir tranken ein paar Bier, einen Tequila und tanzten.

Begegnung mit einem Zapatista

29. Oktober 2004. Ich hatte das ursprünglich gar nicht geplant, aber nachdem ich mit einigen Leuten im Hostel gesprochen hatte, entschied ich mich dazu, ein Caracol besuchen. Caracoles sind mehrere von den Zapatisten gegründete autonome Gemeinden in Chiapas, sie wurden gegründet, nachdem die mexikanische Zentralregierung ein Abkommen über die Rechte der indigenen Bevölkerung in Chiapas nach Darstellung der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) nicht eingehalten hatte.

So machte ich mich letzten Samstag am späten Vormittag mit zwei Spaniern, Juan und Belén, sowie einer Italienerin, Antonella, auf den Weg, um ein Colectivo nach Oventic zu nehmen, das meistbesuchte Caracol, da es von San Cristobal aus relativ leicht zu erreichen ist. Die einstündige Fahrt dorthin führte über kurvige Straßen durch die abwechlungsreiche und üppige Berglandschaft von Chiapas. Das Caracol selber bestand aus einer Ansammlung von einfachen Gebäuden, bunt bemalt mit revolutionären Szenen und Slogans, darunter auch eine Schule, eine Bibilothek und ein Krankenhaus. Wir sagten die Frau am Eingang beim genossenschaftlichen Laden und Restaurant, dass wir gerne mit jemandem von der Junta de Buen Gobierno sprechen würden (die gute Regierung; die Zentralregierung in Mexico City wird auf Grund ihres Mangels an politischer Demokratie und Korruption als die schlechte Regierung angesehen). Daraufhin nahm sie unsere Pässe und wies uns an zu warten. Nicht lange danach wies man uns den Hügel runter zu einem bestimmten Gebäude, eine relativ einfache Hütte mit Wellblechdach, wo uns ein junger Zapatista erwartete. Er trug die übliche schwarze Wollmaske der Zapatistas, damit man nur seine Augen sah, war sonst aber leger in T-Shirt und Jeans gekleidet und es waren keine Waffen in Sicht. Er fragte uns nach unseren Namen und nach unserer Herkunft und worüber wir sprechen wollten. Wir sagten, wir würden gerne etwas mehr wissen über die Zapatista-Bewegung, ihre Entstehungsgeschichte und ihre derzeitige Situation. In den folgenden zwei Stunden sprach er dann über die EZLN, ihre Ursprünge und Ziele, über die Caracoles und was sie damit erreichen wollen. Die EZLN wurde vor fast 21 Jahren gegründet und am 1. Januar 1994 begann ihr bewaffneter Aufstand in Chiapas. Dieses Datum ist kein Zufall, denn es ist der Tag, an dem NAFTA in Kraft trat, die Nordamerikanische Freihandelszone zwischen USA, Kanada und Mexiko.

Seit vielen Jahren schon verfolge ich die Entwicklung der Zapatista-Bewegung und vor allem die ihres wordgewandten und charismatischen Anführers Subcommandante Marcos in verschiedenen Publikationen sowie im Internet. Und nun saßen wir diesem noch jungen Zapatista in der typischen schwarzen Wollmaske gegenüber und hörten ihn in seinem klaren, bedächtigen Spanisch über diese Bewegung reden, irgendwie surreal. Ihre Ziele und Beweggründe erscheinen mir legitim und sinnvoll; er unterstrich, daß es in ihrem Kampf nicht nur um mehr Demokratie und die Anerkennung der Rechte der Indigenen von Chiapas in der mexikanischen Verfassung gehe, sondern auch um den größeren Zusammenhang, den Kampf gegen den Neoliberalismus, gegen Armut und Ausbeutung in der ganzen Welt. Die Zapatisten betonen sehr stark, dass sie nicht in den Waffenhandel oder Drogenschmuggel involviert sind, sondern dass sie als Einkommensquellen allein auf zivile Hilfsorganisationen in Mexiko und vielen anderen Ländern sowie die Produktion, den Verkauf und den Export von Handarbeiten und Kaffee angewiesen sind. Geldmangel ist ein großes Problem in ihren Bemühungen, eine effektive soziale Infrastruktur und Verwaltung in den Caracoles aufzubauen.

Letzte Woche besuchte ich das Maya Medizinmuseum in San Cristobal. Dort werden die uralten Heiltraditionen der Maya präsentiert, wobei Kräuter, Tiere und Abbeten zum Heilen von Krankheiten verwendet werden; einiges davon ist etwas skurril, wie beispielsweise der Einsatz von ganzen Hühnern zur Abwehrung des bösen Blicks.

In einem kleinen Raum war ein Informationspanel über den Plan-Puebla-Panamá, das ist im Grunde genommen eine Erweiterung von NAFTA in eine gigantische Freihandelszone, die ganz Zentralamerika mit einfassen soll. Teil dieses Plans sind massive Infrastrukturprojekte für den Bau von Straßen und Häfen sowie Staudämme; diese würden riesige Lebensräume mit einmaligem Artenreichtum für immer zerstören und viele Menschen aus ihren Häusern vertreiben. Von diesen Projekten werden hauptsächlich die großen amerikanischen und europäischen multinationalen Unternehmen profitieren. Die beiden Amerikaner im Hostel Qhia, die Brüder Joe and Andy, erklärten mir, daß Firmen wie Nike von Steuererleichterungen und niedrigeren Umweltauflagen profitieren würden. Die schiere Unverschämtheit und die Nichtbeachtung der Menschenrechte der Großkapitalisten, die sich solche Projekte in erster Linie für den eigenen Nutzen ausdenken, macht mich unglaublich wütend.

Beobachtungen und Unternehmungen in und um San Cristobal

2. November 2004. Es ist der 1. November 2004 und ich bin immer noch in San Cristobal. Während der ganzen letzten Woche fand hier ein Kulturfestival statt, das Festival Internacional Cervantino Barroco. Auf der vor der Kathedrale aufgebauten Bühne spielte jeden Abend eine andere Liveband aus Argentinien, Kuba, Spanien, Südafrika und Guatemala, wirklich tolle Musik und alles kostenlos. ich war fast jeden Abend dort, traf meistens diesselben Leute und trank Punsch mit Posh, einem starken Maisschnaps aus Chamula. Die Behörden hatten zwar den Alkoholverkauf im Zentrum während des Festivals verboten, dennoch sah man jeden Abend eine Frau mit ihrem mobilen Verkaufsstand auf dem Platz, sie schenkte aus riesigen Pötten, die auf Holzkohle warm gehalten wurden, Ananas- beziehungsweise Fruchtpunsch mit einem Schuß Posh aus. Ihr Geschäft lief wirklich gut.

Am besten war es am Mittwochabend, da fand nämlich eine totale Mondfinisternis statt, die man in Mexico ab circa 21 Uhr Ortszeit bei fast wolkenlosem Nachthimmel sehr gut beobachten konnte. Der Mond nahm dabei eine dramatische rotbraune Farbe an. Dieses Spektakel wurde begleitet von lebhafter kubanischer Salsamusik, es hätte nicht perfekter inzseniert werden können.

Seit ich in San Cristobal bin, hatte ich darüber nachgedacht, mal wieder Rad zu fahren und meldete mich schließlich für Samstag zu einer Mountainbiketour bei Los Pingüinos an. Es ging dann schon relativ früh los, außer mir waren noch zwei Paare aus der Schweiz und Neuseeland, und unsere Führerin Ursula. Die erste Stunde strampelten wir fast nur bergauf und ich habe ganz schön geschnauft und gepustet, meine Beinmuskeln waren ganz schön gefordert, denn ich bin schon eine Weile nicht mehr Rad gefahren, hinzu kommt, daß jeglicher Sport bei fast 2500 m wesentlich anstrengender für den Organismus ist. Ich bin mit dem Mountainbike wirklich über Stock und Stein gefahren, und das hatte ich noch nie zuvor gemacht. Am Anfang dachte ich, das schaffe ich nicht, irgendwie habe ich mich aber doch zusammengerissen und die Tour heil überstanden. Wir wurden für die Strapazen dann auch mit wunderschöner Berg-, Wald- und Wiesenlandschaft entschädigt, und das letzte Stück führte durch tropischen Nebelwald, dort wachsen auf den Pinienbäumen Millionen von Bromelien, die man in Europa sonst nur als Zimmerpflanzen kennt. Auf dem Rückweg nach San Cristobal hatte man einen fantastischen Blick auf die Stadt und das ganze Tal. Nach einer schönen heißen Dusche, einer guten Mahlzeit und einer langen Siesta machte ich mich dann doch noch auf in das Stadtzentrum zu Livemusik und einer Tanzdarbietung.

Gestern morgen ging ich zusammen mit einigen Leuten vom Hostel, Antonella, Andy und Neena, auf dem Markt einkaufen. Es wurde beschlossen, am Abend gemeinsam Curry zu kochen, denn das Hostel hat eine geräumige Küche. Den Markt habe ich noch gar nicht beschrieben. Er liegt gleich um die Ecke vom Hostel und ist eine faszinierende Welt. Mehrere hundert Marktstände bilden ein enges, von Plastikplanen gegen die Elemente abgeschirmtes Labyrinth aus engen Gängen, in denen sich die Menschen drängeln. Sowohl die Händler als auch ihre Kunden sind zum Großteil Indigene aus den verschiedenen Barrios der Stadt, haupsächlich Tzotziles und Tzeltales, die alle ihre eigenen Sprachen sprechen. Die Frauen tragen ihre traditionelle Kleidung, bestehend aus einem dicken, schwarzen Fellrock, der mit einem bunten Gürtel zusammengehalten wird und einer bunt bestickten Seidenbluse; fast immer haben die Frauen im gebärfähigen Alter mehrere Kinder um sich, die kleinsten davon werden in ein Tuch geschlungen am Rücken getragen. Die Einheimischen hier sind relativ kurzgewachsen und die Plastikplanen so niedrig, daß sogar ich mich manchmal ducken muß und ich komme mir hier fast groß vor. Die Hülle und Fülle der Nahrungsmittel, die hier angeboten werden, ist unglaublich: alle Arten von Obst, Gemüse, Gewürze, Kräuter, Fleisch, Fisch, Brot, alles frisch, und vieles davon aus der Region, denn Chiapas ist mit fruchtbarem Boden gesegnet. Für uns Europäer ist alles so unvorstellbar billig, für die Menschen, die hier wohnen, ist das natürlich anders. Man kann hier auch günstig essen und Licuados trinken. Eine meiner Lieblingsfrüchte hier sind reife und saftige Papayas, eine mittelgroße kostet etwa sieben Pesos.

Ich habe hier im Hostel Leute aus aller Welt kennengelernt und es entstehen immer wieder tiefgründige Diskussionen über Gott und die Welt, vor allem aber Politik und USA. Von Joe und Andy, symphathische Brüder aus Minneapolis, die eher alternativ und anti-Bush in ihrem Denken sind im Vergleich zum Mainstream, habe ich einige interessante Einblicke in die amerikanische Gesellschaft erhalten. Ich befürchte, daß bei der amerikanischen Präsidentenwahl morgen Bush wiedergewählt wird. Antonella aus Italien ist schon fast zwei Jahre auf Reisen, und war fast überall in Lateinamerika. Neena ist Neuseeländerin, aber ihre Vorfahren kommen aus Indien und sie hatte die Idee mit dem Curry.

Am Abend kochten wir dann ein köstliches Mahl für sieben Personen, Curry mit Reis, Salat und Chapati, flambierte Ananas und Banane mit Sahne, und jeder konnte sich gut satt essen. Wir gingen dann noch zum Plaza, um das Feuerwerk zum Abschluß des Festivals zu sehen. Weil Halloween war, zog Joe ein Superman-Kostüm an mit einer Maske und verteilte Süssigkeiten an überrascht dreinblickende Menschen, was bei uns zu jeder Menge Gelächter führte.

Die Mexikaner bereiteten sich indessen auf den Dia de los Muertos (Tag der Toten) vor, der am 2. November gefeiert wird. Überall in der Stadt und im Land werden Ältare zu Ehren der Toten aufgebaut, verziert mit Blumen, Kerzen, Obst, Gemüse, kleine Schädel aus Zuckerguss, Brot und Zuckergebäck in Knochenform, Girlanden, Bilder der Verstorbenen und mitunter auch Sachen wie Zigaretten und Schnapps. Die Menschen gehen auf die Friedhöfe und halten Picknick mit den Toten. Dies ist der Tag, an dem die Toten zurückkommen, um mit den Lebenden zusammen zu feiern. Eine schöne Tradition, finde ich, die den Tod nicht nur als etwas Trauriges ansieht, sondern auch als Teil des Lebens. Morgen werde ich selber zum Pantheon gehen, dem Friedhof in San Cristobal.

Am Mittwoch werde ich mich schließlich von San Cristobal verabschieden und mit dem Nachtbus nach Pochutla zu fahren, von dort ist es nur noch ein kurzes Stück nach Mazunte am pazifischen Ozean, einer der coolsten Orte der Welt, um in einer Hängematte zu liegen und absolut nicht zu tun.

Zurück nach Mexico-Stadt, via Mazunte

17. November 2004. Bevor ich in das Großstadtambiente von Mexico-Stadt zurückkehrte, wollte ich unbedingt noch einige Tage Strandurlaub machen, und da ich schon einmal in Mazunte im Bundesstaat Oaxaca war und mir es dort so gut gefallen hatte, enschloß ich mich, dort für einige Tage meine Seele baumeln zu lassen. Und so kam ich nach einer langen Nachtbusfahrt am frühen Vormittag des 9. November in Pochutla an; von dort musste man noch eine kurze Fahrt in einem Combi zurücklegen; das ist ein Pick-up Truck mit einem Dach aus einer Plastikplane, in das eine Unmenge Leute passen. Als ich das erste Mal in Mazunte war, zählte ich einmal 30 Personen in einem Combi. Diese Combis fahren tagsüber zwischen Pochutla und den Küstenorten hin und her und sind das billigste Transportmittel. Sobald man aus einem der in Pochutla ankommenden Reisebusse steigt, wird man von den wartenden Taxifahrern überfallen, die alle ihr Geschäft machen wollen und zuerst fast immer einen überteuerten Preis angeben, damit dann aber schnell runtergehen, wenn man sich unwillig zeigt, darauf einzugehen.

Als ich zum Jahresende 2001 das erste Mal in Mazunte war, war aufgrund der Ferienzeit die Hölle los, viele Rucksacktouristen, aber auch viele Mexikaner machten dort einige Tage Urlaub. Jetzt im November hingegen waren nur wenige Besucher da und der Ort strahlte viel Ruhe aus. Mir war das aber ganz recht, denn nach dem vielen Rummel in San Cristobal wollte ich mal einige Tage nur für mich sein, sozusagen etwas Yin-Zeit nach so viel Yang-Zeit. Die erste Nacht verbrachte ich einer Hängematte in einer ziemlich heruntergekommenen Posada, was keine gute Idee war, denn ich konnte darin überhaupt nicht schlafen, und habe festgestellt, daß Mücken auch durch Kleidung stechen können, und ein Fall von Montezumas Rache trug zu der Sache auch nichts bei. Also entschied ich mich, am nächsten Tag in die viel schönere Posada nebenan umzuziehen und mietete mir dort eine private Cabaña mit einem bequemen Bett und Moskitonetz. Die Posada Ziga liegt auf einer kleinen, palmengesäumten Anhöhe direkt am Strand, man hat einen schönen Blick auf die kleine Bucht, und die starke Brandung des blauen Pazifik spielt die Musik dazu.

Am schönsten ist die Stimmung in Mazunte kurz vor Sonnenaufgang. Die gedämpften graublauen Farbtöne der Morgendämmerung, die sanfte, warme Brise und das rhythmische Wogen der Brandung erzeugen ein Gefühl wie zwischen Traum und Wirklichkeit. Nur dazusitzen und dieses Gefühl zu erleben bedeutet Glück.

Im Westen wird die Bucht von einem kleinen bewaldeten Felszug eingerahmt, der Aussichtspunkt am zum Ozean hinausragenden Ende heißt Punta Cometa, wohin ein schmaler, steiniger Weg führt. Dort kann man sehr stimmungsvolle Sonnenuntergänge bewundern und man hat eine schöne Aussicht auf die Buchten zu beiden Seiten des Felsen.

Das Tolle an Mazunte ist, daß man dort auch einige Sachen unternehmen kann und es einem so nicht langweilig wird. So gibt es dort das Centro Nacional de Tortugas (nationales mexikanisches Schildkrötenzentrum), wo es geführte Touren gibt und man in Aquarien Meeresschildkröten in verschiedenen Stadien ihres Wachstums sieht. Von den weltweit existierenden acht Meeresschildkrötenarten sind sieben in Mexiko heimisch und leider sind die meisten davon vom Aussterben bedroht, dazu trug auch bei, daß in Mexiko jahrelang die Schildkröteneier gesammelt wurden, was inzwischen verboten ist. Dieses Zentrum wurde eingerichtet, um der Erhaltung dieser Arten zu dienen und die Bevölkerung über seine Arbeit aufzuklären.

Nach fünf Tagen war ich erholt und sonnengebräunt und eine lange Nachtbusfahrt später stand ich am Mittwoch zur Mittagszeit wieder vor der Haustür der Familie Vaquier in vertrauter Umgebung und freute mich, alle wiederzusehen und den neuesten Familienklatsch zu hören. Ich nutzte meine letzten Tage in der Stadt, um das Museo Tamayo für moderne Kunst zu besuchen, und um etwas mehr über den 1991 verstorbenen mexikanischen Maler Rufino Tamayo zu erfahren.

Am Samstag luden mich Bernd und Susie (ich kenne sie noch aus der Zeit, als ich bei der Firma Bowers & Wilkins Account Manager war) mit ihrem Sohn Fredie in das exzellente Restaurant San Angel Inn ein, und ich freute mich sehr, sie wieder zu sehen und von meinen Reiseerfahrungen zu berichten. Bei dieser Gelegenheit probierte ich auch Ameiseneier in einem Taco mit Guacamole; sie schmeckten sehr nach Erde.

Laura organisierte etwas für Samstagabend und ihr alter Bekannter Alejandro, den ich schon im September kennenlernte, holte uns ab und wir verbrachten einen geselligen Abend im Pata Negra in La Condesa und im Red Fly in La Roma. Mit dem Einbruch der Abenddämmerung verwandelt sich Mexico City in eine glamouröse Metropole, die Dunkelheit verdeckt gnädig die hässßlichen Stellen und es sind viel weniger Autos unterwegs, es macht richtig Spaß, den Paseo de la Reforma entlangzufahren und sich in das bunte Nachtleben zu stürzen.

¡Hasta Luego Mexico, Hola Peru!

17. November 2004. Am Montag, den 15. November 2004 war es schließlich an der Zeit, mich von Mexiko zu verabschieden, mit einem weinenden und einem lachenden Auge – und hoffentlich gibt es ein nächstes Mal, denn von diesem immer wieder faszinierenden und irgendwie auch surrealen Land habe ich vieles noch nicht gesehen.

Mein Flug ging am frühen Nachmittag mit Copa Airlines via Panama City und ich zog das große Los, man sagte mir am Check-in Schalter, ich sei in der Clase Ejecutiva (Business Class) plaziert und hätte damit auch Zugang zur VIP-Lounge am Flughafen. Das Essen im Flugzeug war sehr lecker und der Alkohol fließt in Strömen, wenn man will; und das Ganze gleich zweimal. Ich kam um 23 Uhr in Lima an, auf dem Flughafen gab es trotz der späten Stunde ein äußerst reges Treiben. Als ich die Abfertigungshalle verließ, sprach mich gleich eine Frau von der Touristeninformation auf der rechten Seite an. Innerhalb von Minuten hatte ich eine Reservierung und einen Fahrer, so eine Art Touristentransport; war zwar teurer als ein normales Taxi, aber da ich allein war und ich so schnell wie möglich ins Hostel wollte, war es mir das schon wert. Also bin ich jetzt im Home Peru in Miraflores, ein sehr schönes Hostel in einem großen kolonialen Gebäude in einem angenehmen Vorort von Lima, etwa 20 Gehminuten von der Küste entfernt. Und die Unterkunft in einem Schlafsaal kostet nur 8 US$ inklusive Frühstück.

Die Reise von Lima nach Ayacucho

28. November 2004. Neues Land, neue Währung, neues Gefühl. Ich muß mich umstellen auf eine neue Währung, den Nuevo Sol. Die Peruaner sehen anders aus als die Mexikaner. Und ich bin schon ein paar Mal auf der Straße von Männern sehr direkt nach Herkunft, Namen, Alter und Beruf gefragt worden.

