Einige Anmerkungen zu Pikettys Capital

David Harvey ist ein marxistischer Humangeograph und Sozialwissenschaftler, der seit etwa 40 Jahren zum Kapital von Marx forscht und unterrichtet. Auf seiner Website findet man eine Videoserie zu seinen sehr leicht verständlichen Vorlesungen zum Kapital. Aus diesen Vorlesungen ist ein Band entstanden, der im VSA-Verlag in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auf der Website des Verlags findet man eine kostenlose Leseprobe der Einführung zu Marx‘ „Kapital“ lesen. Es lohnt sich wirklich, David Harvey zu lesen oder anzuhören, denn er schreibt bzw. spricht in einer klar verständlichen Sprache, er schwafelt nicht und bringt die Dinge genau auf den Punkt, und er versteht die Zusammenhänge.

Übersetzung von Susanne Schuster

Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Capital“, das ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Er befürwortet eine progressive Besteuerung und globale Reichensteuer als der einzige Weg, um der Entstehung eines „Patrimonial“-Kapitalismus, der laut ihm von „erschreckenden“ Ungleichheiten bei Vermögen und Einkommen gekennzeichnet ist, entgegenzuwirken. Darüber hinaus dokumentiert er auch mit haarsträubenden und schwer zu widerlegenden Fakten, wie sich die soziale Ungleichheit sowohl bei Vermögen als auch Einkommen in den vergangenen zwei Jahrhunderten entwickelt hat, wobei der Rolle des Vermögens eine besondere Aufmerksamkeit zukommt. Er zerstört die weitverbreitete Ansicht, dass der Kapitalismus des freien Marktes für die Verteilung des Reichtums sorgt und dass er das große Bollwerk für die Verteidigung von individuellen Rechten und Freiheiten ist. Piketty zeigt, dass der freie Marktkapitalismus anti-demokratische Oligarchien erzeugt, wenn der Staat nicht massiv interveniert zwecks Umverteilung. Diese Beweisführung hat die Empörung der Liberalen geschürt, da sie das Wall Street Journal rasend vor Wut macht.

Das Buch wird oft als „Das Kapital“ des 21. Jahrhunderts dargestellt, der Ersatz für das gleichnamige Werk von Karl Marx aus dem 19. Jahrhundert. Piketty sagt, das sei nicht seine Absicht gewesen, was so richtig ist, denn in seinem Buch geht es nicht um das Kapital. Es erklärt uns nicht, warum es zum Crash von 2008 kam und warum so viele Menschen es so lange nicht schaffen, sich von der Doppelbelastung durch Langzeitarbeitslosigkeit und Millionen von Hausenteignungen zu befreien. Es hilft uns nicht zu verstehen, warum das Wirtschaftswachstum in den USA vor sich hin dümpelt, im Gegensatz zu China, und warum Europa in einer Austeritätspolitik und einer Stagnationswirtschaft feststeckt. Was Picketty aber statistisch aufzeigt (und dafür schulden wir ihm und seinen Kollegen Dank), ist, dass das Kapital historisch gesehen dazu tendiert, ein immer größeres Ausmaß an Ungleichheit zu produzieren. Viele von uns wird dies kaum überraschen. Überdies ist genau dies die theoretische Schlussfolgerung von Marx im ersten Band seines Werkes Das Kapital. Piketty ist das nicht aufgefallen, was einen aber nicht überrascht, denn angesichts von Anschuldigungen in der rechtskonservativen Presse, er sei ein getarnter Marxist, hat er inzwischen gesagt, er habe Das Kapital von Marx nicht gelesen.

Piketty hat zur Untermauerung seiner Argumente eine Menge Daten gesammelt. Seine Darstellung der Unterschiede zwischen Einkommen und Vermögen ist überzeugend und hilfreich. Und er liefert ein durchdachtes Plädoyer für Erbschaftssteuern, progressive Besteuerung und eine globale Reichensteuer als mögliche (doch höchstwahrscheinlich politisch nicht gewollte) Gegenmittel gegen die weitere Konzentration von Reichtum und Macht.

Doch warum besteht dieser Trend zu größerer Ungleichheit im Verlauf der Zeit? Aus seinen Daten (aufgelockert mit einigen passenden literarischen Anspielungen auf Jane Austen und Balzac) leitet er ein mathmatisches Gesetz ab, das erkärt was passiert: die ständig steigende Akkumulation von Vermögen seitens des berühmten einen Prozent (ein Begriff, der natürlich von der Occupy-Bewegung popularisiert wurde) geschieht aufgrund der einfachen Tatsache, dass die Profitrate des Kapitals (r) immer die Wachstumsrate der Einkommen übersteigt (g). Piketty zufolge ist das seit jeher „der zentrale Widerspruch“ des Kapitals.

