Warum Land für Afrikaner wichtig ist, unabhängig von der Landwirtschaft

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Chambi Chachage

Die Landwirtschaft steht wieder auf der internationalen Agenda für Afrika. Es wird das Bild einer grünen bzw. landwirtschaftlichen Revolution vermittelt. Doch im Zentrum dieser Strategie steht die Frage der Landnutzung – und der Kontrolle über das Land.

„Nichts kann einen Afrikaner für den Verlust seines Landes entschädigen” – Sir Godfrey Lagden

Vor diesem Hintergrund fand kürzlich eine internationale Konferenz über Süd-Süd-Kooperation unter dem Titel „Indien, Afrika und Ernährungssicherheit: Zwischen den Gipfeln“ statt, zu der sich im Mumbai World Trade Centre und der University of Mumbai zahlreiche Diplomaten, Investoren, Forscher und Akademiker des gesamten ideologischen Spektrums eingefunden haben. Bald danach versammelten sich einige von ihnen an der Rhodes University in Südafrika zur dritten Sommerakademie des African Institute of Agrarian Studies (AIAS) zum Thema „Globale Krise, Landraub und Agrarreform im südlichen Afrika“. Auf beiden Veranstaltungen stand das Thema Landwirtschaft mit Bezug auf landwirtschaftliche Produktivität und Landbesitz in Afrika ganz oben auf der Agenda, vor allem aber aufgrund der „neuen“ Welle des „Landgrabbing“ auf dem afrikanischen Kontinent.

Der Fall der aktuellen Bodenreformen in Südafrika und Simbabwe unterstreicht diese konfliktgeladene Beziehung. Einerseits wurde einvernehmlich bekräftigt, wie außerordentlich wichtig Landbesitz in Afrika ist, unabhängig davon, ob Afrikaner das Land für agrarische Produktion nutzen oder nicht.   Andererseits wurde dialektisch die Realisierbarkeit einer von afrikanischen Kleinbauern praktizierten, produktiven Landwirtschaft bestätigt.

Landenteignung hat für Afrikaner seit jeher nichts Gutes verheißen, daran muss man kaum erinnert werden. Tatsächlich waren sich die Kolonisatoren und Siedler dessen sehr bewusst. Man nehme beispielsweise das folgende Interview zwischen dem damaligen Resident Commissioner in Lesotho, Sir Godfrey Lagden, und dem damaligen Vorsitzenden der damaligen südafrikanischen Landsiedlungskommission, ein gewisser Herr Southey, über die Eignung und Verfügbarkeit von afrikanischem Ackerland in der damaligen Orange River-Kolonie:

„Sir Godfrey Lagden […]: Nichts kann einen Afrikaner für den Verlust seines Landes entschädigen.

Herr Southey […]: Auch dann nicht, wenn ihm anderes Land gegeben wird?

Sir Godfrey Lagden […]: Nein, er müsste das andere Land zuerst sehen.

Herr Southey […]: Und wenn das andere Land besser wäre?

Sir Godfrey Lagden […]: Ja.“[1]

Doch sogar das mutmaßliche bessere Land würde Afrikaner kaum entschädigen. Schließlich gab es gute Gründe dafür, dass sie sich an bestimmtenen Orten einst angesiedelt hatten. Diese Gründe muss man genau darlegen, sogar heute noch, bevor man in den Chor derjenigen einstimmt, die behaupten, dieses oder jenes Land in Afrika läge brach, daher bestünde der imperialistische Imperativ, Afrikaner zu verdrängen, um Investoren den Weg zu bereiten.

In den Foren des AIAS wiederholte der Inhaber des von der National Research Foundation (NRF) beauftragten Lehrstuhls für Landreform und Demokratie in Südafrika, Lungisile Ntsebeza, dass die Landfrage in seinem Land „nach wie vor“ eine zentrale Stellung einnehme. Diese Frage bleibe für ihn ein wichtiges Kennzeichen von Ungleichheiten in Südafrika. Als solche erfordere sie nach wie vor ein „radikales Landumverteilungsprogramm“.[2]

So definiert er auch die Haltung des Executive Director des AIAS, Sam Moyo, im Hinblick auf Land:

„Moyos Sicht der Landfrage im südlichen Afrika geht viel weiter. Sein Ausgangspunkt ist, dass Land für die Mehrheit der Bevölkerung im südlichen Afrika in Bereichen wie die Entwicklung von Landwirtschaft, Tourismus, Bergbau, Wohnungsbau und Industrie nach wie vor eine wesentliche Quelle für ihre Existenzgrundlage bildet. Seiner Auffassung zufolge ist die Landfrage daher nicht nur ein Agrarthema, sondern auch eine zentrale soziale Frage.“[3]

Diese folgerichtige Position stieß bei mindestens zwei südafrikanischen Teilnehmern der Veranstaltung des AIAS auf ein positives Echo: Nomboniso Gasa and A.M.S Majeke. Für sie ist Land eng mit Identität verbunden. Es ist von zentraler Bedeutung für die Erzeugung und die Reproduktion von Gemeinschaft. Damit sorgt Land für kulturelle Kontinuität.

