Wir Frauen: Immer noch zu viel oder zu wenig

Von Michèle Mialane, Tlaxcala, 29/1/2015

Übersetzt aus der englischen Version von Susanne Schuster

Seit einiger Zeit verschlechtert sich der Status der Frauen, neben anderen Errungenschaften wie der Wohlfahrtstaat, der Säkularismus und das Recht, das neoliberale Denken zu hinterfragen – eine Entwicklung, die vor vielen Jahren mit der Parole „TINA“ [Es gibt keine Alternative] von Margaret Thatcher, britische Premierministerin von 1979 bis 1990, begonnen hat.

Lange vor dem immer schneller auf uns zukommenden Zusammenbruch unserer Gesellschaften hat sich dies alles schon heimtückisch abgezeichnet. Was! Sie beschweren sich immer noch, nach allem was sie bekommen haben! Angefangen vom Recht, die Sozialversicherungsformulare für ihre süßen Kleinen zu unterschreiben (Ja, bis in die 1960-er Jahre war nur das Familienoberhaupt anerkannt, der Mann natürlich, und wenn er verschwand, ohne eine Adresse zu hinterlassen, dann gehörten die Kinder von rechts wegen nicht zu der verlassenen Frau, auch wenn sie eine Stelle hatte und sie und ihre Kinder davon lebten), über das Recht, einen Bus zu fahren, bis hin zum Recht, in der politischen Sphäre viel mehr als männliche Politiker beleidigt zu werden. (Ich bin wirklich, absolut kein Fan von Ségolène Royal, doch die Sozialistische Partei hätte es niemals zugelassen, dass eines ihrer männlichen Mitglieder so behandelt würde wie Royal während der Präsidentschaftswahlkampagne 2007. Ich kann mir nicht vorstellen, was man von einer Frau sagen würde, die nur ein Drittel der sexuellen Eskapaden von Dominique Strauss-Kahn auf dem Kerbholz hätte. Ich könnte noch weitermachen.) Welche Großzügigkeit! Wir bleiben stumm.

Indessen sind die Löhne, auch für Vollzeitarbeit, niedriger für Frauen (9 Prozent niedriger laut der Beobachtungsstelle für Ungleichheit) und das gesetzlich verankerte Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ wird vom privaten Sektor nicht beachtet: Ich habe gelesen, dass Frauen 27 Prozent weniger verdienen. Darüber hinaus sind Frauen überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit (ohne Einfluss auf die Arbeitszeiten) betroffen, wobei das kollektive Unterbewusstsein das Einkommen von Frauen immer als „zusätzliches Einkommen“ betrachtet. Und ich habe die bürgerliche Behauptung gehört, dass „Feministen dumm genug waren, das Recht auf Arbeit einzufordern, denn vorher wurden sie ausgehalten, ohne etwas tun zu müssen.“ Uff! Das ist nicht das Bild, das die Dörflerin, die ich war, von den Bauersfrauen hatte. Wie viele von ihnen, in der Landwirtschaft und anderswo – doch gewiss bevor ich geboren wurde – haben während und nach dem 1. Weltkrieg – das Abschlachten, dem mehr als eine Million (offizielle Zahl: 1 397 400), meistens junge Männer zum Opfer gefallen sind; hört euch das Lied von Craonne an – den Platz der Männer eingenommen, vorübergehend oder permanent. Eine Freiluftfotoaustellung, die in Sainte-Geneviève des Bois anlässlich des 100. Jahrestages von 1914 ausgerichtet wurde, zeigt wie Frauen damals trotz ihrer anrührenden Zerbrechlichkeit in Munitionsfabriken gearbeitet und Feuerwehrmänner ersetzt haben (und damals waren die Pumpen viel schwerer zu betätigen als heute). Es gab viele Kriegswitwen, die ihre Kinder alleine großgezogen haben, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendwelche junge und nicht so junge Idioten aus Versailles und sonstwo von der „Demo für alle“ von der Tatsache berührt waren, dass diese Halbwaisen keinen Vater hatten… Die Soziologin Andrée Michel hat einmal bemerkt: in allen Gesellschaften erledigen Frauen die Arbeiten, die die Männer nicht erledigen wollen – welche übrigens je nach Zivilisation und Ära wechseln können.
Und ich habe erlebt, wie hartnäckig das Gefühl der Wertlosigkeit ist bei einem Mann, der weniger verdient als sein Partner. Ein recht wohlhabender Mann aus der Mittelschicht im Alter von etwa 30 sagte mir, er hätte mit seiner Freundin nur aus diesem Grund Schluss gemacht. In dem autobiographischen Roman En finir avec Eddy Bellegueule erzählt Èdouard Louis davon, wie sein Vater es ablehnte, dass die Mutter mehr verdiente und sie dazu zwang, ihre Arbeit aufzugeben, auch wenn die Familie aufgrund ihrer schwachen sozialen Situation dadurch finanzielle Schwierigkeiten hatte.