Doch eine statistische Regelmäßigkeit dieser Art konstituiert kaum eine adäquate Erklärung geschweige denn ein Gesetz. Welche Kräfte also produzieren und erhalten einen solchen Widerspruch? Piketty sagt das nicht. Das Gesetz ist das Gesetz und dabei bleibt es. Marx hätte die Existenz eines solchen Gesetzes offensichtlich auf das Machtungleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit zurückgeführt. Und diese Erklärung ist immer noch stichhaltig. Der stetige Rückgang des Anteils der Löhne und Gehälter am Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit den 1970-er Jahren ist zurückzuführen auf die schwindende politische und wirtschaftliche Macht der Arbeiter, da das Kapital neue Technologien, Arbeitslosigkeit, Auslagerung und eine gewerkschaftsfeindliche Politik (wie die von Margaret Thatcher und Ronald Regan) mobilisierte, um jegliche Opposition niederzuschmettern. Alan Budd, ein Wirtschaftsberater von Margaret Thatcher, gab in einem nachlässigen Moment zu, dass die Anti-Inflationspolitik der 1980-er Jahre sich als „sehr geeignet (erwies), um die Arbeitslosigkeit zu steigern, und die Steigerung der Arbeitslosigkeit war ein äußerst erwünschter Weg, um die Arbeiterklasse zu schwächen … in marxistischen Begriffen wurde hier eine kapitalistische Krise konstruiert, die ein Reserveheer an Arbeitskräften reproduzierte und seither für hohe Profite der Kapitalisten sorgt.“ Das Verhältnis der Entlohnung von durchschnittlichen Arbeitern und Vorstandsvorsitzenden lag 1970 bei 30 zu 1. Inzwischen liegt es bei weit über 300 zu 1 und im Fall von McDonalds sogar bei 1200 zu 1.

Doch im zweiten Band von Das Kapital (das Piketty auch nicht gelesen hat und dennoch leichtfertig abtut) weist Marx darauf hin, dass die Tendenz des Kapitals, die Löhne nach unten zu drücken, ab einem gewissen Punkt die Fähigkeit des Marktes, die Produkte der Kapitalisten zu kaufen, beschränken würde. Henry Ford erkannte dieses Dilemma vor langer Zeit, als er für seine Arbeiter den Achtstundentag für 5 $ anordnete, damit laut ihm die Nachfrage angekurbelt werden konnte. Viele glaubten, dass eine fehlende effektive Nachfrage die Große Depression der 1930-er Jahre verstärkte. Dies inspirierte die keynesianische Expansionspolitik nach dem 2. Weltkrieg, was eine gewisse Reduktion von Einkommensungleichheiten (aber nicht so sehr bei Vermögen) zur Folge hatte, inmitten eines starken, nachfrageinduzierten Wirtschaftswachstums. Doch diese Lösung basierte auf der relativ starken Macht der Arbeiter und der Konstruktion des „Sozialstaats“ (Pikettys Begriff), finanziert durch eine progressive Besteuerung. Er schreibt: „Während des Zeitraums von 1932 bis 1980, also fast ein halbes Jahrhundert, betrug der Spitzensteuersatz in den Vereinigten Staaten durchschnittlich 81 Prozent.“ Und dies hat das Wirtschaftswachstum in keiner Weise gedämpft (ein weiterer Beweis von Piketty, der rechtskonservative Überzeugungen widerlegt).

Gegen Ende der 1960-er Jahre wurde vielen Kapitalisten klar, dass man etwas unternehmen musste gegen die übermäßige Macht der Arbeiter. Daher verlor Keynes seinen Status im Pantheon der angesehenen Ökonomen und man ging über zur angebotsseitigen Wirtschaftspolitik von Milton Friedman: der Kreuzzug zur Stabilisierung oder Reduzierung der Steuern, zum Rückbau des Sozialstaats und der Disziplinierung der Arbeiter. Nach 1980 wurden die Spitzensteuersätze gesenkt und Kapitalerträge – eine Haupteinkommensquelle der Superreichen – wurden in den USA zu einem viel niedrigeren Satz besteuert, was die Vermögen des reichsten einen Prozent massiv vermehrte. Doch wie Picketty zeigt, war der Wachstumseffekt unerheblich. Das „Durchsichern“ (trickle down) von Wachstums- und Einkommenseffekten auf die allgemeine Bevölkerung (noch so eine geliebte Überzeugung der Rechtskonservativen) funktioniert also nicht. Nichts davon wurde von irgendeinem mathematischen Gesetz vorgegeben. Es war durch und durch politisch.

Doch dann schloss sich der Kreis und die drängendere Frage lautete: Wo ist die Nachfrage? Piketty ignoriert diese Frage systematisch. Die 1990-er Jahre beantworteten diese Frage mit einem Pfusch: die massive Ausweitung der Kreditwirtschaft, einschließlich die zunehmende Vergabe von Krediten an Kunden mit schlechter Bonität, die sogenannten Subprime-Märkte. Doch es war abzusehen, dass die daraus resultierende Finanzblase platzen würde, was sie 2007/8 dann auch tat und Lehman Brothers und das Kreditsystem mit sich riss. Doch die Profitraten und weitere Konzentration der Privatvermögen erholten sich sehr schnell nach 2009, während es für den Rest sehr schlecht lief. Die Profitraten der Unternehmen sind so hoch wie nie zuvor in den USA. Die Firmen sitzen auf Bergen von Geld und weigern sich es auszugeben, denn die Marktbedingungen sind nicht robust.