Eine andere Teilnehmerin, Elizabeth Kharono vom Zentrum für Land, Wirtschaft und Frauenrechte (CLEAR) in Uganda, bekräftigte diesen Punkt in ihrer feministischen Kritik von geschlechterspezifischem Bodenrecht nachhaltig. Zwar werden alle von der ugandischen Verfassung anerkannten Formen des Bodenrechts vom Patriarchat untermauert, doch zeige die Feldforschung, dass die oftmals verteufelte gewohnheitsrechtliche Bodenordnung für die Frauen weitaus vorteilhafter ist, wenn es darum geht, ihnen den Zugang zu Land zu sichern. Auf die Gefahr hin als Befürworterin des Patriarchats missverstanden zu werden, sagte sie treffend:

„Bei den gewohnheitsrechtlichen Agrarstrukturen und Produktionsbeziehungen ist ein Mechanismus für den sozialen Schutz bereits mit eingebaut, er sorgt dafür, dass jedes einzelne Mitglied der Gemeinschaft, einschließlich der schwächsten Mitglieder wie Alte, Verwitwete, Waisen usw. das Land bekommt, das es braucht. Die Möglichkeit, die Landbedürfnisse jedes einzelnen Mitgliedes der Gemeinschaft zu befriedigen, ist für die Frauen wichtig, denn sie ist mit familiären und gemeinschaftlichen Bindungen und Vepflichtungen verbunden, was bei anderen Bodenordnungen fehlt. Gewohnheitsrechtliche Bodenordnungen dienen darüber hinaus der Sicherung der Existenzgrundlagen. Dies ist nicht der Fall bei anderen Bodenordnungen, die hoch individualisierte und industrialisierte Lebensweisen unterstützen. Solange die Mitgliedschaft von Frauen in Produktionseinheiten unter gewohnheitsrechtlichen Agrarstrukturen intakt ist, haben sie Zugang zu Land, sozialen Netzwerken, Systemen gegenseitiger Unterstützung sowie Verfügung über Gemeinschaftseigentum. Dies hilft ihnen, ihre Verpflichtungen als Nahrungsmittelproduzenten für ihren Haushalt zu erfüllen, ob verheiratet, verwitwet oder ledig.“ [4]

Kharono warnt davor, dass solche Systeme natürlich nicht als statisch gesehen werden sollten. Sie sind vielmehr flexibel. Der wesentliche Punkt bezüglich der zentralen Bedeutung von Land, unabhängig davon, ob es für die Landwirtschaft genutzt wird, ist folgender:

„Da die primäre Motivation für gewohnheitsrechtliche Bodenordnungen die Sicherung von Existenzgrundlagen ist, ermöglichen sie den Zugang zu Land und anderem Gemeinschaftseigentum, das für die Sicherung von Existenzgrundlagen wichtig ist. Dazu gehört Land für die Nahrungsmittelproduktion, Wasserquellen, Weideland, Brennholz und Heilkräuter. Solche Ressourcen befinden sich in gemeinschaftlichem Besitz und werden gemeinschaftlich verwaltet, und keine Einzelperson kann sich ihrer bemächtigen.[5]

Trotzdem stellt sich die Frage: Warum Land, das von Afrikanern nicht für (produktive) landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird, zurückfordern, umverteilen bzw. beschlagnahmen? Ntsebeza stellt dazu im Kontext eines Vergleichs der südafrikanischen mit der simbabwischen Bodenreform eine rhetorische Frage: „Wie charakterisieren wir Südafrikaner, die in ländlichen Gebieten wohnen? Sind sie daran interessiert, vom Land zu leben oder sind Jobs ihre Hauptsorge?“ Um die der Frage zugrundeliegende Rhetorik zu vervollständigen, könnte man noch hinzufügen: Auch wenn sie kein Interesse daran haben, durch die Landwirtschaft vom Land zu leben, ist das Grund genug, ihnen das Land vorzuenthalten?

