Radikale Medien in Großbritannien

Von Susanne Schuster

Rebellious Media Conference

Über das Wochenende vom 8. bis 9. Oktober 2011 fand in London die Rebellious Media Conference (RMC) statt. Die Konferenz wurde von der Zeitung Peace News anlässlich ihres 75. Geburtstags initiiert und von einer Allianz radikaler Medienorganisationen organisiert: Peace News, Ceasefire, the National Union of Journalists, Red Pepper, Undercurrents und visionOntv. Die Ziele der Konferenz waren „die Stärkung radikaler Medien (sowohl digitale als auch Printmedien), die Verbesserung des Zugangs zu radikalen und Mainstreammedien für Aktivisten (auch im Internet)“. Die Debatten drehten sich darum, was für radikale Medien in der Vergangenheit schiefgelaufen ist und wo es momentan Lücken gibt, doch sie boten auch eine Vision des Möglichen, und die Inspiration und Ideen, wie dies verwirklicht werden kann. Während der Konferenz gab es eine interaktive Webseite, „eine einzigartige Ressource für alle Teilnehmer, um ihre eigenen Netzwerke zu schaffen und ihre Projekte voranzutreiben“. Video- und Audiomitschnitte der Konferenz findet man hier.

Es gab vieles, über das ich nachdenken musste, als ich wieder daheim war. Ich erwarb neue Kenntnisse und führte einige gute Konversationen. Eine davon war mit dem Journalisten Patrick Chalmers, eine Brite, der seit 6 Jahren in Frankreich lebt. Früher arbeitete er bei Reuters und er erzählte mir davon, wie sein politisches Verständnis seinem Beruf vorauseilte, bis er sich schließlich freiwillig freistellen ließ. Jetzt organisiert er regelmäßige Dokumentarfilmabende an seinem Wohnort in Frankreich, wo die Leute Essen mitbringen und über Politik diskutieren. Er ist gerade dabei, ein Buch zu veröffentlichen: Fraudcastnews. Es handelt von Demokratie und Journalismus und kann kostenlos von seinem Blog http://fraudcastnews.wordpress.com/  unter einer Creative Commons-Lizenz heruntergeladen werden.

The Rebel Griot schrieb eine kritische Betrachtung über die Rebellious Media Conference und die Tatsache, dass es auf der Konferenz fast kaum Fragen zu Libyen gab. Er wirft die Frage auf, was die Role radikaler Medien sei „während der Dämonisierungsphase“ einer geplanten ‚humanitären Intervention’, wie es dazu kam, dass eine Reihe von Kommentatoren und Journalisten, die als linke Progressive gelten, einschließlich Chomsky, entweder schwiegen oder in das Kriegsgeschrei eingestimmt haben. Ich hätte gerne eine Frage zu Libyen gestellt, bekam aber keine Gelegenheit dazu. Dies sind Fragen, die sich radikale Medien wirklich zu Herzen nehmen und nach ehrlichen Antworten suchen müssen.

Radikale Prioritäten

Noam Chomsky war der Hauptredner auf der RMC. Er ist bekannt als scharfer Kritiker der US-Außenpolitik und spielt eine wichtige Rolle bei der Enthüllung der Propagandarolle der Mainstreammedien. Er wurde von seinem ehemaligen Studenten und langjährigen Freund Michael Albert vorgestellt. Während seiner Rede sprach Chomsky immer wieder von radikalen Prioritäten. Das Wichtigste für jede Organisation oder Einzelperson, die sich für den sozialen Wandel engagiert, sei, sich immer der radikalen Prioritäten bewusst zu sein. Chomsky sah die Occupy Wall Street-Bewegung im Großen und Ganzen optimistisch und es war interessant, seine Kritik ihrer Schwächen zu hören. Ihre Forderungen lägen sehr in der politischen Mitte und die radikaleren Forderungen steckten in den letzten paar Sätzen. Diese radikaleren Forderungen seien von der Realität weit entfernt. Es fehle der Anknüpfungspunkt, die Brücke zu ihrer Umsetzung. Die Gefahr bestehe, dass Aktivisten erschöpft und frustriert werden und manche geben dann vielleicht auf mit den Worten ‚Jetzt werde ich Aktienhändler’. Überdies fehlten auf der Website von Occupy Wall Street eine Reihe von Begriffen: Irak, Afghanistan, Krieg, Frauen, Fabrik, Industrie, Partizipation oder Haushalt. Er sagte klar und deutlich, dass jeder dauerhafte soziale Wandel die Unterstützung der Massen brauche und langanhaltende Bemühungen erfordere. Aktivisten müssten außerdem verstehen, wie die Welt funkioniert. Konzerne seien rechtlich dazu verpflichtet, die Profitmaximierung über alles andere zu stellen und brächen das Gesetz, wenn sie an die Umwelt zuerst dächten; und sie kaufen Wahlen seit 100 Jahren. Trotz Chomskys Zurückhaltung ermunterte Michael Albert die Konferenzteilnehmer, an den weltweiten Besetzungen am 15. Oktober mitzumachen. Er meinte, dies könnte ein historischer Moment sein.

