Der Krieg gegen die bäuerlichen Familienbetriebe Afrikas

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Joan Baxter

„EIN ANSCHAULICHES BILD LÄNDLICHER ARMUT”?

Die Einführung des „Weltentwicklungsberichts 2008 – Agrarwirtschaft für Entwicklung” beginnt so: “Eine afrikanische Frau steht gebückt unter der Sonne in einem trockenen Feld, mit einer Hacke jätet sie Sorghum, auf ihrem Rücken trägt sie ein Kind – ein anschauliches Bild ländlicher Armut.“[1]

Bei allem Respekt für das Expertenteam der Weltbank, das diesen umfangreichen (und sicherlich sehr teuren) 365-seitigen Bericht zusammengestellt hat: dieses Bild ist problematisch. Auffällig ist die Abwesenheit der Angehörigen dieser Frau und anderer Frauen, mit denen sie während des Jätens vielleicht schwatzt und lacht. Und vielleicht sie ist sehr glücklich damit, dass ihr Baby an ihren Rücken angeschmiegt ist – gibt es einen besseren Ort für Mutter und Kind?

Doch das Fehlen eines Kontextes und das enge Blickfeld sind nicht die einzigen Probleme mit diesem „anschaulichen Bild ländlicher Armut” der Weltbank. Es ist ein eindimensionales Vorurteil, das ausgedacht wurde, um Mitleid zu erregen, anstatt den Respekt zu erwecken, den afrikanische Bauern verdienen. Es ignoriert ihr komplexes Wissen von lokalen Ressourcen, die unterschiedlichen, an viele verschiedene Böden und klimatische Bedingungen angepassten Feldfrüchte, die sie entwickelt haben, ihr komplexes und widerstandsfähiges Netz agroökologischer Familienbetriebe. Es fehlt das Gesamtbild, die Vielzahl der anderen Feldfrüchte, welche die Frau mit Sicherheit auf einem agroökologischen, artenreichen Familienbetrieb anbaut, die wertvollen Bäume, von denen sie und ihre Familie für Einkommen, Nahrung, Fasern, Medizin, Holz abhängen und von denen der Boden für seine Fruchtbarkeit und seinen Schutz abhängt. Es hält die falsche Vorstellung aufrecht, dass afrikanische Familienbetriebe ineffizient und nicht produktiv sind.

Es ignoriert die Bedeutung der Familie und die Solidarität der ländlichen Gemeinschaft, seine Vorzüge gegenüber städtischen Elendsvierteln. Es fehlt die Begeisterung, Genialität und Energie afrikanischer Bauern, die nach wie vor eine unglaubliche Vielfalt an eigenen Feldfrüchten und das Saatgut dafür erzeugen. Das Vorurteil stimmt nicht mit der Realität von Bäuerinnengruppen überein, wie die unermüdlichen Frauen in Petaka in Mali, die entschlossene ‚Perseverance Women’s Group’ im Dorf Bongor in Sierra Leone oder die überschwängliche ‚Rural Housewives‘ Group‘ im Dorf Ngalli II in Kamerun, die singend und tanzend auf dem Weg zu ihren Agroforst-Grundstück sind.

Zahllose weitere Bauerngruppen (männliche und weibliche) auf dem ganzen Kontinent arbeiten unermüdlich, um ihr Einkommen zu verbessern, allen politischen und wirtschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz, und angesichts wachsender Härte infolge des Klimawandels, den sie nicht verursacht haben.

Doch diese Einzelheiten und Sichtweise würde das von der Weltbank geförderte Vorurteil des generell unglückseligen und hilflosen afrikanischen Bauern, der kaum was ohne die Weisheit der Weltbank und ihrer befreundeten Konzerne tun kann, zerstören.

EIN ANSCHAULICHES BILD VON MODERNEM URBANEN REICHTUM, HYBRIS UND GIER?

