Die Rolle US-amerikanischer Universitäten im afrikanischen Landraub

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: John Vidal & Claire Provost

Institutionen wie Harvard und Vanderbilt benutzen nachweislich Hedgefonds für Landgeschäfte, die zur Vertreibung von Bauern führen

US-Universitäten benutzen nachweislich Stiftungsfonds für Geschäfte, durch die Tausende von ihrem Land in Afrika vertrieben werden könnten.

Harvard und andere führende US-Universitäten benutzen britische Hedgefonds und europäische Finanzspekulanten, um riesige Flächen afrikanischen Agrarlandes zu kaufen oder zu pachten. Doch einer neuen Studie zufolge könnten manche dieser Geschäfte dazu führen, dass Tausende von Menschen von ihrem Land vertrieben werden.

Den Verfassern der Studie zufolge profitieren ausländische Investoren von einem „Landgrabbing“, das meist nicht das Versprechen von Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Entwicklung erfüllt und stattdessen zu Umwelt- und sozialen Problemen in den ärmsten Ländern der Welt führt.

Der neue Bericht über Landkäufe in sieben afrikanischen Ländern stellt fest, dass Harvard, Vanderbilt und viele andere US-Colleges mit milliardenschweren Stiftungsfonds in den vergangenen Jahren beträchtliche Summen in afrikanisches Agrarland investiert haben. Ein Großteil des Geldes soll durch die in London ansässige Firma Emergent Asset Management fließen, sie verwaltet einen der größten Fonds für Landkäufe in Afrika, der von ehemaligen Währungshändlern von JP Morgan und Goldman Sachs geführt wird.

Die Forscher am kalifornischen Oakland Institute sind der Ansicht, dass die US-amerikanischen Kunden von Emergent bis zu 500 Millionen US-Dollar in die Kauf des besten Agrarlandes investiert haben, mit einer erwarteten Rendite von 25 %.

Laut Emergent werden die Geschäfte in einer verantwortungsbewussten Weise gehandhabt. „Ja, Universitäts-Stifungen und Rentenfonds sind langfristige Investoren“, sagte ein Sprecher. „Wir investieren in die afrikanische Landwirtschaft, und wir gründen Firmen und stellen Leute ein. Wir gehen dabei verwantwortlich vor … Die Summen sind sehr hoch, vielleicht Hunderte Millionen Dollar. Das ist kein Landraub. Wir möchten den Wert des Landes steigern. Dadurch dass wir so groß sind, können wir mehr bewirken, unser Größenvorteil bedeutet eine bessere Produktivität.”

Bisher war die Rede von chinesischen und nahöstlichen Firmen, die große Landflächen in Entwicklungsländern „geraubt“ haben, um bilige Nahrung für ihre eigenen Bevölkerungen anzubauen, doch meistens stecken Fonds aus westlichen Ländern hinter den größten Geschäften, so das Oakland Institute, eine unabhängige politische Denkfabrik.

Die Firma, die den Investmentfonds von Harvard vewaltet, wollte dazu keine Angaben machen. „Es ist Unternehmenspolitik, nicht über unsere Investitionen oder Investitionsstrategie zu diskutieren, daher kann ich diesen Bericht nicht bestätigen“, sagte ein Sprecher. Vanderbilt wollte den Bericht ebenfalls nicht kommentieren.

Laut Oakland überschätzten die Investoren die Vorzüge der Geschäfte für die betroffenen Gemeinschaften. „Diese Unternehmen haben ein komplexes Geflecht von Firmen und Tochterunternehmen geschaffen, um sich schwache Aufsichtsbehörden vom Leib zu halten. Eine Analyse der Verträge enthüllt, dass viele dieser Geschäfte kaum Arbeitsplätze schaffen und Tausende von Menschen von ihrem Land vertreiben werden“, sagte Anuradha Mittal, der Director von Oakland.

Die Absichtserklärung (MOU) zwischen der tansanischen Regierung und der US-amerikanischen landwirtschaftlichen Entwicklungsfirma AgriSol, die mit der Universität Iowa zusammenarbeitet, schreibt vor, dass die dort ansässigen Flüchtlingslager mit einer Bevölkerung von 162 000 Menschen geschlossen werden müssen, bevor ihr Projekt im Wert von 700 Millionen Dollar an den zwei Hauptorten Katumba und Mishamo gestartet werden kann. Die Flüchtlinge betreiben auf diesem Gelände seit 40 Jahren Landwirtschaft.