Während meines zweitägigen Aufenthalts in Lima blieb ich nur in Miraflores, in diesem eleganten Vorort gibt es schöne Gebäude aus der Kolonialzeit und gemütliche Cafes, die zum Verweilen einladen. Vom Hostel sind es ungefähr 20 Gehminuten zur Küste. An einem Nachmittag saß ich eine Weile im warmen Sonnenschein im Parque del Amor, dem Park der Liebe, und sah den Surfern unten am Meer beim Wellenreiten zu. Nach der starken Luftverschmutzung in Mexico City war es schön, wieder frische Meeresluft einzuatmen. Ansonsten war es auch in Lima nicht viel besser, ständig wurde man von schwarzen, erstickenden Rußwolken eingehüllt, die von den unzähligen klapprigen, alten Kleinbussen ausgestoßen werden.

Mein Plan war, durch die peruanischen Anden zu reisen, und meine Reiseroute nach Cusco sollte mich über Huancayo und Ayacucho führen. Ich las von diesen Orten einmal in einem Roman von Mario Vargas LLosa und das hat meine Neugier geweckt. Am Donnerstagmittag fuhr ich dann mit der Busfirma Cruz del Sur nach Huancayo; während der siebenstündigen Fahrt wand sich der Bus von Meereshöhe über kurvige und steile Straßen auf eine Höhe von fast 4000 m in das zentrale Andenhochland.

Da es meine erste Busfahrt in Peru war, wußte ich nicht, was mich erwarten würde. In Mexiko wurde normalerweise ein Film gezeigt, auf längeren Strecken auch mal zwei. Hier in Peru gab es Unterhaltung nonstop. Ein junger Mann, sozusagen der Busbegleiter, begrüßte zunächst die Passagiere und erklärte das Unterhaltungsprogramm: Zuerst gab es Essen, und nicht mal schlecht, dann gab es einen Film zu sehen, dann nochmal einen Film, daraufhin wurde Bingo gespielt und danach gab es einen dritten Film zu sehen. Dann traf der Bus auch schon in Huancayo ein. Ich wollte eigentlich in ein anderes Hotel, aber der Taxifahrer meinte, das Casa de la Abuela sei viel besser und setzte mich einfach dort ab und wie sich herausstellte, war das eine gute Idee, denn es ist in Huancayo wohl das gemütlichste Hostel mit einer familiären Atmosphäre.

Zur Begrüßung gab es einen Gutschein für einen Calentito im La Cabaña gegenüber – Lucho, der Inhaber des Hostels ist auch Inhaber dieser Kneipe, mit gutem Geschäftssinn, wie man sieht. Nachdem ich meine Sachen in dem kleinen Schlafsaal untergebracht und mich etwas erfrischt hatte, entschloß ich mich, noch so einen Calentito zu probieren und gerade als ich zur Tür rausging, lief mir Rosario (sie arbeitet für Lucho an seiner Incas del Peru Website) über den Weg, die auch noch ins La Cabaña wollte und so gingen wir zusammen dorthin. Das La Cabaña ist eine sehr gemütliche Kneipe und jede Woche von Donnerstag bis Samstag gibt es Livemusik, eine Band spielt traditionelle Musik aus den Anden. Kurze Zeit später gesellten wir uns zu Lucho und zwei Bekannten von ihm, die inzwischen eingetroffen waren, und ich bestellte noch einen Pisco Sour, und der hat es ganz schön in sich. Es wurde im Laufe des Abends immer lustiger, und mehrere Calentitos und eine andere Bar später war ich ziemlich beschwipst und landete erst um halb drei wieder im Hostel.

Huancayo (3271 m) ist eine relativ junge Stadt – während meines Aufenthalts fand eine Feier zum 145. Jahrestag der Stadtgründung statt – und zugleich südamerikanisch laut, geschäftig und staubig. Gleich um die Ecke vom Hostel ist der große Markt, dort türmen sich neben unzähligen Kartoffelsorten alle Arten von Gemüse, Früchte und Säcke mit Quinoa, Hafer, Linsen und viele andere Getreide- und Gemüsearten, manches davon habe ich noch nie gesehen. Es gibt auch lilafarbenen Mais, aus ihm wird ein leckeres Getränk, Chicha Morada, gemacht. Ich habe dort für 2,50 Soles zu Mittag gegessen, Nudelsuppe und Lomo Saltado, gebratene Rindfleischstreifen in einer Zwiebel-Tomatensoße mit Kartoffeln und Reis. Die Kartoffel stammt ursprünglich aus Südamerika und es gibt über 1.000 verschiedene Sorten, mit den spanischen Eroberern kam sie nach Europa.

Der Fahrstil der Peruaner ist ziemlich abenteuerlich, das habe ich in Huancayo festgestellt. Die Fahrer hupen ständig, wenn sie über eine Kreuzung fahren oder in eine scharfe Kurve, um anderen ihre Präsenz anzukündigen; als Fußgänger wird man freundlicherweise durch lautes Hupen davor gewarnt, daß man gleich überfahren wird und sich noch durch einen schnellen Seitensprung in Sicherheit bringen kann. Alle drängeln sich einfach durch, aber irgendwie scheint dieses System zu funktionieren. Die Straßen sind vollgestopft mit Colectivos (Kleinbusse, die als Sammeltaxis dienen), und sie hallen mit den lauten Rufen der Fahrpreiskontrolleure, die sich aus der Seitentür lehnend unermüdlich die Endstationen der Fahrroute ankündigen und Passagiere einsammeln. Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen in ein Colectivo passen. Die meisten Peruaner sind von eher kleiner Statur, und die vergleichsweise riesigen Gringos müssen sich in die kleinen Sitze regelrecht reinquetschen.

Am Sonntag gab es im Hostel ein sehr leckeres Essen, ein wahres Festmahl: gegrilltes Lamm in einer würzigen Soße, verschiedene Kartoffeln und Süßkartoffeln, Coleslaw, Japchi (eine scharfe Käsesoße mit Huacatay, einem peruanischen Kraut) und Chicha Morada. Es waren mit die besten Kartoffeln, die ich jemals gegessen habe.

Am Montag fuhr ich zusammen mit Arbell und Rotem, einem Paar aus Israel, die ich im Hostel kennengelernt hatte, mit dem Zug nach Huancavelica. Der Autovagon besteht nur aus einem Abteil und fährt einmal am Tag am Nachmittag auf dieser Strecke, die ziemlich ruckelige Zugfahrt dauert fünf Stunden und führt durch eine malerische, grüne Berglandschaft an einem durch eine tiefe Schlucht fließenden Fluß entlang. Überall an den steilen Berghängen liegen bewirtschaftete Gemüsefelder und immer wieder sieht man Nutztiere beim Weiden, manchmal bedenklich nah am Abhang. Die Fahrt geht durch viele kleine Tunnel und einmal mußten die Männer vor einem solchen Tunnel einen Geröllhaufen von den Schienen schippen, damit der Zug weiterfahren konnte. In der Regenzeit ist die Strecke manchmal unpassierbar. An jeder Haltestation warteten schon die fliegenden Händlerinnen und versuchten innerhalb der wenigen Minuten Aufenthaltszeit zu viel wie möglich von ihren Essenswaren zu verkaufen. Neben uns saß ein peruanischer Fotograf und machte eine Menge Aufnahmen mit einer digitalen Kamera im Auftrag von einem englischen Verlag, trotz eines Hinweises darauf, daß keine alkoholischen Getränke im Zug verzehrt werden durften, trank er während der Fahrt fast eine ganze kleine Flasche Rum leer und war am Ende ziemlich betrunken.

Als wir schließlich in Huancavelica (3680 m) ankamen, war es schon dunkel und wir stiegen in einem Hotel ab, das von meinem Reiseführer empfohlen wurde, das Hotel Camacho. Wir waren ziemlich hungrig und gingen gleich in ein chinesisches Restaurant, in Peru Chifa genannt. Im 19. Jahrhundert kamen viele Chinesen als Arbeiter nach Peru, deshalb gibt es unzählige Chifas in jedem Ort. Die Portionen waren riesig und der Geschmack anders als in Europa. Huancavelica ist eine Kleinstadt mit viel spanischer Kolonialarchitektur, umgeben von imposanten Bergen. Man kann hier viel wandern, wenn man will. Ich wollte auf einen Aussichtshügel klettern, aber der war ziemlich steil und da ich allein war und es für so ungeübte Bergsteiger wie mich bei dieser Höhenlage doch viel anstrengender war, kehrte ich bald wieder um. Immerhin wurde ich mit einer schönen Aussicht belohnt.

Auf dem Weg dorthin fragte ich die vor einem Ladeneingang sitzende, fast zahnlose Verkäuferin, ob sie Inka Cola verkaufte, was sie verneinte. Daraufhin fragte sie mich, woher ich käme. Ich antwortete: „Soy de Alemania.“ (Ich bin aus Deutschland) Sie kommentierte: „Tienes un monton de plata.“ (Du hast wohl einen Haufen Geld). Das stimmt auch, denn für die Mehrzahl der Peruaner sind derartige Fernreisen ein unerreichbarer Traum.

Ein Mal wurde ich von kichernden Schulmädchen mit „Do you speak English?“ angesprochen, ich war fast die einzige blonde Gringa am Ort und fiel damit ziemlich auf, sie wollten wissen, woher ich kam und was ich hier machte. Viel Englisch konnten sie nicht, so ging die kurze Unterhaltung auf Spanisch weiter.

Arbell und Rotem setzten ihre Reise Richtung Küste fort und wir verloren uns und so reiste ich nach einem Tag Aufenthalt in Huancavelica alleine nach Santa Ines weiter. Dieser Abschnitt meiner Reise wurde etwas abenteuerlich. Der Bus nach Santa Ines fuhr ziemlich früh ab, um dreiviertel fünf Uhr, es war noch dunkel und die Händler auf dem kleinen Platz vor dem Warteraum des Busunternehmens bauten gerade ihre Stände auf. Einige Menschen frühstückten schon heißdampfende Suppe. Ich war weit und breit die einzige Gringa. Der klapprige alte Bus hatte einen Dachgepäckträger und mein Rucksack wurde auch hinaufgehievt, die Sitze waren sehr eng und nicht sonderlich bequem und aus einem ziemlich verzerrt klingenden Lautsprecher plärrte die übliche Andenmusik. Die holprige Fahrt nach Santa Ines dauerte drei Stunden auf der ungeteerten Schotterstraße, die in unzähligen Serpentinen auf fast 5000 m ansteigt. Die Landschaft war von einer kargen Schönheit und diese Strecke bei Sonnenaufgang zurückzulegen hatte einen besonderen Reiz. Nur hin und wieder kam dem Bus ein anderer Lastwagen entgegen, dann waren wir wieder allein mit den mächtigen Andengipfeln. Eine Abzweigung von dieser Strecke führt zum höchsten befahrbaren Pass der Welt, auf 5059 m.

Um halb acht Uhr kam der Bus schließlich in Santa Ines an, der einzige am Tag, und ich stieg aus. Nun stand ich also in diesem gottverlassenen Nest auf 4680 m und dachte mir, was mache ich hier bloß. Ich entschloß mich eigentlich nur hierherzukommen, weil es laut meinem Reiseführer einen schönen See in der Nähe gab und um einmal Alpaca aus der Nähe zu sehen. In Santa Ines selbst gibt es neben den wenigen Wohnhäusern nur ein paar Restaurants, einige Läden und wenige Fremdenzimmer. Der Ort existiert eigentlich nur wegen der Alpacalandwirtschaft und einer Kupfer -und Bleimine in der Nähe. Das Leben hier ist hart und elementar, die Menschen wirken eher verschlossen, geprägt vom rauhen Klima. Was denken sie wohl von dieser verrückten europäischen Touristin?

In meinem einfachen Zimmer gab es kein elektrisches Licht, nur eine Kerze, keine Heizung, das Klo mit Waschbecken war draußen und es gab nur kaltes Wasser, eine Dusche hatte ich gar nicht gesehen, aber das war für einen Tag auch egal. Die Bettdecke bestand aus sechs Wolldecken, die man auch brauchte, denn nachts wurde es bitterkalt. Am Vormittag machte ich einen ausgiebigen Spaziergang zu dem sehr schönen und stillen See und sah mehrere Alpacaherden, sie weiden tagsüber auf dem Altiplano und werden abends dann wieder in ihren eingemauerten Verschlag getrieben. Abgesehen von den Fahrern der gelegentlich vorbeifahrenden Lastwagen, die mir zuwinkten und einer Hirtin, die ihre Alpacaherde vor sich hin trieb, sah ich keine Menschenseele und fühlte mich ziemlich klein in dieser scheinbar unendlichen Weite. Ich fühlte mich ziemlich erschöpft danach und später am Abend in meinem Zimmer war mir übel und ich bekam Kopfschmerzen, Symptome der Höhenkrankheit.

Dieser Tag war sehr lange und ich dachte an den Bus, mit dem ich am nächsten Morgen um halb acht Uhr nach Rumichaca fahren würde, und von dort dann nach Ayacucho. Man sagte mir in Santa Ines, es sei kein Problem einen Bus von Rumichaca nach Ayacucho zu bekommen. In Rumichaca erfuhr ich aber, daß vielleicht am Nachmittag ein Bus vorbeikommen würde, aber sicherlich dann am Abend der Nachtbus von Lima, also wartete ich. Ich saß an einem Tisch vor einem Essenstand mit einigen freundlichen Leuten und unterhielt mich mit ihnen, sie meinten, irgendwas würde sich schon auftun, vielleicht auch eine Mitfahrgelegenheit mit einem Lastwagen. Und das tat es auch. Kurze Zeit danach nämlich hielt ein Taxi und einige Diskussionen und Preisverhandlungen später war ich zusammen mit zwei anderen Passagieren auf dem Weg nach Ayacucho, und zwar auf der relativ neuen, geteerten Straße. Es gibt dort einen Abschnitt, wo die Berge alle Farben des Regenbogens haben. Am frühen Nachmittag kam ich in Ayacucho an, wieder zurück in der Zivilisation. Das Klima hier ist herrlich, wie ein schöner warmer Sommertag in Europa mit lauen, angenehmen Nächten und ab und zu ein bißchen Regen.

Weiterfahrt von Ayacucho nach Cusco

6. Dezember 2004. Endlich in Ayacucho angekommen, stieg ich in dem Hostal San Blas ab, wieder eine Empfehlung vom South American Handbook, und zahlte für ein einfaches Zimmer ohne Bad nur 10 Soles. Die Hotelangestellten waren sehr freundlich und hilfreich, ich war ziemlich erschöpft und machte erstmal eine kleine Siesta, bevor ich am Nachmittag zum nahegelegenden Plaza de Armas ging. Der zentrale Hauptplatz einer Stadt heißt in Peru immer Plaza de Armas, in Mexico dagegen Zocalo.

Ayacucho ist eine sehr schöne Stadt mit Kolonialarchitektur mit einem wunderbaren sonnigen Klima, berühmt für seine 33 Kirchen sowie die Feiern zu Semana Santa, die Heilige Woche vor Ostern. In der Nähe liegt ein Dorf, La Quinua, in dem am 9. Dezember 1824 die entscheidende Schlacht von Ayacucho stattfand, die das Ende der spanischen Kolonialzeit einläutete. Die Anführer und Helden der Unabhängigkeitsbewegung waren Simon Bolivár und General Antonio Jose de Sucre. Am Dorfrand von Quinua wurde ein großer Obelisk zum Gedenken dieser Schlacht errichtet. Als ich dort war, kamen gleich vier schmutzig und ärmlich gekleidete Kinder auf mich zu und sangen mir ein Karnivalslied auf Quechua vor, der alten Sprache der Inkas, die immer noch von vielen Bewohnern des Hochlands gesprochen wird; die Kinder verdienen sich damit ein bißchen Taschengeld.

Ayacucho war in den 80er und Anfang der 90er Jahre auch das Zentrum der maoistischen Guerilla-Organisation Leuchtender Pfad. Ihr Anführer Abimael Guzman sowie viele ihrer Mitglieder sitzen inzwischen im Gefängnis.

Ich blieb insgesamt zweieinhalb Tage in Ayacucho und fuhr dann weiter nach Cusco, das sind zwei lange Tagesreisen auf ungeteerten Bergstraßen. Im Klartext heißt das: 10 holprige Stunden von Ayacucho nach Andahuaylas, dort übernachten, dann nochmal 10 Stunden von Andahuaylas nach Cusco, wobei der letzte Abschnitt weniger hoprig ist, da die Straße ab Abancay geteert ist.

Der Bus, wieder so ein klappriger Bus mit Dachgepäckträger und ohne Toilette, sollte um halb sieben Uhr von Ayacucho abfahren, aber die Kinder einer Schulklasse waren fast eine Stunde zu spät dran, die Lehrerin behauptete, die Abfahrtszeit, die man ihr gegeben hätte, sei halb acht Uhr. Dann wurden noch mehr Leute reingelassen, obwohl alle Plätze schon besetzt waren, die dann stundenlang stehen mußten. Einige Leute regten sich über all dies auf, aber im Endeffekt passierte nichts, der Busfahrer schien sich von diesen Beschwerden nicht beirren zu lassen. Irgendwann ging es dann doch mal los und nach einigen Stunden hielt man zur Klopause mitten in der malerischen Berglandschaft und man mußte sich einfach ein Plätzchen zur Erleichterung seines Bedürnisses suchen. Zum Mittagessen hielt man an einer Dorfwirtschaft, dann mußte man sich noch mehrere Stunden bis ans Ziel gedulden.

Wenn man während der Fahrt so die Landschaft und die Menschen, die darin leben, betrachtet, dann fühlt man sich in eine Zeit zurückversetzt, die man in Deutschland nur aus Erzählungen kennt. Die ärmlichen und einfachen Häuser sind aus Ziegeln gebaut und höchstens mit ein bißchen Lehm verputzt; niemand hat genug Geld, um seine Haus, geschweige denn das Dorf zu verschönern, alles wirkt unordentlich und zusammengewürfelt. Der Müll wird einfach auf einen Hang geworfen. Die Felder in den fruchtbaren Bergtälern werden von Hand bewirtschaftet, nirgendwo sieht man Maschinen, Traktoren oder Autos, sie werden mit von Ochsen gezogenen Pflügen umgeackert. Überall weiden Nutztiere: Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Esel, Ziegen und dazwischen rennen die Hunde und picken die Hühner. Am Morgen werden sie auf die Weide getrieben und am Abend trotten alle friedlich nebeneinander wieder in ihre Behausung. Fast idyllisch. Ob die Menschen, die dort leben, mit diesem Leben zufrieden sind oder ob sie es als idyllisch empfinden, weiß ich nicht. Die Nutztiere können ihren natürlichen Trieben nachgehen und sind sicherlich gesünder als in Massenhaltung. In Europa und USA werden sie in einen engen Stall eingepfercht, mit Medikamenten vollgestopft, ihre eigenen Artgenossen als Fressen vorgesetzt, und das Ganze wird dann Fortschritt genannt. Wenigstens können wir es uns leisten, nach Peru zu fahren.

Auf dieser Busfahrt lernte ich einen Deutschen kennen, Elmar lebt schon seit vielen Jahren in Südamerika, wo er an deutschen Schulen Musik und Deutsch unterrichtet, zunächst in Paraguay bei deutschen Mennoniten und jetzt in Ecuador. Er erzählte mir viele interessante Geschichten. Wir taten uns dann zusammen, um ein Hotel zum Übernachten in Andahuaylas zu finden und setzten am nächsten Morgen unsere Reise fort. Im Bus lernten wir auch einen Schweizer namens Niccolò kennen, und in Cusco angekommen, fuhren wir drei zusammen in ein Hostel. Leider erlebte ich auch eine böse Überraschung: Als wir ankamen, wollte ich meinen kleinen Rucksack aus der Ablage über den Sitzen holen, und er war nicht mehr da, weg, futsch, geklaut….Ich saß neben Elmar, und er verstaute seinen Rucksack auch in der Ablage, und irgendwie dachte ich, es wird schon in Ordnung sein. Ironischerweise war es dar erste Mal, daß ich auf einer Busfahrt nicht ständig meinen Rucksack bei mir hatte, und für diese Unaufmerksamkeit musste ich büßen. Leider war auch meine Kamera im Rucksack, aber meine wirklich wichtigen Dokumente wie Kreditkarten und Travellers Cheques habe ich immer bei mir. Ich konnte es zunächst gar nicht fassen und habe mich echt geärgert, aber im Endeffekt darf man sich von so etwas nicht das Reiseerlebnis vermiesen lassen. So ging ich am nächsten Tag gleich zur Touristenpolizei, um den Vorfall zu melden, und um einen Bericht zu erhalten, wegen der Versicherung.

