Indien: Vergewaltigung, das Gesetz und die Mittelschicht

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Dr Walter Fernandes SJ

Das Trauma der vergewaltigten Frau aus Delhi hat mit ihrem Tod geendet. Die Gräueltat erregte den Zorn der Mittelschicht im ganzen Land. Die abscheuliche Tat einiger betrunkener Männer ließ die Emotionen hochkochen, Demonstranten riefen nach der Todesstrafe für Vergewaltigung und öffentliche Kastration. Dieser Zornausbruch ist angesichts der Grausamkeit der Täter verständlich.

Es stellt sich aber die Frage, ob dies nur eine weiterer Schlagzeilen machender Einzelfall bleiben wird, ohne Erkenntnis der Malaise, die zu solchen Verbrechen führt. Der Fall erfuhr so eine große öffentliche Anteilnahme, weil er in Delhi passiert ist. Das macht das Verbrechen zwar nicht weniger abscheulich. Doch damit sich die Dinge für die Frauen zum Besseren ändern, muss man weiter gehen und die zugrundeliegenden Probleme thematisieren. Man muss daran erinnern, dass der Vorfall in Delhi keine Ausnahme ist. Er erfuhr Aufmerksamkeit in den Medien, weil er in der Hauptstadt passiert ist, aber viele weitere Fälle werden vertuscht oder nicht angezeigt. Polizeistatistiken zufolge wurden in Indien im Jahr 2011 228 650 Verbrechen gegen Frauen verübt, davon 24 206 Vergewaltigungen und 35 565 Entführungen.

Das sind Fälle, die angezeigt wurden. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer wesentlich höher, wegen des damit verbundenen Stigmas. Zweitens werden den Polizeistatistiken zufolge etwa 90 Prozent der Vergewaltigungen von Personen begangen, die dem Opfer bekannt sind, meistens Familienangehörige. Drittens gehört eine große Zahl der Opfer Bevölkerungsschichten an, die keine Stimme haben. Cynthia Stephen, zum Beispiel, zitiert in einem Artikel auf Countercurrents ein Dalit-Mädchen aus einem Dorf in Tamil Nadu: „Es gibt in unserer Straße kein Mädchen, das von einem Mann aus der dominanten Kaste auf seinem Weg zu den Feldern, um Wasser zu holen oder zu arbeiten, nicht sexuell genötigt oder vergewaltigt worden ist.“

Männer aus den dominanten Kasten drohen den Dalits mit schrecklichen Folgen, sollten diese es wagen, zur Polizei zu gehen. Also werden diese Fälle nicht angezeigt. Schließlich macht die Polizei das Trauma oft nocht schlimmer. Zum Beispiel beging ein 18-jähriges Mädchen aus dem Dorf Badhshapur in Patiala am 26. Dezember Selbstmord, sechs Wochen nachdem sie von drei Männern vergewaltigt worden war. Ihre Mutter berichtete, dass sie von der Polizei mit lüsternen Fragen wie „Wie haben sie deine Brüste berührt? Haben sie zuerst ihre Jeans oder ihre Jacke aufgemacht?“ erniedrigt worden sei, als sie dort Anzeige erstatten wollte. Die Täter wurden erst nach ihrem Selbstmord festgenommen.

Oder man nehme den Fall des Polizeibeamten in Haryana, der zum höchsten Posten aufgestiegen ist, obwohl ein aufstrebender Tennisstar ihn der Vergewaltigung bezichtigt hat. Auch sie beging Selbstmord, weil sie die Schikanierung nicht ertragen konnte. Der Beamte wurde einige Jahre nach seiner Pensionierung zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Diese und andere Fälle sind symbolisch für die Einstellungen in unserer Gesellschaft. Die Mittelschicht organisiert Demonstrationen in Aufsehen erregenden Fällen und ignoriert den Rest. Die sogenannten nationalen Medien verhalten sich genauso. Ein Beispiel: Am 23. Dezember 2005 stiegen einige Universitätsstudenten in einen Eisenbahnwaggon in Kokrajhar, nicht wissend, dass es ein Militärwaggon war. Sie alle wurden von Männern vergewaltigt, die dafür bezahlt werden Bürger zu schützen. In den nationalen Medien wurde darüber aber nicht berichtet.

