Der Hunger in Afrika kann nur dann beendet werden, wenn man auf die Bauern hört

Übersetzung: Susanne Schuster, Original: Stephen Leahy

Afrika hungert – 240 Millionen Menschen sind unterernährt. Afrikanische Kleinbauern wurden jetzt zum ersten Mal ausführlich zu Rate gezogen bezüglich der Lösung der Ernährungsprobleme im Afrika südlich der Sahelzone. Ihre Antworten stellen eine direkte Ablehnung einer massiven internationalen Kampagne für eine neue grüne Revolution in Afrika, größtenteils finanziert von der Bill and Melinda Gates Foundation, dar.

Anstatt neuer Hybridsaatgutsorten, chemischer Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel wollen Familienbetriebe in Westafrika lokales Saatgut nutzen, um ihre knappen Geldmittel nicht für Chemikalien ausgeben zu müssen. Am wichtigsten ist für sie, dass die öffentliche Agrarforschung darauf ausgerichtet ist, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, laut eines Multimediaberichts, der am Welternährungstag (16. Oktober) veröffentlicht worden ist.

„Diese Kleinbauern haben klare Vorstellungen. Sie lehnen den Ansatz der Allianz für eine grüne Revolution in Afrika ab“, sagte Mitautor Michel Pimbert vom International Institute for Environment and Development (IIED), ein in London ansässiges gemeinnütziges Forschungsinstitut.

„Diese Einschätzung orientierte sich wirklich an den Bedürfnissen der Bauern. Sie gab Kleinbauern und anderen Nahrungsmittelproduzenten die Gelegenheit, Agrar- und anderen Experten zuzuhören und ihnen Fragen zu stellen, danach brachten sie ihre eigenen Empfehlungen vor“, sagte Pimbert IPS.

„Die Politik und Forschung auf den Gebieten Ernährung und Landwirtschaft neigt dazu, die Werte, die Bedürfnisse, das Wissen und die Anliegen der Menschen, die unsere Lebensmittel erzeugen, zu ignorieren – stattdessen dient sie oft mächtigen kommerziellen Interessen, zum Beispiel der multinationalen Saatgut- und Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen“, sagte er.

Der UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Ernährung, Olivier De Schutter, hält ein grundlegendes Umdenken in der Ernährungs- und Agrarforschung für notwendig, damit sie der Gesellschaft gegenüber demokratischer und offener wird.

„Ich zolle den hier beschriebenen Bemühungen, Bürgerjurys und Bauerneinschätzungen im Hinblick auf Agarforschung in Westafrika zu organisieren, großen Beifall“, schreibt De Schutter in einem Vorwort zu einer Publikation des IIED mit dem Titel „ Democratising Agricultural Research for Food Sovereignty in West Africa“ [Die Demokratisierung der Agrarforschung für Ernährungssouveränität in Westafrika].

Die Publikation enthält Videoclips und Audiodateien, welche die Stimmen und Anliegen der Nahrungsmittelproduzenten aus der ganzen Region zeigen.

Etwa 500 Millionen Afrikaner hängen von kleinbäuerlicher Landwirtschaft mit einer Anbaufläche von weniger als zwei Hektar ab. Die meisten Kleinbauern sind Frauen. Die Entwicklungen in der öffentlichen Agrarforschung in Afrika geben Anlass zu ernsthafter Besorgnis, denn sie wird hauptsächlich von ausländischen Geldgebern finanziert. Die Geldgeber bestimmen darüber, welche Art von Forschung sie finanzieren. Fast immer spiegelt dies die wissenschaftlichen und technischen Vorlieben der industrialisierten Länder des Nordens wider, also ihre Bevorzugung von neuen Hybridsaatgutsorten, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen, und chemische Dünger, laut Pimbert.

Um herauszufinden, wie die öffentliche Agrarforschung in Afrika Kleinbauern dienen kann, wurde in Mali eine unabhängige, an den Bedürfnissen von Baueren orientierte Einschätzung der aktuellen Agrarforschung durchgeführt. Die Erkenntnisse wurden zwei Bauern- bzw. Bürgerjurys vorgestellt, die aus 40 bis 50 einfachen Bauern und anderen Nahrungsmittelproduzenten bestanden. Jede Jury sprach spezifische Fragen an, zum Beispiel welche Art von Forschung die Kleinbauern wollten und wie Ernährungs- und Agrarforschung demokratischer gestaltet werden kann.

Die Jurymitglieder hörten die Gutachten von einer Vielzahl von Sachverständigen aus Afrika und Europa und stellten dazu Fragen. Sie berücksichtigten die Gutachten vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und beschlossen eine Reihe von Empfehlungen für ihre jeweiligen Regierungen. Dazu gehören die direkte Einbeziehung von Bauern bei der Festlegung des öffentlichen Forschungsprogramms und der strategischen Prioritäten, die Erforschung traditioneller Sorten und des Ökolandbaus und die Idee, dass eine solche Forschung von ihren eigenen Regierungen finanziert werden sollte und nicht von Außenseitern, wie es in Westafrika derzeit der Fall ist.

Es ist ein vollkommen offener und partizipativer Prozess, sagte Pimbert, der schon bei ähnlichen Prozessen in Indien und Südamerika involviert war. Die Jurymitglieder wurden sorgfältig ausgewählt, um möglichst viele Regionen, eine breite Wissensvielfalt und beide Geschlechter zu repräsentieren. Ein unabhängiges Aufsichtspanel mit Repräsentanten aus einer Reihe von Ländern wie Senegal, Burkina Faso, Niger und Benin fungierte als Wahlbeobachter, um sicherzustellen, dass der gesamte Prozess fair und offen ist.

