Kolumbianischer Bauernaufstand in Catatumbo macht wirtschaftliche Schwächen sichtbar

Autor: Nazih Richani, Übersetzung: Susanne Schuster

Der Aufstand der Bauern der Region Catatumbo in der kolumbianischen Provinz Norte de Santander dauert schon seit über 20 Tagen an, als Grund nennen sie Probleme mit der ländlichen politischen Ökonomie. Diese wirtschaftlichen Probleme sind ein Ergebnis des Zusammenspiels zwischen der auf Renteneinkünfte ausgerichteten Rohstoffindustrie und der zwangsweisen Zerstörung von illegalen Coca-Anpflanzungen – beides findet statt in Ermangelung eines nachhaltigen Entwicklungsplans.

Catatumbo Bauernaufstand

Foto: La Opinión, von Cúcuta

Die Situation wird darüber hinaus verschlimmert von den negativen Auswirkungen der Freihandelsvereinbarungen, die Kolumbien mit Ländern wie Kanada und den Vereinigten Staaten abgeschlossen hat. Seit der Durchführung dieser Abkommen hat sich die Abhängigkeit Kolumbiens von anderen Ländern für die Ernährungsicherung verstärkt. Die Gesellschaft der kolumbianischen Agrarunternehmen (SAC) berichtete, dass Nahrungsmitteleinfuhren im Jahr 2012 um fast eine Million Tonnen zugenommen haben, von 8,6 auf 9,5 Millionen Tonnen, was einem Wert von schätzungsweise 6,1 Milliarden US-Dollar entspricht. Was die Zusammensetzung betrifft, so stieg der Import von Hühnern um 388 %, von Reis um 205 % und von Milch um 171 %.  Gleichzeitig gab es eine drastische Schrumpfung der Anbauflächen von traditionellen Erzeugnissen wie Baumwolle: von 219,9 Tausend Hektar im Jahr 1990 auf 44,5 Tausend Hektar im Jahr 2012, ein Rückgang von 80 %. Der Anbau von Sorghum ging um 97 % zurück, von Soja um 72 % und die Anbaugebiete von Sesam schwanden um 82 %. Ein Großteil dieser Flächen wird nun für die Viehzucht und spekulative Aktivitäten genutzt.

Diese Zahlen offenbaren nur einen Teil des Agrarproblems, das die Rastlosigkeit und den offenen Aufstand der Bauern gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik und das verstärkte Vordringen des Rentenkapitalismus erklärt. Catatumbo ist ein Gebiet, in dem die Kleinbauern gezwungen waren, mit der kapitalistischen Entwicklung zu konkurrieren, indem sie auf den Anbau von Coca zurückgriffen, um ihre Existenzgrundlagen zu sichern. Nun werden sie vom offenen Kohletagebau und den damit einhergehenden negativen Folgen für Boden, Wasser und Luft bedroht. Daneben leiden sie unter den Nebenwirkungen im Hinblick auf Landnutzung, Grundstückspreise, Nahrungsmittelerzeugung und den ingesamten sozioökonomischen und politischen Bedingungen, die die Rohstoffindustrie mit sich bringt.

Die Bevölkerung von Catatumbo fordert die Schaffung von Agrarschutzgebieten durch Gesetz 160 von 1994 zum Schutz der armen Kleinbauern. Angesichts der den Rest der kolumbianischen Wirtschaft erdrückenden Rohstoffindustrie benötigen die Kleinbauern dringend Schutz, um ihr Überleben und das der nachfolgenden Generationen zu sichern. Die Gefahr besteht darin, dass die Regierung von Juan Manuel Santos, genau wie ihre Vorgänger seit den späten 1980er Jahren, sich auf eine wirtschaftliche Entwicklung eingeschworen hat, die Kolumbien in einen Produzenten von Rohstoffen wie Öl, Kohle und Gold verwandelt. Diese Art von Wirtschaft hat dazu geführt, dass die Nahrungmittelerzeugung und der Anbau von traditionellen Erzeugnissen abnehmen, wie die oben genannten Zahlen darlegen. (In meinem Artikel im Journal of Latin American Research Review, Vol. 47. No. 2. Sommer 2012 findet man dazu eine detaillierte Diskussion.) So eine Wirtschaft bringt Instabilität, Widerstand, Aufstand und Kriminalität hervor.

Eine rationale Vorgehensweise wäre die Überholung verschiedener Aspekte dieses gescheiterten Modells wirtschaftlicher Entwicklung und die Überarbeitung verschiedener Artikel der Freihandelsabkommen, um die lokale Produktion von wichtigen Erzeugnissen zu schützen. Dazu muss auch die Beendigung der zwangsweisen Zerstörung von Cocapflanzen gehören, wenn es keine nachhaltige Alternative gibt. Die Bauern von Catatumbo können nicht hungern, Herr Santos! Die Schaffung von Agrarschutzgebieten in sieben Bezirken in Catatumbo, darunter zwei indigene Schutzgebiete, muss vorangetrieben werden, wie im ursprünglichen Abkommen angekündigt. Die Unterdrückung von Bauern ist keine Lösung – staatliche Kräfte haben bereits vier Bauern getötet und Dutzende weitere verletzt. Die Santos-Regierung muss für diese Verbrechen verantwortlich gemacht werden.

Ein letztes Rätsel bleibt: Wenn die FARC und andere Rebellengruppen hinter diesen massiven Mobilisierung von mehr als 16 000 Bauern in Catatumbo stehen, wie die Regierung behauptet, dann legitimiert dies nur ihre Existenz und widerlegt das Argument, dass sie geschlagen sind. Entscheidet euch Leute!

Bleibt dran.

Quelle: Colombia’s Peasant Rebellion in Catatumbo Illustrates Economic Shortcomings

Weitere Informationen: http://kolumbieninfo.blogspot.co.uk/2013/06/erneute-soziale-kampfe-in-catatumbo.html

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