Ntsebezas jüngste Beobachtungen an der Sommerakademie des AIAS offenbaren die finsteren Gründe für diese Negierung. Er stellt fest, dass „die Verwandlung der indigenen Völker in Arbeiter in jüngster Zeit ironischerweise als Grundlage dafür dient, um im Wesentlichen gegen eine Boden- und Landwirtschaftsreform in Südafrika zu argumentieren.“ Des Weiteren bemerkt er, dass „diesem Argument zufolge die südafrikanische Wirtschaft seit der Landenteignung eine fundamentale Veränderung durchgemacht hat und Land daher nicht länger der einzige Indikator für Reichtum und Ungleichheit ist.“ Die Folge dieser These ist, dass Afrikaner in Südafrika der Möglichkeit, eine Landwirtschaft zu betreiben, beraubt werden, als ob die Spätfolgen der Landvermessung 1913 und der Bantustan-Politik des damaligen Apartheid-Regimes sie vergessen ließen, wie sie von der Landwirtschaft leben können. Ntsebeza zufolge steht im Zentrum dieser These die Annahme, dass Südafrika „nicht länger als agrarische Gesellschaft“ gilt, wobei der Begriff agrarisch hier unkritisch als auf die Landwirtschaft bezogen verwendet wird.

Die Hauptfolge dieser These ist für Ntsebeza offensichtlich: Eine möglicherweise reaktionäre Welle, in der die Andeutung mitschwingt, dass Afrikaner in Südafrika ihr Land nicht zurückfordern sollten, da die Landwirtschaft für sie keine Rolle mehr spiele. Eine solche These wird sogar von marxistischen bzw. radikalen Akademikern unterstützt, die zu behaupten wagen, dass Südafrika keine Agrarfrage hat, sondern nur eine Landfrage. Solche Behauptungen scheitern darin, eine Verbindung zwischen diesen Fragen mit der nationalen Frage herzustellen, oder sie wird absichtlich umgangen. Indem „die Landfrage ausschließlich auf das Thema Existenzgrundlagen und Landwirtschaft [reduziert] wird”, verstehen sie sie nicht, dass es in Südafrika wie in anderen afrikanischen Ländern „bei der Landfrage um viel mehr geht, nämlich um grundlegende Ansprüche auf Rechtmäßigkeit im Hinblick auf die insgesamten Besitz- und Machtstrukturen in Südafrika“.[7]

Das ist der wunde Punkt. Und sie weigern sich hartnäckig, die südafrikanischen Bodenreformmodelle – „Williger Verkäufer / williger Käufer“ und „nutzen oder verlieren“ – als gescheitert anzuerkennen. Da muss ihnen vom beschleunigten Landreformprogramm (FTLRP) in Simbabwe die Augen geöffnet werden. Leider ist die Debatte um die Vorzüge und Nachteile des FTLRP von der Auseinandersetzung mit dem despotischen Regime Robert Mugabes beeinflusst, ja vielleicht sogar beeinträchtigt worden. Doch man muss nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen, um zu sehen, wie eine solche selektive Argumentationsweise auf einem ähnlich kurzsichtigen Diskurs über Landnutzung für agrarische Zwecke beruht. Dieser Diskurs wurde in einer vom AIAS kürzlich veröffentlichten umfassenden Studie zum FTLRP treffend skizziert:

„Viele behaupten, dass das meiste, wenn nicht das ganze, an die neuen Nutznießer umverteilte Land ungenutzt sei und brach liege, was darauf schließen lasse, dass kaum Landwirtschaft betrieben wird. Man hat die neuen Nutznießer der Unfähigkeit bezichtigt, die neuen Produktionssysteme zu bewältigen und die Ertragsniveaus zu erreichen, die von den früheren industriellen Agrarbetrieben (LSCF, Large Scale Commercial Farm) etabliert worden sind, hauptsächlich infolge der Annahme, dass die meisten der Nutznießer keine Erfahrung mit Landwirtschaft haben und ihre Arbeits- oder Lebenserfahrung sich nicht auf industrielle Agrarwirtschaft, vor allem auf Exportfrüchte, übertragen lasse. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass Agrartechniken und agronomische Praktiken von schlechter Qualität sind und die Landproduktivität niedrig ist, was eine mangelhafte Kompetenz in der Landwirtschaft widerspiegele. Und es wird behauptet, dass kaum funktionierende landwirtschaftliche Maschinen und Ausrüstung, Infrastruktur und Bewässerungsanlagen auf den Farmen verblieben seien, und wenn ja, werden sie kaum effektiv genutzt, daher sei der Grad der Landnutzung sehr schlecht. Überdies werden die meisten neuen Farmer als „Wochenend-“, „Handy-“ oder Teilzeitlandwirte betrachtet, die nicht an der Landwitschaft interessiert seien und keine qualifizierten Betriebsleiter haben, daher sei der Grad der Landnutzung extrem niedrig. Weiter wird argumentiert, dass Betriebsberatungsdienste (vom Staat, Bauernorganisationen und anderen Akteuren) so stark zusammengebrochen seien, dass es keinerlei Informationen über produktive agronomische Landnutzung und die Nutzung natürlicher Ressourcen gebe.“[8]

