Landraub in Afrika: Millionen Menschen werden von ihrem Land vertrieben

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Devinder Sharma

Kürzlich las ich einen interessanten Blog-Artikel von Damian Carrington in der englischen Zeitung The Guardian. Darin nimmt er die Details des massiven Raubes von Agrarland in Afrika genauer unter die Lupe. Sein Artikel basiert auf einem von Lorenzo Cotula vom unabhängigen Londoner Forschungsinstitut International Institute of Environment & Development verfassten Bericht mit dem Titel „Land Deals in Africa: What is in the contracts?“ [Landgeschäfte in Afrika: Was steht in den Verträgen]. Aus den vielen Kommentaren zu dem Blog-Artikel geht offensichtlich hervor, dass die Menschen über die Art und Weise, wie der Landraub stattfindet, empört sind.

Eine ähnliche Entwicklung ist in Indien zu beobachten; dort wurde in einer offiziellen Pressemitteilung der indischen Regierung letzte Woche (1. Februar 2011) Folgendes bekannt gegeben: „Äthiopien hat indische Landwirte aufgrund ihrer beträchtlichen Fähigkeiten und Erfahrungen beim Anbau von Agrarerzeugnissen für den Export eingeladen, dort eine kommerzielle Landwirtschaft zu betreiben. Der äthiopische Landwirtschaftsminister, Herr Tafera Derbew, wandte sich heute an den indischen Minister für Verbraucherfragen, Ernährung & öffentliche Verteilung, Prof. K. V. Thomas, und gab bekannt, dass indische Landwirte die Möglichkeit hätten, die riesigen, für die kommerzielle Landwirtschaft bereitgestellten Agrarflächen zum Anbau von Hülsenfrüchten und essbaren Ölpflanzen für den Export nach Indien zu nutzen.

Festzuhalten ist dabei, dass Indien der größte ausländische Investor in Äthiopien ist. Die bereits getätigten Investitionen belaufen sich auf 4,4 Mrd. US-Dollar (3,2 Mrd. Euro), 40 Prozent davon wird in die kommerzielle Landwirtschaft investiert. Bisher haben schon über 80 indische Unternehmen Land in Äthiopien gekauft.

Einer der Kommentare zu Damians Blog-Artikel zitiert eine Liste der Umweltorganisation Friends of the Earth von Fällen des afrikanischen Landraubes, die in jüngster Zeit stattgefunden haben. Bevor ich auf die zentralen Schlussfolgerungen des Berichts von IIED eingehe, möchte ich zunächst einen Blick auf das aktuelle Ausmaß des Landraubes werfen. Die nachfolgende Liste führt nur das für den Anbau von Energiepflanzen – Jatropha (Purgiernuss) und Agrartreibstoffe – erworbene Land auf. * Daher ist das nur die Spitze des Eisbergs.

Äthiopien: 700.000 Hektar für den Anbau von Zuckerrohr vorgemerkt, 23 Millionen Hektar geeignet für den Anbau von Jatropha. Die britische Firma Sun Biofuels betreibt Anbau auf 5.000 Hektar, die deutsche Acazis AG hat 56.000 Hektar geleast mit Konzessionen für weitere 200.000 Hektar

Kenia: Japanische, belgische und kanadische Firmen planen die Übernahme von 500.000 Hektar.

Tansania: 1.000 Reisbauern wurden von ihrem Land vertrieben, um Platz für den Anbau von Zuckerrohr zu machen.

Mosambik: Investoren planen die Übernahme von 4,8 Millionen Hektar. Auf über 183.000 Hektar wird derzeit Jatropha angebaut. Firmen beteiligt aus: Großbritannien, Italien, Deutschland, Portugal, Kanada und der Ukraine.

Swasiland: Die britische Firma D1 Oils setzt die Expansion von Jatropha aus, trotz der Werbung von Rockstar Bob Geldof.

