Britische „Entwicklungshilfe“ finanziert den Wettlauf der Konzerne um Afrika

Von Miriam Ross, Übersetzung Susanne Schuster

Britische Entwicklungshilfe in Höhe von 600 Millionen englische Pfund wird Unternehmen wie Unilever und Monsanto dabei helfen, afrikanisches Land und afrikanische Landwirtschaft in Besitz zu nehmen. Diese Machtübernahme der Großkonzerne wird für die Kleinbauern, die mindestens 70 Prozent der Menschen Afrikas ernähren, katastrophale Folgen haben

An sich hört sich die Bezeichung „Neue Allianz für Ernährungssicherheit“ an wie eine noble Initiative.

Genau das, wofür man internationale Entwicklungshilfegelder eben ausgeben sollte.

Doch wenn man genauer hinsieht, wird klar, dass das von den G8-Regierungen gemeinsam mit einigen der größten globalen Lebensmittel- und Agrarunternehmen vorgestellte Programm wenig mit der Ernährung unterernährter Menschen zu tun hat.

Vielmehr weist ein neuer Bericht des World Development Movement (WDM) darauf hin, dass die Neue Allianz, die 600 Millionen englische Pfund aus dem britischen Entwicklungshilfebudget erhält, Armut und Ungleichheit in Afrika in Wirklichkeit verstärken wird.

Der Mythos von der „gesteigerten Nahrungsproduktion“

Die Rhetorik, mit der die Neue Allianz vermarktet wird, dreht sich nur darum, mehr Nahrung zu produzieren. Doch der Mythos, die Lösung für den Hunger bestehe darin, mehr Nahrung zu produzieren, ist schon unzählige Male zerstört worden.

Weltweit wird derzeit genügend Nahrung produziert, um schätzungsweise 12 Milliarden Menschen zu ernähren, doch von der aktuellen Bevölkerung von 7 Milliarden Menschen sind etwa 14 Prozent chronisch unterernährt.

Die Erfahrung in Afrika selbst ist ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit einer steigenden Produktion, das Problem des Hungers zu lösen. Im Afrika südlich der Sahelzone stieg die Nahrungsproduktion zwischen 1991 und 2011 um 10 Prozent pro Person. Doch die Zahl der unterernährten Menschen nahm im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zu.

Mit Hilfe der Neuen Allianz haben eine Handvoll der größten Lebensmittel- und Agrarunternehmen der Welt vereinbart, in die zehn afrikanischen Länder, deren Regierungen bereits eine Teilnahme an diesem Programm zugesagt haben zu „investieren“: Äthiopien, Ghana, Tansania, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mosambik, Nigeria, Benin, Malawi und Senegal.

Der große afrikanische Landraub

Doch im Gegenzug musste jedes dieser afrikanischen Länder zustimmen, weitreichende Änderungen an seinen Gesetzen vorzunehmen – nur um die Dinge für Großkonzerne einfacher zu machen.

Die von afrikanischen Ländern geforderten Reformen werden es Unternehmen viel leichter machen, sich großer Agrarflächen zu bemächtigen. In Äthiopien wird zum Beispiel gerade ein Programm ausgearbeitet, durch das Investoren schneller Zugang zu Land bekommen sollen.

Diejenigen, die eine Expansion der industriellen Landwirtschaft befürworten, sehen Afrikas Land als untergenutzt und bereit für die Ausbeutung – genau wie die europäischen Kolonialisten des 19. Jahrhunderts.

Doch auf einem Großteil des vorgemerkten Landes leben bereits Menschen, die dort Feldfrüchte anbauen oder ihre Tiere darauf weiden lassen, oder die davon für Wasser, Brennholz, Heilpflanzen oder die Jagd abhängen.

Seit 2001 sind in Afrika mindesten 56 Millionen Hektar Land verkauft oder geleast worden; der weitere Transfer von Land an multinationale Konzerne wird unweigerlich zur Enteignung von Menschen führen, deren Lebensgrundlagen davon abhängen.

Viele große Firmen kommen oft mit dem Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen. Doch letztendlich werden oft viel zu wenig Arbeitsplätze geschaffen und häufig machen sie aus Kleinbauern schlecht bezahlte Arbeiter mit geringer Verhandlungsmacht, und für Frauen gibt es so gut wie keine Arbeit.

Die Beschränkung und Privatisierung von Saatgut

Die Neue Allianz privatisiert darüber hinaus das Saatgut; in einigen Ländern fordert sie Reformen, die die Möglichkeiten von Kleinbauern beschränken würden, Saatgut zu bewahren, um es im folgenden Jahr wieder auszusäen, und Saatgut untereinander zu tauschen.

Riesige Saatgutfirmen wie Monsanto, Syngenta und DuPont sind große Spieler in der Neuen Allianz und sie drängen auf neue Saatgutgesetze, die Bauern kaum eine andere Wahl lassen werden als das Saatgut von ihnen zu kaufen.

So müssen Bauern nicht nur für etwas bezahlen, was sie früher selbst anbauen und untereinander teilen konnten, die Abhängigkeit vom Saatgut der Konzerne wird darüber hinaus die genetische Vielfalt reduzieren, die eine wichtige Rolle dabei spielt, dass sich Kleinbauern an ein verändertes Klima anpassen können.

Dünger und Pestizide 

Saatgutfirmen sind nicht die Einzigen, die afrikanischen Landwirten ein Produkt verkaufen möchten. Die größte Agrarchemiefirma der Welt, Yara, möchte neue Märkte für ihre Dünger erschließen.

