Warum ethischer Kapitalismus darin versagt, „die Welt zu verändern“

Oscar Wildes über 100 Jahre alte Aussagen über die Entwertung des Menschen im Kapitalismus sind heute noch genauso relevant. In seinem Aufsatz „Die Seele des Menschen im Sozialismus“ behandelt er das dem Kapitalismus in der modernen Gesellschaft innewohnende demoralisierende Wesen der Wohltätigkeit. Wildes Kritik dient den heutzutage allgegenwärtigen, gute Stimmung erzeugenden Kampagnen als wichtiger Ausgangspunkt.

Zwar ist Altruismus an sich eine auf Selbstlosigkeit basierende Praxis, doch das grundsätzliche Problem ist die Art und Weise, in der selbstlose Handlungen im Kapitalismus ausgeführt werden – die eigentlichen Ursachen von Ungleichheit werden von vielen nicht angegangen und hinterfragt. Der Kapitalismus hat die Probleme verursacht, die Barmherzigkeit zu beheben versucht, er hat eine unbeschreibliche Spur der Zerstörung hinterlassen. Zwar wird versucht, diese Zerstörungen durch Wohltätigkeit zu lindern, doch wird sie die Übel des Kapitalismus nie wirklich beheben, weil sie das brutale System an sich nicht verändert.

Wilde schrieb:

„Die meisten Menschen vergeuden ihr Leben durch einen ungesunden und übertriebenen Altruismus, ja, sind sogar genötigt, es zu vergeuden. […] Daher tritt man mit bewundernswerten, jedoch irregeleiteten Absichten sehr ernsthaft und sehr sentimental an die Aufgabe heran, die sichtbaren Übel zu heilen. Aber diese Heilmittel heilen die Krankheit nicht: sie verlängern sie bloß. In der Tat sind sie ein Teil der Krankheit selbst. Man versucht zum Beispiel das Problem der Armut zu lösen, indem man die Armen am Leben erhält; oder, wie es eine sehr fortgeschrittene Schule vorschlägt, indem man sie amüsiert.

In modernen kapitalistischen Gesellschaften ist Wohltätigkeit untrennbar verbunden mit Konsum und Emotionen. Die Mildtätigkeit liefert heutzutage nur ein temporäres Heftpflaster für ein größeres, tiefer liegendes Problem: Das perverse kapitalistische Wirtschaftssystem hat massive Umweltzerstörungen, massenhafte Vertreibung von Menschen, sozioökonomische Ungleichheit, Bürgerkriege, Gewalt und Krieg verursacht, darüber hinaus lebt es von machiavellistischen Charaktereigenschaften wie Gier, Unaufrichtigkeit, Manipulation und Selbstsucht.

In den meisten Fällen lassen sich Menschen nur auf der Basis von Emotionen zum Handeln überzeugen.

„Die Empfindungen des Menschen werden rascher erregt als sein Verstand; und es ist […] sehr viel leichter, Mitgefühl für das Leiden zu hegen als Sympathie für das Denken.“

Politiker, Pädagogen, Aktivisten und viele andere benutzen persönliche Geschichten als ein Mittel zur Überzeugung. Persönliche Geschichten sprechen vor allem die Emotionen an und erzeugen entweder negative Gefühle wie Schuld oder Scham, oder positive Gefühle wie Mitgefühl und Verständnis. Viel zu oft verzichten die Menschen auf Rationalität und Logik und lassen sich von Emotionen leiten – und treffen dann Entscheidungen entsprechend ihrer emotionalen Verfassung statt auf der Grundlage rationalen Denkens. Dies ist eine von Wohltätigkeitsorganisationen benutzte Form der Manipulation, um aus Zuschauern Geldgeber zu machen.

Philanthropische Bemühungen, deren Überzeugungskraft auf Emotionen beruhen, bewirken meistens keinen langfristigen Wandel. Die Leute, die nicht spenden, deren Logik die Emotionen übertrumpft hat, werden von ihren Mitmenschen oft verurteilt und als kaltherzig und hart angesehen – während die Spender, die in die emotionalen Fallen tappen, als philanthropisch und mitfühlend angesehen werden.