Also endlich in Cusco angekommen, die alte Hauptstadt der Inkas, und heute die Gringohauptstadt Perus. Und Machu Picchu ruft, dazu mehr im nächsten Kapitel…

Im heiligen Tal der Inkas

13. Dezember 2004. In Cusco angekommen, nahmen Elmar, Niccolò und ich zusammen ein Taxi zum Hostal Resbalosa, nur ein kurzes Stück vom Zentrum gelegen; die Gasse, in der das Hostel lag, war aber gar nicht befahrbar, denn sie bestand aus einer recht steilen Kopfsteinpflastertreppe, die es zu erklimmen galt, was auf Gund der 3310 m Höhenlage viel anstrengender war, als man meinte. Man sah deshalb immer wieder heftig keuchende Gringos vor der Tür auf Einlaß wartend. Das Hostel war viel weitläufiger, als der kleine Eingangsbereich es vermuten ließ, und das beste daran war die Sonnenterasse, von der man einen genialen Blick auf ganz Cusco hatte. Es ist wohl die Stadt mit der besterhaltenen Kolonialarchitektur Perus, das Zentrum wirkt harmonisch und elegant, die alten Viertel nordwestlich des Plaza de Armas liegen an einem steilen Hügel und sind durchzogen von engen, kopfsteinbepflasterten Gassen. Vielerorts zeugen Mauern, deren Fundamente aus mächtigen Steinklötzen bestehen, die in unregelmäßigen Puzzlestücken nahtlos zusammengefügt wurden – absolut erdbebensicher- von ihrer illustren Inkavergangenheit. Cusco war einst die Hauptstadt des Inkareiches, das sich in nur gut 100 Jahren bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts vom Süden des heutigen Kolumbiens bis nach Santiago de Chile ausgebreitet hatte, und damit zu der Zeit das mächtigste Reich Südamerikas war. Heutzutage regiert der Tourismus und das hat seine guten und schlechten Seiten. Auf der einen Seite gibt es eine gute Auswahl an Restaurants und Bars für europäische Geschmäcker. Auf der anderen Seite empfand ich die ganze Atmosphäre etwas künstlich, ständig wollen einem Straßenverkäufer Postkarten, Aquarelle oder Fingerpuppen andrehen oder Kellner wedeln einem die Speisekarte vor der Nase, damit man doch ihr Restaurant besuche. Letztendlich muß man dies akzeptieren, dann schließlich ist man selber Teil davon.

Gleich am nächsten Tag lief mir Charlotte über den Weg, die zusammen mit Ruth auch im Resbalosa wohnte, die beiden hatte ich im Home Peru in Lima kennengelernt. Es war reiner Zufall, daß wir uns in Cusco wieder trafen. Außerdem wußte ich, das John, den ich ebenfalls im Home Peru kennengelernt hatte, in Cusco sein würde, aber nicht genau wann, er wohnte in einem Hostel gleich um die Ecke. Außerdem sah ich Arbell und Rotem in einem Supermarkt in Cusco wieder. Fast alles Zufallsbegegnungen, aber trotzdem nicht so überraschend, denn die meisten Rucksackurlauber reisen auf der gleichen Route, dem Gringo Trail, und benötigen dafür mehr oder weniger die gleiche Zeit. Man sieht sich also wieder in Cusco.

Den Dienstagvormittag verbrachte ich haupsächlich damit, dem etwas mürrisch dreinblickenden Angestellten der Touristenpolizei den Diebstahl von meinem Rucksack zu erklären, denn ich benötigte einen Bericht für meine Reiseversicherung. Er ging mit mir dann zum Hostel zurück, um meine Angaben zu bestätigen, denn es gibt genug Leute, die flunkern, um aus ihrer Versicherung ein paar Euro zu quetschen. Am nächsten Vormittag konnte ich dann den fertig getippten Bericht abholen, während sich die Polizeibeamten gerade hinsetzten, um ein Fußballspiel von Cusco anzuschauen. In Peru besteht derzeit ein lebhaftes Interesse an der Bundesliga, denn es spielen gerade zwei Peruaner, Pizarro und Guerrero, bei Bayern München. Im peruanischen Fernsehen werden die Bundesligaspiele übertragen, und man kann auch Austragungen von den anderen europäischen Ligen verfolgen, vor allem Spanien und England.

Irgendwann mußte ich mal mit dem Sightseeing anfangen und am Mittwoch begab ich mich also ins Museo de Arte Precolombiano, denn es hörte sich sehr interessant an. Die Ausstellungsstücke umfassen Keramiken, Holzschnitzereien, Silber- und Goldarbeiten sowie Muscheln von den verschiedenen präkolumbianischen Kulturen Perus. Mich überraschte dabei am meisten, wie modern viele dieser Arbeiten wirkten. Einige Zitate beleuchteten auch den enormen Einfluß auf europäische Künstler wie Pablo Picasso. Wenn ich das nächstemal eines seiner Gemälde oder Skulpturen betrachte, werde ich es mit anderen Augen ansehen.

In der Nähe von Cusco sind einige Inkaruinen, die man leicht in einem halben Tag zu Fuß erkunden kann: Tambo Machay, Puka Pukara, Quenqo und Sacsayhuaman. Alle sind unterschiedlich und auf ihre Weise faszinierend. Auf jeden Fall einen Besuch wert.

Während der Woche konkretisierten sich auch meine Pläne für einen Trip nach Machu Picchu. Es bildete sich dazu ein bunt zusammengewürfelter Haufen von acht Leuten mit sieben Nationalitäten: John aus Südafrika, aber in London ansässig; Ruth aus England; Charlotte aus Holland; Niccolò aus Bern/Schweiz; Toby aus Tasmanien in Australien; Rotem und Arbell aus Israel. Wir alle wollten zwar nicht den Inka Treck machen, aber trotzdem so früh wie möglich in Machu Picchu sein, also wählten wir die Aguas Calientes Route, die auch die billigste ist. Dazu muß man mit dem Bus nach Urubamba fahren, dann mit dem Colectivo nach Ollantaytambo und von dort mit dem billigen Touristenzug nach Aguas Calientes. Diese Fahrt dauert insgesamt etwa drei Stunden. In Ollantaytambo hatten wir den ganzen Tag Aufenthalt, da der Zug erst am Abend abfuhr. Es gibt dort eine beeindruckende Inka-Festung, die an einen Berghang gebaut wurde, von ganz oben hat man hat eine tolle Aussicht auf das Tal und die kleine, reizende Stadt. Die Festung wurde nicht ganz fertiggebaut, auf einem kleinen Plateau stehen einige riesige Steinklötze rum, an denen noch gearbeitet wurde, da bekommt man eine kleine Ahnung von der ungeheuren Bauleistung der Inkas. Wir vertrieben uns die Wartezeit bis zur Abfahrt mit Karten spielen, bei so vielen Nationalitäten lernt man viele neue Spiele. Für eine kurze Zeit verwandelte sich der Warteplatz vor dem Absperrgitter des Bahnhofs in einen geschäftigen Marktplatz voller Essens- und Verkaufsstände auf dem sich sowohl viele Peruaner als auch Gringos tummelten, dann saßen wir endlich im Zug und warteten auf die Abfahrt, es tat sich aber noch nichts. Da fuhr plötzlich ein umgebauter VW-Bus auf Schienen vorbei, wohl so eine Art Streckenprüfzug. Kurze Zeit später fuhr der Hiram Bingham Luxuszug vorbei und hielt für kurze Zeit, genug, um einen Blick in eine andere Welt zu erhaschen. Da saßen die Passagiere an der Bar, die Champagnerflasche im Eiskühler, und daneben der Speisewagen, die Tische festlich gedeckt und bereit für ein Festmahl. Welcher Gegensatz zu uns Backpackern in der Holzklasse. Ja, es gibt verschiedene Wege und Möglichkeiten, die Reise nach Machu Picchu zu machen, es kommt nur auf den Geldbeutel an.

Am nächsten Morgen nahmen wir dann den Bus um sechs Uhr nach Machu Picchu. Es lohnt sich wirklich, so früh raufzugehen, denn bis die Masse mit den Touristenzügen ab 10 Uhr eintrifft sind noch nicht allzuviel Touristen unterwegs. Pro Tag kommen etwa 1000 Besucher. Wir hatten auch viel Glück mit dem Wetter, den ganzen Vormittag hatten wir strahlenden Sonnenschein. Dann standen wir endlich dort oben und genossen die einmalig schöne Aussicht auf das Gelände, diese berühmte Aussicht, die man von unzähligen Bildern kennt und am allerschönsten in der Morgensonne. Machu Picchu ist eine komplette Inkastadt, keiner weiß im Endeffekt genau, zu welchem Zweck sie gebaut wurde, und warum sie verlassen wurde. Jahrhundertelang war sie verloren und vom Dschungeldickicht überwuchert, bis sie von Hiram Bingham im Jahr 1911 wieder „entdeckt“ wurde – die Einheimischen wussten wohl schon immer von ihrer Existenz, aber erst nach der „Entdeckung“ Binghams wurde sie richtig erforscht. Ich verbrachte den ganzen Vormittag damit, das Gelände zu besichtigen und das alles in mich aufzunehmen. Einmal im Leben Machu Picchu gesehen und erlebt zu haben!

Am Sonntag fuhren wir auf dem gleichen Weg wieder nach Cusco zurück und nach drei Tagen des Erkundens von und Kletterns über imposante Inkaruinen war ein bißchen Ausruhen angesagt, auch um alles Gesehene und Erlebte zu verdauen und in mich aufzunehmen.

Das einzige in Cusco, was ich noch besichtigen wollte, war die Kathedrale, dort hängt ein interessantes Gemälde des letzten Abendmahles mit peruanischen Spezialitäten: Cuy (Meerschweinchen) und Chicha Morada. Auch ungewöhnlich ist der Hochalter, denn er ist auf der Vorderseite komplett versilbert.

Montag abend war mal ein bißchen Ausgehen angesagt. Um den Plaza de Armas gibt es viele Bars, und man bekommt ständig Gutscheine für Free Drinks ausgehändigt. Außerdem gibt es immer irgendwo eine Happy Hour. Wirklich toll, um sich fast kostenlos zu betrinken. Wir waren in einer Irish Bar und dann im Mama America….na ja, der Kater am nächsten Tag war aber gar nicht so schlimm. Jedenfalls nichts was ein Riesenteller englisches Frühstück in Jack’s Bar nicht hätte kurieren können.

Am Mittwoch, den 8. Dezember fuhr ich schließlich weiter, und zwar mit dem Nachtbus nach Arequipa. Ein Bericht folgt im nächsten Kapitel…

Arequipa – Mumien und getrocknete Llamaföten

23. Dezember 2004. Als ich meine Fahrkarte kaufte, sagte man mir, die Fahrzeit von Cusco nach Arequipa würde 10 Stunden betragen, wir waren jedoch schon nach achteinhalb Stunden am Ziel. Ich reiste zusammen mit Toby, der auch in der Machu Picchu-Gruppe war, und so standen wir um halb fünf Uhr vor dem Busbahnhof und stiegen in eins der vielen wartenden Taxis, das uns zum Hostel Tambo Viejo fuhr. Es war kein Problem, Betten zu bekommen und ich schlief erstmal einige Stunden, da ich im Bus wie üblich überhaupt nicht schlafen konnte. Nachmittags machte ich mich auf zum Plaza de Armas, um mich nach einer Ersatzkamera umzusehen, ich wollte das gleiche oder zumindest ein ähnliches Modell erstehen, aber die Auswahl außerhalb von Lima ist ziemich mies, die Kameras sind zwar neu als solche, aber meistens alte Modelle und extrem teuer, also entschied ich mich, das anders anzupacken. Mein lieber Bruder kaufte das gleich Modell in Deutschland und schickte es an das DHL Büro in Arequipa, weshalb ich länger in der ‚Weißen Stadt‘ verweilte, als ich geplant hatte. Sie wird so genannt, weil das alte Zentrum fast komplett aus Sillar, weißem Stein vulkanischen Ursprungs, gebaut wurde. Abgesehen von Cusco hat Arequipa die besterhaltene Kolonialarchitektur Perus, wobei hier alles ein bißchen vernachlässigter wirkt als in Cusco.

Freitag war Sightseeing angesagt. Erstmal wollte ich mich ein bißchen im Markt umsehen, der nur ein paar Blöcke vom Hostel entfernt lag. Ich war auf dem Weg dorthin, als mich ein Mädchen in fließendem Englisch mit amerikanischem Akzent ansprach, ich sollte hier eigentlich nicht alleine rumlaufen, da es gefährlich wäre und es viele Taschendiebe gäbe. Sollte ich etwa nochmal Ärger bekommen? Ich bedankte mich bei ihr und ging weiter. Im Markt trank ich einen leckeren Fruchtsaft, dann ging ich zur Kräuterabteilung, um Cocablätter und frische Minze zu kaufen. Während ich darauf wartete, daß die Verkäuferin die Cocablätter in eine Tüte packte, nahm ich diese seltsamen Kreaturen wahr, mit ein bißchen Fantasie erinnerten sie einen an Dinosaurierköpfe, die aus einem auf der Verkaufstheke plazierten Korb ragten und ich frage die Frau, was das denn wäre. „Das sind getrocknete Llamaföten, für Pachamama (in Qechua bedeutet es Mutter Erde)“, sagte sie. Da war ich erstmal schon ein bißchen bestürzt. Man hört zwar von diesen Dingen, aber wenn man sie dann tatsächlich einmal sieht und sich dessen bewußt wird, daß sie immer noch ein wichtiger Teil der Tradition darstellen, dann birgt das schon eine gewisse Faszination.

Die wichtigste Touristenattraktion in Arequipa ist das Santa Catalina Kloster, und es ist zugleich eine der schönsten in Peru, zumindest was spanische Kolonialarchitektur angeht. Das Kloster ist eine komplette mittelalterliche Ministadt samt Stadtmauer, mit kleinen Straßen, Kreuzgängen, Gärten, einer große Küche und einem Gemeinschaftsbad. In diesem Fransiskanerkloster lebten einst 450 Nonnen, komplett von der Außenwelt abgeschlossen, abgesehen von ihrem weiblichen Dienstpersonal; die wenigen verbleibenden Nonnen leben in einem von der Öffentlichkeit abgeschirmten Teil. Das Kloster wurde renoviert und ist seit Ende der 70er Jahre für Besucher zugänglich.

Es gibt ein zweites Franziskanerkloster, dessen Besuch sich durchaus lohnt, La Recoleta. Der interessanteste Teil ist die Bibliothek mit ihren über 20 000 Bänden, hauptsächlich aus dem 16. Jahrhundert. Die verglasten Ausstellungsschränke enthalten unter anderem auch eine der ersten Ausgaben von Miguel Cervantes‘ berühmten Werk Don Quixote.

Obwohl ich zuerst alleine losging, hatte ich inzwischen Toby getroffen und wir gingen zusammen zum Museo Santuarios Andinos, wo Juanita untergebracht ist, die berühmte und extrem gut erhaltene, 500 Jahre alte Inkamumie. Ihre Geschichte ist faszinierend. Sie wurde während einer archäologischen Expedition auf dem Gipfel des Mount Ampato (6380 m) gefunden, nachdem ein Ausbruch des Nachbarvulkans Sabancaya im Jahr 1995 die Eisschicht des Ampato geschmolzen hatte. Juanita wurde in einem Ritual getötet und begraben, als Opfergabe an die Inkagötter; ihr Grab enthielt auch zeremonielle Keramik und kleine Statuen, die alle Teil der Ausstellung sind. Man muss versuchen, sich vorzustellen, wie vor 500 Jahren eine Gruppe Menschen diesen Berg in einem extrem rauhen Klima bestiegen, an ihren Füßen trugen sie nur Sandalen, und als Proviant verschiedene Lebensmittel und Getränke in Tonkrügen und Taschen aus Alpacawolle, darunter auch Cocablätter, bereit, das äußerst wichtige Ritual auszuführen, um ihre Götter zu besänftigen. Die Gegend um Arequipa ist sehr trocken und wasserarm, die Landschaft ist karg und ständig bedroht von seismischer und vulkanischer Aktivität, da kann man sich schon vorstellen, welche Furcht die Inkas vor ihren Göttern hatten, insbesondere bei Trockenzeiten, Vulkanausbrüchen und Erdbeben. Übrigens, das letzte größere Erdbeben in der Gegend war vor nur wenigen Jahren, 2001.

Samstagabend ging ich mit einigen Engländern aus dem Hostel und Toby zu einem Chifa ganz in der Nähe, in der Ecke ganz hinten war oben ein Fernseher angebracht und es lief Fußball, das Samstagsbundesligaspiel zwischen Stuttgart und München. Man muß in Südamerika zumindest einmal Fußball geschaut oder gehört haben, allein schon wegen dem mindestens fünf Sekunden andauernden Torschrei gooooooooooooolll, manchmal kommt noch ein zweiter hinzu, ein richtiges Ritual. Als wir aßen, erzielte Kevin Kouranyi gerade das 2-0 für Stuttgart…gooooooooooolll, and nur wenige Minuten später folgte ein Tor von dem Peruaner Paolo Guerrero für München 2-1…goooooooooolll. Alle Peruaner im Chifa schauten wie gebannt auf den Bildschirm und wir fanden das ganze Schauspiel ziemlich amüsant. Am nächten Tag las ich in der Zeitung, daß Claudio Pizarro noch den Ausgleich zum 2-2 erzielt hatte. Die zwei peruanischen Torkünstler haben München doch noch vor einer Niederlage gerettet.

Gegen Ende der Woche machte ich eine Tour in den Colca Canyon, der zweittiefste Canyon der Welt. Es gibt dutzende Agenturen in Arequipa, die alle mehr oder weniger die selbe Tour verkaufen. Bei der zweitägigen Tour sitzt man zwar viel in einem Kleinbus, aber man bekommt eine wirklich beeindruckende Landschaft zu sehen. Die Reisegruppe bestand aus drei Holländern, drei Peruanern, zwei Spaniern und mir. Die ersten Kilometer nach Arequipa fuhren wir auf einer guten Asphaltstraße, doch dann gab es nur noch Schotterstraße und die Fahrt wurde wieder einmal ziemlich holprig. Auf einer weiten Ebene entlang der Straße weideten viele Vicuñas, Alpacas und Llamas. Die feinste Wolle von allen südamerikanischen Kameltieren stammt von Vicuñas, sie kostet etwa 1000 US-$ pro kg. In der Ferne sah man den Misti (5822 m) und den Chachani (6075 m), sozusagen die Hausberge von Arequipa, und irgendwo im Hintergrund ahnte man den Sabancaya, einer der aktivsten Vulkane des amerikanischen Kontinents. Dann erreichten wir einen Pass auf fast 4900 m, der höchste Punkt auf dem Weg zum Colca Canyon. Wir hielten hier für eine kurze Zeit an, mir setzte die Höhenlage plötzlich zu, und ich schnappte so richtig nach Luft. Ich habe dann immer Cocablätter bei mir und habe welche gekaut, es half schon etwas. Wir übernachteten in einem kleinen und ruhigen Dorf am Rande des Canyons, Chivay (3600 m); am Nachmittag verbrachten wir eine angenehme Stunde in einem Thermalbad in der Nähe vom Dorf. Das Wasser stammt aus einer heißen Quelle vulkanischen Ursprungs, ich ließ mich von dem angenehm warmen Wasser im Außenpool so richtig schön einweichen. Abends gabs dann noch Folkloremusik und Tanz, alles zwar ziemlich touristisch, machte aber mehr Spaß als erwartet und das Essen war auch recht gut. Es waren nicht nur Gringos dort, sondern auch viele Peruaner. Die ganze Gruppe war ziemlich gut drauf und wir gingen dann noch in eine Dorfdisco gleich um die Ecke, sie erinnerte mich ein bißchen an diese etwas rustikalen Discos im Allgäu mit Discoball und viel Holz. Ich tanzte nach langer Zeit wieder einmal Salsa mit Marco aus Lima, der ein sehr guter Tänzer war. Am nächsten Tag mußten wir schon um halb sechs Uhr aufstehen, denn wir wollten um halb neun Uhr am Cruz del Condor anzukommen, das Highlight der Tour. Auf dem Weg dorthin hielten wir an verschiedenen Aussichtspunkten und unsere Reiseleiterin Flor gab uns jeweils einige interessante Erklärungen dazu. Viele der bewirtschafteten Terassen im Canyon stammen noch aus der Inkazeit, unter anderem wird hier auch Quinoa angebaut. Es waren mehrere Reisegruppen unterwegs, die alle genau dasselbe machten und sich gegenseitig immer auf den Fersen waren. Am Cruz del Condor warteten wir fast zwei Stunden darauf, einen Kondor zu sehen, aber es tat sich nichts. Manchmal fliegen sie schon früher, manchmal später. C’est la vie. Wenigstens gab es eine tolle Aussicht, denn hier ist der tiefste Punkt des Canyons. Wir fuhren dann wieder nach Arequipa zurück und aßen ein leckeres spätes Mittagessen, bevor sich die Gruppe in alle Winde verstreute.

