Meine Reise mit einem außergewöhnlichen Baum – Rezension

Ken und seine Lebensgefährtin Jo sind Freunde von mir. Im vergangenen Jahr haben sie sich den langgehegten Traum von einer Selbstversorgerexistenz erfüllt und sind von Brighton nach Cornwall umgezogen, in ein Haus auf einem idyllisch gelegenen großen Grundstück, wo ich sie im Sommer besucht habe. Ken gab mir ein Exemplar seines Buches, das vor einigen Jahren herausgekommen ist und kürzlich habe ich es gelesen. Es hat mich tief berührt, deshalb habe ich hier eine Rezension geschrieben.

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MyJourneyWithARemarkableTreeWährend eines Urlaubs in Neuseeland anlässlich einer Familienhochzeit hatte Ken Finn eine Begegnung mit einem imposanten Kauri-Baum, bei der er eine intensive spirituelle Verbindung und einen Moment ungeheurer Klarheit spürte. Dieses Erlebnis ließ in ihm den Wunsch aufkommen, nach Kambodscha zu reisen, um die Geistwälder zu suchen, von denen er bei einer früheren Reise in diesem Land gehört hatte. In Pnom Penh lernt er Sena kennen, ein engagierter Umweltaktivist, der Kens Führer und Freund wird. Auf seiner Suche nach einem Geistwald wird Ken Zeuge der gewaltigen Abholzung und Zerstörung der uralten Wälder in Kambodscha im Namen des wirtschaftlichen Fortschritts, für die Agrarindustrie, genährt vom unersättlichen Konsum der reichen Industrieländer und erleichtert vom korrupten Zusammenspiel der Holzunternehmer, Staatsbeamte und Polizisten. Für die Menschen, die bisher alle ihre Bedürfnisse und Lebensgrundlage aus den Ressourcen der Wälder befriedigen konnten, ist dies eine verzweifelte Situation. Ken beschreibt gut nachvollziehbar die Wut, die dies in ihm auslöst und sein dringendes Verlangen, etwas zu tun. So wird er mit dem hässlichen Gesicht einer globalen Industrie konfrontiert, die apokalyptisch ist in ihrer zerstörerischen Effizienz und von der nur Wenige profitieren. Dabei hinterfragt er mit einer gehörigen Portion Selbstreflektion die westliche Konsumkultur, unterstützt von erschreckenden Statistiken. So sind 20 Prozent der Weltbevölkerung in den reichsten Ländern für 80 Prozent der globalen Konsumausgaben verantwortlich, die ärmsten 20 Prozent hingegen nur für mickrige 1,3 Prozent. Das reichste Fünftel der Weltbevölkerung konsumiert beispielsweise 84 Prozent des Papiers in der Welt und besitzt 87 Prozent aller Fahrzeuge. Ken versteht es, den Zusammenhang zwischen sinnlosem Konsum zur Selbstbestätigung des menschlichen Egos und der ungeheuren Zerstörung des globalen Ökosystems, letztendlich die Vernichtung unser aller Lebensgrundlage, herauszustellen, ohne bevormundend zu wirken, stets mit einem menschlichen Blick auf die tiefergehenden Ursachen. Hoffnung bieten dabei Menschen wie Sena, die viel riskieren, um die Machenschaften der korrupten Holzindustrie zu enthüllen. Ken appelliert an die Leser, ihre Macht als Konsumenten wahrzunehmen, sich vor dem Kauf zu informieren und nicht alles einfach zu glauben, was auf Labels steht, vor allem sich zu überlegen, ob man das wirklich braucht. Dem möchte ich natürlich nicht widersprechen, doch in diesem Punkt legt er zu viel Gewicht auf die Einzelverantwortung der Verbraucher. Richtiger und ethischer Konsum allein wird die Welt nicht verändern, es braucht politische Massenaktion, um ein kapitalistisches System abzuschaffen, das die Umwelt so brutal zerstört und den Menschen schadet.

Und hier ist der übersetzte Klappentext:

Kenn Finns Reise nach Kambodscha, angetrieben von seiner Leidenschaft und Faszination für Bäume, führte ihn auf die Suche nach den sagenhaften Geistbäumen im entlegenen Norden des Landes.

Was er fand, war zweifellos bewegend, aber auf eine Weise, die viel trostloser und verzweifelter war, als er es sich je vorgestellt hatte: systematische, brutale und gedankenlose Zerstörung uralter Wälder auf der Jagd nach einem schnellen Profit, dass es zum Weinen war.

Dies ließ in ihm eine unerwartete Wut entbrennen, die ihn zu dem Entschluss antrieb, herauszufinden, was hier wirklich passierte. Aus seiner Reise wurde eine Mission, katalysiert von seiner Transformation in einen zufälligen Aktivisten, als er seinem einst außergewöhnlichen Baum auf seinem erbärmlichen Weg vom Geistwald zu der Möbelecke eines Gartencenters in Südengland folgte.

Kens Geschichte nimmt den Leser mit auf eine erschütternde Reise durch die Realität und kostspieligen Banalitäten des globalen Holzhandels. Er erzählt sie mit einer ungewöhnlich einnehmenden Stimme, behutsam und mit einem sanften schwarzem Humor, aber dennoch hart genug, um das, was er um ihn herum vorfindet, als schlichten Wahnsinn zu entblößen.

My Journey with a Remarkable Tree von Ken Finn wird von Eye Books verlegt und ist bisher nur auf Englisch erhältlich. Die Website zum Buch ist hier.

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Nachtrag, August 2013:

Sena lebt mittlerweile in Holland. Er war gezwungen, dort politisches Asyl zu suchen, denn in Kambodscha wurde sein Leben bedroht. Man verwüstete sein Haus und tötete seine Hunde, und einmal setzte ihm jemand eine Pistole an den Kopf und drückte ab – doch glücklicherweise ging der Schuss nicht ab. Diesen Moment nutzte Sena, um zu entkommen.

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