Die Bombenkultur – Nigeria: 50 Jahre nach der Unabhängigkeit

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Nnimmo Bassey

Der 1958 erschienene Bericht der Willink Commission, der die Befürchtungen von Minderheiten untersuchte und mögliche Wege vorschlug, diese Befürchtungen in der jungen Nation zu zerstreuen, veranschaulichte deutlich die grobe Vernachlässigung im Nigerdelta. Im selben Jahr wurde in dem Land mit der kommerziellen Ölförderung begonnen.

Als bei Oloibiri die erste Ölloch gebohrt wurde, feierten die Leute in dem Glauben, dass sich ihre Geschicke zum Besseren wenden und ihre Provinz ein von der ganzen Nation beneidetes Symbol der Transformation werden würden. Oloibiri war ein Symbol der Hoffnung.

Heute ist Oloibiri eine Metapher für die grobe Vernachlässigung, die dem Nigerdelta widerfahren ist. Selbst der erste Bohrkopf steht verlassen da und bietet Wespen, vielleicht auch Skorpionen, ein Zuhause. Mit seiner Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung und einem Mangel an sozialen Einrichtungen ist Oloibiri eine offene Wunde im Gewissen einer Nation, die ihre Ressourcen verschwendet.

Als die Willink-Kommission von der Vernachlässigung in der Region sprach, bezog sie sich auf den Mangel an Infrastruktur und dessen Verfall als die Nation in die Unabhängigkeit marschierte. Die Situation ist heute unverändert, trotz eines Haushalts von mehreren Milliarden Naira (A.d.Ü.: 1 Mrd. Naira entspricht etwa 4,66 Mio. Euro), der für die Überbrückung der Entwicklungslücken verausgabt worden ist.

Die Dinge haben sich verändert

Das Problem ist, dass sich die Dinge im Hinblick auf die von den Ölfirmen und den hier machthabenden Regierungen geweckten Erwartungen nicht verändert haben. Als der Bundesstaat Bayelsea geschaffen wurde, gab es dort weniger als 20 km asphaltierte Straßen. Die Gemeinden kamen zurecht mit auf Holzpfählen gebaute Straßen und gelegentlich sah man betonierte Dorfstraßen, die hauptsächlich in Gemeinschaftsarbeit gebaut wurden. Obwohl Motorboote zu den Haupttransportmitteln gehörten, gab es in der Region bestimmt nicht mehr als eine Handvoll Tankstellen. Das ändert sich heute.

Wenn man von Bayelsea zum Bundesstaat Akwa Ibom fährt und Ibeno besucht, wo sich das Exportterminal und andere Einrichtungen von Exxon befinden, hat man ein klares Bild davon, was Vernachlässigung bedeutet – früher wie heute. Die Verbindungsstraße von Eket nach Ibeno ist in einem derart schlimmen Zustand, dass man sich fragte, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Hier und andernorts verfügen schillernde Niederlassungen von Ölfirmen, Büros und andere Einrichtungen über asphaltierte Straßen – innerhalb eingezäunter und stark verbarrikadierter Gelände. Oftmals ist der einzige „Nutzen“, der es aus den eingezäunten Grundstücken nach außen schafft, die Gas-Abfackelung, durch die arme Gemeinschaften vergiftet werden.

In Egi im Bundesstaat Rivers liegen die Gemeinschaften wegen des Landraubs, der dort ohne Zustimmung von manchen Landeigentümern vonstatten geht, im Streit mit dem französischen Ölkonzern Total.

Weiter westlich im Bundesstaat Ondo führt eine Bootsfahrt von Awoye über Igbokoda zu einem Dorf an der Atlantikküste, das einst sehr schön war. Durch einen von Chevron gezogenen Kanal ist Meerwasser in ein Süßwassergebiet eingeflossen und hat dessen Ökosystem geschädigt. Dadurch sind traditionelle Fischgründe zerstört worden, und wie bei den meisten Gemeinschaften im Nigerdelta hängen die Menschen nun von importiertem, gefrorenem Fisch ab. Obwohl bescheinigt ist, dass die nigerianische Entwicklungsgesellschaft NNDC und ihr lokaler Flügel Verträge für die Wasserversorgung vergeben haben, sind die Wasserwerke bei Igbokoda und Awoye eine Beleidigung für die Menschen: aus ihren Wasserhähnen kommt kein Tropfen Wasser und die Menschen in Awoye müssen mit dem Abwasser von den Einrichtungen der Ölkonzerne auskommen.

Im Verlauf der Jahre beruhte der Kampf der Menschen – von der eloquenten Haltung des Ogoni-Volkes bis zu den stillen Bemühungen der Gemeinschaften, gerichtlich vorzugehen – auf einer Strategie der Gewaltlosigkeit und der Forderung nach grundlegenden ökologischen Menschenrechten. Die Forderung nach Schulen, Krankenhäusern und asphaltierten Staßen stellt für jede lokale, regionale oder nationale Regierung kein außergewöhnliches Anliegen dar. Es handelt sich um Dinge, welche die Ölkonzerne mit einem Bruchteil ihrer phänomenalen Gewinne leicht bereitstellen könnten.

Es ist höchste Zeit, dass die Regierung die Umweltsituation mit dem notwendigen Ernst angeht. Die Öllecks, die Gas-Abfackelungen und die Entsorgung von gefährlichen Abfällen im unberührten Ökosystem der Region durch Ölkonzerne erfordert die Ausrufung eines ökologischen Ausnahmezustandes und die Ergreifung entsprechender Maßnahmen.

Bombenexplosionen dürfen nicht von dem erforderlichen Fokus auf die Sicherung der soziokulturellen sowie wirtschaftlichen Gesundheit der Region, und damit auch der Nation insgesamt, ablenken. Die größten Bomben, die täglich in der Region explodieren, sind die Bomben der Umweltverschmutzung und des Öldiebstahls, der von gut geschmierten und vernetzten Schurken begangen wird.

Quelle

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