Gesundheitsrisiken durch Gentechnik: Séralini kommt zu Hilfe!

Von Catherine Rowe und Susanne Schuster

gm_health_risk_weekFür diejenigen von uns, die für echte Demokratie und Souveränität im Hinblick auf unsere Ernährung kämpfen, war der Besuch von Professor Gilles-Eric Séralini, Forschungsleiter der weltweit längsten Studie zu den Auswirkungen von gentechnisch veränderten Organismen (GVO), in Großbritannien Anfang September eine willkommene Entwicklung. Angesichts wachsender Unterstützung für Gentechnik in Lebensmitteln seitens der EU-Regierungen, was unter anderem in der falschen Behauptung des britischen Umweltministers Owen Paterson zum Ausdruck kommt: „Während der Rest der Welt voranprescht und von den Vorteilen neuer Technologien profitiert, läuft Europa Gefahr zurückzubleiben“, bot eine Vortragsreihe vom 2. bis 8. September zu den Gesundheitsrisiken von GVO die Gelegenheit, uns direkt über die Ergebnisse der Studie zu informieren. Leider musste Professor Séralini nach seinem Vortrag vor einer fraktionsübergreifenden Gruppe des Parlaments am 4. September in ein Krankenhaus gebracht werden, doch das Podium der Abendveranstaltung im University College of London stellte sich der Herausforderung souverän und lieferte uns einen Einblick in die Gegenreaktionen, die sich nach der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse im vergangenen Jahr wie ein Lauffeuer verbreiteten.

Monsantos ursprüngliche 90-Tage-Fütterungsstudie mit Ratten zu den Auswirkungen der gentechnisch veränderten Maissorte NK603 wurde 2004 veröffentlicht, nachdem eine breite europaweite Graswurzel-Kampagne gegen den Verkauf von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in der EU gekämpft hatte. Ratten, die mit gentechnisch verändertem Mais und Roundup (das Herbizid von Monsanto mit dem aktiven Bestandteil Glyphosat, das zusammen mit genmanipuliertem herbizid-resistentem Weizen, Mais, Soja und Raps angewendet wird; viele Bauern sagen, dass dies zu herbizid-toleranten ‚Superunkräutern’ auf ihren Feldern geführt hat) gefüttert wurden, wiesen Anzeichen von Leber- und Nierenvergiftung auf. Diese biologischen Unterschiede zu den mit gentechnikfreiem Mais gefütterten Ratten wurden von der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA als ‚nicht schädlich’ beschrieben, ein unerhörter Schritt, der im Widerspruch zu ihren eigenen Sicherheitsstandards stand. Zu dem Zeitpunkt war der US-amerikanische Markt für GVO-Saatgut von Monsanto und anderen Agrarkonzernen schon fast gesättigt – mittlerweile enthalten mehr als 80 Prozent aller Lebensmittel in Nordamerika GVO. Es schien, dass die Gentechnik grünes Licht für den europäischen Markt erhalten würde, trotz des hart erkämpften Moratoriums.

Angesichts der zunehmenden Macht von Großkonzernen entschieden sich Professor Séralini und sein Team, die Studie von Monsanto nachzubilden, doch nun wurde die Studie auf die volle Lebensspanne einer Ratte von 2 Jahren ausgedehnt. Es zeigte sich sehr schnell, wie groß die Hürden waren: Er musste Monsanto vor Gericht verklagen, um die Originaldaten ihrer Studie zu erhalten. Seine Studie ergab, dass die ersten Anzeichen einer Leber- und Nierentoxizität nach dem anfänglichen Zeitraum von 90 Tagen eskalierten. Auch gab es eine unerwartet hohe Zunahme an Tumoren, vor allem Geschwüre an der Brust bei weiblichen Ratten, die mit NK603 und Roundup gefüttert wurden. Innerhalb von wenigen Stunden nach der Veröffentlichung von Professor Séralinis Studie im Internet erfolgte der Gegenangriff. Die Studie wurde von Kritikern als unwissenschaftlich verrissen, obwohl sie Monsantos ursprüngliches Versuchsdesign nachbildete. Sie argumentierten, dass die Zahl von zehn Ratten pro Versuchsgruppe zu klein gewesen sei für eine Krebsstudie, ungeachtet der Tatsache, dass es tatsächlich eine Toxizitätsstudie war (Séralini sagte, er habe die Tumore nicht erwartet). Sie behaupteten auch, er habe eine Rattenlinie mit einer Neigung zur Tumorbildung gewählt. Séralini hat all diese und viele weitere Kritikpunkte in einem auf seiner Webseite veröffentlichten Artikel widerlegt. (siehe http://gmoseralini.org/category/critics-answered/). Dennoch werden viele dieser Behauptungen von den staatlichen Behörden, die vorgeblich für die Sicherheit unserer Lebensmittel verantwortlich sind, weiterhin wiederholt.

