Wir lehren das Leben, mein Herr

Der palästinensischen Jugend gewidmet

Gedicht der palästinensisch-kanadischen Journalistin Rafeef Ziadah

Auf Tlaxcala kann man das Video mit deutschen Untertiteln ansehen.

Wir lehren das Leben, mein Herr

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker.

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker, das in einige Schlagworte und Wortgrenzen passen musste.

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker, das in einige Schlagworte und Wortgrenzen passen musste, die mit genügend Statistiken angefüllt waren, um eine ausgewogene Antwort abzuwehren.

Und ich perfektionierte mein Englisch und ich lernte meine UN-Resolutionen.

Aber trotzdem fragte er mich: Frau Ziadah, finden Sie nicht, das alles gelöst werden könnte, wenn Sie einfach aufhörten, Ihre Kinder so viel Hassen zu lehren?

Pause.

Ich ging in mich, um stark und geduldig zu sein, aber Geduld liegt nicht auf meiner Zunge, als die Bomben auf Gaza fallen.

Die Geduld hat mich gerade verlassen.

Pause. Lächeln.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Rafeef, vergiss nicht zu lächeln.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Pause.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Wir Palästinenser lehren das Leben, wenn sie das letzte Stück Himmel besetzt haben.

Wir lehren das Leben, wenn sie ihre Siedlungen und Apartheidmauern gebaut haben, nach dem letzten Stück Himmel.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Doch heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker, das in einige Schlagworte und Wortgrenzen passen musste.

Und liefern Sie uns eine Geschichte, eine menschliche Geschichte.

Sehen Sie, das ist nicht politisch.

Wir möchten den Leuten nur von Ihnen und Ihrem Volk erzählen, also liefern Sie uns eine menschliche Geschichte.

Erwähnen Sie nicht die Wörter „Apartheid“ und „Besatzung“.

Das ist nicht politisch.

Sie müssen mir als Journalisten helfen, damit ich Ihnen helfen kann, Ihre Geschichte zu erzählen, die keine politische Geschichte ist.

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker.

Wie wäre es damit, wenn Sie uns eine Geschichte liefern von einer Frau in Gaza, die Medikamente braucht?

Wie wäre es mit Ihnen?

Haben Sie genug gebrochene Knochen in Ihrem Körper, um die Sonne zu bedecken?

Überlassen Sie mir Ihre Toten und geben Sie mir die Liste mit ihren Namen in einem auf eintausendundzweihundert Wörter begrenzten Text.

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker, das in einige Schlagworte und Wortgrenzen passen musste, und diejenigen berühren musste, die im Hinblick auf das Blut von Terroristen abgestumpft sind.

Doch es tat ihnen leid.

Es tat ihnen leid um das Vieh in Gaza.

Also gebe ich ihnen UN-Resolutionen und Statistiken und wir verurteilen und wir beklagen und wir weisen zurück.

Und hier handelt es sich nicht um zwei gleiche Seiten: Besetzer und Besetzte.

Und einhundert Tote, zweihundert Tote, und eintausend Tote.

Und dazwischen, Kriegsverbrechen und Massaker, ich stoße Wörter aus und lächle – „nicht exotisch“, „kein Terrorist“.

Und ich zähle nach, Ich zähle einhundert Tote, eintausend Tote.

Ist da draußen jemand?

Hört jemand?

Ich wünschte, ich könnte diese Toten beklagen.

Ich wünschte, ich könnte einfach barfuß in jedes Flüchtlingslager laufen und jedes Kind in den Arm nehmen, seine Ohren zuhalten, damit es nicht für den Rest seines Lebens den Lärm von Bombenangriffen hören müsste, so wie ich.

Heute war mein Körper ein vom TV übertragenes Massaker.

Und ich sage Ihnen, Ihre UN-Resolutionen haben noch nie etwas dagegen ausgerichtet.

Und kein Schlagwort, kein Schlagwort, das ich mir ausdenke, egal wie gut mein Englisch ist, kein Schlagwort, kein Schlagwort, kein Schlagwort, kein Schlagwort, wird sie wieder zum Leben erwecken.

Kein Schlagwort wird das richten.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Wir lehren das Leben, mein Herr.

Wir Palästinenser wachen jeden Morgen auf, um dem Rest der Welt das Leben zu lehren, mein Herr.

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