Diese Wohltätigkeitsorganisationen verhindern die Möglichkeit für einen Systemwechsel: Die Spender halten die Verarmten durch absolut minimale Spenden am Leben, während sie selbst weiter im Überfluss leben und sich dabei gut fühlen. Wenn die Geber dann wirklich gefordert werden, ihren luxuriösen Lebensstil zugunsten des Gemeinwohls zu opfern, dann ist Widerstand unvermeidlich. Doch genau dies wird am dringendsten benötigt. Ein Systemwechsel ist nur dann möglich, wenn die Reichen gewillt sind, ihren Luxus aufzugeben und den Armen nicht nur ein paar Krumen zu überlassen. Spenden werden von Emotionen angetrieben, nicht von Logik.

Das philanthropische Engagement im Kapitalismus wurde schon mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Begriffen beschrieben: ethischer Kapitalismus, grüner Kapitalismus und kultureller Kapitalismus. Der Begriff Kulturkapitalismus wurde geprägt durch die zeitgenössische Kritik des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek an der Wohltätigkeit. Wir können nicht „die Welt retten“, solange die Gesellschaft weiter unter einem kapitalistischen Paradigma existiert. Im Kapitalismus ist Philanthropie eine Fassade, sie wird die von der neoliberalen Politik angerichteten unglaublichen Zerstörungen auf dem ganzen Planeten nicht wiedergutmachen.

Die Leute machen mit bei „Wohlfühl“-Kampagnen unter der fälschlichen Annahme, dass der Kapitalismus zu positiven Fortschritten und sozialen Veränderungen führen wird, doch in Wirklichkeit sind diese Wohlfühlkampagnen abhängig von Strukturen, die grundsätzlich ungleich sind, sie verankern lediglich tiefe Ungleichheiten und sie hinterfragen nicht die dominierenden Narrative.

Jede gute Tat ist ein exhibitionistischer Akt. Es ist kontraproduktiv, Kunden zu belohnen, die trendige Produkte kaufen oder sich in populären Wohlfühlkampagnen engagieren – motiviert von Beachtung und Begierde -, während man ihnen sagt, dass sie durch den Konsum an sich die Welt verändern.

Nachfolgend sind ein paar Beispiele der heutzutage allgegenwärtigen Wohlfühlkampagnen aufgeführt. Einige von ihnen wurden bereits ersetzt durch andere kurzsichtige virale Kampagnen.

Soziale Medien: Wo Narzissmus regelmäßig im Mantel der Philanthropie auftritt

Slacktivism ist ein Begriff, der oft gebraucht wird, um Online-Kampagnen und Themen zu umschreiben, die wenig bis keine Partizipation erfordern und es dem/der Einzelnen erlauben, sich von der Bequemlichkeit seines/ihres Wohnzimmers aus bei Kampagnen zu engagieren. Slacktivists sind zufrieden im Wissen, dass sie „etwas getan“ haben, während sie in die Sache selbst kaum involviert sind.

Ein hierfür oft angeführtes Beispiel ist die Kampagne „Kony 2012“. Die Kampagne hat eine Menge Kritik auf sich gezogen, doch es gibt nach wie vor ähnlich gehypte Kampagnen, die von Millionen von Slacktivists weltweit beachtet werden.

Eine der jüngeren (inzwischen irrelevanten) viralen Kampagnen #BringBackOurGirls ermöglichte es Leuten im Westen, auf den Zug aufzuspringen und ihre Kenntnis von den entführten nigerianischen Schülerinnen zu twittern, ohne tieferes Hintergrundwissen über das Thema, geschweige denn die Bereitschaft, sich stärker zu informieren. Sie posten einfach einen Tweet, genießen die Aufmerksamkeit und das Lob, das sie für die „Bewusstseinsbildung“ erhalten und ziehen weiter zum nächsten Thema.