Wieder im Hostel saß ich Samstagvormittag auf der Terasse in meinem Tagebuch schreibend, als ein Bekannter der Familie vorbeiging und mich nach meinem Namen fragte. Als sie sich zum Essen an den Nebentisch setzten, lud er mich auch ein und stellte sich mir vor: William, ein Anwalt in Arequipa, er hat eine überschwängliche und kontaktfreudige Art und ist Sozialist. Er hatte köstliche Ceviche zubereitet, Fisch und Meeresfrüchte mariniert in Zitronensaft, Chilli und Knoblauch. Wir hatten eine interessante Konversation und ich lernte ein bißchen über Politik in Peru. Er lud mich ein, ihn in seinem Büro zu besuchen, was ich am Montag auch tat und wir aßen ein leckeres Queso Helado (eine Art Milcheis mit Zimtgeschmack) in einem Cafe in der Nähe. In seiner Freizeit setzt er sich stark ein für die kleine Gemeinde Chichas, etwa eine Tagesreise von Arequipa entfernt. Er trug beispielsweise dazu bei, daß dort eine Verbindungsstraße zu anderen Gemeinden gebaut wurde. In dem ganzen Tal gibt es keine Elektrizität, deshalb versucht er, irgendwie einen Generator zu bekommen, damit die Lebensbedingungen der Menschen verbessert werden. Armut und Mangel an Gelegenheiten sind ein großes Problem in diesen isolierten Gemeinden. Mehr Bildung wäre natürlich wichtig, aber es fehlt meist das Geld für bessere Bildungseinrichtungen – staatliche Zuschüsse sind so gering, daß man damit nicht viel ausrichten kann.

Am Mittwoch machte ich einen kleinen Ausflug an den Pazfik und zwar fuhr ich nach Camana, eine kleine Stadt, die auf einem Infoblatt im Hostel als ’schöne Stadt in Strandnähe‘ angepriesen wurde. Na ja, der Strand war eher hässlich. Der Sand war graubraun, das Dorf bestand aus vielen verbarrikadierten, verlassenen, halb gebauten oder halb abgerissenen Gebäuden, das Dutzend Restaurants an der Strandpromenade sahen heruntergekommen aus. Zum Teil war dies auch eine Folge von Erdbebenzerstörungen in vergangenen Jahren. Der ganze Ort atmete eine gewisse Trostlosigkeit aus. Da ich nun schon hier war, machte ich es mir so gemütlich wie möglich auf einer Sonnenliege und bestellte ein kaltes Bier, daß mir auf einem kleinen Beistelltisch gebracht wurde. Die Brise war recht frisch, wie am Strand in Brighton im Frühjahr. Am Strand tummelten sich einige Familien, ich war die einzige Gringa weit und breit, die sich dahin verirrt hatte. Ich nehme an, daß zur Haupsaison mehr los ist. Dieser Ort ist ein gutes Beispiel dafür, welch unterschiedliche Erwartungshaltungen unter Peruanern und Europäern herrschen in Bezug auf Strandresorts, er hätte im internationalen Tourismus keine Chance und ist auch nicht in meinem Reiseführer aufgelistet.

Das Hostel Tambo Viejo ist ein supergemütliches Haus mit Garten und Sonnenterasse, die ganze Familie einschließlich Oma und Sohn, lebt dort, außerdem ein kleiner Haustierzoo: ein gesprächiger Papagei namens Aurora, eine lebhafte Welpe, ein stolzer Hauskater und drei geschäftig zwitschernde Wellensittiche. Da wurde man immer recht gut unterhalten. Ich warte noch auf meine Kamera, die inzwischen in Lima angekommen ist, aber es dauert halt einige Tage, bis die Zollformalitäten erledigt sind.

Coca Cola-Weihnacht in Arequipa

29. Dezember 2004. Da ich auf meine Ersatzkamera wartete, verbrachte ich auch die Weihnachtsfeiertage in Arequipa. Und wie es der Zufall so wollte, lernte ich am Heiligabend einige sehr nette Menschen kennen. Ich saß in einem Restaurant im Stadtzentrum auf der Dachterasse, von der man übrigens einen genialen Ausblick auf den Misti und den Chachani hatte, als eine Gruppe von drei Personen sich an den Nebentisch setzte. Einer von ihnen fragte mich, ob ich Deutsche wäre, so kamen wir ins Gespräch und sie luden mich ein, mich zu ihnen zu setzen: Michael aus Deutschland, Monica und Arthur aus Norwegen. Wir verstanden uns auf Anhieb recht gut und nach dem Essen verabredeten wir uns zum Abendessen, zu dem auch noch vier andere Leute kommen sollten. Monica und Michael begleiteten mich noch zurück zu meinem Hostel, denn ich hatte ihnen von den Llamaföten erzählt, und sie wollten sie unbedingt auch sehen.

Der Markt lag auf dem Weg zum Tambo Viejo und die dazwischenliegende Straße San Juan de Dios, normalerweise mit Verkehr vollgestopft, verwandelte sich am Heiligabend in einen geschäftigen, weihrauchgeschwängerten Straßenmarkt. San Juan de Dios ist gesäumt von Läden, Bäckereien, Restaurants, eine typische Kleine-Leute Straße eben, und dazu gesellten sich nun unzählige Verkaufsstände, die alles mögliche verkauften, eine Menge künstliches grünes Moos und weiße Schneeflocken, damit die Krippe auch möglichst echt aussah, und natürlich durften darin in Peru auch die Llamas nicht fehlen. Jede Menge Feuerwerkskörper gab es, an einem Stand auch ein ausgestopftes Gürteltier, als Glücksbringer. Am Abend war das Gedränge am dichtesten. Dann um Mitternacht wurden Tausende kleiner Feuerwerke in der ganzen Stadt entzündet. Keine Spur von Besinnlichkeit wie in Deutschland, es ist schließlich Jesu Geburtstag, und das muß man schon gebührend und möglichst laut feiern.

Auf dem Plaza de Armas indessen hatte man natürlich auch einen Weihnachtsbaum aufgestellt, so eine Cartoonversion in rot und grün…und von Coca Cola gesponsert, einschließlich den weißen Eisbären, die man aus der Werbung kennt, als die drei Weisen. Am Heiligabend fuhr dann ein bunt dekorierter Wagen samt Coca Cola-Nikolaus, Rudolf und Knusperhäuschen um den Plaza de Armas. Und was war die Botschaft? Kinder, wenn ihr das ganze Leben lang brav Coca Cola kauft, kommt ihr auch bestimmt in den Coca Cola-Himmel. Amen. Ganz schrecklich so was!

Am Samstag verbrachte ich einen schönen Tag, zuerst im Selva Allegre, einem angenehmen Stadtpark, mit Michael und Arthur und danach in einem superleckeren Crepe-Restaurant. Die beiden und Monica am Sonntag und Montag den Misti besteigen. Michael und Arthur kamen später am Abend dann doch noch bei mir im Hostel vorbei, und wir gingen in das Chifa um die Ecke, dann verabschiedeten wir uns.

Am Montag konnte ich endlich meine Kamera abholen, und nachdem ich mich von der Tambo Viejo Familie verabschiedet hatte, fuhr ich am Nachmittag nach Puno weiter. Dort blieb ich nur eine Nacht und reiste am nächsten Morgen gleich nach Copacabana weiter, ein kleines Städtchen auf der bolivianischen Seite des Titicacasees.

Einige Tage am Titicacasee und Silvester in La Paz

3. Januar 2005. In Copacabana wohnte ich zwei Nächte lang im La Cupula , einem supergemütlichen Hostel unter deutscher Führung an einem kleinen Hang über dem See und dem Städtchen gelegen. Man merkte schon den deutschen Einfluß: gute Duschen und europäisch-geschmackvolle Gestaltung. Ich frühstückte auf dem kleinen Balkon des Restaurants unter dem Sonnenschein des noch kühlen Morgens und genoß den wunderschönen Ausblick über den Titicacasee, der so ruhig dalag und im Sonnenlicht in einem intensiven Blau glitzerte. Dieser Ort strömte Ruhe und Frieden aus.

Am Vormittag kletterte ich auf den Hügel Cerro Calvario, von dem man einen tollen Blick auf den See hat. Nachmittags um halb drei ging ich zur Kathedrale; auf der Straße davor findet jeden Tag am Vormittag und am Nachmittag eine Fahrzeugsegnung statt, zu der Leute aus ganz Bolivien reisen. Die Autos werden mit Blumen geschmückt und unter der offenen Motorhaube werden Sachen plaziert, die man auch segnen lassen will, wie beispielsweise Miniaturkrippen, Geld und andere weltliche Dinge. Dann kommt der Priester mit einem Plastikeimer voll Weihwasser und einer Bürste und segnet Autos, Motorräder und Menschen. Danach werden die Fahrzeuge mit Sekt oder Bier bespritzt, und bevor der Alkohol selber getrunken wird, werden einige Tropfen auf die Erde gekippt, als Huldigung an Pachamama.

Am Tag vor Silvester fuhr ich auf die Isla del Sol (Sonneninsel), etwa zwei Stunden Bootsfahrt von Copacabana entfernt. Nach der bekanntesten Entstehungslegende der Inkas entstiegen Manco Capac und seine Schwester und Gattin Mama Ocllo den Wassern des Titicacasees, um im Auftrag ihres Vaters und Schöpfergottes Viracocha die Inkakultur zu begründen. Ich stieg im kleinen Hafen auf der Südseite aus und mußte erstmal unzählige Stufen hochlaufen, die in den steilen Hügel eingefügt waren, um das kleine Dorf mit recht kargen Unterkünften ganz oben zu erreichen. Ich tat mich zusammen mit einer Belgierin, die auf der Insel mehrere Tagen bleiben wollte, ich dagegen nur eine Nacht, und wir teilten uns ein Zimmer. Ich wanderte die acht Kilometer zur Nordseite, wo es die Inkaruinen gab; die Tagestouristen schienen alle schon wieder weg zu sein und die Stille an diesem Ort war vollkommen, kein einziges Zivillisationsgeräusch, nur das leise Summen der Insekten war zu hören und sonst sah ich keine Menschenseele. Den ganzen Tag strahlte eine goldene Sonne von einem blauen, mit watteweißen Wolken betupften Himmel. Als ich dann weiter auf die Ruinen zuging, sah ich doch drei junge Männer, aus Arequipa, mit denen zusammen ich dann wieder zurückwanderte. Sie waren sehr nett und ich war froh, auf dem Rückweg so angenehme Gesellschaft zu haben, denn ich fand das letzte Stück ziemlich ermüdend. Die ganze Nacht und fast den ganzen nächsten Tag fühlte ich dann auch die Effekte dieser Anstrengung und litt unter den Symptomen der Höhenkrankheit.

Nachts hatte es heftig zu regnen angefangen und den ganzen folgenden Tag war es grau; ich war froh, wieder nach Copacabana zurückzufahren und nahm den nächsten Bus nach La Paz. Dort angekommen, stieg ich im El Carretero ab, ein typisches Rucksackurlauberhostel, dort schlief ich erstmal einige Stunden und wachte erst kurz vor Mitternacht wieder auf. Auf dem kleinen Platz in der Nähe des Hostels war nicht viel los, kleine Grüppchen von Menschen, die das neue Jahr feierten, also ging ich wieder ins Hostel zurück und richtete mich schon darauf ein, wieder ins Bett zu gehen. Im Innenhof des Hostels waren einige Leute und ich kam mit einem netten Paar aus Argentinien ins Gespräch, wir saßen eine ganze Weile zusammen und quatschen, bis sie vorschlugen, doch noch wohin zu gehen, denn es sei schließlich Silvester und das müsse man doch feiern. Zu uns gesellten sich noch zwei Peruaner und eine Deutsche und nach einer Weile des Suchens landeten wir endlich im Mongo’s, einer bei Gringos und Ortsansässigen gleichermaßen beliebten Bar. Ich fühlte mich inzwischen auch wieder viel besser und voller Energie und genehmigte mir einen Caipirinha. In der Bar war es richtig nett, zwei Bolivianer aus La Paz quatschen mich an, einer davon konnte auch perfekt Deutsch – er wurde in der Schule von deutschen Nonnen unterrichtet. Wir führen eine lebendige Konversation über Philosophie und deutsche Literatur. Um halb sechs hatte sich die Bar dann schon ziemlich geleert und auch wir sagten dem ersten Tag des neuen Jahres Gute Nacht.

Touristenattraktionen in und um La Paz

4. Januar 2005. La Paz ist die kommerzielle Hauptstadt Boliviens, und mit 3500 m über Meereshöhe bleibt einem da manchmal schon die Luft weg, vor allem da die Stadt sehr hügelig ist und man immer irgendwo bergan gehen muß. Die Stadt an sich fand ich nicht sehr schön, neben alten kolonialen Gebäuden wurden viele moderne Gebäude errichtet, scheinbar ohne viel Planung. Schöner ist die Stadt bei Nacht, wenn ein Lichtermeer die Hügel überzieht.

Auf dem Mercado de Hechicería, dem Hexenmarkt, kann man in eine makabere Welt eintauchen. An den Ständen in den engen Gassen werden alle Arten von Glücksbringer und Amulette verkauft, Ministatuen des Hausgottes Ekeko, der materiellen Haussegen bringen soll, aber nur, wenn man diese als Geschenk erhält. Dutzende von Llamaföten blicken einem entgegen, und in allen möglichen Entwicklungsstadien; angeblich sind alle diese Föten Totgeburten. Der Llamafötus wird verbrannt und die Asche wird beispielsweise im Garten des Hauses vergraben, als Opfergabe an Pachamama. Dann gibt es auch jede Menge ausgestopfte Frösche, ein beliebtes Symbol für Geldsegen.

In der Nähe von La Paz befindet sich das Zentrum einer der ältesten präkolumbianischen Kulturen, das Tiwanaku-Reich. Auf dem Gelände war ein sehr interessantes Museum mit vielen aus Stein gehauenen Monolithen. Die Inkas sollen in dieser Hinsicht viel von der Tiwanaku-Kultur gelernt haben.

Das Coca-Museum in La Paz ist zwar ziemlich unübersichtlich und soll neuorganisiert werden, enthält aber viel interessante Informationen über das Coca-Blatt und seine turbulente Geschichte von der Inkazeit bis in das 20. Jahrhundert. Coca Cola beispielsweise enthielt in den ersten Jahren nach seiner Erfindung am Ende des 19. Jahrhunderts das Alkaloid Kokain (es wurde im Jahr 1860 zum ersten Mal isoliert), dies wurde dann verboten; die Firma Coca Cola verwendet aber immer noch Coca-Blätter, um den charakteristischen Geschmack der braunen Limonade zu erzielen.

Auf Grund der angekündigten Erhöhung der Treibstoffpreise wurden für den ersten Dienstag im neuen Jahr Streiks der Busfahrer im ganzen Land angekündigt, und da ich sonst noch zwei Tage in La Paz hätte bleiben müssen, entschied ich mich gleich noch am Montagabend, einen Nachtbus nach Cochabamba zu nehmen.

Cochabamba und Sucre

7. Januar 2005. Cochabamba ist mit 2570 m wesentlich niedriger gelegen als La Paz, daher war das Klima auch viel angenehmer, warm und sonnig, und ich genoß die knapp zwei Tage, in denen ich nicht viel unternahm. Auf Grund des Streiks gab es am Dienstag in der Stadt auch kaum Verkehr, und sie atmete deshalb die Atmosphäre eines trägen Hochsommernachmittags einer Kleinstadt aus.

Ich blieb nur eine Nacht dort und reiste am nächsten Abend mit dem Bus nach Sucre weiter, eine Fahrt von etwa 11 Stunden. Dies war meine bisher heißeste Nachtfahrt, denn im vollbesetzten Bus gab es anscheinend keine Klimaanlage und die warme Nachtluft, die aus den offenen Fenstern hereinwehte, brachte kaum Abkühlung. Ich war erleichtert, als der Bus am frühen und noch kühlen Morgen endlich in Sucre eintraf.

Sucre ist die offizielle Hauptstadt Boliviens und eine der schönsten Städte des Landes; mit einer Höhenlage von 2790 m ist auch das Klima wunderbar angenehm. Die alten Gebäude des Stadtzentrums sind in koloniales Weiß getüncht und der Hauptplatz – Plaza 25 de Mayo – ist üppig begrünt und sehr gepflegt, alles wirkt sehr einheitlich und elegant.

Am Hauptplatz steht auch das Casa de la Libertad (Haus der Freiheit), wo die Unabhängigkeitserklärung Boliviens unterzeichnet wurde und es viele interessante Ausstellungsstücke zur Geschichte der bolivianischen Unabhängigkeit zu sehen gibt. Als ich meine Eintrittskarte bezahlte, hatte gerade eine geführte Tour auf Spanisch angefangen und ich schloß mich der Gruppe an. In einem Raum hingen Portraits aller ehemaligen bolivianischen Präsidenten, daneben war ein kleines Plakett mit Namen, Dauer der Präsidentschaft und Regierungsform angebracht. So konnte man beispielsweise lesen: General Hugo Banzer, 1970 – 1978, Gobierno de facto. De facto Regierung? Ein interessanter Euphemismus für eine brutale Militärdiktatur.

Gleich außerhalb von Sucre gibt es eine Zementfabrik, auf deren Gelände versteinerte Dinosaurierspuren entdeckt wurden – wegen der Verschiebung der verschiedenen tektonischen Platten über die Jahrmillionen sind diese Spuren heutzutage auf einer riesigen vertikalen Felswand zu sehen. Ein sogenannter Dino Truck fährt drei Mal am Tag dorthin, dazu gibt es ausführliche Erklärungen auf Englisch. Unsere Führerin war sehr enthusiastisch und ich fand die Tour total faszinierend. Man konnte beispielsweise ganz deutlich die Spuren eines Brontosaurus erkennen.

Später zur Mittagszeit fuhr ich von Sucre nach Potosí weiter. Am Busbahnhof von Sucre angekommen und noch nicht mal aus dem Taxi ausgestiegen, stürzten sich gleich drei Vertreter von Busunternehmen auf mich, die alle ihre Busse am Nachmittag füllen wollten. Ich aber ging erst mal zu einem Schalter und kaufte eine Fahrkarte für einen Bus, der schon in fünf Minuten abfuhr, was sehr praktisch war.

Der Silberhügel von Potosí

9. Januar 2005. Drei Stunden später hatte ich das warme Klima Sucres hinter mir gelassen, Potosí liegt nämlich auf 4070 m, angeblich die höchstgelegende Stadt dieser Größe; sie wurde 1545 von den Spaniern gegründet, nachdem sie herausfanden, daß die Inkas auf einem Hügel dort Silber abbauten. Die Spanier nannten ihn Cerro Rico, eine direkte Übersetzung des alten Quechuanamen Sumaj Orko – Reicher Hügel. Während die Inkas das Silber nie für kommerzielle Zwecke benutzten, sondern nur um ihre Paläste damit zu schmücken, stürzten sich die Spanier mit einer großen Gier auf das wertvolle Edelmetall und bauten davon riesige Mengen ab. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war Potosí die größte Stadt auf dem amerikanischen Kontinent und eine der größten und reichsten Städte der Welt, vergleichbar mit Paris und London. Es bildete sich eine enorm reiche Oberschicht, die alle Arten von Luxusgütern aus Europa importierte, am anderen Ende jedoch existierte eine extrem arme Schicht aus versklavten Indios, die in den Minen gnadenlos ausgebeutet wurden, um den Reichtum dieser Oberschicht zu nähren. Es ist belegt, daß während der Kolonialzeit acht Millionen Indios auf Grund der schrecklichen Arbeits- und Lebensbedingungen am Cerro Rico starben. Eduardo Galeano hat all dies in seinem Buch Die offenen Adern Lateinamerikas sehr anschaulich geschrieben.