Da die Weltbank damit zufrieden zu sein scheint, mit Vorurteilen Geschäfte zu machen, sollten wir ihr vielleicht ein weiteres anbieten: „Eine Clique sehr mächtiger, gut genährter und sehr reicher Unternehmer und Banker in teuren Anzügen, die sich um einen glänzenden Tisch im Vorstandszimmer versammelt haben und darüber entscheiden, wie das Potenzial der afrikanischen Landwirtschaft ‚erschlossen‘ werden kann – ein anschauliches Bild von urbanem Reichtum, Hybris und Gier im 21. Jahrhundert.“

Ende Januar dieses Jahres hielt die Weltbank an ihrem Hauptsitz in Washington, D. C. genau so ein Spitzentreffen von „Experten“ ab. Sein Zweck war, „die afrikanische Landwirtschaft zu erschließen”, „afrikanischen Kleinbauern bei dem Übergang von einer Subsistenzwirtschaft zu einer kommerziellen Landwirtschaft zu helfen“ und „der noch sehr jungen afrikanischen Agrarindustrie auf dem Weg in die Selbstständigkeit zu helfen“. [2]

Ausgerichtet wurde die kleine Besprechung vom Präsidenten der Weltbank, Robert Zoellick, früher stellvertretender Vorsitzender der Goldman Sachs Group, einer der mächtigsten und reichsten Investmentbanken der Welt. Und wer waren diese handverlesenen „Experten“, die er nach Washington einlud, um über das Schicksal von Millionen afrikanischer Bauern zu bestimmen? Leider haben haben wir keine vollständige Liste, denn die Weltbank hat auf wiederholte Anfragen nach diesen Information nicht reagiert. Wir haben daher nur einen kurzen Weltbankbericht über das Treffen, um uns eine Vorstellung davon zu geben, welche „Experten“ anwesend waren. So gut wie sicher ist, dass nicht ein einziger von ihnen jemals über das von ihnen selbst erschaffene Vorurteil, dass afrikanische Kleinbauern – und ihre Familienbetriebe – armselig, unreif und unproduktiv sind, hinausgeschaut hat.

Auf dem Treffen waren unter anderem Vertreter des US-amerikanischen Supermarktriesen Walmart, der südafrikanischen Supermarktkette Shoprite und des Bierkonzerns SABMiller. Laut dem Bericht „sprachen sie aufgeregt über ihren Glauben an die afrikanischen Kleinbauern”.[3] Ebenfalls anwesend auf der Besprechung waren Standard Chartered und Cargill.

Es ist nicht offensichtlich, dass diese Teilnehmer „Experten” für afrikanische kleinbäuerliche Landwirtschaft sind oder die sehr großen Probleme verstehen, mit denen sie konfrontiert ist, und welche Lösungen es daher für sie gibt. Doch das Vorschlagen grandioser Lösungen, ohne zuerst die Ursachen der afrikanischen Malaise zu erforschen, hat die Weltbank, die Konzerne und manchen Milliardär noch nie davon abgehalten, dem Kontinent die falsche Medizin zu verschreiben.

Die Strukturellen Anpassungsprogramme, zum Beispiel, die dann durch Strategiepapiere zur Armutsreduzierung (PRSP, Poverty Reduction Strategy Papers) ersetzt wurden, erforderten immer Sparprogramme, die zu drastischen Kürzungen der Gesundheits- und Bildungshaushalte, der landwirtschaftlichen Beratungsdienste und Unterstützungsprogramme für Familienbetriebe und ländliche Gemeinschaften geführt haben. Die von der Bill & Melinda Gates Foundation und der Rockefeller Foundation unterstützte Grüne Revolution legt einen Schwerpunkt auf globale Märkte, importiertes Saatgut, Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel und bedroht letztendlich den Artenreichtum und die Widerstandsfähigkeit der agroökologischen Familienbetriebe.[4]

Ferner hat die Liberalisierung des Handels – auf den Rat von sogenannten „Geldgebern“, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds – dazu geführt, dass lokale Märkte in Afrika mit billigen und importierten – oftmals subventionierten – Lebensmitteln überschwemmt werden, was lokale Wirtschaftssysteme untergräbt.