Die äthiopische Regierung führt ein „Villagisation“-Programm durch – die Gruppierung von Bevölkerungen in zentralisierte geplante Siedlungen – indem Zehntausende von Menschen von ihren angestammten Gebieten in neue Zentren umgesiedelt werden, während massive Landgeschäfte mit internationalen Firmen getätigt werden.

Das größte Landgeschäft in Südsudan, wo laut norwegischen Analysten in den vergangenen Jahren schon 9 % des Landes gekauft worden ist, wurde zwischen einer texanischen Firma, Nile Trading and Development, und einer lokalen, von abwesenden Häuptlingen geführten Genossenschaft ausgehandelt. Der 49-jährige Pachtvertrag über 400 000 Hektar in Zentral-Equatoria im Wert von etwa 25 000 US-Dollar (etwa 17 400 Euro) gestattet es der Firma, alle natürlichen Ressourcen einschließlich Öl und Holz auszubeuten. Die vom ehemaligen US-Botschafter Howard Eugene Douglas geführte Firma beabsichtigt, sich für CO2-Zertifikate – die von den Vereinten Nationen unterstützt werden – zu bewerben, was für jährliche Einnahmen von Millionen Dollar sorgen könnte.

In Mosambik, wo potenziell bis zu 7 Millionen Hektar Land für Investoren verfügbar ist, sollen westliche Hedgefonds mit südafrikanischen Firmen zusammenarbeiten, um riesige Flächen Wald und Ackerland für Investoren in Europa und den USA aufzukaufen. Die Verträge zeigen, dass die Regierung für Zeiträume bis zu 25 Jahren die Steuern erlässt, aber es werden kaum Arbeitsplätze geschaffen.

„Niemand sollte glauben, dass diese Investoren da sind, um hungernde Afrikaner zu ernähren, Arbeitsplätze zu schaffen oder die Ernährungssicherheit zu verbessern“, sagte Obang Metho vom Solidarity Movement for New Ethiopia. „Diese Verträge – viele haben eine Laufzeit von 99 Jahren – stellen für die lokalen Leute keinen Fortschritt dar und werden nicht für volle Mägen sorgen. Von solchen Deals profitieren allein korrupte Führer und ausländische Investoren.“

„Das Ausmaß der getätigten Landgeschäfte ist schockierend”, sagte Mittal. „Die Umwandlung von afrikanischen kleinbäuerlichen Betrieben und Wäldern in ein Investment auf der Basis natürlicher Vermögenswerte mit einer hohen Rendite führt zu höheren Lebensmittelpreisen und steigert die Risiken des Klimawandels.

Studien der Weltbank und anderen Institutionen deuten darauf hin, dass in den vergangenen drei Jahren fast 60 Millionen Hektar – ein Gebiet von der Größe Frankreichs – von ausländischen Firmen in Afrika gekauft oder gepachtet worden sind.

„Diese Deals sind meistens geprägt von einem Mangel an Transparenz, trotz der schwerwiegenden Folgen, die durch die zunehmende Macht über globale Lebensmittelmärkte und landwirtschaftliche Ressourcen in den Händen der Finanzindustrie drohen“, so der Bericht.

„Wir haben Fälle gesehen, in denen Spekulanten Agrarland übernommen haben, während Kleinbauern, die als Landbesetzer betrachtet werden, gewaltsam vertrieben wurden, ohne Kompensation“, sagte Frederic Mousseau, Policy Director bei Oakland. „Dies schafft eine Unsicherheit im internationalen Nahrungsmittelsystem, die für die globale Sicherheit eine viel größere Bedrohung darstellen könnte als der Terrorismus. Mehr als eine Milliarde Menschen in der Welt hungert. Die Mehrheit der Armen in der Welt hängt für ihre Existenzgrundlage nach wie vor von kleinbäuerlichen Betrieben ab – und die Spekulanten rauben ihnen diese, während sie einen Fortschritt versprechen, der nie eintritt.“

The Oakland Institute Special Investigation: Understanding Land Investment Deals in Africa

Quelle

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