Michael Albert und Noam Chomsky sprachen über ihre Erfahrungen mit der radikalen Arbeiterbewegung und Arbeiterkooperativen. Die General Motors-Schlappe sei ein typisches Beispiel. Chomsky meinte, die GM-Fabriken hätte man seinen Facharbeitern übergeben und umbauen können, um Hochgeschwindigkeitszüge für die USA zu bauen, das werde bitter benötigt und es gebe viele gute Gründe dafür. Stattdessen wurde GM gerettet und das alte Management blieb, von einigen kleinen Änderungen abgesehen – alles ging wie gewohnt weiter. Ironischerweise sei US-Präsident Obama zur gleichen Zeit in Spanien gewesen, um über Verträge für den Bau von Hochgeschwindigkeitszügen für die USA zu verhandeln. Diese Entscheidungen seien Teil eines erbitterten und grausamen Klassenkrieges, der von der Arbeitgeberklasse gegen die Arbeiterklasse geführt werde.

Krieg und die Medien

In der Mittagspause gingen ich und meine zwei Freudinnen aus Brighton, die ebenfalls auf der RMC waren, zum Trafalgar Square, dort fand eine Kundgebung zum 10. Jahrestag der Invasion in Afghanistan statt. Unter den Rednern, denen wir zuhörten, waren der altgediente Labour-Politiker Tony Benn, führende Persönlichkeit in der bitischen Kampagne für nukleare Abrüstung (CND) Bruce Kent, Direktor von War on Want John Hillary und Journalist John Pilger.

John Pilger bildete dann zusammen mit Mark Curtis und Greg Philo das Podium der Veranstaltung War and the Media. Darin wurde der Frage nachgegangen, wie in den Mainstreammedien über Kriege berichtet wird und welche Rolle Journalisten spielen. Der Schwerpunkt lag dabei auf der British Broadcasting Corporation (BBC), da BBC News in der ganzen Welt eine glaubwürdige Nachrichtenquelle darstellt. Mark Curtis verbrachte viel Zeit damit, für sein Buch Secret Affairs: Britain’s Collusion with Radical Islam (2010) im britischen Nationalarchiv in freigegebenen Dokumenten der britischen Regierung zu recherchieren. Er kritisierte, dass viele Journalisten sich nicht die Mühe mit dieser Art von Recherche machen. Greg Philo, Direktor der Glasgow Media Group, ist Mitautor einer Studie über die Medienberichterstattung des Israel-Palästina-Konflikts. Er berichtete wie BBC-Journalisten ihm davon erzählten, unter welchem starken Druck sie stünden, ihre Kritik an Israel einzuschränken, stets auf der Hut vor einem Telefonanruf von der israelischen Botschaft. Mark Curtis sagte, Mainstreammedien wie die BBC spielen eine Rolle bei der Verbreitung von Desinformation und Täuschung. John Pilger erklärte, dies passiere hauptsächlich, weil die Medien zwar sagen, sie berichten über Kriege, aber in Wahrheit fördern sie Kriege. In sogenannten ‚freien Gesellschaften’ seien die Medien nicht unabhängig, sie seien eine Erweiterung der Regierenden und Mächtigen, daher verteidigen sie die Interessen der Elite, indem sie in das Kriegsgeschrei einstimmen und damit Krieg legitimieren. Dies geschehe, indem Dinge ausgelassen werden, d. h. Zensur durch Auslassung. Pilger sagte, dass genau in diesem Moment die libysche Stadt Sirte rund um die Uhr von NATO bombardiert werde, mit Splitterbomben und Hellfire-Raketen, doch die Menschen hätten praktisch keine Vorstellung davon, was diese Stadt durchmache. Die Medien geben keine Vorstellung von dem ungeheuren Ausmaß des Leidens von Zivilisten. Die logische Schlussfolgerung sei, dass Journalisten Blut an den Händen haben, weil sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, d. h. die Lügen und Täuschungen zu enthüllen. Während des Frageteils fragte ein Mitgleid des Publikums, ob es jemals ein Argument für eine humanitäre Intervention gebe, wie z. B. in Simbabwe. John Pilger sagte klar, das eine militärische Intervention nur dann gerechtfertigt wäre, wenn ein Land angegriffen würde. Ein Video von einem Interview mit John Pilger kann man hier ansehen.