Kongo: Eine chinesische Firma hat 1 Million Hektar Land angefordert. Das italienische Energieunternehmen ENI plant eine Ölpalmenplantage auf 70.000 Hektar.

Angola: 500.000 Hektar Land für den Anbau von Agrartreibstoffen vorgemerkt. Beteiligung von angolanischen, brasilianischen, spanischen und südafrikanischen Firmen.

Kamerun: Eine kamerunisch-französische Firma weitet Ölpalmplantagen aus, darunter ist ein 60-jähriger Pachtvertrag für 58.000 Hektar.

Sierra Leone: Die Schweizer Firma Addax Bioenergy übernimmt 26.000 Hektar für den Anbau von Zuckerrohr.

Ghana: Die italienische Firma Agroils übernimmt 105.000 Hektar, die britische Firma Jatropha Africa erwirbt 120.000 Hektar, die norwegische Firma ScanFuel betreibt den Anbau auf 10.000 Hektar und hat Verträge für weitere 400.000 Hektar, die israelische Firma Galten erwirbt 100.000 Hektar.

Benin: Es gibt Pläne, 300.000 bis 400.000 Hektar Feuchtgebiete auf Ölpalmplantagen umzustellen.

Nigeria: Die Regierung kauft Land unter Einsatz ausländischen Kapitals und Know-hows. Über 100.000 Hektar Land geraubt.

Ein anderer Kommentator mit der Identität cbarr sagte: “Der Landraub scheint einem ähnlichen Muster wie in Peru zu folgen. Dort setzte sich der Weltgeschäftsrat für nachhaltige Entwicklung für eine Änderung der Regeln für Bodeneigentum ein, mit dem Argument, es würde lokalen Gemeinschaften helfen, ein konkretes Modell für Bodeneigentum zu entwickeln. Es hat dazu geführt, dass indigenen Gruppen das Land weggenommen wurde und vor allem in den Agrargebieten im Hochland, wo Bergbau- und Agrarkonzerne das ganze Land aufkaufen, hat es heftige Kämpfe gegeben. Das Ergebnis davon ist, dass es nun eine nachhaltige Widerstandsbewegung gibt und sich die sozialen Unruhen im Land verschärfen.“

Diese Malaise ist als nicht auf Afrika beschränkt, sie ist ein globales Phänomen.

Trotzdem schreibt Damian in seinem Blog-Artikel: „Er (Lorenzo Cotula) untersucht 12 öffentlich gemachte Pachtverträge für große Gebiete, darunter ein Holzgeschäft in Sudan und ein Vertrag für den Anbau von Reis und Mais in Madagaskar. Sie stellen nur einen kleinen Anteil von Hunderten von Landgeschäften dar, sie reichen von einem Finanzmagnaten, der Berichten zufolge einen Vertrag für 400.000 Hektar Land mit einem lokalen Warlord in Südsudan abgeschlossen hat, bis zu einem Agrarunternehmen mit langjähriger Erfahrung in tropischer Landwirtschaft, das einen komplizierten Vertrag für die Produktion und Verarbeitung in Mali ausgehandelt hat.

Die Bild, das sich aus den 12 Verträgen ergibt, ist nicht gut. Die Pachtzeiten sind lang, bis zu 100 Jahren und die Pacht ist niedrig – in einem Fall beträgt sie nur einen Dollar pro Hektar pro Jahr. In einem anderen Vertrag wird das Land ausdrücklich kostenlos vergeben. In anderen Fällen bekommen Investoren vorrangig Zugang zu Wasser, der Stoff des Lebens selbst.

