El Cerrejón, Kolumbien: die katastrophalen Folgen des Kohleabbaus und Widerstandsbewegungen

Von Susanne Schuster

Trotz der ganzen Rhetorik um die Förderung erneuerbarer Energien und CO2-Reduktionsziele im Rahmen der sogenannten Energiewende erleben fossile Energiequellen derzeit einen gewaltigen Boom. Die deutsche Industrie, darunter Energiekonzerne wie E.ON und RWE und Firmen wie Bayer, importiert nach wie vor große Mengen billige Kohle – und zwar 80 Prozent ihres Bedarfs – aus dem Ausland, dabei ist Kolumbien ein wichtiger Lieferant. In der nordkolumbianischen Provinz La Guajira befindet sich der größte Tagebau Lateinamerikas und einer der größten der Welt: die 1976 gegründete 69 000 Hektar große Mine El Cerrejón.

Die Mine gehört zu jeweils einem Drittel den multinationalen Konzernen Xtrata (im Mai 2013 von dem Rohstoffkonzern Glencore übernommen worden), BHP Billiton und Anglo American, die alle an der Londoner Börse gelistet sind. Die in El Cerrejón abgebaute Kohle ist fast ausschließlich für den Export in reiche Industrieländer bestimmt, während die lokale Bevölkerung oft mit Stromausfällen zu kämpfen hat. Pro Jahr werden derzeit 32 Millionen Tonnen Kohle hauptsächlich nach Europa und Nordamerika exportiert, und man hofft, dies auf 40 Millionen Tonnen steigern zu können.

Das Gebiet, auf dem sich die Mine befindet, ist bevölkert von dem indigenen Wayuu-Volk, Afrokolumbianern, lokalen Bauerngemeinschaften und anderen indigenen Gruppen. Vor der Ankunft der Multis haben diese Völker gut gelebt durch Fischerei, Tierzucht, Jagd und Nahrungsmittelanbau. Doch durch die permanente Ausdehnung des Tagebaus sind circa 60 000 Menschen vertrieben worden, oft gewaltsam. Ganze Ortschaften sind zerstört worden oder unter den Baggern einfach vom Erdboden verschwunden. Das Dorf Manantial ist 1986 als erstes zerstört worden; die Gemeinden Roche, Chancleta, Tamaquitos, Tabaco, Palmarito, El Descanso, Caracoli, Zarahita, Patilla sind nur einige von vielen, die seinem Schicksal folgten.

Die Mine hat darüber hinaus zu einer massiven Umweltverschmutzung und gravierenden Gesundheitsproblemen geführt. Viele Tier- und Pflanzenarten sind inzwischen vom Aussterben bedroht, darunter wichtige Heilpflanzen und Pflanzen, die in traditionellen Ritualen benutzt werden. Ein riesiges Problem des Tagebaus ist die enorm hohe Staubbelastung, vor allem wegen der täglichen Sprengungen, die Pflanzen ausrottet und bei Menschen zu Atemwegserkrankungen wie Staublunge und Hautausschlägen führt. Darüber hinaus werden von den Abfällen der Mine die knappen Wasserquellen und Flüsse der Wüstenregion verschmutzt. All dies hat dazu geführt, dass heute 64 Prozent der Provinzbevölkerung in der Bedürftigkeit leben.

Ein von den Minenbetreibern vorgesehener weiterer Ausbau der Mine würde die Umleitung des wichtigsten Flusses der Provinz La Guajira auf einer Länge von 26 Kilometern erfordern, damit man auf die darunter liegenden Kohlevorkommen zugreifen kann. Doch nach vehementem Widerstand der lokalen Bevölkerung, für die der Rio Ranchería die einzige zugängliche Wasserquelle darstellt, sind diese Pläne vorerst auf Eis gelegt worden. Allerdings soll die Mine auf anderen Wegen erweitert werden und damit besteht die Gefahr von neuen Vertreibungen.

Der Kohleabbau und die negativen Folgen für Menschen und Umwelt haben in Kolumbien und anderen Ländern bereits zu heftigen Protesten und Widerstand geführt, mit sehr unterschiedlichen Aktionsformen. Im Februar und März dieses Jahres hat die Gewerkschaft Sintracarbon einen fünf Wochen langen Streik durchgeführt, neben Forderungen für eine Lohnerhöhung wurden auch Forderungen für Umwelt- und Gesundheitsstandards und für die Arbeiter von Subunternehmen gestellt. Der Streik wurde am 8. März beendet mit einem bedeutenden Fortschritt für die Rechte der Arbeiter. Bei den Protesten wurde auch die Bahnstrecke für den Kohletransport blockiert. Die Widerstandsbewegung beschränkt sich nicht nur auf die betroffenen Kohlereviere, sondern sie hat mittlerweile auch die großen Städte in Kolumbien, Deutschland und Großbritannien erreicht. Beispielsweise gingen bei einem landesweiten Aktionstag mehrere 10 000 KolumbianerInnen in 20 verschiedenen Städten auf die Straße.