All dies führt zu einer wachsenden Härte für afrikanische Familienbetriebe. Trotz der enormen Hürden, vor denen sie stehen – schlechte Straßen, mangelnder Zugang zu Märkten und grundlegenden öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, mangelnde Lagermöglichkeiten und Verarbeitungsausrüstung, unfairer Wettbewerb von ausländischen Waren, die zu Dumping-Preisen verkauft werden, schlechter Rat von ausländischen Experten, Klimawandel und ein ernsthafter Mangel an Respekt – schaffen es afrikanische Kleinbauern, 80 Prozent der Nahrungsmittel des Kontinents zu produzieren.[6]

Nun scheint es aber, dass die Weltbank und ihre befreundeten Großkonzerne einen noch gefährlicheren Plan für Afrika und seine Landwirte haben. Es geht darum, die afrikanische Landwirtschaft unter die Kontrolle von Großunternehmen und reichen Investoren zu bringen, so dass sie am Ende die Produktion und den Verkauf von Lebensmitteln, Agrarkraftstoffen und anderen, auf dem Kontinent angebauten Agrarwaren kontrollieren. Die gleiche alte Unternehmensstrategie, die bereits die nordamerikanischen Familienbetriebe und Nahrungsmittelsysteme dezimiert hat, bringt mit einem „Kreuzzug der Konzerne für Nahrung“ die gesamte Nahrungsmittelkette unter ihre Kontrolle.[7]

So wird es von ihnen natürlich nicht positioniert. Die „Experten“ auf dem Weltbank-Treffen sprachen von einer Ankurbelung der „Produktivität des afrikanischen Agrarsektors, der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Verbesserung von Lebensgrundlagen und einer Verminderung der Armut“.[8] Man könnte schwören, dass es sich bei ihnen um liebenswürdige, mitfühlende Leute handelt, die aufrichtig am Wohlergehen der afrikanischen Kleinbauern und der Ernährungssicherheit des Kontinents interessiert sind. Aber nur, bis man untersucht, wer diese Leute eigentlich sind und was ihre wahren Absichten für die afrikanische Landwirtschaft sind.

WER SIND DIESE „EXPERTEN“, DIE DIE AFRIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT „ERSCHLIESSEN” WERDEN?

Walmart ist die größte Supermarktkette der Welt, ihr Eigentümer ist die US-amerikanische Familie Walton. Der Nettoreichtum der vier Waltons beläuft sich auf etwa 90 Milliarden US-Dollar, auf der internationalen Forbes-Liste der Milliardäre stehen sie auf Platz 10, 20, 21 und 22.[9] Walmart ist bekannt für seine extrem niedrigen Löhne und halsabschneiderischen Geschäftspraktiken in seinem globalen Beschaffungsnetz, das die Preise ohne Rücksicht auf die Kosten für Erzeuger drückt. Durch Walmart ist der Begriff „Walmartisierung“ enstanden, er ist zum Synonym für Gewerkschaftshetze und die Abwärtsspirale geworden.[10] Die Walmart-Stiftung has 1 Milliarde US-Dollar für „Investitionen in die afrikanische Landwirtschaft” vorgesehen.[11] Angesichts seiner eigenen Politik der Kostenreduzierung und Profitmaximierung auf dem Rücken von Mitarbeitern und Erzeugern fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Walmart auch nur einen Funken Interesse am Wohlergehen von afrikanischen Landwirten hat.