Nigeria wird seit Jahren von Korruption, Krankheiten und Umweltverschmutzung geplagt. Nigeria ist der achtgrößte Ölexporteur der Welt, doch 60 Prozent der Bevölkerung leben in extremer Armut. Doch die Welt nahm die Misere Nigerias erst zur Kenntnis, seit das Thema Terrorismus Schlagzeilen in den großen Medien gemacht hat.

Die Ziele der Kampagne #BringBackOurGirls waren verschlungen und verwirrend. Doch eines der konkreten Ergebnisse dieser Kampagne war leider die Ausweitung der US-amerikanischen Militarisierung und Interventionen in Afrika. Die Kampagne löste eine internationale Empörung aus, doch nur wenige Wochen später geriet sie in Vergessenheit – außer einer weiteren Militarisierung hatte sie sonst nichts erreicht. Seitdem wurden hunderte Frauen und Mädchen von Boko Haram abgeschlachtet, was von den großen Medien vollkommen ignoriert wurde.

Der einzige Gewinner in dieser Kampagne war Twitter – eines der wenigen mächtigen Technologieunternehmen, die ihren Umsatz durch Nutzer-Abonnements erzielen. Am Ende sind es immer die Konzerne, die als Sieger hervorgehen.

Es wurde schon vielfach argumentiert, dass der Optimismus und Hype um digitalen Aktionismus irreführend, ja sogar gefährlich ist, wenn man darüber nachdenkt, wie ein Wandel zu erreichen ist. Zwar wird das Internet oft als demokratisierende Plattform gesehen, doch es ist wichtig, skeptisch zu bleiben, was die Fähigkeit des Internets, einen Wandel zu bewirken und was die tatsächlich wahrnehmbaren Erfolge betrifft. Es hilft auch sich daran zu erinnern, wer genau das Internet beherrscht. Das tun weder Sie noch ich; das tun eine Handvoll Technologiefirmen, die das Feld beherrschen und aus uns allen ihre Profite ziehen.

Die iranische „Twitter-Revolution“ ist ein oftmals angeführtes Beispiel von Cyper-Utopisten, die über die Macht von sozialen Medien diskutieren. Es ist unmöglich zu wissen, wie viele Iraner tatsächlich getweeted haben, da sie ihre ISP-Adressen ändern konnten, doch eine Auswertung einer Social Media-Agentur ergab, dass 19.235 Iraner – 0,027 Prozent der Bevölkerung – am Vorabend der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 ein Twitter-Konto hatten. Zwar gab es eine enorme Anzahl von Tweets zu Iran, wie Schriftsteller Evgeny Morozov bemerkt, doch die allermeisten Tweets wurden nicht in Iran verfasst oder retweeted – sie stammten aus Nordamerika.

Viele Iraner, die über die Rolle von Twitter befragt wurden, meinten, dass Twitter viel mehr Aufmerksamkeit erfahren habe, als es verdient hätte und dass es ziemlich überbewertet sei; es sei wahnsinnig gehypt worden und man habe es nicht für ein kritisches Werkzeug für die Mobilisierung von Iranern und Iranerinnen während dieser Zeit gehalten.

Angefangen von der ALS-Ice-Bucket-Challenge bis hin zur aktuell heiß diskutierten Twizzler-Challenge drehen sich alle diese Kampagnen um die Person, die an der Aktion teilnimmt, unter dem Vorwand der öffentlichen Wahrnehmung wird die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Soziale Medien sind offensichtlich der neue virale Weg, um im Internet Spenden zu sammeln, die Spendenaktionen können schnell durchgeführt werden – so funktioniert alles in der heutigen Gesellschaft. Jeder erwartet schnelle Ergebnisse – auch bei Spendenaktionen. Doch ein langfristiger Fortschritt und Systemwechsel braucht neue Ideen und neue Wege, um voranzukommen. Es ist eine irreführende und naive Annahme, dass diese Methoden dazu geeignet sind, Jahre der Unterdrückung und sozioökonomischen Ungleichheit zu berichtigen. Letztendlich wollen diese Kampagnen einer guten Sache dienen, doch die „Aufgaben“ an sich sind absurd und irreführend.