AIAS hat diese Annahmen in Feldversuchen empirisch getestet. Jedoch war der Antagonismus zwischen Afrikanisten – und einigen afrikanischen Akademikern [9] – so groß, dass sogar vorläufige Ergebnisse erbittert abgetan wurden, als Mahmood Mamdani sich auf sie in seinem Essay ‚Lessons from Zimbabwe‘ bezog. Sam Moyo & Paris Yeros verteidigten seine Heranziehung dieser vorläufigen Ergebnisse:

 „Die Bodenreform war breit angelegt und größtenteils egalitär. 140 000 Familien haben von ihr direkt profitiert, hauptsächlich Arme aus ländlichen Gebieten, aber auch aus Städten; sie haben durchschnittlich 20 Hektar Land bekommen, was 70 % des umverteilten Landes ausmacht. Vom restlichen Land haben 18 000 neue kleine und mittlere Betriebe mit durchschnittlich 100 Hektar Land profitiert. Ein kleines Segment von Großbetrieben bleibt bestehen, einschließlich schwarze und weiße Farmer, doch ihr Landbesitz ist stark herabgestuft worden auf durchschnittlich 700 Hektar, wesentlich weniger als die durchschnittlich 2 000 Hektar Grundbesitz, über die 4 500 Landbesitzer früher verfügt hatten.“[11]

Für sie war – und bleibt – es nichts weniger als eine tiefgreifende strukturelle Veränderung. Als solche muss sie verteidigt werden, doch dies heißt nicht, Menschenrechtsverletzungen des Regimes gutzuheißen. Weiter bestanden sie darauf, dass „die neue Agrarstruktur in Simbabwe nun die Möglichkeit in sich birgt, Ernährungssouveränität zu erreichen (was nie zuvor erreicht worden ist) und dabei neue Verflechtungen zwischen den heimischen Wirtschaftssektoren zu schaffen und ein neues Modell einer agroindustriellen Entwicklung zu formulieren, mit organisierten Kleinbauern an der Spitze.“ Diese Möglichkeit beruht auf verschiedenen neue Dynamiken, die ihrer Beobachtung zufolge „im ländlichen Raum im Hinblick auf Arbeitermobilisierung, Investitionen in Infrastruktur, neue Kleinindustrien, neue Warenketten und die Entstehung von Genossenschaften am Werk sind“, und zwar so weit, dass „das Grad der Landnutzung trotz der schlechten Wirtschaftslage die 40-Prozent-Marke, die auf den sogenannten weißen Farmen nach hundert Jahren staatlicher Subventionen und ethnischen Privilegs dominiert hatte, bereits überschritten worden ist“. Daher schalten sie ihre Kollegen dafür, dies übersehen zu haben:

„Natürlich hat eine Reihe von Akademikern dieses Potenzial nie erkannt. Im Gegenteil, sie spekulieren weiterhin auf ‚Vetternwirtschaftskapitalismus‘ (Patrick Bond) und die ‚Zerstörung des Agrarsektors‘ (Horace Campbell), ohne eine konkrete eigene Forschung durchgeführt zu haben oder die neuen Forschungsergebnisse gründlich analysiert zu haben.“[12]

Sie sind dazu aufgerufen, sich in die simbabwische Provinz aufzumachen und sich selbst zu informieren. Es ist ein Aufruf, die empirischen Beweise vor Ort nachzuprüfen, statt sich auf Hörensagen zu verlassen. Wenn man diesem Aufruf Folge leistet, dann wird man sich in einer besseren Position befinden, um hoffnungsvolle Forschungsergebnisse des AIAS wie diese zu bestätigen oder zu widerlegen:

„Das FTLRP transformierte die Agrarstruktur von einer dualistischen Struktur, in der etwa 4 500 Farmer (etwa 5 000 Farmeinheiten) mehr als 11 Millionen Hektar kontrolliert hatten, mit einer weitgehend exportorientierten industriellen Landwirtschaft, neben einer Million Haushalte in Kommunalgebieten, die über 16,4 Millionen Hektar in den trockeneren Regionen des Landes verfügt hatten. Das von der simbabwischen Regierung implementierte FTLRP verteilte etwa 80 Prozent der einstigen industriellen Agrarbetriebe (LSCF) an eine breite Basis von Nutznießern um, darunter hauptsächlich Kleinbauern des gesamten politischen Spektrums, außerdem Politiker, hochrangige Regierungsvertreter, Funktionäre aus der Privatwirtschaft, beschäftige und arbeitslose Stadtbewohner, Farmarbeiter, Agrarunternehmer und die ehemaligen weißen Farmer. Dies hat die frühere sehr ungleiche dualistische Agrarstruktur verändert und eine in relativer Hinsicht viel breitere dreischichtige Agrarstruktur geschaffen, die kleine, mittlere und große Farmen mit schätzungsweise 170 000 von der FTLRP geschaffenen Familienbetrieben umfasst. Es ist klar, dass die FTLRP den Zugang zu Land und damit verbunden natürlichen Ressourcen für eine diverse Gruppe von Nutznießern, dominiert von Landlosen bzw. Kleinbauern aus den Kommunalgebieten, ausgeweitet hat. Von der FTLRP haben nicht nur diejenigen profitiert, an die von der Regierung formal Land verteilt worden ist, sondern auch sogenannte „Squatters“ [Landbesetzer], die mit den formalen Nutznießern der Bodenreform unter einer anderen Landteilungsordnung koexistieren. Die Stellung der Frauen in den Umsiedlungsgebieten hat sich im Vergleich zu den Kommunalgebieten erheblich verbessert, da einer beträchtlichen Anzahl von ihnen Land direkt zugeteilt wurde, während einige indirekt durch ihren Ehegatten profitierten.“[13]

Ian Scoones vom britischen Institute of Development Studies (IDS) und seine Kollegen am Institut für Armut, Land und Agrarstudien (PLAAS) in Kapstadt, Südafrika waren in Simbabwe, um die Sache vor Ort etwa zehn Jahre lang zu untersuchen. Zufälligerweise kamen sie in etwa zu denselben Schlüssen wie Moyo & Paris und ihre Kollegen vom AIAS-Forschungsprojekt. Das Ironische daran ist, dass sogar die BBC, die bekanntlicherweise jeglichen positiven Aspekt der radikalen Bodenreform in Simbabwe von der Hand wies oder sogar verteufelte, dazu gezwungen war, widerstrebend ihren Stolz zu schlucken und ihre Vorurteile abzulegen, als sie Scoones‘ Zugeständnis, er sei „echt überrascht“ von den Ergebnissen ihrer Studie zum Thema „Simbabwes Bodenreform: Mythos und Realität“, ausführlich zitierte. In der Studie werden fünf Mythen entlarvt, die in „politischen und Medienvorurteilen vom kläglichen Versagen“ in Simbabwe unablässig wiederholt werden: 1. dass die Bodenreform in Simbabwe vollkommen gescheitert ist, 2. dass die Nutznießer der Bodenreform in Simbabwe hauptsächlich politische „Kumpane“ waren, 3. dass in den Umsiedlungsgebieten keine Investitionen getätigt werden, 4. dass die Landwirtschaft völlig ruiniert worden ist und 5. dass die ländliche Wirtschaft zusammengebrochen ist.[14]

Es kursiert das Gerücht, dass sogar die Weltbank und der IWF vom wirtschaftlichen Aufschwung Simbabwes überrascht sind.

Diese Diskussion wäre nicht vollständig, ohne zumindest ansatzweise auf Abdul Raufu Mustaphas Exposé über die hochgelobten Vorhaben von weißen simbabwischen Farmern in Nigeria an der AIAS Sommerakademie Bezug zu nehmen. Seine Untersuchungen haben ergeben, dass diese Farmer nur dann erfolgreich waren, wenn sie massive finanzielle und andere Unterstützung von der nigerianischen Regierung erhalten haben. Von besonderem Belang ist hierbei, dass sogar diese Erfolge auf Kosten der lokalen Farmer erzielt worden sind. Mustapha dokumentiert an anderer Stelle deren Landenteignung und ihre Folgen:

Es hat eine Flut von journalistischen Artikeln über die Erfolge der simbabwischen Farmer bei der Verlagerung ihrer industriellen Landwirtschaft nach Nigeria gegeben. Die Titel lauteten zum Beispiel: „Weiße Simbabwer bringen Wandel nach Nigeria“, „Weiße simbabwische Farmer heben Nigerias Versagen in der Landwirtschaft hervor“ und „Weiße Farmer aus Simbabwe bringen Wohlstand nach Nigeria“. Es entsteht der Eindruck einer massiven Transformation, der auf der Genialität der simbabwischen Farmer beruht und ohne Unterstützung nigerianischer Regierungen auskommt. Aber stimmt das wirklich? Die Bedingungen der Vereinbarung (MOU), die die Regierung des Bundesstaates Kwara mit den simbabwischen Farmern abgeschlossen hat und die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Aufbau der Farmen zeichnen ein anderes Bild. Die Vereinbarung verpflichtete die Regierung des Bundesstaates, eine Reihe von Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die für die Entwicklung der industriellen Agrarbetriebe kritisch waren. Entscheidend war, dass die Regierung dazu verpflichtet wurde, Land zur Verfügung zu stellen. Die Regierung ging daran, von Einheimischen benutztes, direkt am Fluss Niger gelegenes Ackerland bester Qualität zu roden. 1 289 lokale Farmer in 28 Gemeinden wurden von ihren Farmen entwurzelt, um Platz zu machen für die simbabwischen Farmer. Der Bundesstaat stellte insgesamt 77 Millionen Naira (340 000 Euro) als Entschädigung für die vertriebenen lokalen Farmer zur Verfügung. Jeder der ersten 13 simbabwischen Farmer erhielt einen 25-jährigen Pachtvertrag auf 1 000 Hektar Land. Die Anwendung von Instrumenten wie diese Entschädigungszahlung, „Agrarpakete“ (Fahrräder – 720 wurden verteilt –, Dünger, Saatgut usw.) und die Bereitstellung von seit langem benötigter kommunaler Infrastruktur wie Strom und zusätzliche Klassenzimmer in lokalen Schulen halfen, lokale Proteste zu entschärfen. [15]

Der eingangs erwähnte Epigraph – nichts kann einen Afrikaner für den Verlust seines Landes entschädigen – hallt in all dem wider.

Was in und mit Simbabwe geschieht, ist eine Warnung, nicht nur für Südafrika, sondern für alle afrikanischen Länder, die die Landfrage unter dem Mäntelchen einer Agrarfrage wegwünschen. Solange die nationalen Fragen ungelöst bleiben, muss eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen dringend stattfinden, vor allem jetzt im neoliberalen Kontext des gegenwärtigen Landraubes in Afrika.

Land war für Afrikaner seit jeher wichtig. Es ist immer noch wichtig. Und es wird auch immer wichtig bleiben.

 FUSSNOTEN:

  • [1]Bethuel Setai (1998: 74).The Making of Poverty in South Africa. Harare, Zimbabwe: SAPES BOOKS
  • [2] Lungisile Ntsebeza (2011: 1). Contemporary Agrarian Questions in South Africa. Opening address, Third Summer School on Land and Agrarian Questions in Southern Africa, Rhodes University, Grahamstown, 17 – 21. Januar 2011(Used by Permission)
  • [3] Lungisile Ntsebeza (2006: 4). The Land and Agrarian Questions: What do they mean in South Africa today? Key note address presented on the occasion of the 20th anniversary of the Surplus People Project (SPP), Pinelands Bowling club, Pinelands, Cape Town, on 24. Februar 2006.
  • < http://www.spp.org.za/publications/Seminar%20Papers/agrarianquestion.pdf&gt;
  • [4] Elizabeth Kharono (2011: 7). Gender and Land Relations in Uganda. Paper presented at the AIAS Summer School 17 – 21 January, 2011, Rhodes University, Grahamstown, Eastern Cape, South Africa (Used by Permission).
  • [5] Kharono (Ibid.:8)
  • [6] Ntsebeza (Ibid 2011,: 1-2)
  • [7] Ntsebeza (Ibid 2011,: 2-2)
  • [8] Sam Moyo, Walter Chambati, Tendai Murisa, Dumisani Siziba, Charity Dangwa, Kingstone Mujeyi & Ndabezinhle Nyoni (2009: 6-7). Fast Track Land Reform Baseline Survey in Zimbabwe: Trends and Tendencies, 2005/06. Harare, Zimbabwe: AIAS.

Quelle

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Afrika, Südafrika, Simbabwe, Uganda abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s