Madagaskar wird vom Teersandabbau bedroht: Ein Augenzeugenbericht einer Aktivistin

 Übersetzung: Susanne Schuster, Original: World Development Movement

Die Umweltaktivistin Holly Rakotondralambo aus Madagaskar ist diese Woche nach Großbritannien gekommen, um auf die Gefahren des geplanten Teersandabbaus für ihr Land aufmerksam zu machen. Hier erzählt sie der britischen Organisation World Development Movement (WDM) von den Sorgen der lokalen Gemeinden in den vom Abbau betroffenen Gebieten, die sie besucht hat und was wir tun können, um dabei zu helfen, den drohenden Teersandabbau in ihrem Land zu stoppen.

Nach dem Besuch der Aktivisten der kanadischen First Nations während der Hauptversammlung der Royal Bank of Scotland im April ist der WDM diese Woche Gastgeber der Umweltaktivistin Holly Rakotondralambo aus Madagaskar, die hier ist, um um auf die Gefahren des geplanten Teersandabbaus für ihr Land aufmerksam zu machen. Holly ist hier im Namen von Alliance Voahary Gasy, eine Koalition aus 28 madagassischen Umwelts- und Menschenrechtsorganisationen, die über die Auswirkungen des Teersandabbaus auf Madagaskar besorgt sind, falls er nicht gestoppt wird.

Holly wird während ihres Aufenthalts in Großbritannien auf öffentlichen Versammlungen in Edinburgh, Glasgow und London reden und mit vielen Journalisten sprechen. Sie fordert von der Royal Bank of Scotland (RBS), Totals Beteiligung am Teersandabbau nicht zu finanzieren und von der britischen Regierung, dass sie ethische und Umweltkriterien für die Investitionspolitik der RBS festlegt.* Hollys Aufenthalt in Großbritannien wurde durch individuelle Spenden von WDM-Unterstützern ermöglicht.

Holly Rakotondralambo sprach mit Liz Murray von WDM Schottland

Liz: Was ist die derzeitige Situation im Hinblick auf den Teersandabbau in Madagaskar?

Holly: Es gibt hauptsächlich zwei Gebiete, in denen Teersandvorkommen festgestellt worden sind: sie befinden sich in Tsimiroro und Bemolanga, in der Region Melaky im Westen Madgaskars. Madagascar Oil und die französische Ölfirma Total sind in diesen Gebieten seit 2008 mit der Exploration beschäftigt. Total hat in Bemolanga 130 Probebohrungen durchgeführt. Sie haben dort auch Straßen und Büros gebaut, und sie haben uns gesagt, dass sie nächsten Monat entscheiden werden, ob sie mit der kommerziellen Ausbeutung der Teersande beginnen werden. Die einheimischen Leute sind sehr besorgt darüber, was dies für sie bedeuten könnte, und wir natürlich auch.

Liz: Was genau sind die Sorgen im Hinblick auf den Teersandabbau?

Holly: Die lokalen Gemeinden sind in zunehmendem Maße besorgt über die möglichen Auswirkungen des Teersandabbaus auf Ackerflächen, Wasserquellen und die einzigartige Artenvielfalt in Madagaskar, vor allem seit wir die Zerstörung durch den Teersandabbau in Kanada gesehen haben. In Madagaskar herrscht große Armut. Viele Menschen in den Teersandgebieten in Madagaskar sind Subsistenzbauern, deren Land sich seit Generationen im Familienbesitz befindet. Sie befürchten, dass sie ihr Land verlieren werden oder dass es vergiftet wird. Sie haben auch Bedenken wegen der Maschinen und der riesigen Lastwagen, die durch diese Gegend fahren müssen, um zu den Abbaugebieten zu kommen.

Es gibt darüber hinaus Befürchtungen, dass das Grundwasser durch toxische Stoffe kontaminiert werden könnte, genauso wie es mit dem Athabasca-Fluss in Kanada passiert ist. In diesem Teil Madagaskars sind die Grundwasservorräte sehr begrenzt und die meisten Menschen hängen im Hinblick auf ihren Wasserbedarf stark von den Flüssen ab, einschließlich Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen. Bäume dienen ebenfalls als Wasserlieferanten und die einheimischen Leute stellen daraus eine Art Bier her, durch dessen Verkauf sie etwas Geld verdienen. Doch für den Teersandabbau müssen viele Bäume gefällt werden. Überdies wird die madagassische Regierung und das Volk nur einen winzigen Anteil – nur 4% – des Profits aus dem Teersandabbau erhalten.

Natürlich sind wir auch sehr besorgt über die Folgen des Teersandabbaus für den Klimawandel. Wir sind ein Teil des internationalen Netzwerks REDD, ein kollaboratives Programm der Vereinten Nationen, dessen Ziel es ist, auf eine Reduzierung der Emissionen aus der Abholzung und Walddegeneration in Entwicklungsländern hinzuarbeiten. In Madagaskar ist nicht viel Urwald übrig, aber der Wald, den wir haben, ist als CO2-Senke unerlässlich und könnte auf den CO2-Märkten für unser Land wertvoll sein. Doch der Abbau von Teersanden, eine extrem schmutzige Form von fossilen Brennstoffen, wird diese Bemühungen zur Reduzierung des Klimawandels völlig unterminieren und verschwenden.

Liz: Welche Art von Kommunikation hat Total mit den lokalen Gemeinden unternommen?

Holly: Total hat mit den lokalen Gemeinden fast kaum kommuniziert. Meine Organisation veranstaltete eine öffentliche Versammlung in Bemolanga, um die einheimischen Leute über die Auswirkungen des Teersandabbaus für sie zu informieren und um ihnen bei der Ausarbeitung von Punkten zu helfen, die sie zu ihren Gunsten in die Verhandlungen mit Total einbringen könnten. Kaum jemand wusste Bescheid und wir waren überrascht zu hören, dass Total ihnen noch keinerlei Informationen gegeben hatte. Eine Woche nach unserer Versammlung kam Total in die lokalen Gemeinden und traf sich mit ihnen. Total hat zwar auch für den Bau eines Gemeindesaales und einer Brücke für die Hauptstadt im Bezirk Bemolanga bezahlt, aber die Brücke ist ein kleines Stück flussaufwärts von der üblichen Überquerstelle, die lokalen Leute benutzen zur Überquerung des Flusses also immer noch ihre Boote statt der Brücke.

Liz: Was ist deine Botschaft an uns hier in Großbritannien?

Holly: Wir bitten euch, alles in eurer Macht Stehende zu tun, um den Teersandabbau in Madagaskar zu stoppen. Es ist noch möglich, ihn zu stoppen. Die Royal Bank of Scotland hat Total finanziert, ohne die möglichen Auswirkungen des Teersandabbaus für Madagaskar zu berücksichtigen. Doch RBS befindet sich fast gänzlich in Staatsbesitz, daher könnte die britische Regierung dies stoppen. Wir rufen die britischen Bürger dazu auf, ihre Parlamentsabgeordneten zu kontaktieren, mit der Forderung, die Finanzierung der in den Teersandabbau involvierten Firmen durch RBS zu stoppen.

* Nachdem die Royal Bank of Scotland, eine der größten Banken der Welt, in der Bankenkrise 2008 vom Bankrott bedroht war, wurde sie von der britischen Regierung enteignet und verstaatlicht. Die RBS befindet sich momentan zu 84,4% im Staatsbesitz.

Weitere Information über den Teersandabbau in Madagaskar:

 AFRIKA/2012: Teersand-Abbau in Madagaskar – Ausverkauf und Umweltschäden (SB)

Quelle

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