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Protest vor der Hauptversammlung von Anglo American in London im April 2013

In London finden regelmäßig Proteste statt anlässlich der Hauptversammlungen der dort an der Börse registrierten Bergbaumultis, die vom London Mining Network mitorganisiert werden und zu denen zum Beispiel auch Vertreter von FECODEMIGUA (Verband der durch den Kohleabbau vertriebenen Gemeinden in La Guajira) nach London reisen. Das London Mining Network ist eine Koalition von Menschenrechts-, Umwelt und Entwicklungsorganisationen, die daran arbeitet, die Rolle der in London registrierten Bergbaukonzerne, ihrer Geldgeber und der britischen Regierung bei Minenprojekten wie El Cerrejón aufzudecken. Die City of London spielt eine besondere Rolle, denn fast alle der größten und viele kleinere Bergbaufirmen der Welt sind in London gelistet, London ist das größte Zentrum für die Finanzierung der Mineralindustrie und den Handel mit Metallen und dort befinden sich auch die wichtigsten Lobbyisten dieser Industrie. Die deutsche Bewegung Gegenstrom 13 richtet sich gegen das Kohlekraftwerk Moorburg und gegen den geplanten Kohleimport aus Kolumbien; sie hat kürzlich eine Protestaktion im Hamburger Hafen durchgeführt.

Kolumbianische Gewerkschafter und Aktivisten erhalten oft Morddrohungen – Kolumbien ist das Land mit den weltweit meisten Morden an Gewerkschaftsvertretern. Die Regierung hat auf den zunehmenden Widerstand mit einer verstärkten Militarisierung reagiert, indem sie 5 000 zusätzliche Soldaten nach La Guajira entsandt hat, um die Kohleindustrie zu schützen und um die Bevölkerung einzuschüchtern. Doch die Menschen lassen sich davon nicht abschrecken, denn es geht um ihr Überleben und ihre Würde.

Um nur einen kleinen Überblick über die Proteste, Kämpfe und Widerstände im Nordosten Kolumbiens zu bekommen, hat Gegenstrom 13 eine kleine Grafik zusammengestellt, die nur die Ereignisse während eines sechswöchigen Zeitraums im Juli/August 2012 beleuchtet.

Eine weitere Karte bietet einen Überblick über den Kohleabbau, wo auch die Rubriken „direkte Tote beim Kohleabbau”, „bewaffnete Minenbewachung: Militär, Paramilitär, Wachschutz” und „Attacken und Attentate der Guerilla“ gezeigt werden. Der gestrichelte Ausschnitt bezieht sich auf die Karte oben.

Die Lage in Kolumbien – und weltweit – ist deprimierend. Doch man darf auch nicht die positiven Entwicklungen aus den Augen verlieren. Im Oktober 2012 sind offiziell die Friedensverhandlungen zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens – Volksarmee (FARC-EP) und der kolumbianischen Regierung eröffnet worden. Es scheint eine begründete Hoffnung auf einen echten Frieden zu geben, was sich die Mehrheit des kolumbianischen Volkes sehnlichst wünscht.

Laut Gegenstrom 13 heißt es in dem bemerkenswert fortschrittlichen, gemeinsam verabschiedeten Papier dann auch gleich im 1. inhaltlichen Absatz mit „Präambelstatus”:

Die Friedensarbeit ist eine Angelegenheit der Gesellschaft als Ganzes, das die Beteiligung aller ohne Unterscheidungen erfordert. Die Achtung der Menschenrechte in allen Teilen des Landes muss vom Staat gefördert werden. Wirtschaftliche Entwicklung mit sozialer Gerechtigkeit und im Einklang mit der Umwelt ist ein Garant für Frieden und Fortschritt…- hier das gesamte Papier.

Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass die Energiewende nicht nur ein dürres Versprechen bleibt und fossile Energiequellen bald der Vergangenheit angehören. Wir müssen die Öffentlichkeit darüber aufklären, was wirklich los ist und massiven Druck ausüben auf die Konzerne und Regierungen mit lauten und bunten Aktionen und sie am besten dort treffen, wo es am meisten weh tut – in der Tasche.

Quellen:
http://www.wdm.org.uk/sites/default/files/cerrejon_media_briefing.pdf
http://amerika21.de/analyse/82795/kohle-aus-kolumbien
http://www.es.lapluma.net/index.php?option=com_content&view=article&id=4266:rio-rancheria-la-vena-que-desangra-el-cerrejon-en-la-guajira&catid=118:soberania&Itemid=492
http://www.cbgnetwork.org/4937.html
http://amerika21.de/termin/2013/05/82748/kohle-kolumbien-el-cerrejon
http://www.mining.com/strike-ends-at-columbian-coal-mine-73815/
http://londonminingnetwork.org/about/
http://www.jungewelt.de/2012/10-20/036.php
http://www.gegenstrom13.de/kolumbien/protest-und-widerstand/
Mehr Informationen und Widerstand:
http://www.gegenstrom13.de/kolumbien/
http://londonminingnetwork.org/
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