Was die „Hausfrau“ angeht, so arbeitet sie nicht und deswegen ist die Aufteilung der Hausarbeit wohl immer noch ungleich. Laut dem Nationalinstitut für Statistik und Wirtschaftsforschung INSEE (2010) verbringen Frauen 2,2 mal so viel Zeit wie Männer mit Hausarbeit, bei Paaren wo beide Partner eine Stelle haben. Der Unterschied ist am größten bei der Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren. Das ist nichts Neues, denn Hausarbeit ist nicht wirklich Arbeit… Es überrascht nicht, dass der Unterschied umso geringer ausfällt, je höher der soziale Status ist. Flora Tristan ist immer noch relevant… Um nochmal auf Andrée Michel zurückzukommen: es sind immer die Frauen, die „den Schmutz bekämpfen“. (Heute stehen einige Migranten so tief unten auf der sozialen Skala, dass auch sie putzen können. Aber nicht zuhause: Vor einigen Jahren wurde in der (hervorragenden) Sendung „Das Gesundheitsmagazin“ auf Kanal 5 darüber diskutiert, wie man Toiletten möglichst nicht verschmutzt. Marina Carrére d’Encausse rief dann laut aus, dass es IMMER die Frauen waren, die Toiletten putzten. Es ist eine gut bekannte Tatsache, dass Männer nie die Toilette benutzen und vor allem nie neben die Toilette urinieren, was eben Gegenstand der Diskussion war.)

Nun zum schlimmsten Punkt: das Image der Frauen

Ich eröffne das Thema mit dem berühmten Ausruf von Herrn Foyer, einem ehemaligen Justizminister, der oben vom Rednerpult rief: „Der Mann muss seine Würde und seinen Platz in der Gesellschaft in der Arbeit finden, die Frau ihre in Ehe und Mutterschaft.“ Also, was soll das! (in Klammern: was ist mit all den Unverheirateten, den Kinderlosen? Sind sie unfähig? Und was ist mit denen, die unverheiratet Kinder bekommen? Huren?) Kurz nach dieser polternden Verkündung schrieb eine feministische Bekannte von mir – zusammen mit anderen – einen Brief an verschiedene Behörden, mit der Aufforderung, das Zeigen von weiblichen Körpern in der Werbung zu verbieten. NIEMAND hat sich dazu herabgelassen, ihnen zu antworten, nicht einmal die prüde französische Bischofskonferenz. Vierzig Jahre später wissen wir, was es ist. Die Werbung für Autos, unter anderen…

Dennoch: Wir sind immer entweder zu viel oder zu wenig. Wir mussten mit Zähnen und Klauen kämpfen, damit Vergewaltigung als Verbrechen anerkannt wurde – denn wir sind es, die es provozieren! Am anderen Ende des Spektrums sagt man uns, dass wir den Frauen die „Freiheit, sich zu verschleiern“ lassen müssen – also sich selbst zum Sexobjekt zu erklären (zwar verboten, aber wegen ihres Status‘ als Sexobjekt). Mir wurde in meiner weit zurückliegenden Jugend oft meine mangelnde Eitelkeit vorgeworfen, außerdem wurde mir oft gesagt, ich könnte durchaus „das Beste aus mir machen“. Dieser Ausdruck spricht Bände! Was wollt ihr denn, Mode und Makeup sind nicht mein Ding; ich schätze schön gekleidete Leute, doch ich ziehe es vor, meine Zeit und mein Geld anderweitig zu verwenden. Mein „Bestes“ liegt für mich woanders. Es gibt gewiss viele Frauen, die die gleichen Vorwürfe erlitten haben – vielleicht manchmal, vielleicht oft aus finanziellen Gründen. Zeigen Sie mir einen Mann, der in dieselbe Situation gebracht wurde. Der Geschmack für „Marken“ soll nicht die weibliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen oder die Öffentlichkeit zufrieden stellen, er soll vielmehr die arteigene Geselligkeit junger Männer unter Beweis stellen.

