Eine selbstmörderische Saat

„Monsanto ist ein Agrarunternehmen.

Wir setzen Innovationen und Technologie ein, um Landwirten auf der ganzen Welt dabei zu helfen, mehr zu produzieren und dabei Ressourcen zu schonen.“

„Mehr produzieren. Ressourcen schonen. Lebensstandards von Landwirten verbessern.“

Das sind die auf der Website von Monsanto Indien gemachten Versprechen, nebst Bildern von lächelnden, erfolgreichen Landwirten aus dem Bundesstaat Maharashtra. Es ist ein verzweifelter Versuch von Monsanto und seiner PR-Maschine, die Selbstmordepidemie unter den indischen Bauern von der zunehmenden Kontrolle der Firma über das Baumwollsaatangebot zu trennen – 98 Prozent der indischen Baumwollsaat wird mittlerweile von Monsanto kontrolliert.

Die Kontrolle über Saatgut ist das erste Glied in der Nahrungsmittelkette, denn Saatgut ist die Quelle des Lebens. Wenn ein Konzern die Macht über Saatgut hat, hat er die Macht über das Leben, vor allem das Leben der Bauern.

Monsantos konzentrierte Macht über den Saatgutsektor in Indien und weltweit ist sehr besorgniserregend. Diese Besorgnis verbindet die Suizide der indischen Bauern mit dem Verfahren Monsanto gegen Percy Schmeiser in Kanada, mit dem Verfahren Monsanto gegen Bowman in den USA und mit brasilianischen Bauern, die Monsanto auf 2,2 Mrd. US-Dollar wegen unfairer Berechnung von Lizenzgebühren verklagen.

Durch Patente auf Saatgut ist Monsanto „Herr über das Leben” auf unserem Planeten geworden, der für die Erneuerung des Lebens eine Rente verlangt, und zwar von den Bauern, den ursprünglichen Züchtern.

Patente auf Saatgut sind illegitim, denn die Einführung eines giftigen Gens in eine Pflanzenzelle ist nicht die „Erschaffung“ oder „Erfindung“ einer Pflanze. Dieses Saatgut ist eine Täuschung – die Illusion, dass Monsanto Saatgut und Leben erschafft; die Illusion, dass Monsanto vorgibt, für das Wohlergehen der Bauern zu arbeiten, während die Firma Bauern verklagt und sie in die Schuldenfalle treibt; und die Illusion, dass gentechnisch veränderte Organismen (GVO) die Welt ernähren. GVO versagen darin, Schädlinge und Unkräuter zu beherrschen und haben stattdessen zur Entstehung von Superschädlingen und Superunkräutern geführt.

Der Eintritt von Monsanto in den indischen Saatgutmarkt wurde ermöglicht durch eine 1988 von der Weltbank verhängte Saatgutpolitik, die von der indischen Regierung die Deregulierung des Saatgutsektors verlangte. Mit Monsantos Eintritt veränderten sich fünf Dinge: Erstens wurden indische Firmen geknebelt mit Joint-Ventures und Lizenzvereinbarungen und die Konzentration im Saatgutsektor nahm zu. Zweitens wurde Saatgut, das eine gemeinschaftliche Ressource der Bauern war, das „intellektuelle Eigentum“ von Monsanto, für das man Lizenzgebühren bezahlen musste, wodurch Saatgut teurer wurde. Drittens wurde Baumwollsaat aus offener Bestäubung von Hybridsorten, darunter GVO-Hybride, verdrängt. Aus einer erneuerbaren Ressource wurde eine nicht erneuerbare, patentierte Ware. Viertens musste Baumwolle, die zuvor als Mischkultur mit Nahrungspflanzen angebaut wurde, nun als Monokultur angebaut werden, und wurde anfälliger für Schädlinge, Krankheiten, Trockenheit und Ernteausfälle. Fünftens hat Monsanto damit angefangen, die Regulierungsverfahren in Indien zu untergraben und benutzt nun sogar öffentliche Gelder, um seine nicht erneuerbaren Hybridsorten und GVO durch öffentlich-private Partnerschaften durchzusetzen.

Im Jahr 1995 führte Monsanto seine Bt-Technologie in Indien durch ein Joint-Venture mit der indischen Firma Mahyco ein. 1997/98 begann Monsanto illegalerweise die offenen Feldversuche mit seiner gentechnisch veränderten Bt-Baumwolle und verkündete, dass die Firma die Saat im folgenden Jahr im Handel verkaufen würde. Seit 1989 werden GVO in Indien unter dem Umweltschutzgesetz reguliert. Für Versuche mit GVO muss man eine Genehmigung vom Genetic Engineering Approval Committee im Umweltministerium bekommen. Die Forschungsstiftung für Wissenschaft, Technologie und Umwelt verklagte Monsanto vor dem Obersten Gericht Indiens und Monsanto konnte den kommerziellen Verkauf seiner Bt-Baumwolle erst im Jahr 2002 starten.