Bei allen diesen Aufgaben oder Kampagnen steht immer der/die TeilnehmerIn im Rampenlicht, während die Kampagne in den Hintergrund rückt und schlicht als Rechtfertigung für Bestätigung und Beifall dient.

Man kann sagen, dass das Internet zu mehr Zersplitterung, Personalisierung und einer größeren Distanzierung zwischen Individuen, Gemeinschaften und Staaten geführt hat. Indem die Menschen in Online-Aktivitäten wie Petitionen, Tweets und andere digitale „Kampagnen“, die Veränderungen versprechen eingebunden werden, werden sie davon abgehalten, physische Dinge zu tun. Dahinter steckt die Idee, dass die Welt sich verändern wird, solange genügend Menschen darüber tweeten.

So tun, als sei man arm

Die physische Welt hat ihren eigenen Anteil an selbstgefälligen und slacktivistischen Elementen. Diese Kampagnen erfordern zwar körperliche Anstrengungen, doch sie setzen nach wie vor auf individualistische und narzisstische Methoden, um ihr Ziel zu erreichen.

Die 5-tägige Aufgabe „Unter der Armutsgrenze leben“ (Live Below the Line) ist ein solches Beispiel. Ihr Ziel ist, die öffentliche Wahrnehmung zu steigern und Spenden zu sammeln für eine Vielzahl von gesponserten Organisationen, die die extreme Armut bekämpfen.

Die Kampagne fordert tausende von Einzelpersonen und Gemeinschaften weltweit dazu auf, für weniger als 1,50 $ pro Tag zu essen und zu trinken, um zu erfahren, wie es wirklich ist, in Armut zu leben. Es ist eine weitere verklärte Kampagne, die es privilegierten Menschen erlaubt, von ihrem komfortablen Leben eine kurze Auszeit zu nehmen und für 5 Tage wie eine arme Person zu leben.

Es ist unrealistisch, ja sogar beleidigend anzunehmen, dass jemand aus der Mittel- bis Oberschicht in 5 Tagen verstehen wird, wie es ist, wie eine arme Person zu essen, während er/sie in jeder anderen Hinsicht weiter ein komfortables Leben führt. Armut ist bemerkbar in jeder Hinsicht im Leben eines Menschen – von der Wohnung bis zum Einkommen. Diese Art von Armut erstickt und beschränkt einen tagtäglich. Man kann ihr nicht entkommen. Außerdem sind es nicht die kurzfristigen Auswirkungen der Armut, sondern die langfristigen Folgen, die lebenslängliche Probleme schaffen. Natürlich sind die Leute nicht bereit, an einem Langzeitexperiment teilzunehmen, denn das würde ihren komfortablen Lebensstil tatsächlich beeinträchtigen.

Nach Beendigung der Aufgabe kamen die meisten Teilnehmer zu dem naheliegenden Schluss: wie schwierig es ist, unter der Armutsgrenze zu leben. Doch während der Aufgabe hatten die Teilnehmer Zugang zu Online-Ressourcen mit Tipps, Rezepten und Ratschlägen, wie man „unter der Armutsgrenze leben“ konnte. Es ist lächerlich, dass man sie mit einem Online-Ratgeber ausstattete, mit dem sie die 5-tägige Aufgabe durchstehen konnten, wenn jede andere in Armut lebende Person vollkommen marginalisiert und vergessen wird.

Die Rezepte waren das Tüpfelchen auf dem i der eigennützigen Aufgabe. Viele der Mahlzeiten basierten auf der Annahme, dass sich die Zutaten bereits in der Wohnung der Teilnehmer befanden, bevor sie mit der Aufgabe anfingen. Und um unter dem täglichen Limit von 1,50 $ zu bleiben, wurden die Kosten für jede benötigte Zutat einzeln kalkuliert. Zum Beispiel wurden Eier einzeln kalkuliert, statt für einen Karton mit 6 oder 12 Eiern. Doch in Lebensmittelläden ist es nicht möglich, Eier einzeln zu kaufen. Alle anderen Zutaten wurden auf ähnliche Weise kalkuliert.