Ich blieb zwei Nächte lang in dem Hostel Koala Den, ein sehr gemütlicher Ort mitten im alten Zentrum der Stadt. Das Hostel ist ein Teil von Koala Tours, ein Unternehmen, das von ehemaligen Bergwerksarbeitern gegründet wurde, und das auch Besichtigungstouren der Minen anbietet. Ich hatte mich gleich zu einer Tour am nächsten Tag angemeldet. Diese Tour war sowohl eine absolut faszinierende als auch schockierende Erfahrung. Die Bedingungen, unter denen die Männer arbeiten, muten mittelalterlich an. Kaum existierende Sicherheitsvorschriften, extreme Arbeitsbedingungen mit einer Lebenserwartung von 45 Jahren und das Ganze zu etwa 800 Bolivianos im Monat.

Am nächsten Morgen um acht Uhr ging’s los. Wir mußten uns erstmal Schutzkleidung, Gummistiefel und einen Helm mit Lampe anlegen, dann wurden wir in zwei Gruppen von jeweils acht Leuten geteilt. Unser Führer Pedro hatte fünf Jahre in der Mine gearbeitet und kannte sich also wirklich gut aus, er hatte auch einen ziemlich schwarzen Humor. Zuerst kauften wir Geschenke für die Kumpel: Dynamit, Limonade, Coca-Blätter und Zigaretten.

Der erste Teil bestand aus einer Besichtigung der Verarbeitungsanlage der Erze. Es werden immer noch Silber, aber auch Metalle wie Zink und Zinn abgebaut. Die Edelmetalle werden in Chemiebädern vom Gestein getrennt und dann als recht unscheinbares graues Pulver zur weiteren Verarbeitung ins Ausland transportiert. Danach gingen wir in die Mine rein, von der ersten, zur zweiten und bis zur dritten Ebene, dazu muß man durch mehrere ziemlich enge Erdlöcher kriechen und es wird ziemlich unangenehm. Da sieht man dann die Arbeiter, wie sie schweres Gestein in einen großen Gummikorb schippen, der mit einer Winde in die nächste Ebene hochgezogen wird, um das Gestein dann in einen Wagen zu kippen, um es auf Schienen nach draußen zu befördern. Die Arbeiter verwenden Dynamit, um Gestein wegzusprengen. Sie arbeiten Schichten von acht Stunden oder länger, sechs Tage die Woche, und kauen dabei Coca-Blätter und trinken Limonade oder Wasser. Auf dem Weg nach oben fühlte ich mich fast klaustrophobisch und ich merkte, wie mir mein Herz klopfte – nur nicht in Panik ausbrechen, sagte ich mir. Ich war so erleichtert, als ich wieder draußen war.

Dann organisierten wir noch einige Explosionen mit ein paar der gekauften Dynamit-Sets, der Rest war ein Geschenk für die Kumpel. Die Sets bestehen aus dem Dynamit, einer Zündschnur und einem Sprengkraftverstärker (kleine weiße Kügelchen); man knetet das Dynamit, steckt die Zündschnur rein, tut das in eine Plastikflasche und fügt die weißen Kügelchen hinzu, wenn man größere Sprengkraft will. Pedro steckte mir und zwei anderen einfach einen kleinen Ballen Dynamit in die Hand und steckte die Zündschnur an, dann liefen wir ein Stück den Hang runter, warfen das Dynamit auf den Boden und rannten so schnell wie möglich weg – kurze Zeit später gab es einen ordentlichen Knall.

Die Salar de Uyuni und andere Wunder der Natur

Es ergab sich, daß ich nach Potosí für einige Tage zusammen mit Frances und Matt aus England reiste; die beiden hatte ich auf der Bergwerkstour kennengelernt, aber Frances sah ich zum ersten Mal in Sucre im Dino Truck und sie war auch im Koala Den. Sie und Matt lernten sich schon am Titicacasee kennen, wo sich ihre Spuren aber wieder verloren, dann sahen sie sich wieder in Potosí.

Wir wollten alle weiterreisen und da für Montag der zweite landesweite Streik angekündigt wurde (immer noch wegen der Erhöhung der Treibstoffpreise), entschlossen wir uns, gleich noch am Sonntag nach Uyuni weiterzufahren. Der Bus sollte um 11 Uhr abfahren, es gab dann aber doch wieder einmal Verspätung. Dann hatte der Kleinbus ziemlich viele Reifenprobleme und mußte dreimal wegen Radwechsel anhalten. Einige Passagiere – auch Touristen – schüttelten nur den Kopf über die Tatsache, daß einige Reifen nur noch sehr wenig Profil hatten. Übrigens, in Bolivien sind nur etwa 5% aller Straßen asphaltiert, da braucht man sich nicht wundern, wenn mal wieder ein Reifen platzt. Ich fragte mich, ob wir in Uyuni überhaupt noch ankommen würden. Das letzte Stück überstanden wir aber doch noch ohne weitere Zwischenfälle – außer daß, wie in Peru und Bolivien nicht unüblich, der Bus mehrmals anhielt, um noch mehr in den kleinen Dörfern auf eine Mitfahrgelegenheit wartende Leute aufzunehmen, die dann eben stehen mußten – und wir trafen im warmen Abendlicht in dem kleinen Städtchen ein. Während der Fahrt fragten wir uns, ob am Sonntag um diese Zeit die Touragenturen noch auf hätten, diese Sorgen erübrigten sich dann aber schnell, denn kaum stiegen wir aus, waren wir auch schon umringt von Leuten, die uns Touren und Hostels verkaufen wollten und uns ihre Visitenkarten vor die Nase hielten – Sell, sell, sell.

Wie entschieden uns dann für das Hostel Marith, das auch in den Reiseführern empfohlen wurde, und wurden in einem Jeep dorthin gefahren. Dieses Hostel hatte auch eine Touragentur – Olivos Tours – und wir buchten die Viertagestour für 70 US$. Im Endeffekt ist es ziemlich egal, mit welcher Agentur man bucht, denn die Touren sind alle gleich, man hat die gleichen Unterkünfte und besucht die gleichen Orte.

Die Salar de Uyuni-Tour ist eine der größten Touristenattraktionen Boliviens, ich zählte etwa 15 Jeeps, die zusammen mit unserem losfuhren, und die Agenturen starten jeden Tag eine Tour – wobei jetzt zur Regenzeit weniger los war. Die nächsten vier Tage verbrachte ich also mit sechs anderen Personen in einem robusten Toyota-Landcruiser: Matt, Frances und Michelle aus England, Carina aus Argentinien, Tino aus Taiwan sowie Fahrer Faustino, der gleichzeitig auch Tour-Guide, Koch und Automechaniker war. Die Fahrt ging fast nur über Schotterstraßen oder es ging mitten durch die Pampa, dabei es gab öfter mal Motorprobleme und zwei Radwechsel.

1. Tag

Der langersehnte Trip in die Salar de Uyuni, mit etwa 12.000 Quadratkilometern soll es der größte Salzsee der Welt sein. Während der Regenzeit ist es tatsächlich ein unendlicher flacher See, die Landcruisers pflügen hindurch und sind am Ende des Tages ganz weiß vom getrockneten Salz. Kilometerlang ist die Landschaft nur blau und weiß, die Wolken werden im See reflektiert, am Horizont fließen Himmel und Erde vollkommen ineinander. Aus der Ferne wirken die Berge, die den Salzsee umgeben, als ob sie im Wasser schwimmen, wie eine Fata Morgana. Mittendrin wird das Salz in kleinen Pyramiden zum Antrocknen aufgehäuft, dann wird es auf Lastwagen in eine Raffinierie transportiert, wo es noch weiter getrocknet wird, bevor es dann in Tüten für den Verkauf abgepackt wird. Vor der Salzraffinierie waren Stände aufgebaut, wo Andenken aus Salz verkauft wurden, für die Touristen. Dann irgendwann tauchte mitten im Salzsee plötzlich eine kakteenbewachsene Insel auf, die Isla Pescado. Dort hielten wir zum Mittagessen an. Unsere Unterkunft für die erste Nacht war das Salzhotel, einige Möbel waren aus Salzblöcken und der Boden war ganz mit Salz bedeckt, wie ein dicker flauschiger Teppich.

2. Tag

Wir fuhren an verschiedenen, mit Flamingos bevölkerten Lagunen (Cañapa/Hedionda/Honda/Charcota/Ramaditas) vorbei und sahen unglaublich viel fotogene Landschaft, Bergzüge und Felsformationen, in allen vorstellbaren Farben und Formen. Das Wetter war nicht so gut, ziemlich bewölkt und windig, aber das kann vorkommen mitten in der Regenzeit. Wir sahen den berühmten Arbol de Piedra, den Steinbaum, ein Fels, der durch Winderosion die Form eines Baumes bekommen hat. Wir durchquerten die Desierto de Siloli, eine braune Wüste und hielten an einer Felsinsel, die aussah wie versteinerte Verzierungen, die mit Spritzbeutel dort hingetupft worden sind. Eigentlich hielten wir an, um Viscochas (eine Art Hase) zu sehen, aber die hatten sich alle versteckt. Der Himmel hatte sich inzwischen zu einem bedrohlichen Dunkelgrau verfinstert und in der Ferne zuckten dicke, grelle Blitze vom Himmel zur Erde, was für ein Naturspektakel. Wir fuhren noch bis zum Laguna Colorada, wo wir unser ziemlich rustikales Nachtquartier ohne fließendes Wasser hatten. Der mit unzähligen Flamingos bevölkerte Laguna Colorada heißt so, weil er wegen der darin lebenden Algen rot gefärbt ist; zusammen mit den weißen Salzbergen am Ufer und den braunen Bergzügen im Hintergrund ergab dies einen surrealen Farbkontrast

3. Tag

Wir mußten schon um vier Uhr aufstehen, denn wir hatten einen langen Tag vor uns. Es regnete etwas, und wir warteten noch eine halbe Stunde, bis wir aufbrachen. Kurze Zeit später standen wir in einer Landschaft, die wie von einem anderen Planeten schien: laut zischende Geysiere und brodelnde graue und braune Sumpfsuppen, die sulphurhaltigen Dampf ausstießen; die rote Erde war von weißem Bodenfrost überzogen und die Schwaden des Morgennebels hatten sich noch nicht verzogen. Zum Sonnenaufgang hielten wir an einem See, an dessen Ufer es natürliche Thermalquellen gab, die Teiche waren zwar flach, aber die Temperatur war gerade richtig, um seine Beine reinzustecken, oder ganz drin zu baden. Neben dem Ufer gab es dann Frühstück. Dann ging es weiter zum Laguna Verde und Vulkan Licancabur; der Laguna Verde hatte eine intensive jadegrüne Farbe, was einen schönen Kontrast zum blauen Himmel bildete. Hier war der südlichste Punkt unserer Salar de Uyuni-Tour und von nun an fuhren wir wieder in Richtung Uyuni zurück. Wir sahen noch viele weitere seltsame, durch Winderosion geschaffene Felsformationen: die Salvador Dalí Felsen und das Valle de Rocas (Felsental). Am Spätnachmittag erreichten wir das Dorf Villa Alota, wo wir unser Nachtquartier nahmen; dort gab es auch wieder eine warme Dusche

4. Tag

Es war nur noch ein halber Tag, der den Rückweg nach Uyuni weniger anstrengend machte. Kurz vor Uyuni lag der Cemeterio de los Trenes, ein Zugfriedhof, wo alte englische Dampfloks seit Jahrzehnten langsam vor sich hin rosten. Wir kehrten zurück nach Uyuni gesättigt mit den erstaunlichsten Eindrücken von Mutter Natur. Unser alter Planet Erde hat schon einiges aufzubieten. Ein unvergeßlicher Trip!

Von Bolivien nach Argentinien

16. Januar 2005. Ich verbrachte noch eine Nacht in Uyuni, der Bus nach Tupiza erst am Morgen ging. Michelle, Matt, Frances und ich aßen noch eine Pizza zusammen – übrigens die beste Pizza, die ich in Südamerika gegessen habe. Kann das Minuteman Restaurant wärmstens empfehlen.

Die anderen Mitglieder unserer Jeeptour hatten andere Wege eingeschlagen, aber Matt fuhr mit mir noch ein Stück bis nach Argentinien, wo sich unsere Wege schließlich trennten. Die Busfahrt nach Tupiza war recht mühsam, ich hatte einen ausgesprochen unbequemen Sitz in dem klapprigen Bus, und während der letzten paar Stunden ging die Fahrt über unwegsames Terrain, eine Straße als solche war teilweise kaum noch erkennbar. Der Bus quälte sich langsam über Serpentinen und durchquerte flache Flußbette, bis er endlich in Tupiza eintraf. Von der Stadt sah ich nicht viel, da ich dort nur eine Nacht blieb und schon um drei Uhr aufstehen mußte, um den Bus nach Villazon zu nehmen. In Villazon bekamen wir unsere Ausreisestempel, dann ging man einfach über die Grenze, und holte sich seinen Einreisestempel für Argentinien. Bienvenidos Republica Argentina! In La Quiaca auf der argentinischen Seite ging ein Bus nach Salta um kurz vor neun Uhr, wir mußten also gar nicht lange warten.

Zwei Monate reiste ich durch das Altiplano von Peru und Bolivien, zwei der ärmsten Länder Südamerikas. Die Armut ist allgegenwärtig und manchmal ziemlich schockierend; die Kinder, die in dieses Leben geboren werden, haben in der Regel wenig Chancen auf Besserung. Sozialversicherung ist in Lateinamerika so gut wie unbekannt, als einfacher Arbeitnehmer hier zu leben, ist ein viel größeres Risiko als in Europa. Mein Bekannter Pepe formulierte es so: Wer arbeitet, hat Geld; wer nicht arbeitet, hat kein Geld; wer korrupt ist, hat mehr Geld. Da wird einem unentwegt vor Augen gehalten, wie privilegiert man ist, in der Europäischen Union geboren zu sein.

Wenn man argentinischen Boden betritt, merkt man gleich den Unterschied zu Bolivien: der Lebensstandard in Argentinien ist viel höher. Man reist in bequemen, gut ausgestatteten Bussen auf geteerten Straßen.

Die Fahrt nach Salta dauerte etwa sieben Stunden. Auf dem Weg dorthin fuhr der Bus an einigen beliebten argentinischen Urlaubsorten vorbei, im Januar ist hier Hochsommer und damit Haupturlaubszeit, das heißt, halb Buenos Aires ist dann im Land unterwegs. Am Nachmittag traf ich endlich in Salta ein und suchte mir erstmal eine Unterkunft.

Salta, die reizende Stadt

20. Januar 2005. Salta wird in den Broschüren des Touristenbüros gerne La Linda genannt, die Reizende, denn es ist eine Stadt mit wunderbarem Klima und angenehmen Flair. Ich kam dort an mittem im argentinischen Sommer, das Wetter war heiß und trocken, wie im zentraleuropäischen Hochsommer. Nach dem rauhen Klima des Altiplanos genoß ich die sonnenwarmen Tage und lauen Nächte sehr. In den Cafes unter den schattenspendenden Arkadaden des Hauptplatzes bei der babyrose angestrichenen Kathedrale ließ es sich sehr gut aushalten.

Die erste Nacht verbrachte ich in einem überfüllten Hostel, was mir nicht besonders zusagte, doch gleich am nächsten Tag zog ich um in ein Nebengebäude des Terra Oculta Hostel, denn es wurden dort einige Betten frei. Das Hostel war in einem sehr schönen und geräumigen Haus aus der Kolonialzeit untergebracht, mit toller Küche und großem Badezimmer, und kostete genauso viel – der einzige Nachteil war der Verkehrslärm, denn genau vor dem Haus war eine stark befahrene Straße mit Bushaltestelle. Im Hostel weilten viele junge Argentinier und nur wenige Ausländer. Salta ist ein beliebtes Urlaubsziel im Land, da die schöne Umgebung ideal zum Wandern ist. Ich verbrachte meinen einwöchigen Aufenthalt in Salta nur in der Stadt selber, aß Steak, trank Rotwein und schleckte leckere Eiskrem.

In meinem Schlafsaal war auch eine Schweizerin namens Tanya untergebracht, wir verstanden uns gut und verbrachten ein paar Abende zusammen. Einmal gingen wir zu einem Restaurant in Calle Calcarce – das Zentrum des Nachtlebens von Salta, Bars und Restaurants sind dort in Hülle und Fülle vorhanden. Viele davon veranstalten regelmäßig Peña-Abende, wo argentinische Folkloremusik gespielt wird.

Ich wollte am 20. Januar in Buenos Aires sein, also kaufte ich mir zeitig eine Fahrkarte für den Coche Cama-Bus, ein bißchen Luxus mußte sein für die 22 Stunden dauernde Fahrt. Coche Cama-Busse haben wirklich breite Liegesitze mit Fußstütze. Im Fahrpreis sind Abendessen und Frühstück mit inbegriffen, außerdem gab es im Bus eine Kaffemaschine. Für die Nacht wurden sogar Decken und Kissen ausgehändigt. Dies war der bequemste Bus, mit dem ich bisher gefahren bin, und ich konnte sogar einige Stunden schlafen. Die Zeit verging im Nu und dann kamen wir auch schon in Buenos Aires an.

Buenos Aires

25. Januar 2005. Ich war wirklich gespannt auf Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens und Schauplatz vieler wichtiger Ereignisse in der Geschichte dieses Landes. Nach einigem Hin- und Herüberlegen entschied ich mich für das San Telmo Hostel. Das war eine gute Entscheidung, denn mir gefiel es sehr gut in San Telmo, ein altes Stadtviertel mit Charme, vielen Antiquitätenläden und Cafes, es erinnerte mich ein bißchen an den Marais in Paris, nur nicht so gut gepflegt.

Es gab einen kleinen Platz, Plaza Dorrego, und sonntags findet dort ein großer Antiquitätenmarkt statt – ich kaufte gleich zwei Bücher, sogar in Deutsch, eines über Literaturgeschichte und das andere über Radikale Deutsche von 1777 – 1977. In einer Ecke des Platzes gab es auch eine Tangodarbietung.

Wegen der Sommerurlaubszeit war die Stadt relativ leer, was ich als ganz angenehm empfand. Auch das Wetter war ideal mit angenehmen 30º Celsius, während nur zwei Wochen davor das Thermometer auf unterträgliche 40º geklettert war.

Im Hostel lernte ich einige gesellige Menschen kennen, darunter Sylvie aus Belgien und Sonia aus München. Am Samstag ging ich mit Sylvie und dem Schweizer Roland zum Plaza Dorrego, und danach noch in eine Bar gleich um die Ecke, wo bis um vier Uhr morgens eine Band Blues und Jazz spielte. Wir führten eine ziemliche lebhafte Unterhaltung über mehreren Flaschen Chopp, ein beliebtes argentinisches Bier.

Eines Nachmittags schlenderte ich mit Sylvie und drei Brasilianern vom Hostel zu einem Naturreservat am Ufer des Rio de la Plata, die große Flußmündung zwischen Argentinien und Uruguay. Mich überraschte, wieviel schöne grüne Zonen es vor allem am Stadtrand von Buenos Aires gibt.

Anderntags besichtigte ich nur mit Sylvie zusammen die Stadtviertel La Boca und Recoleta. La Boca wurde ursprünglich von italienischen Einwanderern besiedelt und vor allem die Straße El Caminito is berühmt für ihre bunt bemalten Wellblechhäuser. Außerhalb der Touristenzone jedoch präsentiert sich einem eine ganz andere Welt: grau, vernachlässigt und von Armut geprägt.

Recoleta dagegen ist ein bißchen vornehmer, samstags gibt es einen Kunstgewerbemarkt in dem Park vor einem großen Kunstausstellungszentrum. Daneben ist der berühmte Friedhof, auf dem die Familiengruft der Duartes liegt, wo Eva Perón begraben ist – weshalb er hauptsächlich besucht wird. Ich empfand diesen Friedhof als eher bedrückend, mir gefiel Cemetiere Lachaise in Paris besser, er hatte mehr Leichtigkeit und strahlte sogar einen gewissen Humor aus.

Das Interessante an Buenos Aires ist weniger die Architektur, aber viel mehr die Kultur und Geschichte dieser Stadt. Ich muß zugeben, daß ich kein einziges Museum besuchte, ich fand es einfach so schön in San Telmo, daß ich die meiste Zeit dort verbrachte.

Noch mal davongekommen in La Boca

26. Januar 2005. Am Samstag, dem 22. Januar 2005 spazierten Sylvie und ich in der Touristenzone von La Boca, in der glänzenden Postkartenwelt bunt bemalter Wellblechhäuser wo jede Menge Tangoszenen in Öl auf Käufer mit Dollar und Euro in den Taschen warteten, und wir dachten uns, gehen wir einfach doch mal diese Straße da lang.

