Der lange Schatten einer Ermordung: zum 50. Jahrestag des Todes Lumumbas

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Adam Hochschild

Heute (am 16. Januar 2011) begehen Millionen Menschen auf einem anderen Kontinent den 50. Jahrestag eines Ereignisses, an das sich nur wenige US-Amerikaner erinnern: die Ermordung von Patrice Lumumba. Der 35-jährige Lumumba, ein schlanker Mann mit Kinnbärtchen und einer schwarzen, halb randlosen Brille, war der erste demokratisch gewählte Führer des riesigen Landes, das fast so groß ist wie die USA östlich des Mississippi, heute bekannt als die Demokratische Republik Kongo.

Dieses an natürlichen Ressourcen unermesslich reiche Land war eine belgische Kolonie, aber Jahrzehnte vergingen, ohne dass Belgien Vorkehrungen für die Unabhängigkeit getroffen hatte. Doch nach Zusammenstößen mit kongolesischen Nationalisten bereiteten die Belgier 1960 eilig die ersten nationalen Wahlen vor, und im Juni jenes Jahres traf König Baudouin ein, um dem Gebiet formal die Freiheit zu geben.

„Meine Herren, es ist nun an Ihnen”, sagte er den kongolesischen Honoratioren auf hochmütige Weise, „zu beweisen, dass Sie unser Vertrauen verdient haben.“

Die belgischen Investoren, und ihre europäischen und amerikanischen Kollegen, gingen davon aus, dass sie die Profite aus den kongolesischen Fabriken, Plantagen und lukrativen Bergwerken, die Diamanten, Gold, Uran, Kupfer usw. produzierten, weiterhin einsacken konnten. Doch sie hatten nicht mit Lumumba gerechnet.

Eine dramatische, erzürnte Rede, die er als Reaktion auf Baudouin gab, ließ die kongolesischen Parlamentarier aus ihren Sitzen aufspringen und stürmischen Beifall spenden, verdüsterte das aufgeschreckte Gesicht des Königs und weckte das Interesse der Welt. Lumumba sprach nachdrücklich von der Gewalt und der Erniedrigung des Kolonialismus, vom skrupellosen Diebstahl afrikanischen Bodens bis zu der Art und Weise, mit der Französisch sprechende Kolonialisten mit Afrikanern wie Eltern mit Kindern sprachen, mit dem vertrauten „tu“ statt mit dem förmlichen „vous“. Politische Unabhängigkeit sei nicht genug, sagte er. Der große Reichtum in ihrem Boden müsste auch Afrikanern zugutekommen.

Ohne Regierungserfahrung und mit einer leeren öffentlichen Kasse fing es in dem riesigen Land bald zu gären an. Nachdem Lumumba daran gescheitert war, von den Vereinigten Staaten Unterstützung zu bekommen, verkündete er, dass er sich an die Sowjetunion wenden würde. Tausende belgischer Beamte, die im Land geblieben waren, taten ihr Bestes, um die Dinge zu sabotieren: ihr Losungswort für Lumumba bei Übertragungen des Militärradios war „Satan“. Kurz darauf, nachdem er sein Amt als Premierminister angetreten hatte, befahl der CIA seine Ermordung, mit der Zustimmung des Weißen Hauses, und sandte einen verdeckten Agenten mit Gift.

Die Agenten, die ihn vergiften wollten, schafften es nicht, nahe genug an Lumumba heranzukommen, um ihren Auftrag zu erledigen, daher ließen die Vereinigten Staaten und Belgien heimlich Geld und Hilfe an oppositionelle Politiker zukommen, diese ergriffen die Macht und nahmen den Premierminister fest. Da die neuen kongolesischen Führer einen Aufstand von Lumumbas Unterstützern fürchteten, wenn er in ihren Händen starb, befahlen sie, dass er zur kupferreichen Region Katanga im Süden des Landes, deren Sezession von Belgien gerade orchestriert wurde, geflogen werde. Nachdem er geschlagen und gefoltert wurde, hat man ihn dort am 17. Januar 1961 erschossen. Es war ein hässlicher Moment, der in vielen Ländern zu Straßendemonstrationen führte.

Als ich als College-Student während meiner Sommerferien Afrika bereiste, war ich sechs Monate nach Lumumbas Ermordung für einige Tage in Léopoldville (das heutige Kinshasa), die Hauptstadt des Kongo. In der Stadt hing eine gespannte Atmosphäre und gedrückte Stimmung, Jeeps voller Soldaten fuhren Patrouille und die Straßen leerten sich nachts schnell. Ich erinnere mich vor allem an die triumphierende, machohafte Zufriedenheit, mit der zwei junge Beamte von der US-Botschaft – die lange Zeit danach als CIA-Agenten identifiziert wurden – mit mir in einer Bar über den Tod von jemandem sprachen, den sie nicht als gewählten Führer betrachteten, sondern als ein im Entstehen begriffener Feind der USA.

Einige Wochen vor seinem Tod entkam Lumumba für kurze Zeit seinem Hausarrest und versuchte, mit einer kleinen Gruppe von Unterstützern in den Osten des Kongo zu fliehen, dort hatten seine Sympathisanten eine Gegenregierung geformt. Die Reisenden mussten den Sankuru überqueren, danach waren sie auf sicherem Gebiet. Lumumba und mehrere seiner Gefährten überquerten den Fluss in einem Einbaum, um eine Fähre damit zu beauftragen, zurück zum anderen Ufer zu fahren, um den Rest der Gruppe mitzunehmen, einschließlich seiner Frau und seines Sohnes.