Ein Koch aus Vancouver war den sehr realen Kämpfen von in Armut lebenden Menschen gegenüber völlig unbewusst und gleichgültig. Er schlug den Teilnehmern der Kampagne einige sparsame Rezepte vor. Ein solches Rezept ist ein Frühstückssmoothie aus Erdnussbutter und Spinat, wofür man einen Mixer und ein Gefrierfach (für Eiswürfel) haben muss. Dies ist ein Beispiel dafür, wie unglaublich blind die Menschen für die sehr realen Belastungen und Ungewissheiten sind, denen Arme täglich ausgesetzt sind. Es ist vermessen davon auszugehen, dass die Leute Mixer besitzen und Zugang zu Strom haben. Deswegen sind diese Experimente unwirksam; sie berücksichtigen nicht die Realität der Armut und sie vereinfachen stark komplexe soziale und politische Probleme.

Sein Beispiel ist kein Einzelfall. Dies ist eine weitere Aufgabe in der physischen Welt, die Teilnehmer dazu ermuntert sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, was die Aufmerksamkeit stiehlt von Leuten, die in Armut leben. Armut ist nicht etwas, das man für eine Woche einfach „erleben“ kann. Es ist kein Spiel, es geht um Menschenleben. Das Engagement bei einer solchen Idiotie macht keinen vielseitigen und kultivierten Menschen aus einem. Es macht aus einem einen Narzissten.

Die Rettung der Welt durch Ausschalten der Lichter

Ein ähnlich verklärtes Konzept ist die Kampagne „Erdstunde“ (Earth Hour). Es ist eine von World Wide Fund for Nature (WWF) organisierte globale Bewegung, die jeweils am letzten Samstag im März stattfindet. Die Weltbevölkerung wird dazu aufgerufen, am Abend für eine Stunde ihre Lichter auszumachen Zwar dauert die Kampagne nicht so lange wie die Anti-Armutskampagne, doch sie erfährt gewiss genauso viel Aufmerksamkeit in den großen Medien. Es ist eine weitere effektive Methode, durch die man sich gut fühlen kann, weil man etwas für die Umwelt tut, ohne tatsächlich irgend etwas zu tun. Das Ergebnis ist bestenfalls trostlos.

Die Lampen für eine Stunde im Jahr auszumachen verändert kaum etwas, denn der Energieverbrauch erstreckt sich nicht nur auf Glühbirnen, sondern Heizung, Kochen, Beförderung usw. Es ist eine ausgezeichnete Wohlfühl-Umweltkampagne. Wenn die Anstrengung nur marginal ist, nehmen die Leute blind an der jeweiligen Aktivität teil. Da also niemand dazu gedrängt wird, alle Energiequellen abzuschalten, nimmt man teil, doch der Energieverbrauch aller möglichen anderen Geräte wie Fernseher, Heizung, Klimaanlagen, Computer usw. wird außer Acht gelassen. Es ist sinnlos und der bequemste Weg, sich für eine Sache zu engagieren, ohne wirklich etwas zu tun.

Doch trotz alledem werden nach wie vor Artikel und Berichte veröffentlicht, in denen steht, welche Stadt teilgenommen hat, während diejenigen, die nicht teilnehmen, geschmäht werden. Schließlich realisieren die Leute, wie vollkommen sinnlos diese Aktivität ist und argumentieren, dass es einfach nicht ausreicht, um die Zerstörung der Umwelt zu stoppen. Aktivitäten wie diese existieren, ähnlich wie das gescheiterte Kyoto-Protokoll, nur dazu, dass daran teilnehmende Länder damit angeben.

Wir brauchen Reformen, nicht diese trendigen Kampagnen, die nur das Ego ihrer Teilnehmer stärken.