Damit betraten wir eine andere Welt voll schäbiger, vernachlässigter Häuser, fast so als träte man von einem Farbfilm in einen Schwarzweißfilm; wir gingen also diese Straße entlang, drehten einmal um die Ecke und gingen eine andere Straße entlang wieder zurück. Es waren Menschen unterwegs und wir waren nur einen Block entfernt von der Touristenzone. Ein Jugendlicher kreuzte unseren Weg, er fragte uns nach der Zeit. Wir sagten, wir hätten keine Uhren, was er seltsam fand, und gingen weiter. Ein zweiter Jugendlicher kam näher und ein Sekundenbruchteil später wurde ich von dem ersten von hinten gepackt, er wollte mir meinen Rucksack entreißen. Der andere war auf Sylvies Handtasche aus. Der erste Gedanke der mir in den Kopf kam, als ich angegriffen wurde, war so laut wie möglich zu kreischen, um Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, und meine Sachen so fest wie möglich festzuhalten. Zum Glück trug ich meinen Rucksack auf der Vorderseite und hatte eine kleine Geldtasche über die linke Schulter und unter den rechten Arm geschlungen, deshalb konnte ich meine Sachen besser schützen. Sylvie rief ayuda, ayuda (Hilfe, Hilfe). Schließlich kamen einige Leute auf uns zu, woraufhin die zwei Jugendlichen endlich von uns abließen und sich aus dem Staub machten.

Wir standen ziemlich mitgenommen da, es passierte alles so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, Angst zu bekommen; im Gegenteil, im Moment des Angriffs erwachte unser Kampfgeist. Wir hatten so viel Glück, daß uns nichts gestohlen wurde. Unsere Helfer waren um unser Wohlergehen besorgt und kauften uns eine Flasche Wasser – Sylvie zog sich eine kleine Schramme zu, als sie auf den Boden fiel, aber davon abgesehen ging es uns ganz gut. Wir ließen uns noch zeigen, welche Straße wir nehmen sollten und als wir uns wieder beruhigt hatten, wollten wir nur noch weg von La Boca.

Wir versuchten später, den vielleicht nur Sekunden dauernden Zwischenfall zu rekonstruieren. Sylvie sagte mir, als der zweite Jugendliche ihre Handtasche ins Visir nahm, wußte sie, daß hier etwas im Busch war. Ein typisches Beispiel eines opportunistischen Verbrechens. Die beiden sahen uns außerhalb der Touristenzone rumlaufen, mit Taschen, und dachten an ein leichtes Spiel. Wir hatten großes Glück, nochmal davon gekommen zu sein.

Fazit: Wenn jemand von euch mal nach La Boca in Buenos Aires geht, weicht nicht ab vom sicheren Touristenpfad.

Die prächtigen Iguazú-Fälle

31. Januar 2005. Nach dem geschäftigen Treiben von Buenos Aires genoß ich die Stille des kleinen Örtchens Puerto Iguazú, das von üppiger tropischer Vegetation umgeben war. Ich wohnte dort fünf Tage in einer ruhig gelegenen Herberge nicht weit vom Busbahnhof. Nach der etwa 18-stündigen Anfahrt machte ich erst mal eine Siesta, bevor ich zu einem kleinen Spaziergang bereit war. Am Spätnachmittag schlenderte ich dann zum Hito, einem schönen Aussichtspunkt am Dreiländereck von Argentinien, Brasilien und Paraguay, dort fließen der Paraná und der Iguazú zusammen und bilden die Grenzverläufe.

Abends im Hostel quatschte ich mit einem Deutschen und einem Argentinier, wir saßen zusammen in der warmen Abendluft; schließlich vereinbarten Eduardo aus Buenos Aires und ich am nächsten Morgen zusammen die Iguazú-Fälle zu besuchen. Es gibt jeweils auf der argentinischen und auf der brasilianischen Seite der Wasserfälle einen Nationalpark, wobei der argentinische Park wesentlich größer ist und mehr Attraktionen bietet und der brasilianische Park zwar kleiner ist, aber dafür einen schönen Panormablick bietet; die beiden Parks ergänzen sich gut. Es lohnt sich, zwei oder drei Tage mit diesem erstaunlichen Naturschauspiel zu verbringen.

Das Wort Iguazú kommt aus der Sprache der Guaraní und bedeutet großes Wasser.

Ich verbrachte einen genialen Tag im argentinischen Park; die vielen Laufstege aus Metall ermöglichen es den Besuchern, die individuellen Wasserfälle aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, von oben oder unten, und manchmal hautnah. Es besteht auch die Möglichkeit, eine kleine Bootstour zu machen, wo man unter den Wasserfällen hindurchpflügt und vollkommen eingeweicht wird. Man spürt dabei die Kraft des Wassers, eine tolles Erlebnis.

Einer der Fälle wird Garganta del Diablo genannt, Teufelsschlund, und er ist einer der Mächtigsten. Die gigantischen, unablässig in die Tiefe stürzenden Wassermengen erzeugen eine permanente Wolke aus weißem Wassernebel und das Tosen übertönt alles andere. Über einigen Wasserfällen schwebt permanent ein Regenbogen.

Diese Landschaft ist auch mit einer reichen Artenvielfalt gesegnet: es gibt es über 500 Schmetterlingsarten im Park – und ich habe davon mindestens 20 gesehen, Vögel, Reptilien, Spinnen und Coatis (die ein bißchen wie Dachse aussehen).

Es war auch an der Zeit, meine Anreise nach Salvador da Bahia zu organisieren, denn ich wollte dort rechtzeitig zum Karnival ankommen. Ich entschloß ich schließlich, per Flugzeug von Foz do Iguazú nach Bahia zu reisen (mit Zwischenstopps in Sao Paulo und Brasilia).

Schön ausgeruht war ich nach dieser Woche und brannte darauf, den Straßenkarnival von Bahia zu erleben.

Tanzen bis zum Umfallen im Karnival von Salvador da Bahia

10. Februar 2005. Ich kam voller Vorfreude am Abend des 31. Januar 2005 in Salvador da Bahia an – der Karnival lag schon in der Luft. Schon im Dezember hatte ich ein Zimmer im Nega Maluca reserviert. Die Herberge liegt in dem ruhigen Stadtteil Santo Antonio, ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der Stadt und nur fünf Gehminuten vom Pelourinho entfernt, dem historischen Zentrum Salvadors. Santo Antonio und der Pelourinho wurden im portugiesichen Barock erbaut, die Gebäude sind wunderschön in all ihrer dekorativen Pracht, aber viele sind in schlimmem Zustand. Eine passende Beschreibung dieses Ortes wäre ‚eine glorreiche Ruine‘.

Erst Anfang der 90er Jahre begann ein umfassendes Renovierungsprogramm, das von der Provinzregierung Bahia und UNESCO finanziert ist. Der Pelourinho ist seitdem zwar viel touristischer geworder, aber anscheinend auch sicherer. In Santo Antonio wurden einige Häuser von Europäern aufgekauft und in modern-elegante Hotels und Pensionen umgewandelt, aber dazwischen stehen immer noch viele Häuser, die man im Laufe der Jahre stark verkommen ließ. Die Nachbarhäuser des Nega Maluca sind ein gutes Beispiel dafür: von dem einen stehen nur noch ein paar Mauern und die Natur hat sich dieses Stück Erde wieder zurückerobert, bei dem anderen bröckeln die Mauern langsam weg, obwohl dort jemand wohnt.

Salvador da Bahia wird oft Exilafrika genannt, denn die meisten der nach Südamerika verschifften afrikanischen Sklaven sind hier gelandet, und damit eben auch ihre Kultur, ihre Musik, ihre Kunst, ihre Sprachen, ihre Religionen und ihr Essen. Dieser Ort steht in großem Gegensatz zu dem, was ich bisher in Lateinamerika gesehen habe.

Doch ich schweife ab, ich wollte ja vom Karnival erzählen…

Zur Karnivalswoche war die Herberge vollkommen ausgebucht, außerdem wurde ein Teil der Dachterasse in einen extra Schlafsaal verwandelt. Die Besitzer ließen T-Shirts eigens für die Karnivalsgäste herstellen: in grellem Orange mit dem Aufdruck 100% Maluca (bzw. Maluco für die Jungs), also 100 % verrückt. Am ersten Tag des Karnivals gingen wir alle zusammen zum Barra-Viertel und jeder hatte dieses T-Shirt an, es war sehr praktisch, um uns in den feiernden Menschenmassen wieder zu finden – und wir zogen einige seltsame Blicke auf uns.

Der Karnival in Bahia ist ein richtiger Straßenkarnival, wo die aktive Teilnahme der Feiernden im Vordergrund steht, schätzungsweise zwei Millionen Menschen tanzen auf den Straßen der Stadt. Es gibt drei große Umzugsrouten: Circuito Osmar zwischen Campo Grande und Avenida, Circuito Dodô zwischen Barra und Ondina und Circuito Batatinha im historischen Zentrum, d.h. Pelourinho. Es gibt daneben auch viele Veranstaltungen in den Vororten.

Die Hauptattraktion auf den Umzugsrouten Campo Grande und Barra sind die Trios Elétricos, riesige 12m lange Trucks mit eingebautem Soundsystem, die im Schneckentempo durch die Straßen ziehen. Auf dem Truck ist ein Podium, auf der ein Bloco (Band) spielt. Ein kleines Stück hinter dem Soundtruck fährt ein zweiter Truck mit Bar und Toiletten an Board. Ein großzügiger Bereich um diese beiden Trucks wird mit Hilfe eines von einem Sicherheitspersonalheer gehaltenen Seils abgeschirmt. Dieser Bereich wird Abadá genannt und bietet einen sichereren Tanzbereich für dessen Mitglieder, die durch ein bestimmtes T-Shirt oder Kostüm erkennbar sind.

Viele dieser Trios Elétricos spielen Axé, eine schneller und ansteckender Samba-Reggae Rhythmus, der in Bahia entstanden ist. Andere Blocos spielen mehr Popmusik und wieder andere begeistern mit afrikanischen Trommelrhythmen. Doch jedes Jahr gibt es eine Anzahl von beliebten Karnival-Hits, die von fast allen Blocos gespielt werden. Nach einigen Tagen hatte ich diese Lieder so oft gehört, daß ich sie nicht mehr aus meinem Kopf bekam.

Am Donnerstagabend bekamen wir einen Vorgeschmack von dem, was die nächsten Tage auf uns zukommen sollte, doch zunächst gefiel mir die Musik nicht so gut, fast zu kitschig für meinen Geschmack.

Ab Freitag wurde es aber viel besser. Während der Karnivalswoche gab es in der Herberge kein Frühstück, da das normale Leben nicht stattfand, so ging ich in das Restaurant um die Ecke zum Brunch. Ich saß gerade beim Essen, als ich zwei Bekannte aus Brighton durch die Tür hereinkommen sah, Andrew und Will, ein unglaublicher Zufall. Wir quatschten eine Weile und vereinbarten, später gemeinsam runter nach Barra zu gehen. Ich wollte schon relativ früh dort sein, um zwei der bekannteren Blocos zu sehen und hören: Chiclete com Banana und Timbalada. Wir waren am Spätnachmittag dort, zur rechten Zeit, um einen schönen Sonnenuntergang zu bewundern, denn Barra liegt direkt am Strand. Die Ankunft des nächsten Trio Elétrico wurde jeweils von riesigen, mit den Logos der Sponsoren bedruckten Luftballons angekündigt, dahinter folgte eine ungeheuere Welle tanzender Menschen innerhalb und außerhalb des Abadá. Dann ging jedesmal das große Drücken und Schieben los, manchmal wurde es fast aggressiv, deshalb war es ratsam, in der Einmündung zu einer Nebenstraße zu stehen, damit man einen Fluchtweg hatte.

Wie schon am Abend zuvor hing ein Junge names Vinicius an der selben Stelle auf der Straße rum, er war vielleicht 12 Jahre alt und allein. Solange wir dort waren, war er bei uns und schmeichelte sich bei jedem ein; ich fand es ganz schön erstaunlich, wie unschuldig-kokett er sich mit uns Frauen verhielt, ständig warf er uns Kußhände zu. Wir wollten ihn ein bißchen auf die Probe stellen, und Hip – ein Spanier, der Portugiesisch konnte – fragte ihn über seine Familie und die Schule aus, aber die Antworten waren recht vage. Wenigstens schien er ein Heim zu haben.

Etwas später gingen wir zum Pelourinho, um zu sehen was dort los war; dort fuhr gerade der Truck von Olodum vorbei und wir folgten ihm. Olodum ist einer der berühmtesten Afro Blocos Bahias, dieses Jahr waren seine Trommler als Ägypter verkleidet. Sie gingen auf der Straße, während die Sänger auf dem Podium des relativ kleinen Trucks zum hypnotischen Schlag der großen Basstrommeln ihre Gesänge zum Besten gaben. Ich tanzte außerhalb des Abadá und irgendwann verlor ich die anderen in der Menge, ich ging vollkommen im Rhythmus auf, war davon total elektrisiert. Die Olodum-Fans waren hauptsächlich Afro-Bahianer und ganz schön energiegeladen. Ich trug einen kurzen beigefarbenen Rock mit großen Taschen vorne und ich weiß nicht mehr wie oft ich darin fremde Hände spürte. Mein Geld war jedenfalls sicher in einem Geldgürtel aufgehoben. Irgendwann mal machte ich Augenkontakt mit einem Typen und wir flirteten und tanzten nebeneinander her. Dies ging so etwa zwei Stunden lang und auf einmal stellte ich fest, daß ich seit ungefähr acht Stunden feierte und fühlte erste Erschöpfungserscheinungen. Auf der 7 de Septembro Straße bog ich in eine kleine vollbepackte Seitenstraße ein, und wurde einige Sekunden lang rumgestoßen und -geschoben – es gab einen Kampf in der Nähe, aber die Polizei war gleich zur Stelle und führte einen stark erregten, blutenden Mann weg. Jetzt hatte ich wirklich genug und wollte nur noch zurück ins Hostel. Ich fand meinen Begleiter wieder und war auch froh darüber, denn ich wollte nicht unbedingt allein zum Taxistand gehen.

Als eine einigermaßen attraktive blonde Frau die offensichtlich Ausländerin ist, wird man unwillkürlich Zielscheibe männlicher Aufmerksamkeit, vor allem während des Karnivals, und da stehe ich natürlich nicht alleine da. Die Männer sind wirklich direkt, sie verschlingen einen fast mit ihren Blicken, ganz zu schweigen von den verbalen Kommentaren, die ich natürlich nicht immer verstehen konnte. Was ich schon verstehen konnte ist „Você linda“, in etwa, „Du bist süß“. Sogar leichte Berührungen sind normal, wenn man auf der Straße geht, wird man am Handgelenk, an der Taille und im Haar angefaßt. Manchmal muß man aufpassen, daß man nicht abgeknutscht wird. Ich freue mich schon über ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, aber dies ist wirklich zuviel des Guten.

Am Samstagabend ging ich mit einigen Leuten vom Hostel zur Cerveja & Cia Camarote. Wir alle bekamen diese tollen orangefarbenen T-Shirts im Stil eines Muskelshirts für Männer, weshalb viele Frauen es abänderten, um damit sexier auszusehen. Eine Camarote ist eine große Tribüne an der Umzugsroute mit einem von der Straße abgeschirmten Bereich in dem sich Sofas, Disco, Bars und saubere Toiletten befinden, was als solches ganz angenehm ist, aber die Stimmung des Straßenkarnivals damit auch vollkommen verloren gehen läßt. So ging ich dann auch mehrmals runter auf die Straße, um zu den heißen Rhythmen von Blocos wie Timbalada und Carlinhos Brown zu tanzen.

Sonntag und Dienstag ging ich nur zum Pelourinho, dort war zwar auch viel los, aber alles in überschaubarerem Rahmen, mit kleineren Blocos und Perkussions-Gruppen, viele davon trugen afrikanische Stammestrachten. Sonntagnachmittag vor allem war ein richtiger Familientag, viele kostümierte Gruppen zogen durch die engen Gassen und um die kleinen Plätze der Altstadt.

Jeder Abend verging im Nu, und bevor man sich umsah, lichtete sich schon der Nachthimmel, um einen neuen Tag zu begrüßen. Am Dienstag regnete es fast den ganzen Tag lang und hörte erst gegen Abend zu auf. Irgendwann nachts gab es einen kurzen tropischen Regenschauer, aber wir tanzten einfach weiter. Ich überlegte, ob ich durchmachen sollte – am Karnivalsdienstag spielen die Blocos einfach bis in den nächsten Tag hinein – aber dann fing es wieder zu regnen an und ich war einfach zu müde vom vielen Feiern.

Ich muß sagen, der Karnival von Salvador da Bahia war eine Wahnsinnsparty.

Portugiesischstunden, Gespräche über Jesus, und Orixás

13. Februar 2005. Die meisten Gäste des Nega Maluca fuhren gleich nach dem Ende des Karnivals ab, aber ich blieb noch eine Weile, da ich noch einiges vorhatte und außerdem Portugiesisch lernen wollte. Abgesehen davon bekam ich auch eine Erkältung, eine Nachwirkung des vielen Feierns.

Das Hostel setzte mich mit einer Sprachlehrerin in Verbindung, und am Donnerstag ging ich zu meiner ersten Portugiesischstunde bei Tania. Sie war als Person wirklich liebenswürding und spontan, als Lehrerin aber manchmal zu unstrukturiert, sie schweifte immer wieder ab und erzählte dann oft von ihrer Familie oder Jesus – sie glaubt fest daran, daß Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Während meiner ersten Stunde erwähnte ich, daß ich gerne mal Feijoada probieren würde (das Nationalgericht Brasiliens), deswegen schlug sie vor, doch am Freitag nach der Stunde zusammen in ein sehr günstiges Restaurant zu gehen, was wir dann auch machten. Wir setzten uns an einen Tisch auf der Straße, das Essen war zwar kein richtiges Feijoada, aber enthielt auch Bohnen, Fleisch und Reis. Als wir beim Restaurant ankamen, erkannte Tania einen Mann, ein verheirateter Anwalt im fortgeschrittenen Alter, eigentlich ziemlich hässlich, und ein Weiberheld. Sie erzählte mir, wie er ihr einmal Avancen machten, aber als gute Christin blieb sie natürlich standhaft und wies ihn ab, weil er verheiratet war. An diesem Abend war er von einer attraktiven jungen Frau begleitet…was Geld nicht alles bewirkt. Dann sprach Tania von der Kirche und Gott; ich hörte eine Zeit lang zu und erwiderte schulterzuckend, ich wüßte nicht, ob es einen Gott gibt.

Am Samstagabend besuchte ich eine Candomblé-Zeremonie. Candomblé ist eine uralte afrikanische Religion und wurde von Sklaven nach Bahia gebracht, wo sie unter dem Mantel des Katholizismus weiterhin praktiziert wurde. Wir wurden in einem Minibus zur Candomblé-Gemeinde (Terreira) gebracht, wo die Zeremonie in einem eher unscheinbaren Gebäude stattfand. In der Zeremonie werden unterschiedliche Orixás (Gottheiten) angebetet, an diesem Abend waren Ogum, der Kriegsgott, und Oxossi, der Jagdgott, dran. Frauen und Männer sitzen dabei grundsätzlich voneinander getrennt.

Einige Männer trommelten und sangen und etwa zehn in weißbestickte Blusen und weite Petticoatröcke gekleidete Frauen tanzten um eine quadratische Säule in der Mitte des Raumes, an die auf jeder Seite ein Stuhl gelehnt war, bis sie nacheinander in eine Trance fielen, wobei sich ihre Gesichter verzerrten. Dies bedeutete, daß die Orixás von ihnen Besitz ergriffen hatten. Wann immer die tanzenden Frauen sich den Besucherbänken näherten, hoben die in der ersten Reihe sitzenden Menschen die Hände, um die Geister abzuwehren – angeblich lassen sie Touristen aber in Ruhe. Wir blieben etwa zwei Stunden, aber die Zeremonie ging noch stundenlang so weiter. Das Ganze schien seltsam und andersartig, und ich weiß eigentlich nicht genug über diese Religion, um mir darüber ein Urteil zu erlauben.

