Tarmaggedon

Bis letztes Jahr hatte ich von den kanadischen Teersanden (die Ölindustrie spricht lieber von Ölsanden) nur eine vage Vorstellung, ja eigentlich wusste ich überhaupt nichts darüber, dann sah ich den Dokumentarfilm H2Oil, der im Camp for Climate Action (eine gegen den Klimawandel kämpfende Graswurzelbewegung) in London im August 2009 gezeigt wurde. Eine Gruppe von Aktivisten der Cree in Fort Chipewyan in Alberta im Westen Kanadas war nach England gereist, um dort ihre Kampagne gegen die Tar Sands vorzustellen: mit dem Ziel, die Leute darüber aufzuklären und den Teersandabbau zu stoppen. Mir blieb wirklich die Spucke weg, als ich in dem Film das Ausmaß der Ölsandförderung sah – was dort geschieht ist Umweltzerstörung von epischen Ausmaßen. Jeder Aspekt dieser Unternehmung kann in Superlativen beschrieben werden: Der Abbau der Ölsande in Athabasca ist die Industrie mit dem weltweit größten CO2-Ausstoß, er findet auf einem Gebiet von der Größe Englands statt, er verursacht einen riesigen Verbrauch an Wasser und Erdgas, er verursacht eine großflächige Entwaldung, es wird dabei 3 bis 5 Mal so viel CO2 freigesetzt wie bei der konventionellen Ölförderung, es entstehen gigantische Absetzteiche, die sogar vom Weltall aus sichtbar sind, es vergiftet das örtliche Wassersystem, was dazu führt, dass Mitglieder der örtlichen indianischen Gemeinden krank werden und überdurchschnittlich viele davon an Krebserkrankungen sterben, es verursacht viele soziale Probleme infolge des dem Goldrausch ähnlichen Booms in Orten wie Fort Murray und es verletzt vertraglich gesicherte Rechte der indigenen Gemeinschaften. Sehr besorgniserregend ist zudem, dass Kanada sich durch die zunehmende Abhängigkeit von den Tar Sands in einen korrupten Petrostaat verwandelt, charakterisiert von einem Mangel an Rechenschaft und Transparenz, laut dem New Internationalist. Schließlich hat Kanada vollkommen darin versagt, seine CO2-Emissionsreduzierungsziele unter dem Kyoto-Abkommen einzuhalten. Die Teersande wurden als das “größte Umweltverbrechen in der Geschichte der Menschheit” beschrieben. Angesichts schwindender konventioneller Ölvorkommen wenden sich Ölfirmen nun den eher unkonventionellen Ölvorkommen zu, in dem verzweifelten Bemühen, maximalen Gewinnen nachzujagen; sie wollen den letzten Tropfen Öl aus dem Boden quetschen, ohne Rücksicht auf die verheerenden Folgen für die Natur und Menschen. Die guten Nachrichten sind, dass die Kampagne gegen die Teersande schnell an Schwung gewinnt. Der Schwerpunkt der britischen Kampagne liegt darin, darüber aufzuklären, welche britischen Firmen und Banken (BP, RBS, Barclays, Shell) an den Tar Sands beteiligt sind und letztendlich dabei zu helfen, diesen Wahnsinn zu stoppen.

Heute haben lokale Aktivisten des Climate Camp und des WDM eine tolle Aktion durchgezogen, um gegen die Beteiligung von BP am Abbau der kanadischen Ölsande zu protestieren. Die Aktivisten stürzten sich kurz nach Mittag auf die BP-Tankstelle an einer der Hauptstraßen in Brighton und blockierten die beiden Einfahrten mit Zelten und einem Soundsystem. Die Polizei “ließ” uns die Tankstelle eine Stunde und fünfzehn Minuten lang blockieren; diese Zeit nutzten wir konstruktiv mit dem Verteilen von Flyern an die Autofahrer, die vor der roten Ampel im Stau standen, um sie über die “Tar Sands” aufzuklären. Es war eine fantastische Aktion in einem friedlichen Geist, die Sonne schien, das Soundsystem spielte Dancemusik in voller Lautstärke; eine relativ kleine Gruppe von Aktivisten – wir waren etwa 30 Leute – schaffte es, eine normalerweise gut besuchte Tankstelle über eine Stunde lang stillzulegen. Erfolg! Wir haben es sogar in die Lokalzeitung geschafft.

Diese Aktion fand im Zusammenhang mit der “BP fortnight of shame” [Zwei Wochen Beschämung von BP] im Vorfeld der BP-Jahreshauptversammlung am 15. April 2010 statt. Vor einigen Jahren positionierte sich BP neu mit einem umweltfreundlichen Image, einem neuen Logo in Form einer Blume und dem Slogan “Beyond Petroleum” [Jenseits des Erdöls], aber es war natürlich eine Menge Grünfärberei; kürzlich wurde es von einer urkomischen Kampagne (“Back to Black”) von Klimawandelaktivisten verspottet, um BPs wahres Gesicht zu zeigen.

Ende Januar führte eine Gruppe von Campaignern eine Aktion vor einer Filiale der Royal Bank of Scotland (RBS) durch. Während der Finanzkrise musste RBS vom Staat gerettet werden und gehört nun zu 84% den britischen Steuerzahlern. Seit ihrer staatlichen Sanierung hat RBS Milliarden Pfund an Garantien und Krediten an auf fossilen Brennstoffen basierende Projekte vergeben, die im Zusammenhang mit Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen stehen, einschließlich der kanadischen Ölsande. Organisationen wie der WDM haben wegen der Kreditpolitik der RBS rechtliche Schritte gegen das britische Finanzministerium eingeleitet.

Jeder, der von den kanadischen Teersanden profitiert, täte gut daran, sich an diese Weisheit zu erinnern, die angeblich von einer der First Nations stammen soll, und wenn nicht, auch egal, denn sie ist einfach gut:

“Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.”

Oder Öl nicht trinken kann.

Von Susanne Schuster

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