One for One: Für 89 Euro können Sie ein Kind retten und dabei auch noch gut aussehen

Slajoj Zizek zeigt am Beispiel der 2006 gegründeten Firma TOMS Shoes auf, wie ethischer Kapitalismus auf die Spitze getrieben wird. Der Kapitalismus wird gestärkt, indem es den Leuten ermöglicht wird, ihren materialistischen Wünschen nachzugeben und aktuellen Trends zu folgen und sich gleichzeitig gut zu fühlen über ihren Kauf, in der Gewissheit, dass sie einem bedürftigen Kind in einem Entwicklungsland ein Paar Schuhe gespendet haben.

Das Motto „One for One“ zeigt die Beziehung zwischen egoistischem Konsum und altruistischer Mildtätigkeit auf. Zizek bemerkte: „Für die Sünde des Konsums wird Ablass bezahlt und sie wird getilgt durch das Bewusstsein, dass jemand, der wirklich Schuhe braucht, ein Paar kostenlos erhält. Der Prozess wird somit auf die Spitze getrieben: Der Akt des Kaufens wird gleichzeitig dargestellt als eine Teilnahme am Kampf gegen die Übel, die letztendlich durch kapitalistischen Konsum verursacht werden.“

Die Irreführung von TOMS Shoes in Bezug auf die Verbesserung der Lebensbedingungen für Kinder findet in zweierlei Hinsicht statt: Sie schafft potenziell Abhängigkeiten (wie in anderen westlichen Kampagnen in Entwicklungsländern) und schadet möglicherweise lokalen Wirtschaften. Indem die örtliche arbeitende Bevölkerung wirtschaftlich unter Druck gesetzt wird, kann sie nicht mit der US-Firma konkurrieren, was die Armut im globalen Süden noch weiter verschärft.

Die TOMS-Kampagne „One for One“ unterwirft sich dem kapitalistischen Modell auf mehreren Wegen: Nicht nur das Konzept ist in Konsum und Kapitalismus eingebettet, sondern der ganze Ansatz funktioniert in einem Komplex, in dem westliche Länder die Rolle des Retters spielen und wo die ungleiche Machtbeziehung zwischen dem globalen Norden und Süden verstärkt wird.

Der Inbegriff des eigennützigen Philanthropisten: Oprah Winfrey

Oprah Winfrey redet gerne über ihre wohltätigen Initiativen; sie befindet sich in einer Reihe mit anderen Reichen wie Bill Gates und George Soros, die bekannt sind als großzügige Philanthropen. Die neueste philanthropische Unternehmung von Oprah Winfrey ist der „Oprah Chai Tea“, der in den Fillialen von Starbucks und Teavana erhältlich ist. Der Chai-Tee von Oprah symbolisiert ihren fanatischen Narzissmus und Egoismus. Wie viele andere reiche Philanthropen verspürt Oprah Winfrey fast immer das Bedürfnis, jeder philanthropischen Handlung ihren Namen anzuhängen. Die von ihr „gespendeten“ Summen Geld sind zwar beachtlich, doch sie sind an Bedingungen geknüpft: Sie spendet nur für wohltätige Zwecke, wenn sie dabei selbst Aufmerksamkeit erhält und dadurch noch mehr Lob und Bewunderung erfährt.

Mit jedem bei Teavana oder Starbucks verkauften Oprah Chai-Produkt leistet Starbucks eine Spende an die Oprah Winfrey Leadership Academy Foundation.

Durch die von Oprah Winfrey geleisteten Spenden trug die Stiftung mehr als 40 Millionen $ zur Gründung der Oprah Winfrey Leadership Academy für Mädchen bei – eine 2007 in Südafrika gegründete Schule für begabte unterprivilegierte Mädchen aus armen Familien. Die Schuluniform enspricht ganz der eigennützigen und egoistischen Persönlichkeit von Oprah: Die Uniformen sind in Oprahs Lieblingsfarbe grün gehalten und der Buchstabe „O“ ist auf die Taschen der Blazer aufgestickt.