Wet’n Wilde mit Timbalada

17. Februar 2005. Am Sonntag nach dem Karnival fand ein Livekonzert von Timbalada statt, eine der bekanntesten und innovativsten Perkussionsgruppen Bahias. Der Veranstaltungsort war Wet’n Wilde, eine Freizeitbadeanlage in Stadtnähe. Laut der offiziellen Angaben sollte das Konzert um fünf Uhr nachmittags beginnen, deshalb kam ich frühzeitig dort an, um meine Eintrittskarte zu kaufen. Am Eingang saßen etwa 30 junge Männer auf dem Boden und ich fragte mich, ob sie Fans waren, aber eine kleine Weile später standen sie plötzlich alle auf, marschierten auf den Parkplatz und stellten sich in Reih und Glied auf, als ob sie auf etwas warteten. Ich fragte das neben mir stehende Mädchen, ob sie wüsste, welchem Zweck das Ganze denn diente. Sie erklärte mir, die Männer seien Sicherheitspersonal und warteten auf die Aushändigung ihrer Ausrüstung. Auf diese Weise kam ich mit Nena, denn das war ihr Name, ins Gespräch. Sie sprach überhaupt kein Englisch und mein Portugiesischvokabular war noch recht begrenzt, aber ich konnte einiges auf Grund meiner recht guten Spanischkenntnisse erraten. Brasilianer scheinen schnell neue Freundschaften zu schließen und innerhalb von fünf Minuten war es, als wäre ich ihre neue beste Freundin. Wir quatschten hauptsächlich über Männer und Timbalada, ihr derzeitiger Liebhaber war nämlich ein Trommler in der Band und sie wollte ihn nach dem Konzert treffen. Später trafen ihre schwulen Freunde ein und ich wurde ihnen vorgestellt. Obwohl ich anfangs allein hierher kam, war ich inzwischen in äußerst unterhaltsamer Gesellschaft.

Mittlerweile waren auch viel mehr Fans eingetroffen, es war jetzt sieben Uhr abends und das Konzert begann endlich – zwei Stunden nach der offiziellen Zeit. Ich fand das Konzert dann auch total super; Timbalada ist eine fantastische Liveband, berühmt für ihre innovative Musik und ihr exzentrisches Auftreten – alle Bandmitglieder sind Afro-Brasilianer und ihre nackten Oberkörper sind mit weissen Ethnomalereien geschmückt, was ziemlich sexy aussieht. Irgendwann mal tanzte ich mit einem gutaussehenden Bahianer, der ein ausgesprochen guter Tänzer war, einer von denen mit Gummi in den Hüften. Wie so viele Typen hier war er Capoeira-Lehrer und Perkussionspieler. Nena hat währenddessen mit einem anderen Typen geknutscht, als das Konzert zu Ende war, hat sie aber wieder nach ihrem Timbalada-Mann Ausschau gehalten. Ich bekam eine Mitfahrgelegenheit zurück nach Salvador mit meinem Tänzer, Regi, und seinen drei Kumpels. Doch sie wollten noch in eine Disco in dem Aeroclube Einkaufszentrum, ich aber hatte genug Unterhaltung für heute, außerdem fühlte ich einen entzündeten Hals im Kommen und nahm ein Taxi zurück zum Hostel. Am nächsten Morgen wachte dich dann auch mit einem schlimmen Husten auf. Die Rache des Karnivals, oder so. Diese Woche ließ ich es deshalb eher ruhig angehen, ging zu meinen Portugiesischstunden, machte meine Hausaufgaben und lebte zufrieden vor mich hin.

Und noch mehr Livemusik

19. Februar 2005. Im Pelourinho gibt es ständig irgendwo Livemusik und am Freitag konnte ich einige der Neuankömmlinge im Hostel dazu überreden, ein Konzert von Didá, eine nur aus Frauen bestehende Perkussiongruppe, zu besuchen; diese Gruppe übt jeden Freitag auf dem Tereza Batista-Platz. Mittlerweile waren mir einige der Lieder schon vertraut und riefen Erinnerungen an den Karnival wach.

Vor der Bühne tanzten einige Mädchen nach einer Choreographie, die sie offensichtlich schon vorher eingeübt hatten, sie waren kaum im Teenageralter und trugen knappe Röcke. Vielleicht waren sie die Schwestern und Töchter der Musikerinnen von Didá. Mich erstaunte, mit welchem Selbstvertrauen und Können diese Mädchen sich bewegten, als wäre es für sie die natürlichste Sache der Welt.

Einige Tage in Olinda

24. Februar 2005. Irgendwann ging mein Sprachkurs zu Ende, und am Montag, dem 21. Februar fuhr ich mit dem Nachtbus nach Recife in der Provinz Pernambuco. Vom Busbahnhof fuhr ich mit der Metro in das Zentrum von Recife, und von dort mit dem Bus nach Olinda. Dort verbrachte ich drei Nächte in der sehr angenehmen Pousada d’Olinda.

Olinda ist eine charmante Kolonialstadt mit pastellfarbenen Gebäuden, Kopfsteinpflaster und schönen Ausblicken auf den blauen Ozean, der Nachbar Recife hingegen ist eine urbane Metropole mit modernen Hochhäusern. Es gibt jedoch einen schönen Platz im historischen Stadtkern von Recife, auf dem regelmäßig Livemusikveranstaltungen stattfinden, wie beispielsweise Terça Negra (Schwarzer Dienstag), wo verschiedene Gruppen afrikanische Musik spielen. Ich ging mit einigen anderen Gästen der Pousada auch dorthin. Auf dem von einer bunten Mischung Einheimischer und Touristen bevölkerten Platz spielte eine Gruppe Afoxé-Musik, eine sehr rhythmische Perkussionsmusik, die zum Tanzen einlud. Rauchschwaden von Marihuanazigaretten zogen den ganzen Abend lang über den Platz. Nachdem die Musik zu Ende war, gab es eine spontane Capoeira-Darbietung, der wir noch eine Zeit lang zuschauten, bevor wir uns auf den Nachhauseweg machten.

Da um diese Zeit keine Busse mehr fuhren, mussten wir zwei Taxis nehmen, das brasilianische Mädchen in unserer Gruppe handelte dafür einen Preis aus. Unser Taxifahrer hatte vielleicht ein Drittel der Fahrstrecke zurückgelegt, als sein Auto eine Panne hatte; alle Versuche des Fahrers, es wieder zum Laufen zu bringen, waren umsonst. Dann stiegen wir alle aus, und genau in dem Moment fing es zu regnen an, wir stöhnten bloß. Doch glücklicherweise konnten wir kurz darauf ein anderes Taxi anhalten; uns tat der Taxifahrer leid, der sein Fahrzeug irgendwie in eine Reparaturwerkstatt bringen musste und in dieses Nacht nichts mehr verdienen würde.

Am nächsten Nachmittag machte ich eine Tour von Olinda. Es gibt dort offizielle Stadtführer, die alle mal Straßenkinder waren, die Hälfte ihrer Einnahmen fließen einem Projekt zu, das solchen Straßenkindern ein Dach über dem Kopf und eine Ausbildung bietet. Mein Guide konnte einigermaßen gut Englisch und er erzählte mir ein bißchen von der Stadtgeschichte und der Bedeutung der Gebäude. So habe ich erfahren, dass die holländischen Kirchen zwei Türme, die portugiesischen Kirchen aber nur einen Turm haben, denn die Holländer hatten schlicht mehr Geld. Die Holländer hatten für kurze Zeit einige Gebiete im Nordosten Brasiliens erobert, aus wirtschaftlichem Interesse an den Zuckerrohrfeldern.

Auf dem Alto da Sé (Kathedralshöhe) stand ein Kiosk, vor dem sich grüne und orangefarbene Kokosnüsse auftürmten, und auf einer Seite der Verkaufstheke waren kleine Flaschen, auf deren Etiketten erotische Szenen abgebildet waren. Während ich das süße Wasser einer orangefarbenen Kokosnuss genußvoll trank, erklärte mein Guide, dass das Getränk in diesen Flaschen das originale Viagra Olindas sei, genannt Pau do Indio (pau bedeutet Stock und hat im Portugiesischen auch noch eine andere Bedeutung, die leicht zu erraten ist) und besonders beliebt ist während der Karnivalszeit.

Nackte Haut und lange Reisen

28. Februar 2005. Ich wollte jetzt unbedingt ein bißchen Strandurlaub machen, irgendwie gefiel mir die Beschreibung von Tambaba in meinem Reiseführer, und ich entschloß mich, dorthin zu fahren. Gewöhnlich sind solche Orte, die im Footprint in den kleinen Absätzen erwähnt sind – ohne detaillierte Anreiseinformationen – etwas abseits vom ausgetretenen Rucksackurlauberpfad. Tambaba liegt in der Provinz Paraíba und war einer der ersten offiziellen FKK-Strände in Brasilien, und wie alle anderen dort gibt es strikte Verhaltensregeln: so sind nur Paare und unbegleitete Frauen erlaubt, keine Männer ohne Frauen. So ist das leider Jungs!

Ich fuhr mit dem Bus von Recife nach João Pessoa, dann noch mit einem Nahverkehrsbus nach Jacumã, eine Kleinstadt am Meer. Ich fragte den Busfahrer, ob von dort ein anderer Bus nach Tambaba führe. Er meinte Ja. In Jacumã nahm er mich bei der Hand und zeigte mir, wo ich auf diesen Bus warten müsste, und bat eine Frau, die zufällig vorbei ging, sich um mich zu kümmern. Und das machte sie sehr gut. Zélia, eine ortsansässige Künstlerin, setzte sich mit mir auf eine Bank zwischen dem Kiosk und einem öffentlichen Fernsprecher und erklärte mir, dieser Bus würde erst bei Dämmerung vorbeikommen und auch nicht ganz bis nach Tambaba fahren. Also war dies keine gute Lösung. Am Ort gab es auch kein Taxi, aber Zélia kannte einige Leute mit Auto, die sich manchmal als Taxifahrer zur Verfügung stellten, und rief sie sogar an. Schließlich fand sich ein älterer Brasilianer namens Walter, der mich in seinem VW Buggy nach Tambaba fuhr, gegen ein Entgelt. Wir mußten am Strand entlang laufen, die erste Bucht durchqueren, bis wir in der zweiten Bucht ankamen, unserem Zielort. Es gab dort nur eine Unterkunftsmöglichkeit, und glücklicherweise war ein Zimmer frei. Dieser Ort war wirklich weg vom Schuss, und keine anderen Backpacker in Sicht.

Der Hotelinhaber, Kleber, hat die Cabañas erst in den letzten zehn Jahren gebaut. Die Anlage ist direkt am Strand, mit einer rustikalen Atmosphäre. Abgesehen von Essen, Schlafen und sich am Strand entspannen gibt es hier nicht viel zu tun. Das Meer eignet sich auf Grund der starken Wellen nicht gut zum Schwimmen. Die einzige andere alleinreisende Frau hier war Nancy aus Vancouver, aber wohnhaft in Chile, abgesehen davon waren nur Paare da. Nancy war schon einige Tage in Tambaba und sie konnte mir deshalb den interessanten Klatsch über die anderen Gäste erzälen. Sie war ein richtiger Freigeist und erzählte freimütig von dem Auf und Ab ihres Lebens; wir saßen gern zusammen, quatschten und spielten Scrabble.

Leider war ich am ersten Tag etwas unvorsichtig und holte mir einen heftigen Sonnenbrand an den weißen Stellen auf meinem Körper, sehr unangenehm, wenn man versucht, auf dem Rücken zu schlafen. Übrigens war ich das erste Mal in meinem Leben an einem FKK-Strand und fühlte mich zunächst etwas befangen, doch schon nach kurzer Zeit empfand ich das Nacktsein als sehr befreiend. Ich wäre gern länger geblieben, doch das hätte mein Budget zu sehr gesprengt, also reiste ich bald weiter.

Ich fuhr zusammen mit Nancy zurück nach João Pessoa, es war genauso schwierig, von Tambaba wegzukommen, als zuerst dort hinzufinden. Wir wollten ein Taxi rufen, aber es gab keine Telefonverbindung und Kleber hatte an diesem Morgen das einzig im Hotel existierende Handy mit in die Stadt genommen. Ein französisches Paar war so freundlich, mit ihrem Handy ein Taxi zu rufen, es bedurfte mehrerer Versuche jemanden zu erreichen. Doch wir hatten inzwischen eine Mitfahrgelegenheit nach Jacumã mit zwei Verkaufsvertretern von Ferrero bekommen, von dort konnten wir dann den Bus nach João Pessoa nehmen. Die Fahrt war extrem holprig und schien ewig zu dauern, wir waren kaum auf der Hauptstraße, als der Bus eine Panne hatte und neben einer Tankstelle lieben blieb. Alle Passagiere mußten aussteigen und sich in einen anderen Bus quetschen. Das letzte Stück dauerte zum Glück dann nicht mehr lange und als wir am Busbahnhof ankamen, verabschiedete ich mich von Nancy.

Eine geruhsame Woche in Jericoacoara

8. März 2005. Ich musste in João Pessoa noch etwa sechs Stunden bis zur Abfahrt des Nachtbuses nach Fortaleza warten; dort angekommen musste ich noch weitere vier Stunden warten, denn der Bus nach Jericoacoara fuhr erst um halb elf Uhr ab. Die Fahrtzeit dauerte sechs Stunden und da die letzten 15 km nur noch Sandpiste waren, musste man den bequemen Reisebus mit einem robusten Allradgefährt tauschen, damit man überhaupt vorwärts kam.

So hatte man dann auch ein Gefühl der Abgeschiedenheit in Jericoacoara, meistens kurz Jeri genannt, mit seinem wunderschönen Strand, gleichermassen beliebt bei Brasilianern und Ausländern. Im Ort selber waren eine Menge Pensionen, man hatte die Qual der Wahl. Ich landete schließlich im Por do Sol auf der Ostseite von Jeri, man konnte von dessen Terasse aus sogar das Meer sehen. Es war eine kleine, gemütliche Familienpension, wo es mir sehr gut gefiel. Nach fast 30 Stunden on the road wollte ich vor allem schlafen, mich entspannen und nichts tun, und Jeri war der ideale Ort dafür.

Im Por do Sol waren auch drei junge Studenten aus Rio de Janeiro auf Urlaub: Thiago, Alex und Maria Ana. Mit ihnen freundete ich mich an. Thiago war der Einzige, der ein bisschen Englisch konnte, also war dies eine gute Gelegenheit, meine Portugiesischkenntnisse zu verbessern, wobei man meinen Kauderwelsch eher als Portospanisch bezeichnen konnte.

Es ist in Jeri schon lange Tradition unter den Touristen, von der riesigen Sanddüne auf der Ostseite des Ortes den Sonnenuntergang zu betrachten und danach unten am Strand einer Capoeira-Darbietung zuzuschauen. Einmal ging ich mit Thiago auf die Sanddüne, und genau an dem Tag war der Sonnenuntergang einfach perfekt, an den meisten anderen Tagen schoben sich nämlich einige freche Wolken vor den rot glühenden Sonnenball. Das andere Erstaunliche an Jeri war der Nachthimmel, wie ein schützendes Dach voller hellglitzernder Sterne. Sogar eine Sternschnuppe sah ich eines Nachts. Auf diese Weise verbrachte ich eine wunderschöne Woche in Jericoacoara und war am Ende herrlich entspannt.

Auf den Spuren deutscher Einwanderer in Brasilien – in Joinville

13. März 2005. Ich fuhr mit dem Nachtbus von Jericoacoara nach Fortaleza, um den ersten Flug nach Joinville in der Provinz Santa Catarina zu nehmen. Joinville liegt ziemlich weit im Süden von Brasilien, und das Flugzeug legte Zwischenstopps in Brasilia und São Paulo ein, also kam ich dort erst am Nachmittag des 9. März an. Zufälligerweise war dies auch der Jahrestag der Stadtgründung und somit ein Feiertag.

Die Stadtgeschichte beginnt mit einer Hochzeit zwischen der brasilianischen Kaiserfamilie und dem französichen Königshaus. Im Jahr 1843 schenkte der Prinz von Joinville der Prinzessin Francisca Carolina, Schwester des brasilianischen Kaisers Dom Pedro II, ein Grundstück, und im Jahr 1851 kamen die ersten deutschen und schweizer Einwanderer, später auch Norweger, und gründeten die Kolonie Doña Francisca, die später in Joinville umbenannt wurde. Heutzutage ist die Stadt ein wichtiges Industriezentrum mit hohem Lebensstandard, fast ein bißchen deutsch. Was bei der Ankunft auf dem Flughafen sofort ins Auge fällt, ist die Tatsache, dass alle Hinweisschilder auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch verfasst wurden. Ich stieg im Hotel Mattes ab, ein gutes Budgethotel, sehr zentral gelegen und mit super Frühstücksbuffet.

Am nächsten Tag ging ich erst mal ein wenig in der Innenstadt spazieren, und besuchte das Museu Nacional de Imigração e Colonização (Museum der Einwanderungs- und Kolonisierungsgeschichte), das Austellungsstücke über die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekte im Leben der ersten Einwanderer beherbergt. Natürlich brachten die Deutschen ihre Traditionen nach Brasilien mit, wie beispielsweise der Schützenverein und die freiwillige Feuerwehr sowie ihre Architektur. Am darauffolgenden Tag ging ich zum Cemeterio das Imigrantes (Einwandererfriedhof) wo die Grabesinschriften durchweg deutsche Familiennamen aufzeigen. Ich unterhielt mich ein wenig mit der sehr freundlichen, perfekt deutsch sprechenden Dame im Haus des Deutschen Kulturvereins, sie verwies mich an einen älteren Herrn oben auf dem Friedhof, der mir natürlich gerne von der Geschichte der Einwanderung in Joinville erzählen würde. Diese Einwanderer kamen hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen, sie begaben sich mit Kind und Kegel, einschließlich ihres Viehs, auf die etwa drei Monate dauernde Überfahrt von Hamburg nach Brasilien. Diese Menschen sahen für sich wohl keine Zukunft in Deutschland und den anderen europäischen Ländern aus denen sie stammten und die sie meist für immer verließen.

Der Grund für meinen Besuch in Joinville waren meine Freundinnen Catia und Larissa, die ich durch meinen alten Arbeitgeber, B&W, kannte; sie arbeiteten beim brasilianischen Importeur Sommaior. Ich hatte die beiden noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, und ich freute mich schon, sie einmal persönlich kennenzulernen. Larissa arbeitete inzwischen bei einer anderen Firma, ihre Urgroßeltern kamen alle aus Europa und ihre Familie spricht immer noch Deutsch, sie genoß es sehr, mal wieder in der Sprache ihrer Vorfahren zu quatschen. Vor einigen Jahren war sie als Au-pair am Bodensee, da konnten wir natürlich über viele Orte reden, die uns beiden bekannt waren. Die Welt ist manchmal klein!

Es wurde vereinbart, einige Ausflüge an die Küste zu machen – am Samstag mit Larissa und am Sonntag mit Catia und ihrer kleinen Familie. Praktisch jede Familie in Joinville hat ein Strandhaus oder zumindest ein Apartment in Strandnähe. Die Menschen verbringen dort ihre Sommerwochenenden und Ferienzeiten. Larissa und ich besuchten São Francisco do Sul, eine der ältesten Hafenstädte Brasiliens, und ruhten uns an einem netten Strand aus, Prainha, wo alte Familienfreunde von ihr ein kleines Haus haben. Und sie alle sprachen ebenfalls perfekt Deutsch. Wir blieben dort eine kleine Weile, dann stürzten wir uns in einige tolle Wellen unten am Strand. Prainha ist sehr beliebt bei Surfern und als wir dort waren, fand gerade ein Surfwettbewerb statt. Patricia führte uns zu einem guten Aussichtspunkt auf einem Hügel, um dorthinzukommen mußte man über einige steile Felsen klettern, natürlich auf die elegante brasilianische Art in Slingsandalen.

Am Sonntag machte ich einen Ausflug mit Catia, ihrem Ehemann Paulo und Sohn William; ihnen gehört ein Strandhaus in Itapema, eine Ansammlung von nicht zu großen Apartmentblocks und Ferienhäusern, die sich in eine kleine Bucht schmiegen, malerisch eingerahmt von bewaldeten Hängen. Wir aßen zu Mittag in ihrem italienischen Lieblingsrestaurant in Balneário Camboriu, ein sehr beliebter Urlaubsort in der Gegend; in der Hauptsaison stehen die Autos wohl Stoßstange and Stoßstange im Stau. Jetzt aber war die Urlaubssaison schon vorbei, daher war es auch ruhiger; außerdem war der Tag ziemlich grau und später regnete es.