Doch als sie zum anderen Ufer zurückkehrten, waren dort inzwischen Regierungstruppen eingetroffen. Laut einem der Überlebenden wurden die Soldaten von Lumumbas berühmter Redekunst fast davon überzeugt, sie gehenzulassen. Ereignisse wie dieses werden im Nachhinein oft besser dargestellt, aber wie auch immer das Zusammentreffen abgelaufen war, Lumumba schien sein Leben riskiert zu haben, um die anderen zu retten, und diese Episode hat ihren Weg in Filme und Romane gefunden.

Die Legende um ihn vertiefte sich noch mehr, denn es gibt schmerzhaftes Filmmaterial von alten Wochenschauen, die ihn bald nach diesem Moment in der Gefangenschaft zeigen: fest gefesselt mit einem Strick versucht er seine Würde zu bewahren, während er von seinen Bewachern zusammengeschlagen wird.

Patrice Lumumba übte sein Amt nur für einige wenige Monate aus und wir können nicht wissen, was geschehen wäre, wenn er gelebt hätte. Hätte er an seinen Idealen festgehalten oder, wie zu viele Führer der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, hätte er sich von Reichtum und Macht verführen lassen und sie aufgegeben? In jedem Fall wäre die von ihm erträumte volle wirtschaftliche Autonomie, die er für seine Nation anstrebte, ein fast unerreichbares Ziel gewesen. Die westlichen Regierungen und Konzerne, die sich gegen ihn stellten, waren zu mächtig und die Ressourcen unter seiner Kontrolle waren zu schwach: zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte sein neues Land weniger als 30 Universitätsabsolventen von einer schwarzen Bevölkerung von mehr als 15 Millionen, und nur drei von rund 5.000 leitenden Posten im öffentlichen Dienst waren von Kongolesen besetzt.

Fünfzig Jahre später sollten wir auf Lumumbas Tod beschämt zurückblicken, denn wir halfen, die Männer, die ihn gestürzt und ermordet hatten, einzusetzen. Stephen R. Weissman, ein ehemaliger Personaldirektor des Kongress-Unterkomitees für afrikanische Angelegenheiten, wies kürzlich darauf hin, dass Lumumbas gewaltsamer Tod die heutige US-Praxis der „außerordentlichen Überstellung“ (extraordinary rendition) vorausahnen ließ. Die kongolesischen Politiker, die Lumumbas Mord planten, stimmten jeden ihrer Schritte mit ihren belgischen und amerikanischen Unterstützern ab, und der lokale CIA-Chef hatte keine Einwände, als sie ihm sagten, dass sie Lumumba an die abtrünnige Regierung in Katanga übergeben – im heutigen Sprachgebrauch: überstellen – würden, und jeder wusste, dass man sich darauf verlassen konnte, dass sie ihn ermorden würde.

Das Kommende war noch weitaus schicksalhafter. Vier Jahre später putschte sich ein Offizier namens Joseph Mobutu – abermals mit begeisterter US-Unterstützung – an die Macht und etablierte eine katastrophale 32-jährige Diktatur. Genauso wie uns heute Geopolitik und der Hunger nach Öl zwielichtige Verbündete wie Saudi-Arabien gebracht haben, verhielt es sich damals mit dem kalten Krieg und einer ähnlichen Gier nach natürlichen Ressourcen. Mobutu wurde von den USA mit Hilfsgeldern in Höhe von 1 Mrd. US-Dollar überschüttet und von einer Reihe Präsidenten im Weißen Haus begeistert empfangen. George H. W. Bush nannte ihn „einen unserer wertesten Freunde“.

Dieser geschätzte Freund blutete sein Land aus, häufte ein auf vier Mrd. US-Dollar geschätztes Vermögen an, jettete um die Welt in einer gemieteten Concorde und kaufte sich eine Reihe herrschaftlicher Villen in Europa und verschiedene Paläste und eine Jacht zu Hause. Er ließ öffentliche Dienstleistungen zum Nichts verkümmern und ließ zu, dass Straßen und Schienen vom Regenwald verschlungen wurden. Im Jahr 1997, als er gestürzt wurde und starb, befand sich sein Land in einem ruinösen Zustand, von dem es sich bis heute noch nicht erholt hat.

Seitdem wütet, bedingt durch die fatale Kombination von unermesslichen Bodenschätzen und der von Mobutu hinterlassenen dysfunktionalen Regierung, ein langer Krieg mit einer Vielzahl von Konfliktparteien, in dem eine ungeheure Zahl von Kongolesen getötet oder vertrieben worden ist. Krieg hat viele Ursachen, vor allem natürlich ein Krieg, dessen Komplexität so verwirrend ist. Aber als ich vor einigen Monaten den Ostkongo besuchte, konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, dass zwischen dem menschlichen Leiden, das ich sah, und der Ermordung von Lumumba ein Zusammenhang besteht.

Wir werden nie genau wissen, wieviele Opfer dieser Konflikt gefordert hat, aber viele schätzen, dass es Millionen sind. Etwas von diesem Blut klebt an unseren Händen. Wenn man die Ermordung von scheinbaren Feinden befiehlt und dann auch noch deren Feinde als „werte Freunde“ begeistert annimmt, dann muss man mit schwerwiegenden, langfristigen Folgen rechnen – eine Lehre, über die es sich an diesem Jahrestag nachzudenken lohnt.

Eine deutsche Übersetzung von Lumumbas Rede findet man hier.

Quelle

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