Washingtons Drehbuch für die Provokationen gegen Nordkorea

Der kanadische Journalist Stephen Gowans hat eine aufschlussreiche Analyse geschrieben über die absichtlichen Provokationen der US-Regierung gegen Nordkorea. Wenn man sich das Schicksal des Irak und Libyens anschaut – zwei Länder, die genötigt wurden abzurüsten und anschließend von den USA und ihren Vasallen überfallen und ausgeplündert wurden, pardon, denen Demokratie und Freiheit gebracht wurden – dann ist es aus der Sicht Nordkoreas völlig rational, eine effektive atomare Abwehr aufbauen zu wollen, statt dasselbe Schicksal zu erleiden. Das sollte man nicht vergessen.

Von Stephen Gowans, übersetzt von Susanne Schuster

In einem Artikel des Wall Street Journal vom 3. April, U.S. dials back on Korean show of force [USA drehen ihre Machtdemonstration in Korea zurück], enthüllten die Reporter Adam Entous und Julian E. Barnes, dass das Weiße Haus einen detaillierten Plan abgesegnet hat, das sogenannte „Playbook“, ein Drehbuch, mit dem die Spannungen mit Nordkorea während der amerikanisch-südkoreanischen Kriegsspiele eskaliert werden sollen.

Die immer noch andauernden Kriegsspiele, zu denen auch die Stationierung eines großen Aufgebots hochmoderner US-Raketen in Reichweite von Nordkorea gehört, haben bereits zu beträchtlichen Spannungen in Pjongjang geführt und stellen eine vom Koreaexperten Tim Beal so genannte „subkritische“ Kriegsführung dar.

Die zwei Monate langen Kriegsspiele, die gegen die Demokratische Volksrepublik Korea gerichtet sind und in ihrer Nähe stattfinden, zwingen das nordkoreanische Militär zur höchsten Alarmbereitschaft, was für ein kleines Land, dessen Wirtschaft schon von umfassenden Sanktionen erwürgt worden ist, ein strapaziöser und erdrückend teurer Zustand ist. [1]

Das „Playbook” war vom Pazifikkommando des US-Verteidigungsministeriums entwickelt worden, um die seit Anfang März laufenden Kriegsspiele zu ergänzen; laut dem Bericht des Wall Street Journal war es Gegenstand von Diskussionen bei mehreren hochrangigen Besprechungen im Weißen Haus.

Im Plan vorgesehen waren Niedrigflüge von Bombern des Typs B-52 über die koreanische Halbinsel, die am 8. März stattfanden. Einige Wochen später warfen zwei Bomber des Typs B-2, die Atomwaffen tragen können, Raketenattrappen auf eine südkoreanische Raketenabschussrampe ab. Die Flüge wurden absichtlich am hellen Tag in niedriger Höhe durchgeführt, laut einem Beamten des US-Verteidigungsministeriums, um den beabsichtigten Droheffekt zu erzeugen. „Wir hätten nachts fliegen können, doch wir wollten, dass sie es sehen konnten.“ [2]

Einige Tage später stationierte das Pentagon zwei hochmoderne Kampfflugzeuge des Typs F-22 in Südkorea, ebenfalls Teil des inszenierten Plans zur Einschüchterung von Pjongjang.

Entous und Barnes zufolge wusste das Weiße Haus, dass die Nordkoreaner mit Drohungen eines Vergeltungsschlags gegen die Vereinigten Staaten und Südkorea reagieren würden.

Am 29. März schrieb Barnes: „Beamte des Verteidigungsministeriums haben eingestanden, dass die nordkoreanischen Offiziere von den Bomberflügen vor allem wegen der Erinnerungen an die durch Luftanschläge bewirkte Zerstörung während des Koreakrieges so erregt waren.“ [3] In diesem Krieg vernichtete die Luftwaffe der Vereinigten Staaten jedes Gebäude, das höher als ein Stockwerk war. Außerdem warf sie mehr Napalm ab als später in Vietnam. [4]

Die Realität ist folglich das genaue Gegenteil der in den westlichen Massenmedien formulierten Darstellung. Washington hat nicht auf nordkoreanische Angriffslust und Provokationen mit einer Machtdemonstration reagiert. Im Gegenteil: Washington hat absichtlich eine Machtdemonstration geplant, um eine wütende nordkoreanische Reaktion zu provozieren, die dann als „Angriffslust“ und „Provokation“ etikettiert wurde. Die Provokationen, kaltblütig und berechnend geplant, kamen von der US-Regierung. Nordkoreas Reaktionen waren defensiv.

Westliche Journalisten, die sich schwer damit taten zu erklären, warum Nordkorea – ein militärischer Zwerg im Vergleich mit den Vereinigten Staaten – absichtlich einen militärischen Koloss provozieren würde, haben eine lächerliche Fiktion zusammengebastelt, derzufolge Pjongjang militärische Drohungen als Druckmittel benutzt, um finanzielle Hilfe vom Westen zu erbetteln, als Stütze für seine stagnierende, „schlecht verwaltete“ Wirtschaft. Die Rolle von Sanktionen und die permanente Gefahr einer militärischen Invasion durch die USA werden als Erklärungen für Nordkoreas wirtschaftliche Misere beiseite gewischt.

Durch die Enthüllungen von Entou und Barnes passt die Geschichte nicht mehr. Die Nordkoreaner haben nicht ein Atomprogramm entwickelt, Geld in ihr Militär gesteckt und sind entschlossen dazu bereit, sich gegen die Aggressionen der USA und Südkoreas zu wehren, um sich Hilfe von Washington zu erschmeicheln. Sie haben dies vielmehr getan, um sich gegen kaltblütig kalkulierte Provokationen zu verteidigen.

Laut dem Wall Street Journal hat das Weiße Haus seine Provokationen zwischenzeitlich gebremst, aus Furcht, dass sie zu einer „Fehleinschätzung“ Nordkoreas führen könnten. In der Gossensprache: Washington hat Nordkorea zu einem Feiglingsspiel aufgefordert und hat es abgebrochen als klar wurde, dass das Spiel vielleicht nicht den geplanten Verlauf nehmen würde.

1. Laut der koreanischen zentralen Nachrichtenagentur, 26. März 2013, “The amount of human and material damage done to the DPRK till 2005 totaled at least 64,959 854 million U.S. dollars.” [Der menschliche und materielle Schaden, der Nordkorea bis 2005 zugefügt worden ist, beläuft sich insgesamt auf mindestens 64.959 854 Millionen US-Dollar]
2. Jay Solomon, Julian E. Barnes and Alastair Gale, “North Korea warned”, The Wall Street Journal, 29. März 2013
3. Julian E. Barnes, “U.S. pledges further show of force in Korea”, The Wall Street journal, 29. März 2013
4. Bruce Cumings. The Korean War: A History. Modern Library. 2010.

Quelle: Washington’s “playbook” on provoking North Korea

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