São Thomé das Letras

21. März 2005. In Joinville selber gab es nicht mehr viel zu tun, jeder ging am Montag wieder zur Arbeit und ich reiste weiter, nach São Thomé das Letras in der Provinz Minas Gerais. Ich verbrachte den Nachmittag noch in Curitiba, wollte mir diese Stadt einfach mal ansehen, und von dort fuhr ich mit dem Nachtbus nach São Paulo, wartete noch einige Stunden auf dem riesigen Busbahnhof und fuhr dann weiter nach Três Coraçoes – übrigens der Geburtsort von Pele – von wo es dann nur noch eine relativ kurze Fahrt zu meinem Zielort war.

São Thomé das Letras ist ein kleines Dorf mit einem grossen Steinbruch, das auf einer der höchsten Erhebungen Brasiliens trohnt, mitten in einer bezaubernd schönen Landschaft voll saftiger, grüner Hügel. Auf Grund der Höhenlage von 1430 m ist das Klima auch sehr angenehm, nicht zu heiß. Meine Neugierde auf diesen Ort wurde hauptsächlich durch einen Artikel in der Zeitung Correio da Bahia geweckt, außerdem wollte ich auch einmal das Landesinnere Brasiliens sehen. Nach verschiedenen Theorien von Esoterikern, New Age Typen und Hippies soll São Thomé das Letras ein Ort mit besonderen Energien sein, einer der sieben Energiepunkte der Welt und ein beliebter Landeplatz für UFOs. Ganz abgesehen davon ist die Gegend ideal für leichte Wanderungen zu wunderschönen kleinen Wasserfällen, Bächen und Höhlen, zudem ist sie ein Paradies für Liebhaber von Vögeln und Schmetterlingen. In dem kleinen Dorf kennt jeder jeden und es ist relativ sicher, allein herumzuwandern. Zweimal bekam ich sogar eine Mitfahrgelegenheit zurück ins Dorf, das scheint hier gang und gebe zu sein..

Viele Häuser in São Thomé das Letras und auch die Straßen wurden aus dem hier vorhandenen Stein gebaut, das verleiht dem Ort ein rustikales Flair. Ich verbrachte eine angenehme ruhige Woche hier, machte einige leichte Wanderungen und genoss einfach die Stille der Natur. Es gab da einen spirituell angehauchten Laden, der von einer Brasilianerin und ihrem peruanischen Partner – ein Schamane – betrieben wurde, sie verkauften neben allerlei Pülverchen auch Hippieschmuck, und man konnte sogar kostenlos seine Aura reinigen lassen, da sagte ich natürlich nicht Nein. Die beiden unterhielten sich mit einem Italiener, als ich im Laden war; er lief mir am nächsten Tag – es war Sonntag – wieder über den Weg und da ich nichts besonderes vor hatte, machten wir zusammen einen kleinen Spaziergang. Er kannte einen kleinen Pfad, der hinter einem großen Felsen über dem Dorf anfing, an einem steilen und dicht bewaldeten Hang entlanglief und schließlich zu einer kleinen Höhle führte, Gruta de Feijao (Bohnenhöhle), angeblich hat sie die Form einer Bohne, aber da ich keine Lampe bei mir führte, konnte ich das nicht überprüfen. So saßen wir eine Zeitlang vor der Höhle und quatschten, als wir wieder zurückgingen, hatte es zu regnen begonnen. Er war einer von diesen Hippietypen mit Gras, denen man hier so über den Weg läuft; seins roch irgendwie seltsam, nicht nach Gras, eher nach Bauernhof mit Pferden und Kühen – dort wurde es vermutlich getrocknet. Nach dem Mittagessen verbrachten wir den Rest des Nachmittags im Ferienhaus seiner Bekannten, wo er gerade wohnte, und saßen rum, tranken Tee und rauchten ein bißchen. Inzwischen regnete es in Strömen und im Dorf selber war sonst nichts mehr los.

Rio de Janeiro – cidade maravilosa

30. März 2005. Mein letztes und glamourösestes Reiseziel in Brasilien lockte: Rio de Janeiro, die fabelhafte Stadt. Manche glauben, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, und am siebenten Tag allein mit Rio beschäftigt war. Hört sich kitschtig an, aber wenn man einmal dort war und von der natürlichen Schönheit seiner geographischen Lage ergriffen war, dann könnte man fast an göttliche Intervention glauben.

Die Einwohner Rio de Janeiros werden Cariocas genannt. Sprachforschern zufolge leitet sich das Wort Carioca nicht vom Wort Rio ab, wie in carioca, sondern es ist ein Begriff aus der Sprache der Tupi-Indianer (kara’i oca), was soviel bedeutet wie „weißes Haus“ oder „Haus der Weißen“. So nannten sie nämlich die Häuser der Portugiesen. Aus irgendeinem Grund gaben sich die Portugiesen im Laufe der Zeit selber diesen Namen. (Zitiert aus http://www.ipanema.com/rio/basics/e/people.htm)

Ich kam in meinem Hostel in Copacabana, dem Rio Backpackers, am Abend des 21. März an, und zu meinem Erstaunen fand ich es komplett leer vor. Aber schon bald erfuhr ich den Grund dafür: An diesem Abend fand ein kostenloses Konzert von Lenny Kravitz am Copacabana-Strand statt, also ging natürlich jeder dorthin. Nach acht Stunden Busfahrt war ich aber viel zu müde für so große Menschenaufläufe und ging ins Bett.

Ich war erstaunt darüber, dass Copacabana in einen relativ schmalen Landstreifen zwischen Berge und Meer hineingequetscht ist, dem Footprint zufolge leben 250,000 Menschen (ungefähr so viel wie Brighton & Hove) auf gut vier Quadratkilometern, was eine der höchsten Bevölkerungsdichten auf der Welt darstellt. Der Bauboom begann in den 1930er Jahren und es ist inzwischen auch wirklich voll hier. Mein Hostel war in einer ruhigen und steilen Sackgasse an einem Berghang gelegen.

Meinen ersten Tag verbrachte ich damit, das Zentrum von Rio zu erkunden, dort sind die meisten historischen Gebäude der Stadt; es ist auch das Finanzzentrum, ein bißchen wie die City of London, und wie diese stehen neben niedrigeren, alten Gebäuden moderne Bürohochhäuser. Wie in London ist es unter der Woche sehr geschäftig und an den Wochenenden ganz leer, dann ist es auch nicht sehr sicher alleine dort herumzulaufen.

Natürlich meldete ich mich auch bei meinen Freunden aus Rio, und verabredete mich mit Thiago zu einem Besuch des Jardim Botanico (Botanischer Garten); auf Grund der Osterferien hatte er gerade frei. Der botanische Garten ist fast 200 Jahre alt und enthält tausende von Pflanzen- und Baumarten aus Brasilien und anderen Ländern. Es gibt zum Beispiel einige Exemplare des Pau-brasil-Baums, der fast ausgestorben ist, ein trauriger Fall von schonungsloser Abholzung. Auf jeden Fall einen Besuch wert.

Abends traf ich mich mit Thiago und seinen Freunden im Zentrum von Rio und zwar in Lapa, das in den letzten Jahren zu einem beliebten Nachttreff für ein trendiges Publikum geworden ist. Unmittelbar neben den Arcos da Lapa (ein Äquadukt für die Tram nach Santa Teresa) ist ein relativ neues Veranstaltungszentrum für Livebands, der Circo Voador (Fliegender Zirkus), wo an diesem Abend ein Livekonzert von Los Hermanos stattfand, eine berühmte Band aus Rio, die Rockmusik mit Bossa Nova-Einflüssen spielte, eine interessante Mischung. Das Publikum bestand hauptsächlich aus hippen Twens die zu jedem Lied den Text kannten und aus voller Kehle mitsangen.

Karfreitag war ein wirklich grauer Tag mit immer wieder einsetzendem Nieselregen – ja, es regnet auch in Rio – und im Hostel hing jeder nur so rum. Schließlich fanden sich einige Leute zusammen, die zum Mittagessen in ein Restaurant gehen wollten; Lee schlug vor, den Nachmittag in Santa Teresa zu verbringen. Santa Teresa ist ein reizender Stadtteil, dessen wunderschöne Häuser aus der Kolonialzeit an kurvigen Strassen entlang den üppig bewaldeten Berghang hinaufklettern. Es ist ein cooler und eher unkonventioneller Ort, wo viele Intellektuelle und Künstler leben, und es gibt dort tolle Bars mit Sofas in denen man an just so einem grauen Tag gut und gerne einen ganzen Nachmittag verweilen kann. Die beste Art und Weise, Santa Teresa zu besuchen ist per Tram; es ist ein altmodisches, an den Seiten offenes Straßenbähnchen, von den Einwohnern liebevoll Bondinho genannt, das den steilen Berg langsam hinaufzuckelt und dabei fantastische Aussichten bietet. Leider ist auf dem Nachbarberg eine Favela (Armenviertel), deswegen ist auch ein gewisses Maß an Verbrechen nach Santa Teresa herübergeschwappt. Man hat mir erzählt, dass die Einwohner auch oft Gewehrschüsse aus der Favela hören können.

Dies ist eine sehr traurige Seite von Rio de Janeiro: Diese Stadt ist berühmt für eine der schönsten Lagen der Welt und hat gleichzeitig einen Ruf als eine der gefährlichsten Städte erworben. Die Favelas überziehen die bewaldeteten Hügel Rios. Reichtum und Armut befinden sich oft auf verschiedenen Seiten des gleichen Hügels, im Gegensatz zu anderen Städten der dritten Welt, wo sich die Armenviertel gewöhnlich am Rande der großen Metropole befinden und daher leichter zu kontrollieren sind. In Rio gibt es ständig Kriege: zwischen den Banden benachbarter Favelas und zwischen der Polizei und den Favela-Banden.

Am Gründonnerstag wurden zwei Polizisten erschossen, sie waren in einem kleinen Häuschen vor dem Túnel Rebouças – einer der zahlreichen Autotunnel Rios – als Wachtposten stationiert. Die Zeitung Povo berichtete in der Ausgabe von Ostersamstag, die Polizei gehe davon aus, dass dies ein Vergeltungsschlag war für die Festnahme von drei Drogen- und Waffenschmugglern in den Favelas der Südzone in der Woche davor. Fast jeden Tag stehen solche Geschichten im Polizeiteil der lokalen Zeitungen.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass man in Rio keinen Spaß haben kann, meine Freunde führen ein normales Leben und gehen gerne aus, sie wissen einfach, welche Gegenden man vermeiden sollte und wie man die Gefahr, überfallen zu werden, minimiert. Eine der größten physischen Gefahren für Unbeteiligte ist übrigens von einem Querschläger aus den vielen bewaffneten Auseinandersetzungen getroffen zu werden; auf portugiesisch bala perdida.

Am Samstag regnete es immer noch, aber am Nachmittag hellte es sich endlich auf. Thiago und Alex holten mich vom Hostel ab, wir fuhren nach Santa Teresa, dort gab es einen kleinen Karnivalsumzug bergabwärts nach Lapa. Die erste Band war eine Maracatu-Gruppe und die zweite eine Samba-Gruppe, jeweils komplett mit Sängern, Tänzern, Trommlern und Kostümen. Die Veranstaltung fand in relativ kleinem Rahmen statt und war total super. Ich hatte einigen anderen Leuten im Hostel davon erzählt und nun sah ich sie dort auf der Strasse: Jasper aus Holland, Andrew aus USA und Giordano aus Italien, alle drei professionelle Musiker. Später spielte dann eine Bossa Nova-Band auf einer speziell errichteten Tribüne vor den Arcos da Lapa. Dort gesellte sich Hip noch zu uns, ein Spanier, den ich im Hostel in Salvador da Bahia kennengelernt hatte; er lebte für einige Monate in Rio. Irgendwie waren wir am Ende alle ziemlich beschwipst von den Caipirinhas und Caipiroskas.

An Ostersonntag lud mich Thiago zum Mittagessen bei seiner Mutter ein, sie lebt in einer kleinen Wohnung in Santa Teresa, die beiden holten mich im Auto von Copacabana ab. Das Essen bestand aus einem typisch brasilianischen Refeição: gebratenes Huhn, Bohnen, Reis und Nudeln. Ich lernte auch Thiagos Großmutter, seinen Onkel und seine drei kleinen Cousins kennen. Sie alle waren sehr warmherzig und freundlich zu mir. Nach dem Essen fuhr ich mit Thiago, seiner Mutter und einem Kumpel von ihm zum Corcovado, um die Christus-Statue aus der Nähe zu sehen. Das regnerische Wetter der letzten Tage wurde endlich abgelöst von einem strahlend blauen Himmel mit wenigen weißen Wattewolken, die sanft über den Christus zogen. Viele andere Touristen, sowohl Brasilianer als auch Ausländer, hatten auf diesen Moment gewartet, deshalb war dort ganz schön viel los. Von der Plattform aus hatte man eine geniale Rundumsicht von Rio de Janeiro mit seinen Wahrzeichen wie der Zuckerhut, die Brücke nach Niteroi und das Maracanã-Stadium.

Meinen letzten vollen Tag in Rio widmete ich dem Besuch der wohl ikonischsten Sehenswürdigkeit: dem Zuckerhut, begleitet von Thiago, Andrew und Giordano. Mit der Seilbahn fuhren wir von Praia Vermelha zur ersten Station Morro de Urca, und von dort zum Gipfel des Zuckerhutes. Die Sicht war wieder wunderschön, ich wollte einfach nur die Landschaft in mich aufnehmen und nicht zuviel denken. Danach saßen wir noch eine Weile am Praia Vermelha (roter Strand) und fuhren wieder ins Hostel zurück; dort kochte uns Giordano leckere Pasta mit Tomatensauce. Ich kaufte eine Flasche argentinischen Rotweins, der uns sehr gut mundete. Einige Tage zuvor probierte ich brasilianischen Wein und der war einfach scheußlich.

Das Ende

Am 30. März ging mein Rückflug von Rio de Janeiro nach London Heathrow und am nächsten Morgen stand ich wieder viele Breitengrade weiter nördlich im kalten, grauen Großbritannien, und mußte mich erstmal in dem Arm zwicken, damit ich sicher war, die letzten sieben Monate nicht nur geträumt zu haben.

Aber alles ist gut. Ich bin jetzt zwar rein materiall gesehen ärmer, dafür aber geistig umso reicher, und das kann mir keiner mehr nehmen. Ich bin unendlich dankbar für all die unvergesslichen Momente und Eindrücke, die ich sammeln konnte, die tollen Landschaften, die ich gesehen habe, die soziale und politische Geschichte Lateinamerikas, über die ich gelernt habe und nicht zuletzt die vielen lieben, großzügigen und faszinierenden Menschen, denen ich begegnet bin und die meine Reise erst zu dem gemacht haben, was sie war.

Ich hoffe, es hat euch ein bisschen Vergnügen bereitet, meine Geschichten und Anekdoten zu lesen.

Love, Peace and Happiness!

April 2005

Peruanische Leckereien, fest und flüssig

Pisco Sour – der originale Cocktail Perus, jedoch streiten Peru und Chile darüber, wer denn nun Pisco erfunden hat; angeblich gibt es die besseren Pisco Sours in Chile, habe ich mir sagen lassen, kann es aber noch nicht bestätigen.

1 unze Limettensaft
1/4 unze Simple Syrup (Zucker)
1/2 Eiweiß
1 Schuß Angostura

Kräftig mit Eis schütteln. In Cocktailglas gießen. In der Mitte mit einem Schuß Angostura verzieren.

Chicha Morada – kaltes, süßes Getränk aus aufgekochten lilafarbenen Maiskörnern, Gewürzen und Limettensaft

Calentito – heißes Getränk aus Pisco, schwarzem Tee und Gewürzen

December 06, 2004 in Food and Drink | Permalink | Comments (1)

Mexikanisches Essen

Hier mache ich eine Liste von mexikanischen Leckereien, die ich probiert habe.

Chiles en Nogada – mit einer Mischung aus Fleisch, Gemüse, Trockenfrüchten und Nüssen gefüllte Poblano-Chilli mit süsser Sahnesauce und Granatapfelkernen. Die Farben des Gerichts entsprechen denen der mexikanischen Flagge. Dieses Gericht ist nur von Juli bis September erhältlich.

Chalupas – kleine Maisfladen belegt mit roter oder grüner Tomaten-Chillisauce und einige Streifen Hühnerfleisch

Natillas – Eier-Zimt Pudding

Huevos a la Mexicana – Rühreier auf mexikanische Art. Leicht zu Hause nachzukochen: Zwiebeln andünsten, dann scharfe grüne Chillischote und Tomaten hinzufuegen, ein bisschen dünsten, schliesslich die Eier zugeben, nach Geschmack salzen (ich finde es schmeckt auch sehr gut mit ein bisschen Koriander) und mit Tortilla oder Brot essen. Das ideale Katerfrühstück um die Sinne wieder zu wecken!

Tacos al Pastor – Kebabartige Rindfleischstreifen in kleinen Tortillafladen mit frischem Koriander, Zwiebeln und Tomatensalsa, Limonensaft und ein Hauch Chillisauce für den Extrakick. Lecker!

Mole Poblano – eine reichhaltige dunkelbraune Sauce aus verschiedenen Gewürzen, Chilli und Schokolade neben vielen anderen Zutaten. Wird oft mit Huhn und Reis gegessen, als Pollo con Mole y Arroz. Es gibt Molesaucen mit vielen anderen Farben, wie beispielsweise Mole Negro aus Oaxaca. Im Internet gibt es viele Rezepte, wenn man unter diesem Begriff sucht.

Huarache – eine Art dickes, ovales Taco, bestrichen mit Bohnenmus und belegt unter anderem mit Hühnerfleisch, Käse, Pilzen, etc.

Quesadillas – mit Käse gefülltes Tortilla, meistens wird dabei Quesillo, auch Queso Oaxaca genannt, verwendet; dieser Käse ist so ähnlich wie Mozarella, und wird in langen Fäden vom Laib gezogen.

Gorditas – dicke Tortillas gefüllt mit Speckgrieben

Escamoles – Ameiseneier. Wird beispielsweise in einem Taco mit Guacamole gegessen. Lecker! Susie und Bernd luden mich in das exzellente San Angel Inn Restaurant in Mexico City ein, und da habe ich sie probiert.

Pozole – eine dicke Suppe aus Maiskörnern und Huhn; dazu braucht man spezielle Pozole-Maiskörner die dicker sind als die normalen gelben Maiskörner. Die Suppe wird gegessen mit Majoran, Rettich, Limettensaft und etwas Chillipulver.

Ponche con Posh – Ponche ist Punsch (Ananas- oder Früchtepunsch) und Posh ist starker Maisschnaps der in San Juan Chamula in der Nähe von San Cristobal de las Casas gebrannt wird. Zuviel davon ist nicht gut.

Horchata – Getränk aus Reismilch

Agua de Jamaica – kalter Hibiscustee, wird in Mexico sehr viel getrunken

Nieve – Fruchtsorbet, in Veracruz beispielsweise gibt es Mondongo de Frutas con Nieve, Früchte der Saison mit Sorbet. Super!

Chilaquiles – Mais-Chips mit grüner oder roter Tomaten-Chilli-Sauce, einigen Streifen Hühnerfleisch und Queso Oaxaca, dazu Bohnenmus. Die besten Chilaquiles habe ich im Cafe Tacuba in Mexico City gegessen.

Tamales – kleine Pakete aus Maisteig mit süsser oder pikanter Füllung, eingewickelt in Bananen- oder Maisblätter. Beliebte Füllungen sind unter anderem Bohnen, Huhn, Schweinefleisch, Garnelen. Wird sehr oft auf der Straße verkauft.

September 23, 2004 in Food and Drink | Permalink | Comments (0)

Mexikanischer Slang

Hier mache ich eine Liste von Wörtern der Umgangssprache, die hauptsächlich oder ausschliesslich im mexikanischen Spanisch in Gebrauch sind und die ich im Laufe meiner Reise aufnehme.

chavo/a – Junge/Mädchen

chela – Bier(flasche)

caguama – Bier(flasche)

güey – Alter

chingar – ficken

gandalla – naiv, gutgläubig

platicar – quatschen, reden

chido – cool

güera – blond

mamacita – wörtlich kleine Mutter oder Kleine; wird von Männern oft als Kompliment gesagt im Sinne von sexy Mädchen oder Kleine. Je nachdem in welchem Zusammenhang es gesagt wird, kann es entweder frech-verspielt oder vulgär rüberkommen.

papacito – kleiner Vater; diesselbe Bedeutung wie oben, nur sinngemäss für das andere Geschlecht.

pendejo – Arschloch

Eine Antwort zu Reisetagebuch Lateinamerika

  1. Jimmy Johns schreibt:

    Super interessanter Artikel zu Gerne mehr!

    Tnx
    Blumenzwiebeln Bestellen Online

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