Ebenfalls vertreten auf dem Weltbank-Treffen war Cargill, das größte Agrar- und Lebensmittelunternehmen der Welt, die größte Firma der Welt in Privatbesitz.[12] Cargill ist kein offensichtlicher Kandidat, um der beste Freund von Kleinbauern in Afrika, oder sonst irgend jemandem, zu sein. Die Firma wurde unter anderem verklagt im Auftrag von geschmuggelten Kindern, die auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste missbraucht worden sind,[13] sie war verantwortlich für Lebensmittelvergiftung[14] und hat eine ungezügelte Entwaldung verursacht.[15]

SAB Miller ist der größte Brauereikonzern der Welt, und ein wichtiger Abfüller von Coca-Cola-Produkten.[16] Das Unternehmen, das einen Gewinn von mehr als 2 Milliarden britischen Pfund (etwa 2,279 Milliarden Euro) pro Jahr einfährt, wurde beschuldigt, unter Nutzung von Steueroasen in Afrika und Indien fällige Steuern im Wert von 20 Millionen Pfund hinterzogen zu haben. Wie vorherzusehen war, weist SAB Miller diese Unterstellungen „vehement zurück“.[18]

Standard Chartered, noch ein „Experte” in Washington, der die afrikanische Landwirtschaft „erschließen” soll, ist ein multinationaler Finanzdienstleistungskonzern, dessen Ursprünge in die Kolonialzeit zurückreicht, in der er seine Profite in britischen Kolonien akkumuliert hat.[19] Seine jüngere Firmengeschichte ist befleckt von Skandalen, die in Unternehmerkreisen in nachsichtiger Weise als „ethische Fehltritte“ bezeichnet wurden.[20] Standard Chartered konzentriert sich nun stark auf Privatbanken,[21] ein Euphemismus für das Verstecken des Geldes sehr reicher Leute in Steueroasen.

Was um alles in der Welt hatten die Vertreter von solchen Megakonzernen und Banken auf einem Treffen hinter verschlossenen Türen mit dem Präsidenten der Weltbank zu suchen, in dem über afrikanische Landwirtschaft diskutiert wurde? Ihre in Konzernsprech gehüllten Absichten kann man nur verstehen, wenn man zwischen den Zeilen des Weltbankberichts liest.

Zunächst scheinen sie auf der Jagd nach Agrarland zu sein. Trotz ihres Anspruchs, „verantwortungsbewusste Agrarinvestitionen” zu fördern[22], steht die Weltbankgruppe voll hinter dem dem Raub afrikanischen Agrarlandes, das sogenannte „Landgrabbing“. Sie unterstützt die Gründung von Agenturen für die Investitionsförderung und stellt Berater zur Verfügung, die ausländischen Investoren helfen, an riesige Agrarflächen zu kommen, oftmals begleitet von extrem großzügigen Steuerbefreiungen.[23]

Auf dem Treffen in Washington sagten die Teilnehmer, es bestehe eine Notwendigkeit für mehr Agrarinvestitionen in Afrika, wo „60 Prozent des Agrarlandes nach wie vor brach liegt” oder „unkultiviert“ sei. Hier wird impliziert, dass brachliegendes oder „unkultiviertes” Land irgendwie ungenutzt ist und von Investoren an sich gerissen werden kann. Eine Einführung in ökologische Nachhaltigkeit und agroökologische Landwirtschaft würde sie lehren, dass brachliegendes Land von immenser Bedeutung ist. Es verbessert die Bodenfruchtbarkeit, erhält den Artenreichtum, schützt wertvolle Wasser- und Bodenressourcen, fungiert als wichtige Quelle für Brennholz und Baumaterialien, Medizin, wilde Feldfrüchte und Baumfrüchte und direkt von Bäumen erzeugte Delikatessen wie Palmwein. Brachzeiten werden immer kürzer,[24] dies deutet darauf hin, dass afrikanisches Agrarland nicht im Überfluss vorhanden ist, sondern dass es immer knapper wird.

Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung sagte: „Moderne wissenschaftliche Studien zeigen, dass agroökologische Methoden bei der Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in den von Hungrigen bevölkerten Gebieten dem Einsatz von chemischen Düngern überlegen sind – vor allem in schwierigen Umweltbedingungen.“[25] Mit agroökologischen Methoden können kleinbäuerliche Familienbetriebe in den nächsten zehn Jahren ihre Nahrungsmittelproduktion in kritischen Regionen verdoppeln und damit auch die Situation der Ärmsten verbessern.“[26]