Zumindest theoretisch könnten solche Landgeschäfte für die Gastländer von Vorteil sein. Sie könnten Investitionen und Know-how in das Land bringen, die Bewässerung und andere Infrastruktur verbessern, die Erträge steigern und Arbeitsplätze schaffen. Doch in den Verträgen sind diese Vorteile meist nicht explizit festgelegt oder es gibt keine Möglichkeit, sie durchzusetzen. Es gibt kaum Vorkehrungen zum Schutz der lokalen Ernährungssicherheit – damit rückt die Möglichkeit, dass Nahrung eines Tages schwer bewacht aus einem von Hunger bedrohten Land exportiert wird, näher – oder der lokalen Umwelt.“

Ich weiß nicht, warum afrikanische Führer so blind sind, dass sie die Bedrohung, die dieser Landraub für ihre nationale Souveränität darstellt, nicht sehen. Warum ist die politische Führung in ganz Afrika, und das gilt auch für Asien, vom Zauber der ausländischen Direktinvestitionen so verführt worden, dass sie die Warnzeichen nicht sehen? Durch solch kurzsichtiges Denken geht die Welt schwierigen Zeiten entgegen. Die Geschichte wird diesen politischen Führern vielleicht nicht verzeihen, doch wenn die Stunde ihrer Bestrafung schlägt, dann werden sie nicht mehr da sein.

Ich möchte Sie auch auf Lester Browns neuestes Buch World on the Edge aufmerksam machen. Er weist darauf hin (in einer Rezension in The Guardian), dass Saudi-Arabien 2009 seine erste Lieferung Reis, angebaut auf in Äthiopien erworbenem Land, bekommen hat; zur gleichen Zeit wurden 5 Millionen Äthiopier vom Welternährungsprogramm mit Nahrung versorgt. Und China hat in der Demokratischen Republik Kongo 7 Millionen Hektar für den Anbau von Ölpalmen erworben, doch Millionen Menschen in der DRK sind von internationaler Lebensmittelhilfe abhängig.

Brown warnt, dass „der Landraub ein elementarer Bestandteil des weltweiten Machtkampfes um Ernährungssicherheit ist”. Er argumentiert, dass die Geopolitik seit mehreren Jahrhunderten vom Problem des Marktzugangs dominiert wird, doch in der Zukunft wird sie zunehmend vom immer wichtiger werdenden Zugang zu Rohstoffen verdrängt werden. Nahrungsmittel importierende Länder sind besorgt darum, ihre Nahrungsmittelquellen zu sichern. Sie wissen genau, dass exportierende Länder Exportstopps verhängen können, um ihren Bedarf abzudecken. Im Jahr 2007 verhängten sowohl Russland als auch Argentinien – beide Länder sind wichtige Getreideexporteure – Ausfuhrverbote, was die Welt in Panik versetzte und wahrscheinlich eine große Rolle dabei spielte, den Landgeschäften Auftrieb zu geben.

Bisher hat sich das Interesse im Wesentlichen auf Afrika konzentriert. Die meisten Landgeschäfte sind in Ländern wie Äthiopien, Mali und Sudan getätigt worden. Im demnächst unabhängigen Südsudan standen die Investoren Schlange, um eine in agrarischer Hinsicht bisher unterentwickelten Gegenden auszubeuten, die großes Potenzial verspricht. Im Vergleich zu vielen anderen Gebieten in der Welt ist Boden in Afrika sehr billig. In Äthiopien kann man Land schon ab 1 $ pro Acre (0,4 Hektar) pachten. [Man kann den vollständigen Artikel hier lesen: http://bit.ly/ihSDrl%5D

Es verwundert daher nicht, dass viele indische Firmen sehr daran interessiert sind, in Äthiopien zu investieren. Wo sonst in der Welt bekommt man Land für 1 $ pro Acre? Ich bin mir sicher, dass die afrikanische Wachstumsblase eher früher als später platzen wird, wenn diese Entwicklung so weitergeht. Genauso wie sich durch den Fall von Selbstverbrennung in Tunis das Feuer in der ganzen arabischen Welt verbreitet hat, so ist der Tag nicht fern, an dem auch Afrika von einem wütenden politischen Brand, angeschürt von Landraub, verschlungen werden wird.

*Quelle: Friends of the Earth

Quelle

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