Ebola-Krise: Drei Dinge, über die Band Aid eigentlich singen sollte

Nick Dearden hat eine treffende Zusammenfassung geschrieben. Ausgerechnet Bob Geldof muss sich mal wieder als der weiße Retter aufspielen, als ob die Afrikaner nicht schon genügend Probleme haben. Und nebenbei ist dieser Heuchler Chairman der Private Equity Firma 8 Miles, die sich auf private Investitionen in Afrika spezialisiert. Die PR auf der Website ist durchdrungen von nichtssagenden neoliberalen Phrasen, am Ende geht es doch nur um die Rendite und kapitalistische Verwertungslogik. Übrigens, eine Gruppe von berühmten westafrikanischen Musikern hat bereits ein Lied über Ebola gemacht, voller praktischer Ratschläge und Hoffnung. Wenn Geldof so viel an Afrika liegt, wieso unterstützt er diese Initiative dann nicht?

Autor: Nick Dearden, Übersetzung: Susanne Schuster

Dieses Wochenende kommen Popmusikstars zusammen, um eine Neuauflage des Hits aus den 1980-er Jahren „Do They Know it’s Christmas“ zu machen. Bob Geldof und Midge Ure haben eine neue Generation von Popkünstlern – darunter One Direction und Elbow – mobilisiert, um Geld für die Ebola-Krise zu sammeln. Die Frage ist, ob dieses Lied wirklich zum Verständnis der aktuellen Entwicklungen in Westafrika beiträgt und die dafür nötigen politischen Lösungen vorantreibt, oder ob es doch wieder nur abgenutzte und negative Klischees über arme Afrikaner verstärkt.

Vor dreißig Jahren veröffentlichten Popstars unter dem Namen Band Aid das Lied „Do They Know It’s Christmas“ als Reaktion auf die äthiopische Hungersnot von 1984. Eine Generation später denken viele Leute bei Afrika immer noch an Hunger und Armut. Die absurde Darstellung des Kontinents in dem Lied („Where nothing ever grows, No rain nor rivers flow“ [Wo niemals etwas wächst, wo weder Regen fällt noch Flüsse fließen“]) lebt fort: ein Afrika voll hilfloser, hungernder Kinder, die verzweifelt auf Europas Großzügigkeit warten. In einem 2011 veröffentlichten Bericht Finding Frames wurde von Forschern festgestellt, dass diese Konzeption Afrikas – von ihnen als das Erbe von Live Aid beschrieben – bis heute äußerst lebendig ist. Der politische Kontext Afrikas wird einfach ignoriert: die Jahrzehnte des Imperialismus und der Sklaverei bis hin zu den strukturellen Anpassungsprogrammen und der Schuldenkrise.

Die einfache Botschaft von Band Aid hat die ganze politische Komplexität der äthiopischen Hungersnot ausgeblendet – sie war nicht einfach eine Naturkatastrophe, sondern eine Katastrophe, die von einer brutalen Regierung ausgenutzt und verschärft wurde, um aufständische Rebellen zu vernichten, die ihre Autorität in Frage stellten. Ebola existiert heute ebenfalls in einem politischen Kontext: zwar brauchen die Hilfsorganisationen, die die Krise bekämpfen tatsächlich Gelder, doch sind in Sierra Leone, Liberia und Guina auch politische Lösungen vonnöten, um die Ausbeutung zu bekämpfen, die Ebola hervorgebracht hat.

Soviel stimmt: Ebola ist in einer Region ausgebrochen, die Jahrzehnte lang durch Konflikte zerrüttet worden ist. Doch die Länder sind nicht von Haus aus arm. Für ihre Leiden kann man auch nicht ausschließlich Korruption verantwortlich machen. Sie sind auch Opfer der Wirtschaftspolitik, die von westlichen Ländern und Konzernen verfolgt wird.

Die Bewegung für Volksgesundheit (People’s Health Movement) sagte kürzlich, die Ursache der Ebola-Epidemie „liegt nicht in der Pathologie der Krankheit, sondern in der Pathologie unserer Gesellschaft und der globalen politischen und wirtschaftlichen Architektur“. Ein paar Millionen Dollar sind kein Ersatz für den Reichtum, den sie jedes Jahr verlieren.

Wenn Popstars Westafrika durch Band Aid helfen möchten, dann gibt es drei Dinge, die man im neuen Liedtext über die Ebola-Krise sagen könnte.