Interessanterweise haben die EU und die französische Regierung seit der Veröffentlichung von Professor Séralinis Studie ihre eigenen Studien in Auftrag gegeben. Die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA bestätigte im Stillen sein Versuchsdesign, während sie öffentlich in den Chor der üblichen Gegenbehauptungen einstimmt. Es stellt sich die Frage, wer uns denn eigentlich vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln schützt?

Das Podiumsmitglied Claire Robinson, Forscherin bei Earth Open Source und Redakteurin von GMWatch, sprach über die engen Verbindungen von Séralinis Kritikern (aus Wissenschaft und von Konzernen) zur Genechnik-Industrie und die fortgeschrittene Zersetzung des gesetzlichen Rahmens. Das GVO-Moratorium werde von der Lobbyarbeit der Großkonzerne ernsthaft bedroht und das Vorsichtsprinzip, das auf alle potenziellen Nahrungsmittelrisiken angewendet werden sollte, sei weitgehend aufgegeben worden. Wie so oft der Fall, sollte man einfach dem Geld auf der Spur bleiben.

Lisa Stokke und Paul Murphy, Gründer von Food Democracy Now, eine US-amerikanische Bewegung, die kürzlich für die Kennzeichnungspflicht bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln in den USA gekämpft hat, erinnerten uns daran, GVO so energisch wie möglich zu bekämpfen. Sie lieben die Tatsache, dass wir in Europa noch eine Kennzeichnungspflicht haben!

Vermutlich war für viele von uns der Vortrag von Dr. Michael Antoniou, Molekularbiologe am King’s College London, von ungeheurem Nutzen, er vertrat Professor Sèralini, um die der Gentechnik zugrunde liegende Wissenschaft zu erklären. Diese, und viele andere Studien (siehe die Links auf GMWatch für die vielen kleinen unabhängigen Studien zu GVO), haben ergeben, dass der Prozess der genetischen Transformation hochgradig erbgutverändernd ist. Das zufällige Einschleusen eines fremden Gens in das Erbgut bzw. Genom des Wirts (um z. B. den NK603-Mais glyphosat-tolerant zu machen oder das Einschleusen eines Pestizidgens in das Baumwollgenom, um die Baumwolle vor dem Kapselbohrer zu schützen) resultiert in zahlreichen spontanen Veränderungen, bei denen vollkommen neue Kombinationen genetischen Materials entstehen. Dies führt zu unzähligen potenziellen Gesundheitsrisiken. Als absolutes Minimum müssen Fütterungsstudien über die gesamte Lebenszeit der Versuchstiere durchgeführt werden für alle Gentech-Lebensmittel und die potenziellen Risiken einer hohen Pestizid- und Herbizidbelastung müssen genauso rigoros erforscht werden.

Zwar behaupten die Befürworter der Gentechnik fälschlicherweise, dass sie den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden reduziert, doch die Umweltkrise bedeutet, dass es unmöglich ist, mit einem agroindustriellen System fortzufahren, auch mit einem geschmälerten. Viele von uns in der Bewegung für Ernährungssouveränität wissen, dass wir agrarökologische Methoden in der Landwirtschaft durchsetzen müssen, die mit der Natur arbeiten statt gegen sie, wenn wir Nahrungsmittel künftig auf eine echte nachhaltige Weise erzeugen wollen. Wir müssen genau wissen, was wir essen und wir brauchen demokratische Kontrolle, nicht Konzernmacht, um dies zu erreichen. Eine Menge Stoff zum Nachdenken!

Weitere Informationen:

http://umweltinstitut.org/gentechnik/allgemeines-gentechnik/allgemeines-gentechnik-174.html

http://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichtes/gentechnik-und-biotechnologie.html

http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/gentechnik/greenpeace__gute_gruende_gegen_gentechnik.pdf

https://www.campact.de/gentec/info/gegenarg/

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Eine Antwort zu Gesundheitsrisiken durch Gentechnik: Séralini kommt zu Hilfe!

  1. kopfstaendler schreibt:

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