Doch solche Nachweise scheinen den „Experten” auf dem Weltbank-Treffen entgangen zu sein. Sie sprachen nicht von Familienbetrieben, sondern von „Privatfarmen” – zweifellos handelt es sich dabei um mechanisierte Plantagen, mit Chemie bespritzt und stark bewässert, bepflanzt mit einer Handvoll Sorten Saatgut (einschließlich gentechnisch verändertes), die sich in der Hand von mächtigen Investoren befinden – um die „Nachfrage von multinationalen Supermarktketten wie Walmart und Shoprite zu befriedigen”.[27] Diese „Privatfarmen“ können laut ihnen „Arbeitsplätze schaffen, zu einem höheren Einkommen der Farmer beitragen [als schlechtbezahlte Farmarbeiter? Farmpächter?], Lebensgrundlagen in ländlichen Gemeinden verbessern sowie Gesundheits-, Bildungs- und Wohnungsdienstleistungen für Landbewohner bereitstellen.”[28]

Dies sind genau die irreführenden Argumente, die von ausländischen Investoren – Hedgefonds, Staatsfonds, Konzerne – benutzt werden, die sich bereits zig Millionen Hektar afrikanisches Agrarland geschnappt haben, um es in riesige Plantagen zu verwandeln, die Antithese des Familienbetriebs.[29] Diese Konzerne und Banker glauben nicht an Familienbetriebe als eine Lebensweise, sie glauben an eine Landwirtschaft, die ein profitables Geschäft ist, das sie kontrollieren können. Es ist nicht ihr Ziel, die Familienbetriebe in Afrika zu verbessern, sondern vielmehr sie auszulöschen.

Interessanterweise bestehen die „Experten” aus der Oberliga des Privatsektors – also Konzerne und Banken im Wert von Milliarden Dollar – darauf, dass sie für die Transformation der afrikanischen Landwirtschaft Zugang zu öffentlichen Geldern brauchen. Ihre Argumentation in Washington lautet so: „Der Erfolg wird sich einstellen, wenn afrikanische Regierungen und Geldgeber sich nicht so sehr darüber sorgen, dass öffentliche Gelder in private Gewinne fließen.“[30] In ihrer verzerrten Weltsicht „erbringen sie eine öffentliche Dienstleistung“ und „sollten von öffentlichen Geldern profitieren“, indem sie Afrikaner zu Tagelöhnern auf dem eigenen Land machen.

Man fragt sich, wie ihre Ideologie des „freien Marktes”, ihre Geringschätzung des öffentlichen Sektors und ihre Abneigung gegen Steuern sich mit dem Verlangen, am öffentlichen Steuertropf zu saugen, vereinbaren lässt.

EIN KRIEG DER MULTINATIONALEN KONZERNE

Das Treffen der Weltbank ist nur ein Teil eines globalen, von mächtigen multinationalen Konzernen und Finanzinteressen geführten Krieges gegen afrikanische Bauern. Das Weltwirtschaftsforum in Davos spielt darin auch eine Rolle, mit seinem Bericht „Die Realisierung einer neuen Vision für die Landwirtschaft – ein Aktionsplan für Stakeholder”.[31] Die Stakeholder, die sich für die Initiative „einsetzten“, sind 17 mächtige multinationale Konzerne: „Archer Daniels Midland, BASF, Bunge, Cargill, The Coca-Cola Company, DuPont, General Mills, Kraft Foods, Metro, Monsanto Company, Nestlé, PepsiCo, SABMiller, Syngenta, Unilever, Wal-Mart Stores und Yara International.“[32]

Diese Konzerne – Welten entfernt von den bäuerlichen Familienbetrieben Afrikas – haben angeblich „erstklassige Führung und technisches Fachwissen beigetragen”. Der Bericht empfiehlt „marktbasierte Lösungen”, aber wir sollen glauben, dass sie wirklich daran interessiert sind, den ländlichen Armen der Welt zu helfen.