Oprahs gute Taten gehen selten unbemerkt vonstatten, denn sie müssen öffentlich gemacht und mit ihrem Namen verbunden werden, sogar auf die banalste Weise. Zum Beispiel wird jedes Oprah Chai Tea-Getränk mit einem persönlichen Zitat von Oprah auf der Manschette des Bechers serviert. Denn wer möchte beim Teetrinken nicht gerne inspiriert werden von der großen Oprah?

Oprahs monatliches Magazin O ist ein weiteres, noch auffälligeres Beispiel dafür. Seit der Gründung des Magazins im Jahr 2000 war Oprah, mit Ausnahme von Michelle Obama und Ellen DeGeneres, auf jedem Titelbild. Alles was mit Oprah zu tun hat, muss die Marke Oprah tragen. Der Egoismus ist atemberaubend.

Es ist gefährlich, der Idolatrie zu frönen, und Oprah Winfrey ist jemand, den viel zu viele Leute vergöttern, ohne ihre Motive oder Absichten zu hinterfragen. Jemanden zum Idol machen heißt, einer Persönlichkeit blind zu folgen, was zu Entfremdung und Selbsthass beim Anbetenden führt. Erich Fromm schrieb: „Im Götzendienst verbeugt sich der Mensch und unterwirft sich der Projektion einer Teilqualität in sich selbst. Der Mensch erlebt nicht sich selbst als Mittelpunkt, von dem lebendige Handlungen der Liebe und Vernunft ausgehen. Er wird ein Ding, sein Nächster wird ein Ding, so wie sein Gott ein Ding ist.“

Der Gipfel der Scheinheiligkeit: konsumkritischer Konsum

Die heimtückischste Form des Konsumdenkens ist die Anti-Konsum-Marke, die sich verkleidet als „alternativer“ Weg, um die Leute zu engagieren und mobilisieren. Die Firma vermarktet sich als „Konsumverweigerer“, doch sie verfolgt die gleichen Marketingpläne und -strategien, um Produkte an arglose Konsumenten zu verkaufen. Letztendlich müssen alle Firmen einen Profit erzielen. Adbusters, ein Magazin, das sich selbst als konsumkritisch bezeichnet, rühmt sich seiner Gegenkultur, doch es hat seine eigene exklusive Kultur geschaffen, die sich mehr am Stil orientiert, statt tatsächlich die herrschenden Wirtschaftsstrukturen in Frage zu stellen.

Die Blackspot Schuh-Kampagne ist nur ein Beispiel für seinen Versuch, ein alternatives Publikum anzusprechen – durch den Verkauf von teuren Bio-Schuhen (zu Preisen von 95-125 $), die sich nur Leute aus der Mittel- und Oberschicht leisten können. Es geht darum, Schuhe zu verkaufen, mit denen sich die Leute als Teil einer Bewegung für sozialen Wandel fühlen können, doch letztendlich verfolgen sie die gleichen Marketing- und Absatzstrategien wie andere profitorientierte Firmen. Die Beschreibung der Blackspot-Schuhe ermutigt die Konsumenten dazu, „die Architektur des Cool permanent neu zu ordnen“ – mit dieser Werbung werden anti-kommerzielle Individuen angesprochen. Es ist die viel niederträchtigere Seite der Medaille.

Die „Kauf-Nix-Tag“-Kampagne von Adbusters ist nicht anders. Es ist ein Protesttag, an dem Teilnehmer nichts einkaufen, um gegen Konsum und Kommerz zu protestieren. Es bereitet kaum Umstände, wenn man einen Tag lang nicht konsumiert. Er unterscheidet sich nicht von den großen Wohlfühlkampagnen im Kapitalismus, die von Adbusters so stark kritisiert werden. Die Scheinheiligkeit ist spektakulär.