Die Abhängigkeit von Agrarchemikalien führt genau wie beim Saatgut dazu, dass Bauern Gefahr laufen, sich stark zu verschulden, zumal Dünger die Böden auslaugen.

Die Abhängigkeit von chemischen Mitteln hatte in Indien tragische Folgen: schätzungsweise eine viertel Million Bauern haben in den vergangenen 15 Jahren bis 2010 Selbstmord begangen, nachdem sie sich durch den Kauf von Agrarchemiekalien verschuldet hatten.

Im Afrika südliche der Sahelzone werden sich nach Schätzungen der UN die Kosten für Gesundheitsprobleme aufgrund von Pestizidvergiftungen zwischen 2005 und 2020 auf rund 90 Milliarden US-Dollar belaufen.

Das koloniale Modell taucht wieder auf – der Export von „Cash Crops“

Während der Impuls für die Neue Allianz zum Teil darin liegt, multinationalen Unternehmen Gelegenheiten für die Vermarktung von patentiertem Saatgut und Agrarchemikalien an afrikanische Bauern zu bieten, ist die Chance zum Export von cash crops sogar noch verlockender.

Bezeichnenderweise wird garantiert, dass Exporte Priorität vor den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung haben, sogar in den offiziellen Vereinbarungen, die von jedem Land unterzeichnet werden.

Tansania ist als Teil seiner Vereinbarung mit der Neuen Allianz beispielsweise eine Verpflichtung eingegangen, derzufolge Kontrollen in Bezug auf Lebensmittelexporte reduziert werden sollen, auch in Zeiten von Nahrungsmangel bei seiner eigenen Bevölkerung.

Man kann wohl kaum davon ausgehen, dass so eine Politik auf die Ernährungssicherheit der Bevölkerung Tansanias ausgerichtet ist.

Die Anbindung des besten Agrarlandes an Häfen 

Die Kolonialisten des 19. Jahrhunderts rechtfertigten ihren Wettlauf um Afrika damit, dass sie um die von ihnen gebauten Häfen und Eisenbahnen viel Wind machten, jetzt wird eine Menge Lärm gemacht um die Infrastruktur, die durch die Neue Allianz und ähnliche Programme gebaut wird.

Doch genau wie in den 1880-er Jahren ist der klare Zweck der heutigen Entwicklung die Ausfuhr von Rohmaterialien aus dem Kontinent. Mehrere transnationale „landwirtschaftliche Wachstumskorridore“ – die Idee von Yara – werden derzeit ausgebaut, um erstklassiges Agrarland mit Küstenhäfen zu verbinden.

Die Kampagne für die Umstellung auf eine Exportwirtschaft ist nichts Neues: In den vergangenen Jahrzehnten haben die Weltbank und der IWF viele der ärmeren Länder der Welt gezwungen, für den Export zu produzieren und ihre Märkte für Importe zu öffnen – mit katastrophalen Folgen.

Diejenigen Länder, deren Landwirtschaft auf die Produktion von cash crops für den Export ausgerichtet ist, tendieren dazu, für die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung von Lebensmittelimporten abhängig zu werden. Wenn dann die internationalen Getreidepreise in die Höhe schießen wie im Jahr 2008, können Millionen Menschen folglich nicht mehr genug importierte Lebensmittel kaufen.

Trotz der menschlichen Kosten ist es das Ziel der Neuen Allianz, das afrikanische Nahrungssystem stärker auf den Export auszurichten, weg von der Nahrungsproduktion für lokale Bevölkerungen.

Ein anderer Weg 

Voraussichtlich wird es einige Gewinner geben unter afrikanischen Unternehmen und den größten Landwirten, doch die bäuerliche Landwirtschaft auf dem ganzen Kontinent wird zu den großen Verlierern gehören.

Die Bauern verstehen, dass ihnen durch die Inbesitznahme ihres Landes, ihres Saatgutes und ihrer nationalen Gesetze durch Großkonzerne die Kontrolle über ihr Leben entzogen wird. Aber sie sind entschlossen, sich zu verteidigen. Eine Koalition von Bauerngruppen aus Ost-, West- und Zentralafrika verkündete:

„Die bäuerliche Landwirtschaft ist die Grundlage für die moderne Nahrungsproduktion in Afrika, heute und morgen … Unterstützt von entsprechender Forschung, hilfreichen Investitionen und angemessenem Schutz, ist sie produktiver als die industrielle Warenproduktion.“

Kleinbauern ernähren mindestens 70 Prozent der Bevölkerung Afrikas und sie fordern, dass man sie unterstützt und sie als die Experten, die sie sind, schätzt.

Ein schwerer Missbrauch von britischen „Entwicklungshilfe“geldern 

Die britische Entwicklungshilfe ist für die Bekämpfung der Armut vorgesehen – sie dient nicht dazu, den reichsten und mächtigsten Firmen der Welt neue Geschäftschancen zu eröffnen.

Die britische Regierung muss ihre Unterstützung für die Neue Allianz beenden, stattdessen muss sie den Bauern helfen – die fast ganz Afrika ernähren –, die Kontrolle über ihr Land und ihre Ressourcen zu behalten und Nahrung für die lokale Bevölkerung zu produzieren.

Aktion: Stop the corporate takeover of Africa’s food.

Schreibt an: Justine Greening, Secretary of State for International Development.

Quelle: UK ‚aid‘ is financing a corporate scramble for Africa, The Ecologist http://www.theecologist.org/News/news_analysis/2343978/uk_aid_is_financing_a_corporate_scramble_for_africa.html

 

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