Und nach dem vernichtenden Urteil des parlamentarischen Ausschusses zu Bt-Erzeugnissen im August 2012 empfahl der vom Obersten Gerichtshof ernannte Expertenausschuss ein zehnjähriges Moratorium auf Feldversuche mit sämtlichen gentechnisch veränderten Nahrungspflanzen und die Beendigung aller aktuellen Versuche mit transgenen Feldfrüchten.

Doch das Unternehmen hatte die indische Landwirtschaft bereits verändert.

Monsantos Saatgutmonopol, die Zerstörung von Alternativen, die Akkumulation von Superprofiten in der Form von Lizenzgebühren und die zunehmende Anfälligkeit von Monokulturen hat ein Millieu von Schulden, Selbstmorden und bäuerlicher Not geschaffen, das die Suizidepidemie bei indischen Bauern antreibt. Diese systemische Macht ist durch Bt-Baumwolle noch verstärkt worden. Daher werden die meisten Selbstmorde im Baumwollgürtel begangen.

Ein internes Memo des indischen Landwirtschaftsministeriums vom Januar 2012 hatte diese Botschaft für die Baumwolle anbauenden Bundesstaaten Indiens: „Baumwollanbauer stecken seit dem Umstieg auf Bt-Baumwolle in einer tiefen Krise. Die Selbstmordwelle unter den Bauern in den Jahren 2011-12 war unter den Anbauern von Bt-Baumwolle besonders schlimm.“

Die größten Anbauflächen von Bt-Baumwolle befinden sich in Maharashtra und dort ist die Zahl der Suizide von Bauern am höchsten. Die Selbstmorde haben zugenommen, nachdem Bt-Baumwolle eingeführt wurde – die von Monsanto geforderten Lizenzgebühren und die hohen Kosten für Saatgut und Chemikalien haben eine Schuldenfalle erzeugt. Nach Daten der indischen Regierung sind fast 75 Prozent der ländlichen Schulden auf den Einkauf von Betriebsmitteln zurückzuführen. In diesem systemischen Sinne ist das Saatgut von Monsanto also eine selbstmörderische Saat.

Die ultimative selbstmörderische Saat ist die von Monsanto patentierte Technologie für die Herstellung von sterilem Saatgut. (Die von den Medien sogenannte „Terminator-Technologie“ ist eine Methode der gentechnischen Manipulation, die bewirkt, dass Pflanzen nur noch sterile Samen hervorbringen – die Pflanzen produzieren entweder keine keimfähigen Samen oder sie produzieren keimfähige Samen, bei denen spezifische Gene abgeschaltet sind.) Die Konvention für Artenvielfalt hat ihren Gebrauch verboten, sonst würde Monsanto von seinem Saatgut noch stärker profitieren.

Mit dem Gerede von „Technologie” versucht Monsanto seine wahren Ziele zu verschleiern, nämlich das Eigentum an und die Macht über Saatgut, wobei die gentechnische Manipulation nur ein Mittel ist, um durch Patente und intellektuelle Eigentumsrechte die Kontrolle über das Saatgut und Nahrungsmittelsystem zu erlangen.

Ein Vetreter von Monsanto gab zu, dass der Konzern, indem er die Patente auf Lebensformen von Mikroorganismen bis hin zu Pflanzen in das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) schrieb, „gleichzeitig Diagnostiker und Therapeut des Patienten“ war. Das Hauptziel war, Bauern davon abzuhalten, Saatgut zurückzulegen und Souveränität über ihr Saatgut auszuüben. Nun dehnt Monsanto seine Patente auf konventionell gezüchtetes Saatgut aus, wie im Fall von Broccoli und Paprika, oder der von Indien raubkopierte Weizen mit niedrigem Glutengehalt, wogegen wir vor dem Europäischen Patentamt wegen Biopiraterie Einwand erhoben haben.

Daher haben wir im Herzen des Bt-Baumwoll-/Suizidgürtels in Vidharba die Kampagne “Fibres of Freedom“ (Fasern der Freiheit) ins Leben gerufen. Wir haben gemeinschaftliche Saatgutbanken mit einheimischem Saatgut gegründet und Bauern geholfen, auf biologischen Anbau umzustellen. Kein gentechnisch manipuliertes Saatgut, keine Schulden, keine Selbstmorde.

Weitere Informationen:

Vandana Shiva – Von Saatgut und Saatgutmultis TRAILER

Der große Landraub: Indiens Krieg gegen die Bauern

Deutschsprachige Website zu Vandana Shivas Saatgutkampagne – Navdanya International

Quelle: Asian Age – Seeds of Suicide

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