Überall auf dem Kontinent hallt die gleiche Rhetorik von Geldgebern und Regierungen wider: Landwirtschaft müsse zum „Agrargeschäft” werden, Bauern müssen für den globalen Markt produzieren, der Privatsektor (mit öffentlichen Geldern??) sei die Antwort, „Hacke und Machete” seien nicht mehr existenzfähig, Mechanisierung auf großen Landparzellen in Privatbesitz sei die Zukunft.[33] Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung warnt, dass Farmer in der ganzen Welt ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beenden müssen.[34] Afrikanische Bauern brauchen das nicht zu tun, wenn sie ihr Land und ihre Farmen behalten dürfen – sie waren noch nie von fossilen Brennstoffen abhängig.

Um die Öffentlichkeit weichzukriegen, damit sie diesen massiven Raub von afrikanischem Land, Saatgut, Farmen und Wasserresourcen akzeptiert, beginnen diese „Experten” und Banker mit Vorurteilen, die afrikanische Bauern und Bäuerinnen auf Objekte des Mitleids und Hohns reduzieren, die sie als rückständig und bitterarm darstellen. Man rufe sich das „anschauliche Bild ländlicher Armut“ in Erinnerung.

Noch einmal: es lohnt sich, ein alternatives Bild zu berücksichtigen, und zwar das der Frau, die früher ein Einkommen hatte und sich jetzt auf ihrem ehemaligen Farmland als Tagelöhnerin verdingt. Dieses Bild ist real und es stammt von einem dieser industriellen Agrarbetriebe in Afrika: eine 20 000 Hektar große „Farm“ in Sierra Leone, gepachtet von Addax Bioenergy von der Addax & Oryx Group, auf der Zuckerrohr für die Herstellung von Ethanol für europäische Verbraucher produziert wird. Eine Frau, früher eine Bäuerin und nun eine Tagelöhnerin auf der Addax-Plantage, nähert sich Besuchern mit offenen Armen und beschwört sie, ihren von der Schinderei unter der heißen Sonne „erschlafften“ Körper anzusehen – mit dem Tragen von Zuckerrohr für einen großen Konzern verdient sie etwa 2 US-Dollar pro Tag.[35] Das ist weit davon entfernt, sie für den Verlust ihrer Farm und der vielen Feldfrüchte, die sie einst anbaute, um sich und ihre Familie zu ernähren, zu entschädigen – ein anschauliches Bild vom wahrhaftig verarmten Leben einer niedrig bezahlten Tagelöhnerin auf einer industriellen Plantage in Afrika. Doch mit diesem Bild – die Zukunft, die sie sich für afrikanische Bauern vorstellen – möchten sich die Weltbank und multinationale Konzerne nicht auseinandersetzen.