Altruistische Handlungen an sich sind völlig in Ordnung, doch wenn man dabei konsumieren muss, werden die Grenzen zunehmend verwischt. Man sollte die aktuellen, die großen Medien beherrschenden Kampagnen daher kritisch sehen. Die Wahrheit ist, dass es für die meisten Menschen viel bequemer ist, sich in mildtätigem Optimismus zu engagieren, als eine Gesellschaft, die kapitalistische Werte betont und fördert, neu zu strukturieren. Dies ermöglicht es uns, nachsichtig, gierig und selbstgefällig zu bleiben. Um die Welt wirklich zu verändern, bedarf es ehrlicher Selbstreflexion und kritischen Denkens; es ist nötig, diese karitativen Aktionen zu hinterfragen und vielleicht mal alternative Ansätze zu entwickeln, um einen echten Wandel herbeizuführen.

Oscar Wilde sagte richtigerweise: „Barmherzigkeit erniedrigt und demoralisiert. […] Aus der Barmherzigkeit entstehen viele Sünden.“ Die oben genannten barmherzigen Bemühungen sind nur einige Beispiele für die Wohlfühlkampagnen, die es heute überall gibt. Es ist nicht überraschend, das die Menschen von der scheußlichen Armut und dem Hunger in der Welt berührt sind, doch die Ursache für diese immense Ungleichheit ist das System an sich, und es kann keinen Wandel geben in einem System, das grundsätzlich ungerecht ist. Wilde schrieb, dass es nur darum gehen würde, „die Armen am Leben zu erhalten“. Es ist ein Weg, um die Armen zu amüsieren, ohne wirklich etwas zu verändern.

Oscar Wildes Zitat: e auf Deutsch aushttps://www.marxists.org/deutsch/archiv/wilde/1891/02/seele.htm

Quelle: http://dissidentvoice.org/2015/06/ethicalcapitalism-and-why-it-fails-to-change-the-world/?utm_content=buffer5b2a9&utm_medium=social&utm_source=linkedin.com&utm_campaign=buffer


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2 Antworten zu Warum ethischer Kapitalismus darin versagt, „die Welt zu verändern“

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Einblicke in die „Wohltätigkeitsindustrie“ (diesen Begriff habe ich mir von Paul Kagame ausgeliehen).

  2. Rheinlaener schreibt:

    Spitze ! So ein Artikel ist so überfällig, dass er auch in anderen alternativen Blogs gehört. In Deutschland wird das Privatvermögen – je nach Institut – auf ca. 5000 Milliarden Geld und ca. 7000 Milliiarden Sachvermögen geschätzt. Also 12 Billionen Euro. Eine Vermögenssteuer von 2 Prozent würde also 240 Milliarden Euro bringen. Kein Hartz4 Kind müsste auf Essen, Klassenfahrt, Kindergeburtstag oder ordentliche Kleidung verzichten. Im Gegenteil, es wäre noch genug Geld da, um vom Westen ausgeplünderten Ländern Entschädigungsleistung zu geben.
    Aber die kapitalistischen Superbonzen wollen sich lieber mit ein paar tausend Euro in die Medien bringen und billigste Reklame für sich machen. Nach dem Motto : Spende 500 Euro für Afrika. Lass Dir dafür einen 5 Sterne Urlaub in Afrika für 3000 Euro bezahlen. Spare Marketingkosten von 50.000 Euro ein. Und nimm dann ein paar afrikanische Kinder – für das BLÖD Zeitung Foto – in den Arm. Ups ! Irgendwie klingt das nach dem Jugoslawien Kriegshetzer Wolfgang Niedecken von BAP.
    NEIN : Private von der Steuer abzugsfähige Spenden, Tafeln, Fair Trade haben immer dazu geführt, dass es den Opfern noch elender ging als vorher. Genau dazu sind diese freiwilligen Gutsherren „Geschenke“ ja da. Durch die „Tafeln“ werden vielmehr Sanktionen gegen Arbeitslose oder Hartz4ler gerechtfertigt und verhängt als es jemals der Fall war, da der Sachbearbeiter, von seinem schlechten Gewissen befreit wird.
    Übrigens sollte auch ab einem Einkommen von 60.000 ein höherer Prozentsatz angewendet werden. Dann braucht die parasitäre obere Mittelschicht auch nichts mehr zu spenden.

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