„Das hat es in Westafrika noch nie zuvor gegeben. Weder in Kanada oder den USA hat man einfache Bauern jemals dazu befragt, was die öffentliche Agrarforschung für sie tun kann“, sagte er.

Die Möglichkeit von Bauern und „normalen“ Bürgern, direkt darüber entscheiden zu können, welche Art von öffentlicher Agrarforschung sie haben möchten, ist wesentlich für die Verwirklichung von Ernährungssouveränität, lokal verankerten Existenzgrundlagen und menschlichem Wohlsein, und um gerüstet zu sein für den Klimawandel, sagte Pimbert.

Nach der Ernährungskrise im Jahr 2008 wird eine „neue grüne Revolution“ in Afrika mit aller Macht vorangetrieben – unterstützt von der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA), die von Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, geführt und von der Gates Foundation und der Rockefeller Foundation mit einem Budget in Höhe von 400 Millionen US-Dollar finanziert wird. Das Ziel von AGRA ist es, die Erträge von kleinbäuerlichen Betrieben um das Doppelte oder Vierfache zu steigern.

„Wir investieren in Bereiche, die nach unserem Ermessen einen Nutzen bringen“, sagte Sylvia Mathews Burwell, ein Vorstandsmitglied von AGRA und Präsidentin des Global Development Program, eine der drei Schwerpunktbereiche für die Gates Foundation.

AGRA nutzt ihre Finanzmittel für die Entwicklung neuer Saatgutsorten wie zum Beispiel dürre-resistenter Mais, die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, Marktzugang und Bildungsmaßnahmen für Bauern. Zurzeit wird von ihr keine Gentechnik finanziert.

„Die Bauern wollen eine Agrarforschung, die ihnen hilft, ihre Familien zu ernähren und einen Überschuss zu erzeugen, den sie auf dem Markt verkaufen können“, sagte Burwell in einem Interview. „Unsere Berater sind herumgefahren, um mit den Bauern zu reden. Wir versuchen, die Meinungen der Bauern mit einzubeziehen.“

Für viele ist der Ansatz von AGRA eine heruntergeschraubte Version der industriellen Agrarproduktion in den USA und in Europa, in deren Mittelpunkt die Ertragssteigerung mittels Hybridsaatgut und Dünger steht.

Es scheint das Ziel von AGRA zu sein, „Bauern von Betriebsmitteln und Märkten abhängig zu machen, statt den Bauern Unabhängigkeit zu geben“, sagte Hans Herren, Direktor des Millenium-Institutes in Virginia/USA. Herren wurde 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. Sein Verdienst war es, ein biologisches Schädlingsbekämpfungsprogramm durchzuführen, mit dem die afrikanische Cassava-Ernte gerettet und somit eine Hungersnot abgewendet wurde.

„Das Beispiel der USA und der EU hat uns gezeigt, wohin diese Abhängigkeit führt: weniger Bauern, niedrigere Preise für Bauern … mehr arbeitslose Menschen“, sagte Herren, der stellvertretender Vorsitzender des IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) war.

Das dreijährige IAASTD-Programm resümierte, dass die beste Hoffnung für die Lösung des Hungerproblems in der Welt agroökologische Systeme sind, die nicht nur Nahrungsmittel produzieren, sondern auch sauberes Wasser bieten, die Biodiversität erhalten und die Existenzgrundlagen der Armen verbessern. Die afrikanische Landwirtschaft braucht nicht noch mehr industrielle Agrarbetriebe in großem Maßstab, die von externen Mitteln wie Dünger abhängen, vielmehr braucht sie eine Transformation hin zu einem System, bei dem Kleinbauern einen multifunktionalen agroökologischen Ansatz praktizieren, laut Herren.

„Kleinbauern und ihre authentischen Organisationen (Genossenschaften, kleine ländliche Fachschulen usw.) haben gezeigt, dass gestärkte agroökologische Ansätze genügend produzieren können“, sagte Philip Bereano von der University of Washington in Seattle.

AGRA hat dabei versagt, „Kleinbauern zu Rate zu ziehen, ihnen zuzuhören und ihre Vorschläge umzusetzen“, sagte Bereano in einer aus Nagoya, Japan, abgeschickten E-Mail. Bereano engagiert sich bei einer Bürgergruppe, die sich AGRA Watch nennt. Laut der Gruppe forcieren wichtige Geldgeber aus dem industrialisierten Norden ein Entwicklungsmodell für Afrika, das auf eine industrialisierte Landwirtschaft setzt.

Die Agrarunternehmen preisen sich an als die Lösung für das „Ernährungsproblem“ und viele Regierungen hören zu, weil sie von der Ernährungskrise im Jahr 2008 so schockiert waren, laut Pimbert. „Afrika hat enorme Mengen an Land und Ressourcen … und nun gibt es einen großen Ansturm, um ihrer habhaft zu werden.“

AGRA, viele Wissenschaftler und große nichtstaatliche Organisationen (NGO) sind überzeugt davon, dass der von High-Tech und öffentlich-privaten Partnerschaften geprägte, unternehmensorientierte Ansatz der richtige Weg zur Lösung von Afrikas Hungerproblem ist, doch sie akzeptieren nicht die Weltsicht der Kleinbauern, erklärt er. Stattdessen werden Kleinbauern das neue Hybridsaatgut, Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel auf Kredit kaufen, schließlich von ihrem Land vertrieben werden, damit sie ihre Schulden zurückzahlen können und in den Städten landen, während große Agrarunternehmen das Land von Kleinbauern konsolidieren.

„Genau das ist vielen Kleinbauern in Indien passiert“, sagte Pimbert.

Quelle

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