Crossing the Language Barrier: Activist Translation

Am Sonntagmorgen gab ich einen kleinen partizipativen Workshop über Werkzeuge und Ressourcen, die radikalen Medienprojekten zur Verfügung stehen, um das Anfertigen von Übersetzungen vom oder ins Englische zu unterstützen. Es war eine tolle Gelegenheit für mich, meine Erfahrungen und mein Wissen nach fast drei Jahren als Cyberaktivist mit Tlaxcala zu teilen. Die meisten Teilnehmer des Workshops erklärten, sie wären daran interessiert, für radikale Medienprojekte zu übersetzen, daher war es sehr nützlich für sie, gleichgesinnte Leute zu treffen und herauszufinden, welche Projekte es gibt. Ich stellte ein Ressourcendokument zusammen, dass man von der interaktiven Webseite herunterladen kann. Ich frage die Teilnehmer, ob sie gern einen Teil der Konferenzdokumentation übersetzten  würden und hoffe, dass wir zumindest für einige der Videos Untertitel in anderen Sprachen bekommen.

Block the Bridge, Block the Bill

In der Mittagspause am Sonntag gingen ein paar Freunde und ich zur Westminster Bridge, beim englischen Unterhaus, um uns dem Protest von UK Uncut “Block the Bridge, Block the Bill”zur Rettung des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) anzuschließen. Die Gesetzesvorlage des englischen Gesundheitsministers Andrew Lansley, die Health and Social Care Bill, hat das Unterhaus durchlaufen und wird jetzt im Oberhaus, dem House of Lords, debattiert. Das geplante NHS-Gesetz würde den gesamten Gesundheitsdienst in England und Wales dem Wettbewerb öffnen. Private Gesundheitsanbieter könnten medizinische Dienstleistungen gewinnbringend anbieten. Es würde das Gesicht des NHS für immer verändern. Die konservativ-liberaldemokratische Koalitionsregierung ist wild entschlossen, dieses Gesetz durchzupeitschen, trotz der Tatsache, dass ein öffentliches Gesundheitswesen effizienter ist. In den USA werden 16 Prozent des BIP für sein privates Gesundheitssystem ausgegeben – zu dem 50 Millionen US-Amerikaner keinen Zugang haben, weil sie nicht krankenversichert sind, darüber hinaus wird vielen weiteren US-Bürgern, die eine Krankenversicherung haben, aus Kostengründen die Behandlung verweigert. Im Vergleich dazu gibt Großbritannien 8,7 Prozent seines BIP für den öffentlichen NHS aus, der in Umfragen zu Zufriedenheit und Zugang zu Gesundheitssystemen in der industrialisierten Welt hervorragend abschneidet. Noam Chomsky kommentierte, wie unglaublich ineffizient das US-amerikanische Gesundheitssystem sei. Das ist wenig überraschend, wenn Aktionäre Dividendenausschüttungen verlangen, statt dass Überschüsse direkt in die medizinische Behandlung investiert werden.

Unterkunft

Die Organisatoren der RMC organisierten eine Schlafmöglichkeit für alle Teilnehmer, die eine benötigten. Wir schliefen im Guiseppe Conlon House in Norden Londons, ein von London Catholic Worker betriebenes Haus, das 23 mittellosen Flüchtlingen, die Asyl beantragt haben und über keinerlei öffentliche Unterstützung verfügen, eine Unterkunft und Essen bietet. Der London CW ist Teil einer radikal-pazifistischen katholischen Arbeiterbewegung, die 1933 in den USA begann. Die katholischen Arbeiter engagieren sich aktiv im gewaltlosem Widerstand und sie unterstützen die Solidaritätskampagne für Wikileaksgründer Julian Assange und Whistleblower Bradley Manning. Diese Menschen verwirklichen mit Leib und Seele Jesu radikale Botschaft von Liebe und Solidarität, die Meilen entfernt ist von der korrupten und reichen Kirchenhierarchie, die selbst so viel Leid verursacht hat.

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