Pikettys Formulierung des mathematischen Gesetzes verhüllt mehr als sie enthüllt über die damit verbundene Klassenpolitik. Warren Buffet sagte einmal: „Natürlich gibt es einen Klassenkrieg, und es ist meine Klasse der Reichen, die ihn führt und wir gewinnen.“ Ein wichtiger Maßstab für ihren Sieg ist die wachsende Kluft der Vermögen und Einkommen zwischen dem reichsten einen Prozent und dem Rest.

Es gibt jedoch ein zentrales Problem mit Pikettys Argument. Es beruht auf einer falschen Definition von Kapital. Kapital ist kein Ding, sondern vielmehr ein Prozess. Es ist ein Zirkulationsprozess, in dem Geld dazu benutzt wird, mehr Geld zu produzieren, meistens, aber nicht ausschließlich, durch die Ausbeutung der Arbeitskraft. Piketty definiert Kapital als die gesamten Vermögensbestände von Privatpersonen, Konzernen und Regierungen, die auf dem Markt gehandelt werden können, egal ob diese Vermögensbestände auch tatsächlich dafür benutzt werden. Dazu gehören Land, Immobilien und geistige Eigentumsrechte sowie Kunst- und Schmucksammlungen. Die Bestimmung des Werts all dieser Dinge ist ein schwieriges fachliches Problem, für das es noch keine allgemein anerkannte Lösung gibt. Um eine aussagekräftige Profitrate r zu kalkulieren, müssen wir einen Weg für die Bewertung des Startkapitals finden. Leider gibt es keinen Weg, es unabhängig vom Wert der Güter und Dienstleistungen, die damit produziert werden, oder dem aktuellen Marktpreis zu bewerten. Die gesamte neoklassische Wirtschaftstheorie (die die Basis für Pikettys Theorien darstellt) beruht auf einer Tautologie. Die Profitrate des Kapitals hängt maßgeblich von der Wachstumsrate ab, denn Kapital wird durch das bewertet, was es produziert und nicht durch das, was in seine Produktion einfließt. Sein Wert wird stark beeinflusst von spekulativen Bedingungen und er kann ernsthaft verzerrt werden von der berühmten „irrationalen Überschwänglichkeit“, die nach Greenspan charakteristisch für Aktien- und Immobilienmärkte ist. Wenn wir den Immobilienmarkt – ganz zu schweigen vom Wert der Kunstsammlungen der Hedgefonds-Manager – von der Definition von Kapital abziehen (und die Gründe für ihren Einschluss sind ziemlich schwach), dann würde Pikettys Erklärung für zuehmende Ungleichheiten bei Vermögen und Einkommen sang- und klanglos untergehen; seine Beschreibungen der vergangenen und gegenwärtigen gälte aber weiterhin.

Geld, Land, Immobilien, Fabriken und Ausrüstung, die nicht produktiv genutzt werden, sind nicht Kapital. Wenn die Profitrate des eingesetzten Kapitals hoch ist, dann deshalb, weil ein Teil des Kapitals der Zirkulation entzogen wird, effektiv streikt es also. Die Beschränkung des Kapitalangebots für neue Investitionen (ein Phänomen, das wir gerade beobachten können) sichert eine hohe Profitrate für das sich in Zirkulation befindliche Kapital. Es sind nicht nur Ölfirmen, die eine solche künstliche Knappheit erzeugen, um ihre hohe Profitrate zu sichern: alle Kapitale tun dies, wenn die Möglichkeit besteht. Das ist die eigentliche Ursache dafür, dass die Profitrate von Kapital (egal wie sie definiert und gemessen wird) tendenziell immer die Wachstumsrate von Einkommen übersteigt. So sichert das Kapital seine eigene Reproduktion, egal wie unangenehm die Folgen für den Rest von uns sind. Und so lebt die Kapitalistenklasse.

Pikettys Daten liefern viele wertvolle Einsichten. Doch seine Erklärung für das Aufkommen der Ungleichheiten und oligarchischen Tendenzen weisen schwere Mängel auf. Seine Vorschläge für die Beseitigung der Ungleichheiten sind bestenfalls naiv, schlimmstenfalls utopisch. Er hat ganz sicher kein funktionierendes Modell für Kapital im 21. Jahrhundert geschaffen. Dafür brauchen wir immer noch Marx oder sein modernes Pendant.

Quelle: Afterthoughts on Piketty’s Capital

http://davidharvey.org/2014/05/afterthoughts-pikettys-capital/

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