FUSSNOTEN

  • [1] World Development Report 2008: Agriculture for Development. 2007. Washington, DC: The International Bank for Reconstruction and Development / The World Bank. S. 1
  • [2] World Bank. 29. Januar 2011. Concessional funding key to unlock Africa’s agriculture. Washington, DC: The World Bank. http://bit.ly/fzQlXO
  • [3] Ibid
  • [4] Food First Institute for Food and Development Policy. Alliance for a Green Revolution (AGRA) Fact Sheet. http://bit.ly/fj39uO
  • [5] Christian Aid. Juni 2005. The economics of failure: the real cost of ‚free‘ trade for poor countries
  • http://bit.ly/i3SY09
  • [6] See: Steering Committee of the Pan-African Campaign: We Are the Solution: Celebrating African Family Farming. 7. Februar 2011. Dakar Declaration. Abrufbar unter: http://bit.ly/ftQqKs: UND: Altieri, Miguel A. 2009. Agroecology, small farms and food sovereignty. Monthly Review. http://bit.ly/hL5S2Y
  • [7] Food First Institute for Food and Development Policy. 3. Februar 2011. Onward Corporate Soldiers: colonizing the poor for their own good. http://www.foodfirst.org/en/node/3288
  • [8] World Bank. 29. Januar 2011. Op. cit.
  • [9] Forbes. 9. März 2011. The World’ Billionaires. http://www.forbes.com/wealth/billionaires/list
  • [10] Colin McGranahan, analyst for Sanford C. Bernstein & Company, cited in: Stohlman, Joseph. 4. März 2011. Walmart enters Africa. Think Africa Press. http://thinkafricapress.com/article/walmart-enters-africa
  • [11] World Bank. 29. Januar 2011. Op. cit.
  • [12] Forbes. Andrea Murphy, Private Eye. 8. Februar 2011. Private companies: 2011’s top spot? http://blogs.forbes.com/andreamurphy/2011/02/08/private-companies-2011s-top-spot/
  • [13] Keating, Gina. 16. Juli 2005. ADM, Nestle and Cargill sued to end trafficking, torture and forced labor on African cocoa farms. Reuters. Available at: http://bit.ly/hdpXx3
  • [14] United States Department of Agriculture, Food Safety and Inspection Service. 6. Oktober 2007. Wisconsin Firm Recalls Ground Beef Products Due to Possible E. coli O157:H7 Contamination. http://1.usa.gov/exxiyQ
  • [15] Astor, Michael. 19. Juli 2006. Amazon port in stormy waters
  • U.S. company finds resistance by environmentalists. Associated Press. Abrufbar unter:
  • http://www.chron.com/disp/story.mpl/business/4058727.html
  • [16] SABMiller, Overview. http://bit.ly/h2nQsA
  • [17] ActionAid. November 2010. Calling Time — Why SABMiller should stop dodging taxes in Africa. http://bit.ly/hIJvh7
  • [18] SABMiller News. 26. November 2010. SABMiller reacts to ActionAid’s report on tax in developing markets. http://bit.ly/hv3wXy
  • [19] Standard Chartered. History. http://www.standardchartered.com/about-us/history/en/index.html
  • [20] Lee, Yoolim and Menon, Jon. 4. November 2009. Standard Chartered 79% return overtakes HSBC with Asian rebound. Bloomberg. http://bloom.bg/hfL4Xb
  • [21] NEWSGD.com. 29. Mai 2007. Standard Chartered Bank sets up private banking HQ in Singapore. http://www.newsgd.com/business/enterprise/200705290048.htm
  • [22] Deininger, Klaus and Byerlee, Derek. 2011. Rising global interest in farmland: can it yield sustainable and equitable benefits? Washington, DC: The World Bank. p xiv
  • [23] Baxter, Joan. 6. Mai 2010. Protecting the investors — but what about the people? Pambazuka News. http://www.pambazuka.org/en/category/features/64224
  • [24] Franzel, S. 1999. Socioeconomic factors affecting the adoption potential of improved tree fallows in Africa. Agroforestry Systems: 47: 305–321
  • [25] United Nations Human Rights, Office of the High Commissioner. 8. März 2011. Eco-Farming Can Double Food Production in 10 Years, says new UN report. http://bit.ly/f6Sn1Z
  • [26] ‘Agroecology and the Right to Food’, Report presented at the 16th Session of the United Nations Human Rights Council. 8. März 2011. http://bit.ly/f6Sn1Z
  • [27] World Bank. 29. Januar 2011. Op. cit.
  • [28] Ibid
  • [29] Zahlreiche Artikel über das „Landgrabbing“ in Afrika und weltweit findet man auf der speziell dazu erstellten Webseite von GRAIN: http://farmlandgrab.org/
  • [30] World Bank. 29. Januar 2011. Op. cit.
  • [31] World Economic Forum. 2010. Realizing a New Vision for Agriculture — A Roadmap for Stakeholders, prepared in collaboration with McKinsey & Company. Davos, Switzerland: World Economic Forum. http://www.weforum.org/issues/agriculture-and-food-security
  • [32] Ibid. p 3
  • [33] Interviews wurden 2010 in Mali and Sierra Leone geführt.
  • [34] Henshaw, Caroline. 8. März 2011. Farmers must be weaned off using oil, days U.N. expert. Wall Street Journal. http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704758904576188220051993828.html
  • [35] Interview wurde im December 2010 in Sierra Leone geführt.

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