Bodo-Frauen, Opfer ethnischer Gewalt, in einem Hilfslager in einem Dorf im Bezirk Kokrajhar, Assam, 25. Juli 2012. Anupam Nath/Associated Press

Sogar in Assam blieb es ein Problem der Bodo-Frauen, nicht eines aller Frauen. Mit anderen Worten: Verbrechen gegen Frauen sind ein Ergebnis starker patriarchialischer Werte in unserer Gesellschaft, sie werden aber auch bestimmt durch Einstellungen im Hinblick auf die ethnische und Kastenzugehörigkeit, und in vielen Fällen durch einen falsch verstandenen Patriotismus. Wenn zum Beispiel die Sicherheitskräfte Frauen vergewaltigen, sagt man den Leuten, ihre Ehre müsse geschützt und diese Fälle nicht angezeigt werden. Die Opfer spielen keine Rolle. Sogar Gesetze wie das Sonderrecht für die Streitkräfte (Armed Forces Special Powers Act) schützen solche Verbrecher in Uniform.

Angesichts dieser Einstellungen stellt sich die Frage, ob neue Gesetze oder sogar die Todesstrafe solche Verbrechen verhindern können. Es ist unstrittig, dass Polizeireformen und starke Gesetze vonnöten sind. Doch sie allein können nicht die Probleme lösen, die tief in unserer Kultur verwurzelt sind, was sich beispielsweise darin äußert, dass jedes Jahr Hundertausende weiblicher Föten abgetrieben werden, weil Frauen als Last betrachtet werden. Erhängte man alle Vergewaltiger, würden die Opfer einige Familienmitglieder verlieren, die diese Verbrechen begangen haben.

Überdies stellt die Tatsache, dass die meisten Frauen die Überlegenheit des Mannes akzeptieren, sicher, dass Missbrauch unter dem Vorwand, die Ehre des Mädchens oder der Familie zu schützen, oftmals verheimlicht wird. Ein anderer Fall ist das Gewohnheitsrecht der Stämme Nordostindiens, unter dem die Männer alle soziale Macht haben. Die Führer weigern sich, die Gesetze zu ändern. In Nagaland, zum Beispiel, können aufgrund der Opposition der Stammesführer zu einer Frauenquote von 33 % keine Wahlen für die Stadtverwaltungen abgehalten werden. Sie behaupten, dass ihr Gewohnheitsrecht es Frauen nicht erlaube, politische Macht zu haben.

Dadurch wird klar, dass dieses System durch Gesetze nicht verändert werden kann. Mitgift, Kinderarbeit und Diskriminierung augrund von Kastenzugehörigkeit sind zwar gesetzlich verboten. Doch diese Gesetze können ohne eine Veränderung der Einstellungen, die einen solchen Missbrauch hervorbringen, nicht ausgeführt werden. Das gilt für den Status der Frauen wie auch für Korruption und Einstellungen gegenüber ethnischer und Kastenzugehörigkeit. Kein Gesetz kann funktionieren ohne eine entsprechende soziale Infrastruktur. Die Gefahr besteht aber, dass die Mittelschicht, die die Demonstrationen gegen Vergewaltigung, Korruption und anderen Missbrauch anführt, Einzelfälle aufgreift und die ursächlichen Einstellungen und sozialen Systeme ignoriert.

Es war zwar richtig, dass diese Klasse den Kampf gegen die politische Korruption aufgenommen hat, doch nur wenige fragten, ob die Protestierenden auch saubere Hände hatten. Diese Klasse protestierte ebenfalls gegen die ungerechte Festnahme und Inhaftierung von Dr. Binayak Sen und das war nötig. Sie hinterfragte aber nicht das Aufruhrgesetz (Sedition Act) oder die Bedürfnisse der Mittelschaft, die zur Vertreibung der Stammesvölker führen. Deren Verarmung ist die Ursache des maoistischen Aufstands in Zentralindien.

Man muss darüber hinaus sicherstellen, dass das Thema Vergewaltigung nicht mit einem Fall beendet wird. Die Einstellungen im Hinblick auf Geschlecht, Klasse und Kaste, die solche Missbrauchsfälle verursachen, müssen angegangen werden. Man kann es nicht dabei belassen, die Politiker und die Polizeibehörden anzuprangern. Natürlich muss man das auch tun, aber neue Gesetze dienen nur der Gewissensberuhigung, sie allein können das Problem nicht lösen. Man muss nach innen blicken und die solchen Verbrechen zugrundeliegenden sozialen und kulturellen Werte prüfen. Wenn der Vergewaltigungsfall in Delhi zu so einer Selbstüberprüfung führt, dann hat die 23-jährige paramedizinische Studentin ihr Leben nicht umsonst gegeben.

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