Erstens haben Sierra Leone und Liberia boomende Wirtschaften mit sehr hohen Wachstumsraten – angeblich das Symbol für die „Entwicklung“ eines Landes. Tatsächlich kann Liberia weltweit die höchste Rate an ausländischen Direktinvestitionen, relativ zum BIP, vorweisen und hat seit Jahren ein Wirtschaftswachstum von mehr als 10 %. Sierra Leone hat gegenwärtig eine Wachstumsrate von mehr als 20 %.

Nach dem Dogma der freien Marktwirtschaft sollten die Grundlagen dafür geschaffen sein, die Armen reicher zu machen. Doch durch die Inbesitznahme des Landes, die Ausbeutung der Mineralien und die Privatisierung der Ressourcen verlässt der Reichtum Westafrikas in einer Schiffsladung nach der anderen das Land – wie es schon immer der Fall gewesen ist.

Diamond miners in eastern Sierra Leone.

Diamentenschürfer im Osten Sierra Leones. „Die Bergbaukonzerne haben solch gewaltige Steuererleichterungen bekommen, dass die Regierungen im Grunde genommen ihres Reichtums beraubt werden.“ Foto: Reuters

Nach einem Bericht der gemeinnützigen Organisation Christian Aid beliefen sich die entgangenen Einnahmen auf 14 % des BIP im Jahr 2011, als die Regierung mehr für Steueranreize ausgab als für dringend notwendige Entwicklungsvorhaben. Ihren Prognosen zufolge wird das Land in den kommenden Jahren mehr als 240 Mio. $ jährlich durch Steuergeschenke verlieren, wobei der größte Anteil der Steuererleichterungen auf zwei britische Bergbaukonzerne entfällt.

Zunächst sollte Afrika also seinen Reichtum behalten können.

Zweitens befindet sich das Gesundheitswesen in Westafrika in einem jämmerlichen Zustand und wird hauptsächlich der Privatwirtschaft überlassen. Sierra Leone hat die niedrigste Lebenserwartung in der Welt (nur 45 Jahre) und im Jahr 2010 gab es dort nur 136 Ärzte (umgerechnet auf „pro 1 000 Einwohner“, der Maßstab der Weltbank, ist das 0). In Liberia gab es noch weniger.

Das liegt auch deshalb daran, dass Westafrika, wie so viele Regionen, von der Politik des IWF seit vielen Jahren ausgezehrt wird. Zwar hat der IWF seine normale Politik auf „Eis gelegt“, solange der Ebola-Virus am Wüten ist, doch ist das keine langfristige Strategie für den Aufbau eines öffentlichen Sektors.

Genausowenig wie die Manie für ein privates Gesundheits- und Bildungswesen, die von der Entwicklungshilfestrategie der britischen Regierung so begeistert gefördert wird. Obwohl öffentliche Gesundheitssysteme mit britischen Entwicklungshilfegeldern gefördert wurden, mit einigen positiven Ergebnissen, hat Großbritannien kürzlich seine Entwicklungshilfe an beide Länder gekürzt, da es überall in Afrika eine private Gesundheitsversorgung fördert.

Der Ebola-Ausbruch hätte nicht in eine Epidemie ausarten müssen. Wir müssen die Schaffung anständiger öffentlicher Gesundheitssysteme unterstützen, oder zumindest privatwirtschaftlichen Wettbewerb stoppen.

Drittens spielen die in Freihandelsabkommen verankerten geistigen Eigentumsrechte eine maßgebliche Rolle in Westafrikas Krise. Angeblich dienen sie dazu, die Forschung und Entwicklung zu fördern, doch Ebola beweist, dass dies nicht der Fall ist – zumindest dann nicht, wenn es sich um lebensbedrohliche Krankheiten handelt, die Leute ohne Geld befallen. Ebola ist von den Pharma-Riesen ignoriert worden, doch jetzt werden allmählich mehr öffentliche Gelder in die Forschung gesteckt.

Im Grunde genommen ist Ebola eine unprofitable Krankheit. Das wird sich erst dann ändern, wenn die Heilkunst aus dem Würgegriff des internationalen Pharmakartells befreit wird und wir die medizinische Forschung öffentlich zu finanzieren und steuern beginnen.

Wenn Popstars zu einem tieferen Verständnis von Afrikas Problemen beitragen möchten, dann könnten sie eine konstruktive Rolle spielen. Sogar Band Aids können kurzfristig sinnvoll sein. Doch die Aufrechterhaltung der Vorstellung, dass ein Kontinent voller hilfloser Menschen immer noch mehr Geldspenden aus Europa braucht, wird viel mehr schaden als nützen.

Quelle: Ebola crisis: three things Band Aid should really be singing about
http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/nov/11/ebola-africa-band-aid-three-things
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