Was Erniedrigungen betrifft, so sind sie eine tägliche Erscheinung, unabhängig vom Alter. Wir lassen es zu, dass eine Frau – vor allem, wenn sie alleine lebt – mit einem Mangel an Respekt behandelt wird, was bei einem Mann nie der Fall wäre. Zum Beispiel werden ihr die Leviten gelesen, weil sie sich darüber beschwert hat, dass Ihr Hund den ganzen Tag bellt oder weil Sie die Rap-Musik ein bisschen zu laut gestellt haben. Liebevolle sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung – Bemerkungen, zwangsweise Verführung, „die Hand am Hintern“ usw. (Wie ich den unzeitgemäßen Tod von Reiser bedauere, der einzige „feministische“ Zeichner, den es jemals bei Charlie Hebdo gegeben hat. Auch wenn man mich dafür auspfeift, wenn ich das bekräftige!)

In Frankreich werden zwei Millionen Frauen von ihren Partnern geschlagen. Zwei sterben jede Woche. Das steht nicht in den Schlagzeilen. Ich hörte einmal das definitive Urteil: eine Frau, die genug davon hat, zurückgewiesen zu werden, weil sie eine Frau ist, hat dagegen protestiert, dass ihr Mann und seine Freunde sich bei einer anderen Mitstudentin unterschiedlich verhalten haben; sie antworteten ihr: „Ja, aber es nicht dasselbe, sie ist intelligent.“ Eine intelligente Frau ist nicht wirklich eine Frau. Sogar Frauen haben uns das gut erklärt. Denn das Schlimmste ist, dass wir nicht nur unsere Rolle als ewige „Zweite“ (Das andere Geschlecht, nicht wahr? Im Gegensatz zum „göttlichen Älteren“, wie Vater Hugo in Sacre de la femme schrieb) verinnerlicht haben, sondern auch die uns erzählten Lügen, mit denen legitimiert wurde, was faktisch nie gerechtfertigt werden konnte. Man denke an all die Frauenfeindlichkeit und den Sexismus in Literatur und Kunst, während Frauen, die große kreative Werke geschaffen haben, sich nie dafür gerächt haben. Ich mag Brel und Brassens wirklich; doch welche Frauenfeindlichkeit bei Brel (Mathilde! Die Mauern von Warschau! Die Melodie der Dummheit! Und viele andere) und welch naiver Sexismus man bei Brassens zuweilen findet (Marinette oder das Schaf von Panurge und einige andere von dem, der einige der schönsten Liebesgedichte in Französisch geschrieben hat). Marie Curie wurde dafür kritisiert, dass sie eine Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann hatte; sie selbst war Witwe. Sophie Germain musste sich als Mann ausgeben, damit die Wissenschaftler ihrer Zeit ihr erstes mathematisches Werk lasen. Der schlimmste aller meiner Schuldirektoren (ich war früher Lehrerin) sagte: „Sie können sich nicht vorstellen, in welchem Zustand ich diese Schule vorfand. Ich sage nur eines: Mein Vorgänger war eine Frau.“ Die Eltern der Schüler erreichten, dass dieser brillante Macho ausrangiert wurde, denn er war unfähig. Wir sollen die „Frauenzeitschriften“ lesen: Makeup, Mode, Rezepte (aber in meiner Jugend waren alle großen Köche Männer. Bei Gott! Wir sind große Anhänger des Diploms in Frankreich und ich kannte die erste Frau, die das Diplom mit dem Titel „maître saucier“ erlangte, das Frauen früher verwehrt war.) Und dann die Presse! Oh, wie frivol Frauen sind! Wir sind nicht wie die regelmäßigen Leser von Das Team oder andere Ausgaben von Fußball Frankreich!

Meine eigene Erfahrung bestätigt diejenige von so vielen anderen vor mir; sobald wir echte Gleichheit fordern, werden wir, schlimmstenfalls, als hysterisch behandelt. Ansonsten drängt man uns dazu, wieder brav zu sein und sich den Erwartungen der Männer anzupassen, oder man sagt uns, wir müssen die Revolution (jene der Männer) unterstützen, dann wird alles gut, oder man fragt uns, was unsere persönlichen Probleme sind (weibliche Probleme natürlich). Doch gewöhnlich hört man uns nicht einmal zu – oder wartet gelangweilt, bis wir aufgehört haben zu reden.

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